„Ich möchte aus diesem Traum aufwachen …“

Raul Reinberg berichtet aus Be’er Sheva in Israel

Raul Reinberg, dessen Mutter Helga 1924 in Osnabrück als Tochter der jüdischen Familie Meyer geboren wurde, lebt mit seiner Familie in Be’er Sheva. Bis zum Gaza-Streifen sind es keine vierzig Kilometer. Raul spricht von der „heißen Zone“ und meint damit das Gebiet, aus dem Israel am jüdischen Shabat vor einer Woche angegriffen wurde, auf den Tag genau fünfzig Jahre nach dem Jom-Kippur-Krieg. Die Terrororganisation Hamas mordete und folterte auf barbarische Weise die Menschen in den angrenzenden Dörfern, darunter viele Kinder und alte Menschen. Auf einem nahe der Grenze stattfindenden Musikfestival metzelten die Hamas wahllos die davonstürmenden jungen Menschen nieder und nahm viele der Flüchtenden als Geiseln. Viele dieser wehrlosen Menschen wurden misshandelt, junge Frauen zum Teil auch vergewaltigt, bevor sie unter abscheulichem Gejohle in den Gaza-Streifen verschleppt wurden.

Für viele in Israel kam diese massive Attacke überraschend, offenbar auch für die israelischen Sicherheitskräfte. Erst im Laufe des Tages gelang es der israelischen Armee, die Lage einigermaßen unter Kontrolle zu bringen. Bis heute sind auf israelischer Seite mehr als 1.400 Menschen, meist Zivilisten, getötet worden sowie 200 Armeeangehörige. Über 6.000 Menschen wurden verletzt.

Täglich schreibt Raul Reinberg, der in Argentinien geboren wurde, wohin seine Familie 1937 vor den Nazis aus Osnabrück geflohen war, einen Bericht über die Ereignisse in Be’er Sheva und in Israel in dem nun schon über eine Woche andauernden Krieg mit den Hamas-Terroristen. Für Israelis wie Raul, der 1974 mit seiner Frau nach Israel übersiedelte, gehörten die Raketenbeschüsse aus dem Gazastreifen, wie sie vereinzelt in den letzten Jahren erfolgten, bisher zum „gewohnten“ Alltag und man wusste damit relativ gelassen umzugehen. „Doch diesmal ist es anders“, schreibt Raul gleich in seinem ersten Bericht auf seiner Facebook-Seite und in dem Chat mit seinen Verwandten aus Argentinien, den USA und Canada. „In den 21 Jahren, die ich hier lebe, hat es so etwas noch nicht gegeben.“ Es herrsche große Fassungslosigkeit, „und selbst bei Leuten wie mir, die nicht in der Armee waren, ist ein Gefühl von unkontrollierbarer Wut und Verzweiflung vorhanden“, erklärt er seinen derzeitigen Gemütszustand, der wohl nahezu alle Israelis erfasst hat.

Er befürchtet, dass es ein langer Kampf wird. Positiv wertet er, dass die wegen der geplanten, aber heftig umstrittenen Justizreform der derzeitigen Regierung, zwiegespaltene Bevölkerung in dem aktuellen Konflikt zusammensteht.

„Meine Frau Susy und ich gehen jeden morgen um 7 Uhr 45 Uhr zum Logistikzentrum, um dort sauber zu machen. Ab 9 Uhr beginnen wir damit, die Bestellungen aus den verschiedenen Basen zusammenzustellen“, beschreibt er den Einsatz, den seine Frau und er zusammen mit vielen anderen Helfern täglich leisten, um die Soldaten, insbesondere die einberufenen Reservisten mit Lebensmitteln, Hygieneartikeln und Kleidung zu versorgen. Im Land gebe es eine große Spendenbereitschaft. „ Wir haben unter Freunden und Verwandten beschlossen, etwas Geld zu sammeln, um Dinge zu kaufen, die gebraucht werden, alles, von Hosen und T-Shirts bis hin zu Handtüchern.“ Mit dem gesammelten Geld seien sie am Sonntagmorgen die genannten Sachen einkaufen gegangen. Auch einen Freund seines Sohnes habe er um Hilfe gebeten, der sofort 4.000 Konservendosen mit Gurken und Oliven gespendet habe.

Susanna Reinberg vor dem Eingang zum Logistikzentrum in Be’er Sheva / Israel (Foto. Reinberg)Susanna Reinberg vor dem Eingang zum Logistikzentrum in Be’er Sheva / Israel (Foto. Reinberg)

Im ganzen Land würden ständig die Sirenen heulen, auch wegen der Raketen, die von der Hisbolla aus dem Libanon auf Israel abgefeuert worden seien. „Beruhigend ist aber, dass die Amerikaner einen Flugzeugträger vor der Küste Israels im Mittelmeer stationiert haben“, so Raul Reinberg, weil dann nicht damit zu rechnen ist, dass die Hisbolla ihre Attacken verstärken würden.

„Meine Familie hat durch die Shoa gelitten, auch wenn ein Teil überlebt hat“, aber im Laufe der Jahre, auch nach vielen Besuchen in Deutschland, habe er das alles überwunden geglaubt. „Aber heute denke ich, dass die Shoa wieder da ist“, stellt Raul Reinberg besorgt fest. Dennoch habe er die Hoffnung auf baldigen Frieden noch nicht aufgegeben. „Ich möchte, dass dieses so schnell wie möglich endet und ich aus diesem Traum endlich aufwache.“

 


Beitragsfoto: Raul Reinberg holt die gespendeten 4.000 Konservendosen ab (Foto: Reinberg) 

 

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