Samstag, 20. April 2024

Leipzig und die Buchmesse – ein persönlicher Blick

Es ist Freitag und wir wollen zur Buchmesse. Am Tag zuvor sind wir bei strömendem Regen nachmittags in Leipzig angekommen. Für meine Frau und mich ist es das erste Mal, dass wir eine Buchmesse besuchen. Heute ist es bewölkt, aber immerhin regnet es nicht. Als wir nach dem Frühstück das Hotel verlassen, ist draußen auf der sonst eigentlich belebten mehrspurigen Hauptverkehrsstraße überraschend wenig los.

Keine Straßenbahn weit und breit in Sicht. Und keine wartenden Menschen an der Haltestelle unweit des Hotels. Dafür die Info mit Fließtext auf der digitalen Anzeigetafel: „Streik im ÖPNV. Heute keine Fahrten!“ Nach dem ersten Schock gehen wir geistesgegenwärtig zum Hauptbahnhof, um vielleicht mit dem Regionalzug zur Haltestation „Messe Leipzig“ zu fahren. Vor dem Bahnhofsgebäude wartet allerdings eine unerwartete Alternative: die Straßenbahn zur Messe fährt, allerdings in etwas größeren Zeitabständen. Glück gehabt.

Logo der Leipziger Buchmesse 2024

In der Bahn gibt es erfreulicherweise kein Gedränge. Allerdings viele Menschen in ungewöhnlicher Verkleidung und recht bunt geschminkt fahren mit uns. Ein Blick auf das Messeticket bringt die Erklärung: das müssen die Besucher:innen der Manga-Comic-Con 2024 sein, die gleichzeitig in einer der Hallen der Buchmesse stattfindet. Dabei geht es um die japanische Form des Comics, die augenscheinlich auch hierzulande viele Anhänger hat.

Kontrollen, wie wir sie beispielsweise von Fußballspielen der der Bundesligen kennen, gibt es nicht. An den Eingangsbereichen hält man sein Ticket unter den Digitalscanner und schon darf man die Sperre passieren. Rucksäcke und Taschen sind ebenso erlaubt und werden nicht einmal stichprobenartig kontrolliert. Wieso fällt in diesem Zusammenhang die Pyrotechnik, die immer wieder trotz Kontrollen in die Fußballstadien gelangt? An den Eingängen sieht man Sicherheitspersonal, aber deren Vertrauen in die Besucher:innen scheint grenzenlos und ist – trotz der über sechsstelligen Besuchermassen offenbar bisher auch nicht enttäuscht worden.

Das Messegelände gleicht einem riesigen, gläsernen Mehrfüßlerkäfer, dessen Beine die Gangröhren zu den einzelnen Hallen darstellen, in denen die verschiedenen Aussteller der Buch- und Literaturbranche ihre Stände haben, ergänzt um Infoplattformen der Print- und Fernsehmedien. Gleich im Eingangsbereich empfängt uns die ARD-3Sat-Bühne, auf der gerade Denis Scheck, der Moderator der ARD-Sendung „druckfrisch“ neue Bücher vorstellt, die vor ihm auf einem Tisch aufgestapelt sind. Neben der Bühne geht es die aus den Medien bekannte Eingangstreppe hinauf zur oberen Ebene, von der man über links und rechts angeordnete Gangröhren in die an deren Ende liegenden Hallen gelangt.

Denis Scheck stellt in der ARD-Sendung „druckfrisch“ stapelweise Bücher vor

Über die Mangahalle, in der nahezu ausschließlich verkleidete, fröhliche junge Menschen zwischen den Ständen umherwuseln, gelangen wir in die Halle 5.
Vom Eingang werfen wir einen zaghaften Blick in das Geschehen, das einer riesigen Buchhandlung gleicht. Ein Bücherstand neben dem anderen, Regale voller Bücher, die vielen unterschiedlichen Cover erzeugen schon nach kurzer Zeit eine Art buntes Flirren vor den Augen, die Farben vermischen sich und man gerät in eine Art Trance, mit der die vielen Namen und Buchtitel an uns vorbeiziehen. Verlage, deren Namen wir noch nie gehört wechseln sich ab mit bekannten Verlagsnamen. Überall sieht man Menschen in Büchern stöbern oder im Gespräch mit Mitarbeitenden der einzelnen Stände.

Dr. Nora Pester, Inhaberin des Leipziger Verlages Hentrich & Hentrich, mit dem Autor Dieter Przygode aus Bramsche

In einem Eckbereich der dicht bevölkerten Gänge hat der Leipziger Verlag Hentrich & Hentrich seinen Stand. Dr. Nora Pester, die Inhaberin des Verlags, und ihr kaufmännischer Leiter Thomas Schneider stehen den Besucher:innen „Rede und Antwort“. Hentrich & Hentrich gehört zu den führenden Verlagen für jüdische Kultur und Zeitgeschichte in Deutschland. 2015 ist in diesem Verlag auch mein Buch „Von Bramsche nach Buenos Aires. Auf den Spuren der jüdischen Familie Voss“ erschienen. Mit Nora Pester, die uns durch ihre Einladung dankenswerterweise den Besuch der Buchmesse ermöglicht hat, spreche ich über die Stolpersteine, die zur Erinnerung an die jüdische Familie Voss vor wenigen Wochen von dem Künstler Gunter Demnig in Bramsche verlegt worden sind. Viel Zeit bleibt allerdings nicht für das Gespräch, denn die nächsten Interessierten erscheinen schon am Stand. Nora Pester weist uns noch auf eine Veranstaltung am Abend hin, die im Rahmen des Begleitprogramms „Leipzig liest“ am Abend im Capa-Haus stattfindet, dem Domizil des Verlages. Und sie empfiehlt uns: „Lasst euch einfach treiben durch und auf der Messe“. Und das tun wir dann auch …

Buchcover „Von Bramsche nach Buenos Aires. Auf den Spuren der jüdischen Familie Voss“

Ein Slogan hoch über einem Stand lässt mich stutzen: „Sie lügen wie gedruckt. Wir drucken, wie sie lügen“ steht auf gelbem Untergrund. Schon auf der Hinfahrt mit der Straßenbahn war mir dieser Slogan am Straßenrand aufgefallen. Der Stand gehört zur Zeitschrift „Junge Welt“, die als marxistisch-leninistisch, linksextremistisch und DKP-nah gilt und vom Verfassungsschutz beobachtet wird. In der Ausgabe vom 23. März 2024 wird unter der Überschrift „Entlarvte Lügen“ zum Hamas-Angriff am 7. Oktober 2023 festgestellt, dass die „Zerstörungen beim Novo-Musikfestival … nicht allein das Werk der Hamas gewesen sein“ kann, wie „katarischer Sender … in einer neuen Dokumentation“ dargelegt habe. Selbst die in Videoaufnahmen zu sehenden Misshandlungen der jungen Festivalbesucher:innen durch die Hamas werden in Zweifel gezogen. Erstaunlich, dass auch solche Medien sich auf der Messe präsentieren dürfen.

Auch die „taz“ hat einen Stand auf der Messe, auf dem vor der kleinen Bühne dicht gedrängt die Menschen den beiden Moderatoren lauschen, die sich über das Buch „Der Stich der Biene“ von Paul Muray unterhalten. Es beschreibe die Schwierigkeiten, hören wir, mit denen sich eine irische Familie auseinandersetzen muss und wie die damit verbundenen Alltagssituationen aus der jeweiligen Perspektive der einzelnen Familienmitglieder gesehen werden.

Auf der „taz“-Bühne wird das Buch „Der Stich der Biene“ vorgestellt

Auf der Bühne der Unabhängigen Verlage steht anschließend die Verleihung des Kurt-Wolff-Preises an. „Die Kleinen Verlage abseits des Mainstreams sind das Salz in der Suppe“, erfahren wir von Dr. Katharina Meyer, der Vorstandsvorsitzenden der Kurt-Wolff-Stiftung. In ihrem Grußwort hebt die neue Direktorin der Leipziger Buchmesse, Barbara Böhnisch, hervor, dass gerade die „Unabhängigen“ als fest und lebendiger Bestandteil zur Leipziger Buchmesse gehören und maßgeblich das Rahmenprogramm „Leipzig liest“ prägen. Der mit 35.000 € dotierte Hauptpreis geht an den Berliner AvivA Verlag, den immerhin noch mit 15.000 € dotierten Förderpreis erhält der Verlag mikrotext aus Berlin. Beide Verlage würden dafür sorgen, dass gerade jene Texte, „die sich angeblich nicht verkaufen lassen von Autoren, die andere Verlage nicht haben wollen“, auf den Markt gebracht würden, hebt die Schriftstellerin und Verlegerin Zoe Beck in ihrer Laudatio hervor. Dabei gehe es insbesondere um Themen „von Frauen, über Frauen, die damals oder später aus verschiedenen Gründen nicht stattfinden sollten, die sich nicht mit ihren zugedachten Rollen zufrieden gaben“. Und das alles abseits des wirtschaftlichen Denkens, ohne das es aber nicht funktionieren würde, da auch Verlage und ihre Inhaber:innen Miete zahlen müssten und Geld zum Leben brauchten. Daher brauche es finanzielle Unterstützung, damit solche Verlage ihre wichtige Arbeit gestalten können.

Verleihung des Kurt-Wolff-Preises

Am Stand des Augstein-Blattes „der Freitag“ hat der Moderator die Rechtswissenschaftlerin und Philosophin Prof. Dr. Dr. Frauke Rostalski zu Gast, die über ihr Buch „Die vulnerable Gesellschaft“ berichtet. Die Kölner Rechtsprofessorin ist Mitglied des Deutschen Ethikrates und hat in einer Untersuchung festgestellt, dass wir uns langsam zu einer Gesellschaft von „Vulnerablen“ entwickeln. Sie plädiert dafür, dass wir uns mehr mit der Frage auseinandersetzen müssten, wieviel Einmischung des Staates in ein angebliches Schutzbedürfnis seiner Bürger wir zulassen wollen auf Kosten der Freiheit.

Nach soviel „input“ gönnen wir uns eine Pause in der „Außengastronomie“, die mit drei großzügig verteilten Ständen von der Halle 2 aus zu erreichen ist. Der Kaffee aus Mehrwegbechern schmeckt einigermaßen, nur die Becher- und Pfandrückgabe erweist sich als zeitraubend, weil nur Bargeld akzeptiert wird und das Wechselgeld schnell ausgegangen ist.

Zum Abschluss diskutieren in Halle 2 die „Tagesthemen“-Moderatorin Jessy Wellmer und der CDU-Politiker Thomas de Maizière zum Thema „Wir haben die Wahl!“ was passiert, wenn Rechtsextreme an die Regierung kommen sollten. Moderiert wird das Gespräch von Natascha Freundel vom „rbb“. Jessy Wellmer, die noch zu Zeiten der ehemaligen DDR geboren wurde, im Osten aufgewachsen ist und dann im Westen Karriere gemacht hat und der Politiker de Maisière, der im Westen aufgewachsen ist und nach der Wende in den Osten gezogen ist. „Veränderung und Bevormundung aus Berlin kommt gerade bei den Ostdeutschen nicht gut an, was mit ihren Erfahrungen aus der ehemaligen DDR zu tun hat“, konstatiert de Maisière. „Kritisiert wird die moralische Haltung des Westens beim Umgang mit Russland im Ukrainekrieg, was die Enttäuschung der Ostdeutschen bei der Wende widerspiegelt.“ Jessy Wellmer geht journalistisch der Frage nach, warum sich viele Ostdeutsche radikalisieren und das Gefühl haben, von den Westdeutschen nicht Ernst genommen oder gar als Störfaktor wahrgenommen zu werden. Eine Lösung lässt sich in der kurzen Zeit des Gesprächs nicht finden.

Abb. 8 Natascha Freundel („rbb“) diskutiert mit „Tagesthemen“-Moderatorin Jessy Wellmer und CDU-Politiker Thomas de Maisière das Thema „Wir haben die Wahl!“

Fast sechs Stunden waren wir bis dahin auf der Buchmesse „unterwegs“, eine anstrengende Angelegenheit. Bevor sich das Gefühl breit macht, die Regale mit den Tausenden Büchern stürzen über einem zusammen, schließen wir uns den abwandernden Menschenmassen an. Beim Verlassen der Messehallen stößt mich meine Frau kurz an: „Guck mal, vor uns ist Katja Riemann.“ Tatsächlich, vor uns im Getümmel der Menschen, die nach draußen drängen, steht die Schauspielerin Katja Riemann, farbenfroh gekleidet und mit ihrer markanten blonden Lockenpracht. Nicht, dass wir Fans von ihr sind, nur war sie an den vergangenen TV-Abenden öfter präsent mit ihrem Projekt „Buch der Zäune – Orte der Flucht“, was sie auch auf der Buchmesse präsentiert hat.

Dicht gedrängt mit eng anliegenden Armen stehen wir schließlich in der S-Bahn, die uns zum Hauptbahnhof bringen soll. Umfallen dürfte schwierig werden. Die eigentlich kurze Fahrt kommt einem recht lang vor. In die frische Luft hinaustreten zu dürfen, ist nach unserer Ankunft wie eine Erlösung. Nach einem schnellen Essen bei einem Italiener in der Nähe des Bahnhofes gehen wir zum Taxistand und reihen uns in die lange Warteschlange ein, um uns zum Capa-Haus bringen zu lassen. Das Capa-Haus ist nach dem amerikanischen Kriegsfotografen Robert Capa benannt worden, der im April 1945 mit den Alliierten nach Leipzig kam und dort seine berühmte Fotoserie „Last man to die“ begann. Er dokumentierte die letzten Kämpfe zur Befreiung von Leipzig durch US-Truppen und den Tod des Soldaten Raymond J. Bowman am 18. April 1945. Die Dauerausstellung „War is over“ zeigt diese Geschichte.

In dem Café des Capa-Hauses veranstaltet der Verlag Hentrich & Hentrich im Rahmen der Reihe „Leipzig liest“ eine Lesung mit Sven Trautmann über die Synagogen und jüdischen Bethäuser in Leipzig, moderiert von Dr. Nora Pester, der Inhaberin des Verlages, der in diesem historischen Haus beheimatet ist. Mit dieser Veranstaltung, die sehr gut besucht ist, geht unser Tag mit Buchmesse und dem ganzen Drumherum zu Ende. Jetzt müssen wir nur noch ein Taxi finden, das uns zum Hotel bringt. Der Zufall ist erneut unser Freund, ein Taxifahrer sieht unser Winken und hält. Der Fahrer ist ein echter Sachse, für uns Norddeutsche nur ganz schwer zu verstehen. Immerhin kann ich ihm auf seine Frage nach der Adresse unseres Hotels die Straße nennen: Seemannstraße. Freudig aktiviert er sein Navigationssystem und spricht die Adresse. Das Navi reagiert recht schnell und zeigt ihm eine Adresse „Sämannstraße“, allerdings irgendwo in Bayern an. Er wiederholt seine Eingabe mehrmals und immer wieder wird eine Adresse in Bayern vom Navi angezeigt. Resigniert gibt er schließlich auf und fragt mich „habe ich so eine schlechte Aussprache?“ Ich zucke nur bedauernd mit den Schultern. Als ich ihm sage, dass die Prager Straße in der Nähe ist, hellt sich seine Miene auf: „Die kenn ich und ich weiß jetzt, welches Hotel Sie meinen.“ Auf der Fahrt erzählt er noch, dass „der Bushido in der Stadt ist und auch Riverdance“. Nach wenigen Minuten erreichen wir das Hotel und er sagt uns zum Abschied, dass er jetzt keine Lust mehr hat und Feierabend machen wird, um nach Hause zu fahren und Fußball zu gucken.

Sinniges Motto zur Buchmesse und überhaupt …
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