Samstag, 20. Juli 2024

Vom Brückenfeiertag in die Ausnüchterungszelle …

Die „Bremer Brücke“:
Willkommen in der Multifunktionsarena der originellen Art

Das Nordderby gegen Eintracht Braunschweig wird in das kollektive VfL-Gedächtnis eingehen. Unvergesslich ist die Partie vom letzten Samstag, weil sie sich als ein Der-Traum-ist-aus-Spiel in die Wir-Erinnerung der lila-weißen Bannerträger*innen einbrannte. Es war – vom sportlichen Ende, vom 0:3 her gedacht – ein verregneter Depri-Brückentag, an dem die Hoffnung auf das Wunder des Klassenerhalts starb. R.i.P, lila-weiße Fußball-Spes!

Die Spes als römische Personifikation der Hoffnung ist in der populären Fankultur besser bekannt als vollschlanke Operndiva. Solange sie sang, vermittelte sie mir und den vielen anderen abstiegsverängstigten VfL-Fans am Abgrund des sportlichen Misserfolgs das Zeichen einer wie auch immer berechtigten Zuversicht. Selbst Koschinats Frau hatte die Operndiva kürzlich noch gehört. Nachdem der Eintracht-Stürmer Philippe den VfLer Gyamfi düpiert und Gomez dann die Vorlage technisch anspruchsvoll zum 0:3 ins Tor der Lila-Weißen geschossen hatte, verstummte jedoch die Ariensängerin, auch wenn – rein rechnerisch betrachtet – der VfL noch nicht in die dritte Liga abgestiegen ist.

Abseits abstrakter Zahlenspielereien, die fern von der Realität auf dem Platz stattfinden, wissen wir spätestens seit der Rummenigge-Doktrin von 2007: Fußball ist keine Mathematik! Die Traditionslilahemden vom letzten Samstag wurden nach allen Regeln der Scherning’schen Fußballkunst zerlegt. Denn: Wie Koschinatoren traten leider nur die Braunschweiger auf, während der VfL von einer allgemeinen Verunsicherung ergriffen war. Gelähmt von der Angst, etwas zu verlieren, konnte der VfL nicht die notwendige Ballsicherheit und Zweikampfintensität auf den Platz bringen, so dass er chancenlos war. Das Niedersachsenderby dauerte 90+4 Minuten, prall gefüllt mit bitteren Lektionen, die zu der schmerzhaften Erkenntnis führten, dass die Lilahemden nicht mehr zu retten sind.

Die „Bremer Brücke“ ist ein Mythos, wie alle VfL-Anhänger*innen wissen. Er nährt sich davon, dass unser altehrwürdiges Stadion in den tradierten Erzählungen der verschiedenen Fangenerationen beschworen wird als eine schicksalsgemeinschaftsstiftende „Black Box“, die in ihrer Art originell ist. Sportliche Extremereignisse tragen sich dort zu, die von starken Emotionen auf den Tribünen begleitet werden. Ungewiss ist, ob die Dramatik auf dem Platz in einem Triumph oder in einem Desaster mündet – wobei der dichten Atmosphäre der „Brücke“ eine Magie innewohnt, die den Ball ins gegnerische Tor singen kann.

Mit der Feier zum 125. Vereinsjubiläum war am Samstag alles angerichtet für einen großen Sieg. Der VfL machte jedoch VfL-Sachen, wozu leider auch das sisyphoshafte Scheitern am Erwartungsberg hoher sportlicher Ziele gehört. Es scheint so, als würde auf dem VfL in der zweiten Liga ein Fluch lasten, so dass die Lila-Weißen in einem ewigen Kreislauf des Misserfolgs gefangen wären – wenn es denn nicht die Spielzeiten 07/08 und 19/20 gegeben hätte, in denen der vermeintliche Bann gebrochen wurde.

Die „Bremer Brücke“ offenbarte am Samstag wieder einmal, wie vielfältig sie sein kann. Ihre verschiedenen Erscheinungsbilder ergaben sich insbesondere aus einer verhängnisvollen Wechselwirkung zwischen der Tabellensituation und dem Spielverlauf – wobei der große VfL-Geburtstag noch hinzukam. So verwandelte sich unsere gut gealterte Spielstätte in eine Multifunktionsarena der originellen Art, die ganz anders ist, als das, was moderne Architekturbüros entwerfen.

Am Anfang war sie vor allem eine Feierbühne, weil viele engagierte VfL-Fans eine großartige Choreo zum 125. Vereinsjubiläum inszenierten. Als die Aufstellung der Traditionslilahemden verkündet wurde, konnte die „Bremer Brücke“ plötzlich als Pokerzimmer erlebt werden. Durch die Spielereignisse bedingt, bekam sie dann leider die Funktion einer Ausnüchterungszelle oder eines Hospizes, worauf wir VfL-Fans gerne verzichtet hätten. Am Ende wurde sie dann wieder zu der heilig anmutenden Bekenntnisstätte einer ungebrochenen Vereinsliebe.

Zudem war die „Bremer Brücke“ ein Ort, an dem sich eine peinliche Selbstdemaskierung der Eintracht-Fans ereignete. So fiel der Braunschweiger Block dadurch auf, dass durchgehend ein agrarphober „Kühe, Schweine, Osnabrück“-Gesang intoniert wurde. Es waren endlos lange Momente zum Fremdschämen, als litten die BTSV-Fans unter einem großen Hannover-Komplex, dessen Psychodynamik sie dazu drängen würde, ihren prekären Stolz auf ihre Großstadtherkunft zwanghaft darzustellen, wenn immer es gegen den VfL geht. Aber das war nur ein Randaspekt des erneuten Abstiegsdramas.

Auffällig war: Koschinat gestikulierte am Spielfeldrand wild herum, als wäre Wutwollitz in ihn eingefahren. Die Aufstellung wirkte dagegen so, als wäre er von Guardiola- und Tuchel-Dämonen besessen. Wie die beiden Startrainer wollte er anscheinend etwas Besonderes in einem Schlüsselspiel machen – wobei er sich hierbei schlimm vercoachte.

Das VfL-Publikum reagierte mit einer starken Verblüffung darauf, mit welch merkwürdiger Formation der VfL begann. Denn Koschinat verzichtete auf seine etatmäßigen rechten Verteidiger, um an ihrer Stelle Conteh als Schienenspieler einzusetzen – und das, obwohl die Defensivarbeit nicht zu dessen Kernkompetenzen zählt. Der VfL-Trainer traf folglich eine sehr waghalsige Entscheidung, mit der er an Pep erinnerte, meinte dieser doch im Champions League-Finale 2021, seine beiden Sechser auf der Bank lassen zu können.

Koschinat entschloss sich, am Samstag den Gegner zu spiegeln. Daher stellte er seine Hintermannschaft auf eine Dreierkette um. Auch noch in einer anderen Hinsicht entsprach er der Herangehensweise, die Tuchel im Februar gegen Bayer Leverkusen gewählt hatte. Denn er berief mit Beermann einen Innenverteidiger in die Startelf, der kaum Spielpraxis hatte, während Tuchel Minjae Kim aufgestellt hatte, obgleich dieser wegen des Asien Cups zuvor länger nicht im Bayern-Dress hatte auflaufen können.

Die Konsequenz aus alldem: Guardiola verlor sein Endspiel gegen Chelsea, die Bayern gingen beim Werksclub unter – und der VfL scheiterte krachend an der Eintracht. Diese Duelle sind Spiele, in denen es um einen „Statement-Sieg“ geht, da „kommen die Karten auf den Tisch“, wie es auf Tuchel-Deutsch heißt. Die „Bremer Brücke“ wurde am Samstag zu einem solchen Pokerzimmer. Leider zeigte sich, dass sich Koschinat völlig verzockt hatte: Er konnte noch nicht einmal ein Paar ablegen, Scherning spielte dagegen ein Royal Flush aus.

Wie schlecht die Karten waren, die Koschinat in Zockermanier zog und dann auf der Hand hatte, offenbarte sich in der 9. Minute. Da patzte Beermann entscheidend. Anstatt eine harmlose gegnerische Flanke souverän zu klären, trat er infolge seiner langen Ausfallzeit über den Ball, der Braunschweiger Donkor nutzte diesen Fehler dann für einen frühen Torerfolg aus. Begünstigt wurde das 0:1 auch dadurch, dass Conteh zu spät einrückte, weil ihm auf seiner ungewohnten Position die Handlungsschnelligkeit fehlte.

Koschinats Start im Pokerzimmer „Bremer Brücke“ entsprach einem „Downswing“ – und sein Blatt wurde nicht besser. Wiemann hatte kurz vor der 40. Minute einen Blackout, wodurch er einen schlimmen Fehlpass spielte. Braunschweig schaltete schnell um, der Ball wurde mit einer perfekten Schärfe in die Schnittstelle der letzten VfL-Reihe gespielt, Beermann kam nicht mehr hinterher, weil Philippe zu schnell war – und das Spielgerät schlug zum zweiten Mal in die Maschen des VfL-Tores ein.

0:2 – spätestens ab diesem Zeitpunkt erlebten viele die „Bremer Brücke“ primär als Ausnüchterungszelle. Andere kamen sich wie in einem Hospiz vor, war doch der fußballerische Totalkollaps am Samstag ein Multiorganversagen, das seit der katastrophalen Hinrunde nicht mehr aufgehalten werden konnte, wobei der genaue Zeitpunkt des Eintritts noch offen war.

Der VfL lebt aber dennoch weiter. Das machten die beeindruckenden Fangesänge am Ende des Spiels deutlich, die zum Bekenntnis einer ungebrochenen Vereinsliebe wurden. Da der VfL auch in Zukunft wieder VfL-Sachen machen wird, ist der nächste Aufstieg gewiss, zumindest in einer mittelfristigen Perspektive. Allerdings sollten die Verantwortlichen dann ein wirksames Konzept dafür haben, wie der VfL den erneuten Gang in den Fahrstuhl nach unten vermeiden kann.

Drei Tage, nachdem die Hoffnung auf den Klassenerhalt ihre letzte Ölung bekommen hatte, verkündete der VfL nun, dass er mit Uwe Koschinat in die kommende Saison geht. Im Oldschool-TP (lilaweiss.net) stieß diese Entscheidung sowohl auf Zustimmung als auch auf Skepsis. Die Fraktion der Zweifler*innen fragt sich, ob er das Zeug zu einem Aufstiegstrainer hat. Die Stirnrunzelnden sind nicht davon überzeugt, dass Koschinat einen spielerischen Ansatz entwickeln kann, der geeignet ist, um sich gegen tief stehende Gegner durchzusetzen. Und vor allem sehen sie in der „unverantwortlichen“ Aufstellungszockerei ein Warnzeichen dafür, dass es Koschinat doch nicht kann.

Ich selbst verorte mich im Lager derer, die begrüßen, dass Koschinat bleibt. Er ist eine starke Persönlichkeit und seine Fußballanalysen sind meistens sehr plausibel. Er hat den VfL seit seiner Amtsübernahme besser gemacht, was in der Rückrundentabelle ablesbar ist. Er identifiziert sich mit dem VfL – und verfolgt nicht einen heimlichen Karriereplan, der den nächsten Schritt zu einem vermeintlich größeren Club vorsieht.

Ja, Koschinat ist als Trainer kein Messias, der fußballerische Wunder vollbringen kann – auch wenn die Sehnsucht nach einem Erlöser in der VfL-Coachingzone die Anspruchshaltung jener bestimmt, die durch das Auf und Ab im Fahrstuhl zwischen dritter und zweiter Liga in eine tiefe Verzweiflung geschleudert wurden. Selbstverständlich kann Koschinat keinen unrealistischen Projektionen genügen. Aber er bringt viel dafür mit, dass auf der Trainerposition endlich eine Kontinuität entstehen kann, die für einen nachhaltigen Erfolg notwendig ist. Wir sollten – trotz der Zockerei vom Samstag – Geduld mit unserem VfL-Coach haben und ihm Vertrauen geben, damit die Vision von einer „Bremer Brücke“ wahr wird, die keine Ausnüchterungszelle oder kein Hospiz mehr ist, sondern wieder zu einem Tollhaus wird, weil die Lilahemden wie Koschinatoren spielen.

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