Wenn Zweitligaaufstiege wie Alkoholexzesse verlaufen

VfL-Fans zwischen Apathie, Wut und Resilienz

Der lila-weiße Teufelskreislauf als ehernes Fußballgesetz? Der VfL ist anscheinend in einer Zeitschleife gefangen, als ob ein unseliges „Immer wieder!“ in Gang käme, wenn er den sportlichen Fahrstuhl nach oben genommen hat. Wären die Zweitligasaisons, die der VfL ab den Nuller-Jahren spielt, ein Kinofilm, dann wäre der Absturz nach dem Aufstieg ein täglich grüßendes Murmeltier. So überrascht es nicht, dass Zweitligaaufstiege beim VfL eine Psychodynamik hervorbringen, die dem Verlaufsmuster eines Alkoholexzesses entsprechen.

Am historisch gewordenen 27.05.23 war „90+6“ der Startschuss, mit dem die Emotionen der VfL-Fans in Überschallgeschwindigkeit in die Höhe schossen. Das rauschhafte Fußballglück hatte kein Limit, selbst zurückhaltende Menschen mutierten mit einem VfL-Schal um den Hals zum Feierbiest. Ja, der Aufstieg fühlte sich im kollektiven Freudentaumel des lila-weißen Osnabrücks großartig an, zumal im völlig enthemmten Zustand all das vergessen werden konnte, was die VfL-Fanseele belastete. Die Ekstase durch „90+6“ unterdrückte vor allem jegliches Leiden an dem deprimierenden Abstieg 20/21, der mit einem Negativrekord an verlorenen Heimspielen einhergegangen war.  Es war so, als wäre das fantraumatische Ereignis gar nicht geschehen.

Der Glücksrausch am 27.05.23 und an den Folgetagen war eine Katharsis. Diese Reinigung der VfL-Fanseele wirkte jedoch nur kurzfristig. Denn die Effekte unter den besonderen VfL-Bedingungen sind so wenig nachhaltig wie jene psychische Entlastung, die beim untauglichen Versuch erreichbar ist, durch Saufen seine Lebensprobleme zu bewältigen. Die strukturellen Nachteile, die den Spielraum auf dem Transfermarkt begrenzen, lassen sich nicht wegfeiern, eine Erfahrung, die vergleichbar mit jener ist, dass nach einer durchzechten Nacht alle Sorgen doch noch da sind.

Zweitligaaufstiege verlaufen beim VfL wie Alkoholexzesse: Nach dem Rausch kommt der schwere Kater. Der andere Morgen, an dem das böse Erwachen erfolgte, war die Heimpleite gegen Elversberg; die starken Kopfschmerzen wurden mit dem 0:7-Desaster in Hannover immer schlimmer, es dröhnte in der Birne, als wollte der Schädel platzen – und die ersten VfL-Fans mussten sich im Forum „lilaweiss.net“ verbal übergeben, indem sie ein „Schweinsteiger raus!“ in die digitale Welt kotzten. Der berauschende Heimsieg gegen den HSV wirkte wie der Genuss zahlreicher Konterbiere, die Spiele gegen Kaiserslautern und Düsseldorf dienten dann als Katerfrühstück. Doch der Absturz in eine totale Missstimmung konnte damit nur verzögert werden, weil die fußballerischen Konterbiere schal waren, wie die üble 0:2-Pleite im Aufsteigerduell gegen Wehen Wiesbaden würgreizartig bewusst machte. Das Spiel gegen Fürth machte schließlich alles noch schlimmer: Anstatt die gewünschte Aspirin-Tablette zu sein, wurde die Partie zu einem 0:4-Debakel für den VfL, womit der dicke Kopf so heftig wurde wie nie zuvor in dieser Saison.

Völlig verkatert, abgedriftet in die absolute Gefühlsfinsternis, erscheint die akute Fußballkrise in Lila-Weiß als eine rabenschwarze Tristesse. Mehrere Abstiege machten bei vielen VfLern die Fanseele stark verletzlich. Ein tiefer Schmerz wird empfunden, der ein Erleben auf der Grundlage dunkelster Wahrnehmungs- und Bewertungsmuster triggert, nach denen der Abstieg schon nach einem Drittel der Saison unausweichlich wäre. Wer in den Sog dieser Missstimmung geriet, drohte in Apathie zu versinken. Große Wut ist dann das Rettungsboot in dieser fanpsychischen Not.  Ein Blick in den Oldschool-TP offenbarte, dass sich etliche in Rage schrieben, um nicht in die Tiefe der Hoffnungslosigkeit heruntergerissen zu werden: dorthin, wo dem VfL nur noch Gleichgültigkeit entgegengebracht würde.

In dem Online-Forum für VfL-Fans breitete sich eine Wutkommunikation wie ein Flächenbrand aus, in der tobend der Teufel der aktionistischen Problemlösung sein Unwesen trieb. Die satanische Stimme vermeintlicher Sachzwänge nutzte die sportliche Krise aus, die sich durch die desaströse Darbietung gegen Fürth dramatisch zugespitzt hatte. Das diabolische Plädoyer für einen Trainerwechsel war verführerisch für diejenigen, die ansonsten der Apathie anheimgefallen wären – und das umso mehr, als die statistischen Werte scheinbar auf der Seite der teuflischen Suggestionen sind. Die Laufdaten vom letzten Freitag könnte auch eine Trollfabrik mit einer KI erzeugt haben, die nach der Maßgabe einer Anti-Schweinsteiger-Agenda programmiert worden wäre. Mehr noch: Nie stand der VfL nach der Einführung der Drei Punkte-Regelung schlechter nach 11 Spieltagen in der zweiten Liga da, selbst in der verheerenden Hinserie 00/01 nicht, als mit „Lorko“ der Start in die Saison misslang, und ebenso wenig in der Spielzeit 03/04, die als Fußballtragödie in die VfL-Geschichte einging. Vor diesem schwarzen Hintergrund wirken die teuflischen „Tabula rasa“-Phrasen so, als wären sie erhellende Argumente, die – wenn sie befolgt würden – den Eintritt der fußballerischen Katastrophe verhindern könnten. Daher gaben sich etliche TPler den diabolischen Einflüsterungen hin, indem sie Beiträge posteten, in denen sie das Heil in Tobias Schweinsteigers Demission sehen wollen.

Das „Schweinsteiger raus!“ wird mit einem Endzeitgestus herausgebrüllt, als wären die wütenden Schreiber*innen die „Letzte Fangeneration“, die das Versinken der Lilahemden in die absolute Bedeutungslosigkeit noch aufhalten könnten. Es fehlt nur noch, dass diejenigen, die den Trainer freistellen wollen, sich vor der Geschäftsstelle festkleben wollen. Zu einer Demo wurde ja schon von einem prominenten TP-Schreiber aufgerufen.

Je mehr sich der Negativtrend der Lila-Weißen zu einer akuten Abstiegsgefahr verdichtet, desto schwieriger wird eine Ja-Stellungnahme für ein langfristiges Festhalten an Tobias Schweinsteiger. So ist mit dem „schwarzen Freitag“ eine vertrackte Situation eingetreten. Da der VfL gegen Fürth – einen Gegner aus der damaligen Tabellennachbarschaft – verlor, ohne die grundlegenden Fußballtugenden gezeigt zu haben, lassen sich kaum noch Sätze für den Trainer sagen, die nicht unter den Verdacht geraten, eine Phrase zu sein. Dennoch gibt es erfreulicherweise einige VfL-Fans im TP, die resilient sind gegenüber dem teuflischen Plädoyer für eine aktionistische Problemlösung.

Anstatt völlig VfL-verkatert „rollende Köpfe“ zu fordern und hierdurch einen Nothilfeexzess im Angesicht der gefühlten Hoffnungslosigkeit zu verüben, sprechen sich die VfL-Fans mit Resilienz dafür aus, dass der Trainer bleiben soll – so sehr sie auch enttäuscht sind, wie die Saison bislang verlief. Der Verweis auf Schweinsteigers Kompetenz zur Krisenbewältigung – eine Handlungsressource, die der Trainer in der letzten Saison gezeigt hat – klingt in den Ohren vieler nun wie eine Durchhalteparole. Die „Schweinsteiger raus!“-Forderungen sind aber nicht substanzvoller – ganz gleich, wie sie auch begründet werden. Vielmehr ist es so, dass sie genauso posenhaft auftreten wie die Vertrauensbekundungen der resilienten VfL-Fans zu unserem Coach.

Die sich als rational inszenierenden Nein-Stellungnahmen zu Tobias Schweinsteiger wollen sich zwar mit statistischen Argumenten selbst aufwerten. In ihrem Kern wirkt aber vor allem der Geist ritueller Erlösungspraktiken, weil sie mit dem Traineropfer auf dem Altar selbstverständlich erscheinender Fußballgesetzmäßigkeiten eine positive VfL-Zukunft beschwören. Der radikale Protest gegen Abwehrchaos, Fehlpassfestivals und Chancenarmut überdehnt seine Erklärungskraft, indem er so tut, als wäre der Fußball eine triviale Maschine. In einem funktionalen Sinne – d.h. in der Reduktion der Komplexität – gleicht jedoch die Nein-Stellungnahme gegenüber Tobias Schweinsteiger insofern der Vertrauenskommunikation der resilienten VfL-Fans, als diese bestärkenden Bekundungen ebenfalls nicht mehr sein können als eine riskante Entscheidung. Der Unterschied besteht darin, dass diese Entscheidung eine begründete Wette auf eine positive Zukunft mit unserem jetzigen Trainer ist – und eben nicht mit Koschinat oder einem anderen vermeintlichen neuen Heilsbringer.

Ja, die geringe Punkteausbeute unter dem fußballerischen Existenzminimum verursachte auch bei mir eine große Enttäuschung. Mein Argument ist aber: Der VfL kann Wunder – und der Schweinsteiger-VfL kann es erst recht, weshalb ich Katja Ebstein singen höre, je näher ich der „Brücke“ komme. Denn seit „90 + 6“ wissen wir, dass der deutsche Beitrag zum Eurovision Song Contest 1970 – „Wunder gibt es immer wieder“ – die heimliche zweite VfL-Hymne ist.

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