Samstag, 21. Mai 2022

Forum Berlin #11: Wie geht es der Mittelschicht?

Fragt man BürgerInnen der deutschen Mittelschicht nach ihren größten Sorgen, so erhalten Demoskopen bei Umfragen regelmäßig dieselbe Antwort. Nicht der Klimaschutz, Gleichberechtigung oder Integrationspolitik treibt diese um. Die Mittelschicht plagt die Abstiegsangst. Ist die eigentlich berechtigt? 

Die Angst vor dem sozialen Abstieg geht um in Deutschland, und das nicht er seit Kurzem. Die Geschichte von der abrutschenden Mittelschicht wird schon länger erzählt – und für Wahlkämpfe regelmäßig neu aufgelegt. Die Mittelschicht selbst teilt in weiten Teilen das Gefühl, immer härter arbeiten und sparen zu müssen, um den liebgewonnenen Wohlstand zu halten. Eine rekordverdächtige Inflation jenseits der 5%, ins Unermesslich gestiegene Mieten, höhere Preise für Lebensmittel, Benzin, Strom und Energie. Hinzu kommen oft längere Arbeitszeiten, weniger Raum für Familie und Freizeit und zunehmend auch Erwartungen der ArbeitgeberInnen nach immer mehr Flexibilität. Wie geht es also der deutschen Mittelschicht? Und wie ging es ihr früher?

 

Wer ist hier eigentlich alles “Mitte”?

Fragt man die BürgerInnen des Landes selbst, so verorten sich über 80% der Menschen in der politischen und ökonomischen Mitte der Gesellschaft. Deutlichere Grenzen bietet die Politikwissenschaft, die Menschen mit mindestens drei Viertel und maximal dem doppelten Einkommen des Durchschnittslohns als Mittelschicht bezeichnet. Das sind für eine Familie mit zwei Kindern zwischen 3.000 und 8.000 Euro monatlich – für Singles zwischen 1.500 und 4.000 Euro. Laut einer neuen Studie der OECD in Zusammenarbeit mit der Hamburger Bertelsmann-Stiftung betrifft das etwa zwei Drittel der Deutschen. 

 

Vergessene Mittelschicht? Von wegen!

Wer die Entwicklung der Mittelschicht besser verstehen will, sollte einen Blick zurück in die Zeit der Babyboomer werfen. Denn tatsächlich war es jüngst veröffentlichten Zahlen zufolge in den 1970er- und 80er-Jahren deutlich einfacher, in die Mittelschicht geboren zu werden. Über 70% der Geburten waren Kinder der Mittelschicht, heute sind es nur noch knapp 60%. Die moderne Mittelschicht hat also deutlich weniger Kinder als früher. Doch für diese ist es deutlich einfacher, in der Mittelschicht zu verbleiben. Denn die Mittelschicht schrumpfte tatsächlich lange, ist aber seit 2005 konstant. Daran haben weder die Finanzkrise, noch die Corona-Krise etwas geändert. Die sogenannte “Flüchtlingskrise” von 2015 übrigens auch nicht, auch wenn Makroökonomen des Münchner Ifo-Instituts in der gestiegenen Zuwanderung einen Hauptgrund sehen, weshalb die Mittelschicht nicht wieder gewachsen ist. Das Einkommen der Mittelschicht hingegen ist ab 2007 massiv gewachsen und zwar in allen Haushalten der Einkommensspanne. Dazu haben auch zahlreiche Subventionen, Steuerabschreibungen, Freibeträge und Leistungen wie das Kindergeld beigetragen. Ein gutes Drittel der Mittelschicht zahlt daher beispielsweise auf Jahressicht überhaupt keine nennenswerten Steuern. Viele Preisentwicklungen werden durch zahlreiche Regelungen von der Pendlerpauschale bis zum Kinderfreibetrag abgefedert. Der Staat stützt und schützt also die Mittelschicht – und lässt sich das einiges kosten.

 

Leichter rauf, als runter.

Diese Ausgaben wirken. Insgesamt kann man sagen, dass es statistisch gesehen deutlich einfacher ist, aus der Armut heraus den Aufstieg in die Mittelschicht zu schaffen, als umgekehrt aus selbiger in die Armut abzurutschen. Wer allerdings den Aufstieg in die Mittelschicht schafft, ist immer seltener eine Frage der Leistungsbereitschaft. Denn die Bildung ist entscheidender für die ökonomische Stellung in der Gesellschaft, als je zuvor. In Ausbildung investiertes Geld erbringt nachweislich die höchsten Erträge aller Investitionen. Der Großteil der deutschen Mittelschicht hat entsprechend studiert oder einen Meistertitel, die Meisten arbeiten in der verarbeitenden Industrie und im öffentlichen Dienst. Die Bildung ist in der Mittelschicht in den vergangenen 10 Jahren deutlich schneller gewachsen, als in der Gesamtbevölkerung. Neben der Bildung ist vor allem das Aufwachsen entscheidend. Damit ist nicht zwingend das Einkommen der Eltern gemeint, sondern auch die Erziehung, Zugang zu Bildung und zu Förderung. Die frühkindliche Erziehung bis zum dritten Lebensjahr ist statistisch gesehen für das spätere Einkommen sogar entscheidender, als die Lebensjahre drei bis 25. Das macht die Mittelschicht auch zu einer Frage des Zugangs. Immer seltener schaffen Menschen unter 30 den Aufstieg. Viele werden in die Mittelschicht hineingeboren und haben durch Ausbildung und vielleicht sogar ein Erbe vereinfachte Startbedingungen. Das war zwar schon immer so, doch dieser Effekt nimmt in Deutschland stetig zu. 

 

Zahlen lügen nicht. Oder doch?

Der Mittelschicht geht es also insgesamt gut, jedenfalls besser als noch vor 50 Jahren. Doch die Zahlen verzerren auch die Wahrnehmung. Denn der Korridor ist ziemlich weit angegeben, entsprechend ist die Spanne innerhalb der Mittelschicht enorm. Eine Familie mit 8.000 Euro monatlichem Einkommen hat faktisch ganz andere Möglichkeiten, als eine Familie mit nur 3.000 Euro. Beide mögen sich der Mittelschicht zugehörig fühlen, beide sind es auch im wissenschaftlichen Sinne. Dennoch werden beide Familien eine ganz andere Lebensrealität genießen. Diese Abstiegsängste der deutschen Mittelschicht sind im Wesentlichen unbegründet. Dass es der deutschen Mittelschicht insgesamt gut geht, soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass vorhandene Abstiegsängste real und teilweise berechtigt sind. Nicht für die Meisten und nicht mal für Viele, aber für einige eben doch.

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