Montag, 27. Juni 2022

Judith Kessler erinnert an Moisei Beregovsky, der die jidische Musik der Ukraine und Galiziens vor dem Vergessen bewahrt hat

моисей береговский

Moisei Beregovsky ist der Mann, der die jiddische Musik der Ukraine und Galiziens quasi im Alleingang vor dem Vergessen bewahrt hat.

1892 als Sohn eines Cheder-Lehrers in Termachovka bei Kyiev geboren, studierte er Komposition und Cello, arbeitete als Stimmtrainer in jüdischen Waisenhäusern in Petrograd und Moskau, wurde 1928 Leiter der Abteilung musikalische Folklore des Instituts für jüdische proletarische Kunst der Akademie der Wissenschaften der Ukraine, 1936 Leiter des Volkskundeamtes und des Amtes für Musikethnographie.

1929 hatte er mit seinen ethnographischen Exkursionen durch die gesamte Ukraine begonnen, um weltliche jüdische Musik zu sammeln. Der kleine Mann setzte seine Forschungen hartnäckig auch während der langen Jahre der stalinistischen Uunterdrückung trotz allen ideologischen Drucks fort. mit seinen schließlich circa 2.000 Feldaufnahmen auf über 700 kratzigen Wachszylindern hat er das jiddische Lied- und Musikgut seiner Heimat gerettet – denn Aufzeichnungen gab es nur wenige und viele der Sänger/innen und Musiker/innen waren umgebracht worden oder wurden es noch. Beregovskys Sammlung, Transkription und Analyse der Melodien, Texte und Kultur des jiddischen Volksliedes, der Nigunim, der Klezmermusik und Purimspiele ist weltweit die größte und am sorgfältigsten notierte Sammlung ihrer Art aus der Vorkriegszeit bis in die frühe Nachkriegszeit.

1949 jedoch wurde Beregovskys Institut als „kosmopolitisch“ geschlossen und viele Mitarbeiter im Zuge Stalins antisemitischer Kampagnen ins Exil gezwungen. Er selbst wurde 1950 verhaftet und nach Tayshet in Sibirien deportiert. Er musste Zwangsarbeit beim Bau einer Eisenbahnstrecke leisten und fand Trost darin, den Chor des Gefangenenlagers zu leiten. Beregovsky wurde erst 1956 wieder freigelassen und „rehabilitiert“. Er kehrte nach Kyiev zurück und starb fünf Jahre später an Krebs.
Moisei Beregovskyis verloren geglaubten Aufnahmen aus den 1930/40er-Jahren wurden erst in den 1990er-jahren in der ukrainischen Nationalbibliothek wiederentdeckt. Einige der bedeutendsten Arbeiten hat der amerikanische Ethnomusikologe Mark Slobin in englischer Sprache veröffentlicht. Während der letzten zwei Jahre hat Elena Yakovich in der Ukraine einen Film gedreht, der Moishe Beregovsky gewidmet ist, und der ende Januar 2022, noch kurz vor der Invasion, veröffentlicht wurde: „Song Searcher“(trailer: youtu.be/tX3EoOx0C0U). Er vereint viele Lieder und Klezmerstücke, die er gesammelt hat und die das Elend der jüdischen Erfahrung unter den Sowjets, den Nazis und wieder den Sowjets widerspiegeln, aber auch Interviewausschnitte mit Überlebenden aus Transnistrien und der Ghettos in Czernowitz und Winnyzja.

Möglicherweise sind es für lange Zeit auch die letzten friedlichen Filmaufnahmen aus der Ukraine und die letzten, die noch jüdische und ukrainische Kultur zeigen können. Wie wir täglich sehen, versuchen die Aggressoren mit allen mitteln, auch die Traditionen, das Gedächtnis und die Identität der Ukraine(r) auszulöschen.

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