Donnerstag, 18. Juli 2024

Marcel Proust wurde heute vor 153 Jahren geboren

Marcel Proust, der Sohn des Arztes Adrienne Proust und der jüdischen Börsenmaklerstochter Janne Weil, hat mit der „Suche nach der verlorenen Zeit“ das monumentalste Romanwerk des 20. Jahrhunderts verfasst – und das, vor dem viele ob seiner über 5.000 Seiten oder Prousts Bandwurmsätzen zurückschrecken. Aber die „Suche“ lohnt sich.

sie ist (auch) saukomisch. nachdem er sich von einem recht humorlosen frühwerk und der bessenheit für die adlige „beau monde“ gelöst hat, entwickelt proust hier einen ironischen stil und radikal neue perspektiven, wenn er über kleine dinge meditiert, als ob sie groß wären, über große dinge, als ob sie klein wären, mit hyperhumor und schillernden schnörkelsätzen die absurdität des menschlichen daseins als große gesellschafts- und sittenkomödie verpackt und die pariser high society als ein dumpf-doofes „reich des nichts“ zeichnet.

proust macht sich lustig, z.b. über:

_ möchtegern-aristokraten („je zweifelhafter die titel, desto mehr platz nehmen die krönchen auf den gläsern… dem briefpapier und dem gepäck ein“);

_ die deutsche philosophie, die eine schlechte nachahmung der alten griechischen sei („aber mit sauerkraut“);

_ seinen launischen freund gilbert, der „war wie jene gewissen länder, mit denen man kein bündnis zu schließen wagt, weil sie allzu oft die regierung wechseln“;

_ eine fehde zwischen köchin und küchenmagd, die mit spargeln aus waffen ausgetragen wird (ein gemüse, von dem die magd asthma bekommt);

_ madame verdurin, die in der kirche „so betäubt von der fröhlichkeit der gläubigen, betrunken von kameradschaft, verleumdung und zustimmung, auf ihrem platz (saß) wie ein vogel, dessen schmuckstück in glühwein getaucht war und schluchzte vor güte“ (in swann);

_ das monokel des marquis de forestelle, es: „war winzig, hatte keine kante und erzwang eine unaufhörliche und schmerzhafte kontraktion des auges, wo es wie überflüssiger knorpel eingebettet war und dem gesicht des marquis eine melancholische zartheit verlieh und machte, dass er von frauen als zu großen liebeskummer fähig beurteilt wird“ (swann);

_ albertines tonfall: „während sie sprach, hielt albertine den kopf ruhig, die nasenflügel zugezogen und bewegte nur die lippenspitzen. das ergebnis war ein träger, nasaler ton, in dessen zusammensetzung vielleicht provinzielle vererbungen, eine jugendliche affektiertheit britischen schleims, die lehren einer ausländischen gouvernante und eine kongestive hypertrophie der nasenschleimhaut einflossen“ (mädchenblüte);

_ den marquis de palancy: er „bewegte sich mit ausgestrecktem hals, schrägem gesicht und dem großen runden auge am glas seines monokels langsam im durchsichtigen schatten und schien das publikum des orchesters nicht mehr zu sehen als einen vorbeiziehenden fisch… zeitweise stand es still, ehrwürdig, schnaufend und moosig, und die zuschauer konnten nicht sagen, ob es schmerzen hatte, schlief, schwamm, eier legte oder nur atmete.“ (guermantes);

_ madame de cambremer: sie „hatte zwei einzigartige angewohnheiten, die sowohl auf ihre große liebe zu den künsten (insbesondere zur musik) als auch auf ihre zahnschwäche zurückzuführen waren. jedes mal, wenn sie über ästhetik sprach, traten ihre speicheldrüsen, wie die einiger tiere während der brunft, in eine phase der hypersekretion ein, so dass der zahnlose mund der alten dame am winkel ihrer leicht schnauzbärtigen lippen ein ein paar tropfen „a“ ausstieß“. (sodom&gomorrha);

_ baron de charlus, der einem musiker den adel erklärt: „was alle kleinen herren betrifft, die sich marquis de cambremerde nennen oder … de vatefairefiche, es gibt keinen unterschied zwischen ihnen und dem letzten pioupiou ihres regiments. egal, ob sie bei gräfin caca pinkeln oder bei baroness pipi kacken gehen, es ist dasselbe: sie haben ihren ruf aufs spiel gesetzt und ein klebriges handtuch als toilettenpapier genommen.“ (sodom&gomorrha);

_ letztes kleines beispiel, meine lieblinge, die zwillingsbrüder, deren gesichter wie tomaten aussehen. einer von ihnen ist bereit, geld für sexuelle gefälligkeiten von „gewissen herren“ anzunehmen, der andere nicht. wenn gleich diese perfekte ähnlichkeit etwas ganz schönes sei, so der autor, hat monsieur nissim barnar (der für kleine jungs anfällige onkel von albert bloch), keine freude daran. denn er verwechselt immer wieder tomate nr. 2 mit tomate nr. 1, was ihm regelmäßig ein blaues auge einbringt und eine abscheu vor tomaten. wenn fortan im grand hotel ein reisender tomaten bestellt, mischt er sich ein und klärt ihn auf, dass die tomaten heute faul seien. am ende der saison hat der arme koch einen riesenüberschuss an tomaten und keine ahnung, dass sein unglück mit zwillingsbrüdern begann, von denen nur einer bereit war, sich als männliche prostituierte zu betätigen. (sodom&gomorrha)

Judith Kessler
Judith Kessler
Judith Kessler ist Sozialwissenschaftlerin, Redakteurin und Autorin mit den Schwerpunkten jüdische Migration, Gegenwartskultur und Biografieforschung.
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