Dienstag, 16. August 2022

„Weihnachtsplanet“ – eine Weihnachtsgeschichte von Kerstin Broszat

Kerstin Broszat
Weihnachtsplanet

„Bist du noch da?“ flüstert eine dünne Stimme in die Dunkelheit hinein.

„Ja! Hier bin ich, fast neben dir. Ein bisschen kann ich dich vor dem Hintergrund sehen“, antwortet etwas zittrig eine andere Kinderstimme.

„Darf ich ein bisschen ranrücken? Mir ist unheimlich und außerdem ist mir kalt.“

Emma kriecht vorsichtig auf allen Vieren in die Richtung, aus der die Stimme von Anton gekommen ist.

„Mach` doch nicht so einen Krach – nachher entdecken die uns noch!“

„Aber ich kann doch nichts dafür, dass es in diesen Röhren so hallt. Leiser geht`s nicht! Jetzt bin ich bei Dir. Weißt Du, wann die starten?“

In diesem Moment fängt der Lüftungsschacht, in dem sich Emma und Anton verkrochen haben, an zu vibrieren und ein Höllenlärm bricht los.

Vor Schreck und Angst klammern sich beide aneinander und bereuen auf der Stelle, jemals diesen Plan gefasst zu haben. Die Reue kommt allerdings zu spät! Irgendwo in der Ferne ist ein Countdown zu hören: „…, five, four, three, two, one, lift-off!“

Das Dröhnen wird noch stärker und die beiden werden gegen die Schachtwand gedrückt – Schreie, Lachen und Worte bleiben im Halse stecken! Eine Ewigkeit schein zu vergehen bis endlich Stille einkehrt. Bye, bye Erde – bis nachher!

„Wow, so hatte ich mir das nicht vorgestellt! Emma, geht`s dir gut? Emma?“

Emma muss ein paar Mal kräftig schlucken, damit ihr Frühstück da bleibt, wohin sie es vor einer Stunde befördert hatte. „Puh! Ist mir schlecht! Das mach` ich nicht noch mal mit! Du immer mit deinen tollen Ideen!“

„Und wie willst du wieder zurückkommen? Oder willst du dableiben, wenn wir angekommen sind?“ neckt Anton sie.

Fünf Minuten später hat Emma sich von dem rasanten Start erholt. „Schade, dass wir nicht rausgucken können. Ich hätte gerne die Sterne und die anderen Planeten gesehen.“

„Das Schiff ist doch viel zu schnell. Sonst wären wir ja nicht in einer Stunde schon da. Ich glaube, da sieht man nur leuchtende Striche vorbeisausen.“

„Schade! Was machen wir jetzt die ganze Zeit? Wohin willst du als erstes gehen wenn wir da sind? Ob das Karussell mit den fast echten Rentieren wohl noch da ist? Oder die gläserne Fabrik, in der man den Weihnachtselfen zugucken kann, wie sie die Geschenke einpacken? Vielleicht gewinne ich ja heute so ein Kuschel-Einhorn! Ich hab` meine Taschengeld-Chipkarte extra noch mal aufgeladen.“

Anton überlegt: „Ich glaube, ich mache einen Rundflug mit dem Rentierschlitten vom Weihnachtsmann. Das durfte ich letztes Jahr noch nicht. Und dann vielleicht eine Schneeballschlacht gegen die Schneehasen im Eiskanal. Das ist schon Wahnsinn, was sich die Hologrammdesigner so alles einfallen lassen!“

Plötzlich muss Anton kichern. „Ha, da fällt mir doch gerade ein, wie du letztes Jahr quiekend in die Luft gesprungen bist, als plötzlich so ein Schneehase direkt vor deine Füße gesprungen ist.“

„Lach` nicht – ich hab` mich fürchterlich erschrocken. Ich wusste ja nicht, dass der nicht beißt; die gibt`s ja bei uns nicht mehr.“

Ein leichtes Rumpeln zieht plötzlich durch das Raumschiff; ein Anzeichen dafür, dass der Umkehrschub zum Bremsen eingeleitet wird. Anton und Emma werden wieder gegen die Wand des Lüftungsschachts gedrückt, und sie bekommen kaum noch Luft.

Glücklicherweise dauert das Manöver nicht lange, und mit einem kurzen Ruck legt das Raumschiff an der Dockingstation an.

„Los, vorsichtig raus jetzt! Hoffentlich sind alle mit Entladen beschäftigt, und wir können uns aus dem Staub machen.“ Anton kriecht voran und findet auch die Einstiegsluke wieder. Nachdem er sich vergewissert hat, dass draußen die Luft rein ist, hebt er Emma hindurch und springt anschließend selbst hinaus in die kühle Luft.

In nicht all zu weiter Ferne sind von grellen Lampen erhellte Gebäude zu sehen; wahrscheinlich die Wartehallen für die Fluggäste, vermuten die beiden.

Da müsste dann auch irgendwo der Ausgang sein und direkt dahinter wartet die Winterwunderwelt!

Die zwei Kinder steuern auf die Gebäude zu, schleichen sich aber drum herum in hoffnungsfroher Erwartung auf ein festlich geschmücktes und beleuchtetes Weihnachtsdorf mit Elfen und Rentieren und Ständen mit Zuckerwatte und gebrannten Mandeln und glitzerndem Schnee und …

… sehen nichts.

Nichts als Dunkelheit. Nichts als ein paar kleine Hütten weit draußen im grauen Nebel. Nichts als ein paar karge Tannen ohne Schnee und ohne Weihnachtsschmuck.

Und es ist auch nichts zu hören. Keine fröhlichen Weihnachtslieder, kein Kinderlachen, keine silbernen Glöckchen des Rentierschlittens.

Wie vom Blitz getroffen bleiben Emma und Anton stehen und starren auf das Geisterdorf vor ihnen.

Emma schiebt ihre Hand in die von Anton und kann jetzt ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Auch Anton muss nicht nur einmal kräftig schlucken.

Mit tränenerstickter Stimme fragt Emma: „Wer hat das wohl alles kaputt gemacht? Gibt es dann dieses Jahr auch gar kein Weihnachten? Und wo ist der Weihnachtsmann hin, wenn sein Zuhause nicht mehr da ist?“

Anton stockt: „Ich …, ich …, weiß es doch auch nicht. Was machen wir den jetzt?“

„Ja, was machen wir denn jetzt mit euch zwei beiden wohl?“ poltert eine tiefe Stimme hinter den beiden Kindern.

Anton und Emma zucken zusammen, trauen sich aber nicht, sich zu bewegen.

„Los, umdrehen! Schaut mir in die Augen, ihr Schlawiner!“

Wie am Boden festgeklebt stehen beide immer noch da, als sie schwere Schritte hören, die offenbar um sie herumgehen.

Anton kann als erstes im Augenwinkel eine massige Gestalt erkennen, die immer furchteinflößender wird, je mehr sie in seinen Blick gerät. Endlich steht er vor ihnen – der Kapitän des Raumfrachters, mit dem sie gekommen sind. Anton hat ihn an seinem aufgenähten Namensschild und den Abzeichen des Schiffs erkannt.

„Mist“! rutscht es ihm raus.

„Das glaube ich nicht. Ihr könnt von Glück reden, dass ich euch hier gefunden habe. Wir haben unsere Fracht nämlich schneller entladen können, als geplant und wollen wieder starten. Wenn ich auf dem Hinflug euch beide nicht auf dem Schiffsscanner gesehen hätte, könntet ihr zwei Wochen auf die nächste Gelegenheit warten, um zurück zur Erde zu kommen.“ Die Stimme des Kapitäns hörte sich immer noch sehr streng an, aber nicht mehr so bedrohlich.

„Ihr kommt jetzt schön mit, und auf dem Rückflug nehme ich euch ins Kreuzverhör! Unsere Sicherheitsvorkehrungen müssen wir in Zukunft wohl noch mal überdenken, wenn sie sogar von Kindern überlistet werden. Aber das ist ein anderes Thema. Los jetzt!“

Mehr als betretenes Schweigen fällt Emma und Anton nicht ein, und sie folgen eingeschüchtert im Gänsemarsch dem Kapitän zurück zur Raumschiffbasis.

Als sie die Abflughalle betreten, müssen alle drei blinzeln, weil sie so hell erleuchtet ist. Emma und Anton sehen sich staunend um: neben den Displays mit den Abflug- und Landezeiten sind die Wände mit einer Vielzahl von Werbeplakaten mit beweglichen und leuchtenden Bildern behängt.

„Anton! Anton – guck mal da!“ Emmas Stimme überschlägt sich fast, und sie wedelt aufgeregt mit ihrem linken Zeigefinger in der Luft herum.

„Halt doch mal still – ich kann doch gar nicht sehen, worauf du zeigst!“

Emma reißt sich zusammen und richtet ihren Zeigefinger möglichst ruhig auf ein Plakat:

GROSSE ERÖFFNUNG – GRAND OPENING

Jedes Jahr am 1. Dezember!
Besuchen Sie unser Weihnachtsdorf
vom 1. bis zum 25. Dezember
Sieben Tage die Woche / 24 Stunden täglich für Sie geöffnet!

„Juhu! Weihnachten findet doch statt! Dann fahren wir mit Ma und Pa nochmal hin und essen Zuckerwatte und Zimtsterne!“

Der Kapitän unterbricht die Jubelstürme der beiden: „Ich wär` mir da ja nicht so sicher, ob eure Eltern mit euch in diesem Jahr noch einmal hierhinfliegen. Vor allem, wenn sie von der Strafe hören, die von blinden Passagieren zu zahlen ist.“

Anton und Emma schauen den Kapitän erschrocken und ungläubig an.

„Ja, so einfach geht das nicht – erst Blödsinn machen und dann auch noch einen Freiflug wieder zurück bekommen! Und jetzt ist Schluss mit dem Ausflug – ich gehe jetzt an Bord , damit ich zum Abendessen wieder zu Hause bin!“

Das Dreiergespann macht sich auf in Richtung Landedocks, geht die Gangway hinauf und schnurstracks in das Cockpit.

Die  beiden Kinder dürfen sich in zwei bequeme Sessel setzen, da heute keine weiteren Fluggäste da sind, und der Crew bei der Arbeit zusehen.

Nachdem alle Sicherheitschecks abgeschlossen sind, wird der Countdown gestartet. Emma ist heilfroh, dass sie den Start nicht wieder im Lüftungsschacht erleben und um ihr Frühstück bangen muss. Hier in der Kanzel geht alles viel ruhiger zu.

Und nachdem der Raumfrachter seine Reisegeschwindigkeit erreicht hat, sieht sie tatsächlich die Sterne als leuchtende Striche an den Luken vorbeiziehen.

„So, ihr beiden – jetzt zu euch! Ich habe gerade die Nachricht erhalten, dass eure Eltern inzwischen eine interplanetare Vermisstenanzeige aufgegeben haben. Habt ihr euch denn überhaupt keine Gedanken gemacht, was alles passieren kann? Ihr hättet in den Lüftungsschächten an anderer Stelle erfrieren können!“

Anton antwortet zögerlich: „Daran habe ich nicht gedacht!“

Emma sieht aus, als wenn ihr gleich die Tränen kommen und erklärt dem Kapitän ganz leise: „Wir wollten doch nur einen ganz kurzen Ausflug machen. Anton hat gesagt, dass es nur eine halbe Stunde hin und eine halbe Stunde zurück ist und keiner was merken würde. Und bis Weihnachten ist es doch noch soooo lange hin. Und alles ist so langweilig zu Hause, weil alle in den Ferien sind, nur wir noch nicht.“

Der Kapitän schaut den beiden lange tief in die Augen und schüttelt dann den Kopf. „Ich hoffe, dass ihr so etwas Dummes nie, nie wieder macht! Geht ins Schwimmbad oder ärgert die Rasenmähroboter, aber macht so etwas nicht noch einmal!“

Anton und Emma gucken betreten auf den Boden und wagen nicht, den Mund noch einmal aufzumachen. Bis zum Ende des Flugs sind sie mucksmäuschenstill.

Auch der Landeanflug und das Andocken auf der Erde sind hier im Pilotenbereich nichts gegen das Gerumpel im Lüftungsschacht. Eigentlich sind die beiden sogar ein bisschen froh, dass sie erwischt worden sind. Aber jetzt kommt noch das Schlimmste auf sie zu: die Eltern werden sie hier abholen.

Zögerlich gehen sie die Gangway hinunter. Und da stehen sie schon – Ma und Pa, wie sie sie heute Morgen beim Frühstück gesehen haben, nur nicht mehr so fröhlich.

Als sie unten ankommen, nimmt ihre Mutter beide ganz fest in den Arm und schnieft mit leiser Stimme: „Versprecht mir, dass ihr so etwas nie wieder tut! Wir haben uns solche Sorgen gemacht!“

Der Kapitän ruft den Eltern noch von der Mitte der Treppe zu: „Die Raumfahrtgesellschaft wird Ihnen in den nächsten Tagen die Rechnung für den Flug zukommen lassen; und ich befürchte, dass vom Ministerium für Flugsicherheit auch noch ein Bußgeldbescheid kommen wird. Schönen Abend noch! Sind übrigens trotzdem nette Kinder!“

Erleichtert, dass alles gut ausgegangen ist, fahren Emma und Anton mit ihren Eltern nach Hause, und beide Kinder verkriechen sich wortlos in ihre Kinderzimmer.

Beim Abendessen muss das Thema aber noch einmal auf den Tisch.

„Papa und ich sind uns einig, dass es in diesem Jahr natürlich keinen Ausflug zum Weihnachtsplaneten im Dezember geben kann. Da ihr gar nicht so viel Taschengeld habt, wie euer heutiger Ausflug kosten wird, werden wir den Advent also ganz gemütlich hier zu Hause verbringen. Vielleicht schneit es ja und wir können eine Schneeballschlacht machen oder einen Schneemann bauen. Mehr ist nicht drin!“

„Oooooch!“ ruft Emma enttäuscht und Anton schiebt „Ach, Menno!“ hinterher.

Als der Dezember da ist, sind die Eltern der beiden aber gnädig, und alle vier verbringen einen wunderschönen langen Nachmittag auf dem Weihnachtsmarkt in Osnabrück. Emma darf sich sogar noch ein winzig kleines Plüsch-Einhorn aussuchen, und Anton bekommt einen Flug im historischen Kettenkarussel geschenkt.

 

 

 

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