Neue OR-Serie „OS-Rocks“ – Von Korf: Spiel mit der (Un)sichtbarkeit

Mit der neuen Reihe OS-Rocks möchten wir in lockerer Reihenfolge Osnabrücker Musiker und Bands vorstellen, die seit Jahren in der Szene aktiv sind und ihren Vorstellungen von Rock- und Popmusik folgen. In den Portraits geht es nicht um kurze Projekte, sondern um gewachsene musikalische Strukturen und Ideen. Kulturelle Identitäten, die auf ihre Weise das musikalische Bild dieser Stadt mit prägen.  

Es tut sich etwas in diesen Tagen bei Von Korf

Von Korf 2023: Heinz Rebellius, Holger Schwetter, Andreas Menke, Franko Frankenberg

Die Gruppe um den Sänger, Gitarristen und Texter Holger Schwettertritt mit ihrer neuen Single heraus aus der Unsichtbarkeit, mit der sie, in Anlehnung an den namensgebenden Charakter der schemenhaften Figur Christian Morgensterns, so gerne kokettiert.

Des Weiteren begrüßt die Kombo mit dem Osnabrücker Musiker und Journalisten Heinz Rebellius ein neues Mitglied in ihren Reihen und erweitert ihren Sound dadurch um zusätzliche Nuancen, die auf der neuen Veröffentlichung zu hören sind. Live war die Band unter anderem beim „B. B. Olsen Gedächtnisturnier“ im K.A.F.F. zu hören und bei der theatralischen Radtour „Hafensicht“, gestartet am Piesberger Gesellschaftshaus. Grund genug also für ein Portrait von Von Korf, die immerhin schon seit 2009 in unterschiedlichen Besetzungen Musik machen und hoffentlich nicht so schnell wieder in der Unsichtbarkeit verschwinden.

Von Korf 2009: Holger Schwetter, Andreas Eismann, Jens Flüssing

Holger Schwetter gründet Von Korf im Jahre 2009 nachdem seine vorherige Band, „Cubistic Pop Manifesto“, auseinandergebrochen war und er nach einer instrumentalen Phase wieder direktere, songorientiertere Musik machen wollte. Mit Andreas Eismann (Ice) und Jens Flüssing (Parker) am Bass findet er schnell Mitstreiter, die, bissig und direkt, seine „komischen und schlecht gelaunten“ Texte mit Verve umsetzen. Erste Auftritte, z. B. beim „B. B. Olsen Gedächtnisturnier“ kommen gut an, sodass 2009 im Studio von Stefan Rodefeld in Melle die „Europa E. P.“ entsteht, eine handgefertigte CD-R mit selbstgestaltetem Cover und sechs Stücken, unter ihnen die hörenswerte Straßenrock-Version eines tunesischen Instrumentalhits, „Astrakan Cafe“.

Mit gelungenen Auftritten und der ersten Platte im Gepäck ist die Band auf Kurs, doch 2010 entscheiden sich Eismann und Flüssing, nach Berlin zu gehen und die erste Von Korf-Besetzung ist Geschichte.

Holger Schwetter verkraftet den Schock der Auflösung recht schnell auch deshalb, weil ihm seine beiden ehemaligen Mitstreiter einen kompletten Probenraum samt Equipment auf dem ehemaligen Kasernengelände am Limberg überlassen und findet per Anzeige schnell Ralph Lather als zweiten Gitarristen für Von Korf. Als Glücksfall bezeichnet er heute die Eigeninitiative des renommierten Osnabrücker Schlagzeugers Franko Frankenberg, der sich für die Gruppe selbst ins Spiel bringt und seitdem der Mann hinter den Trommeln ist. Frankenberg ist es unter anderem auch zu verdanken, dass elektronische, krautige und improvisatorische Elemente wieder Einzug in den musikalischen Kosmos der Band halten. Der heute typische Von Korf-Flow entsteht, eine laut Schwetter zwischen Kraftwerk und Neil Young angesiedelte Musik mit zwei E-Gitarren, die sich umspielen und ergänzen. Aber auch in dieser Besetzung bleiben Schicksalsschläge nicht aus. Drummer Franko Frankenberg erkrankt schwer mit ungewissem Ausgang. Schwetter und Lather arbeiten weiter zusammen im Studio, mixen Kraut-, Post- und Country-Rock, halten Franko die Treue und bringen ihm zu Ehren die EP „Wir warten“ heraus. Darüber hinaus poliert Holger Songs seiner ehemaligen Band „Cubistic Pop Manifesto“ auf und veröffentlicht vier davon unter dem Namen von Von Korf auf einer EP mit dem Titel „Die innere Mongolei“, unter ihnen eine Bearbeitung des Extrabreit Songs „Der Präsident“ sowie die Vertonung eines Gedichts von Robert Genhardt „Samstagabendfieber“.

2012 ist Franko Frankenberg nach überstandener Krankheit wieder an Bord, die Gruppe findet mit dem Keyboarder Andreas Menke ihr viertes Bandmitglied und erfindet als Gastgeber den „Quartalsbericht“ im Osnabrücker Musikclub Big Buttinsky in der UFA-Passage.

„Quartalsbericht“ im Big Buttinsky„Quartalsbericht“ im Big Buttinsky
Von Korf 2012: Franko Frankenberg, Andreas Menke, Holger Schwetter, Ralph LatherVon Korf 2012: Franko Frankenberg, Andreas Menke, Holger Schwetter, Ralph Lather

In diesem Format, bei dem Von Korf eine weitere Band einlädt und in dem jede Gruppe ein eigenes Set spielt wird später, in einem ungeprobten dritten Durchgang zusammen musiziert und improvisiert. Diese Art, mit anderen Musikern zusammenzuarbeiten wird fester Bestandteil der Von Korfschen musikalischen DNA und gehört bis heute zu den Markenzeichen der Band.

Jetzt beginnt die zunächst stabilste Phase der Gruppe. Aufritte in Osnabrück, Köln und Bielefeld wechseln sich ab mit der Veröffentlichung der ersten regulären CD „Niemand ist“ beim Osnabrücker Label Timezone, einem Zusammenschnitt der besten  Songs aus den vergangenen Eigenveröffentlichungen und drei neuen, gemeinsam komponierten Stücken.

Die Platte ist ein gelungener Einstieg in die Welt von Von Korf mit all seinen Elementen. Hier begegnen sich ruppige Songs aus der Anfangszeit, krautige Improvisationen sowie nachdenkliche Stücke im typischen „Flow“ der Gegenwart. In diese Zeit fallen auch die ersten Kooperationen mit dem Theater.

2014 verschwindet Von Korf allerdings erneut in der Morgensternschen Unsichtbarkeit. Der Grund ist ein Forschungsprojekt, das Holger Schwetter an die Universitäten Lüneburg und Dresden zieht. Die vier Musiker bleiben aber in Kontakt, machen weiter Musik und veröffentlichen 2017 die Single „Schatten im Land“, einen Song, der sich mit dem wachsenden Rechtsextremismus auseinandersetzt. Krautig und in hypnotisch-meditativer Art und Weise, durchzogen von Andreas Menkes Synthie-Flächen, wird hier in rezitativer Form die Gefahr rechter Tendenzen im Schatten der etablierten Politik beschrieben. Ralph Lather entschließt sich allerdings später im Jahr nach Schwerin zu ziehen und die Band beschließt, als Trio weiter zu machen.

Von Korf beim Tanztheater Stakkato

2019 ist Holger aus Dresden zurück und kann sich wieder mehr um die Gruppe kümmern. Da das Big Buttinsky mittlerweile Geschichte ist, verlegt er die Idee des gemeinsamen Musizierens aus dem Quartalsbericht in die eigenen vier Wände und veranstaltet regelmäßig Hauskonzerte, bei denen Von Korf sich mit anderen Gruppen und Künstlern austauscht. Im April 2019 lässt eine Brandstiftung in den Probenräumen am Limberg die Aktivitäten der Band allerdings zunächst wieder ruhen. Gottseidank halten sich dabei die Schäden am Equipment des Trios aber in Grenzen. Die Instrumente können vom Rauch und Ruß befreit werden und die Band findet später ihre neue Heimat im Lauten Speicher am Osnabrücker Hafen.

Von Korf im Atelier von Werner Kavermann / Foto: Stephan Schute

In der gleichen Zeit entdeckt Schwetter als Fan des Osnabrücker Künstlers Werner Kavermann eine Gitarre in dessen Atelier und die beiden beginnen, gemeinsam zu improvisieren. Der Von Korfsche Flow aus Krautrock und klassischem Songwriting trifft die Stehgreiftexte des Künstlers. Schnell ist man auf einer Wellenlänge. Die Improvisationen werden aufgenommen, Holger Schwetter bringt die Texte in Form und die Band probt mit Kavermann, dessen knarzig bluesige Stimme Von Korf eine gewisse Erdung und Bodenhaftung verschafft.

Anfang 2020 ist Von Korf wieder unterwegs, gibt mehrere Konzerte, unter anderem mit Werner Kavermann, und veröffentlicht die EP „Schlicht und Ergreifend“ mit drei im Probenraum aufgenommenen Improvisationen, die die elektronisch krautige Seite des Trios zeigen.

Dann kommt Corona und alle öffentlichen Aktivitäten werden gestrichen. Die Band gleitet wieder hinein in ihre Unsichtbarkeit. Lebenszeichen gibt es aber dennoch. Das Trio erfindet den Korfcast „Tagesthemen“ und streamt eine regelmäßige Live-Sendung aus dem Probenraum mit Gesprächen, Proben und Improvisationen. Der Korfcast ermöglicht damit ein gemeinsames „Abhängen“ mit der Band in der kulturellen Paralyse der Corona-Zeit. Aus der Corona-bedingten Unsichtbarkeit gründet Holger Schwetter augenzwinkernd das Plattenlabel „Rekord Musik“ und spielt dabei erneut mit dem schemenhaften Charakter der Figur Morgensterns. „Rekord Musik“ ist digital in keiner Suchanfrage zu finden, verschwindet buchstäblich hinter einer Unzahl von Einträgen, die sich mit Rekorden und Musik beschäftigen. Für das neue Label nimmt die Band Ende 2020 die erste Single „Hilfe im Angebot / Mein Gesicht“ auf. Die Platte ziert ein von Werner Kavermann gemaltes Bild und befasst sich bei „Hilfe im Angebot“ mit Spam-Mails, die uns täglich erreichen und mit „gut gemeinten“ Ratschlägen nicht sparen. Ein humorvoller, luftiger Uptempo-Song, dessen Text aus Originalzitaten von Spams besteht. „Mein Gesicht“ ist dann wieder ganz Von Korf. Der schwermütige Song spielt mit den Assoziationen, indem er Ausdruckslosigkeit mit Unsichtbarkeit gleichsetzt.

Release Party Atelier Werner Kavermanns / Foto: Stephan Schute

Die Zeit nach Corona ist zunächst geprägt vom Studioprojekt mit Werner Kavermann. Ohne große Overdubs nimmt Von Korf zusammen mit dem Künstler das Album „Shoot out the light and drink me now“ in der Mühle der Freundschaft auf. Bei der Produktion ist zum ersten Mal auch Bassist Heinz Rebellius dabei, der, wie anfangs erwähnt, inzwischen festes Bandmitglied ist. Als Gäste helfen Marcus Praed an der Gitarre, Heidi und Jens Engel mit ihrer Stimme sowie Shabnam Parvaresh mit ihrer gefühlvoll melodisch eingesetzten Bassklarinette.

Die analoge Release Party mit allen Gästen im Atelier Kavermanns wird ein voller Erfolg. Von Korf ist wieder präsent, wird gebucht und freut sich über den Erfolg des gemeinsamen Projekts. Die Band trennt das Kavermann-Projekt aber durchaus von den eigenen Aktivitäten.

Auf Rekord Musik erscheint deshalb Anfang 2023 die Single „Es ist Frühling“ samt sehenswertem Youtube-Video. Der Song, eine Mischung aus Country- und Krautrock, befasst sich mit dem Klimawandel und liefert wieder ein Statement zu einem aktuellen Thema. Parallel dazu treibt von Von Korf aber auch die Konzertaktivitäten voran und nimmt den Faden aus den Jam-Sessions der Vergangenheit wieder auf. Genre- und Altersgrenzen werden unter anderem bei einem gemeinsamen Auftritt mit der Osnabrücker Rapperin Lynger im Bastard Club übersprungen.

Mai 2023: Von Korf mit der Rapperin Lynger im Bastard Club

„Von Korf“ als Quartett möchte in Zukunft seine Kreise auch wieder weiter außerhalb Osnabrücks ziehen und arbeitet an Konzertterminen in anderen Städten. Bei den Veröffentlichungen setzt Holger Schwetter dabei auf Singles im Paket mit einem passenden Video, um schneller auf relevante Themen reagieren zu können. Alles in allem sichtbare Zeichen, die die Band hoffentlich nicht so schnell wieder in der Unsichtbarkeit verschwinden lassen. Es lohnt sich, die Augen und Ohren offen zu halten und sich mit der wahrnehmbaren Seite von Von Korf zu beschäftigen.

 


Musik: Von Korf Bandcamp: https://vonkorf.bandcamp.com/

Video: Von Korf Youtube: https://www.youtube.com/@vonkorf2665

 

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