Mittwoch, 26. Januar 2022

Die Stimmung im Lande

Wie es um den Fortgang der Pandemie bestellt ist und wie sie politisch korrekt bewertet wird, kann man – mittlerweile im Stundentakt – aus den üblichen Medien erfahren.

Wer sich also hier auf dem Laufenden hält, weiß z. B., dass geschäftsführende Regierung (Merkel & Co.) und künftige Ampelkoalitionäre (Scholz und Vertragspartner) gerade ziemlich über Kreuz liegen mit ihren Vorstellungen zum Umgang mit der Infektionsdynamik.

Aber wie sieht es aus mit denen, die von ihnen regiert werden, der Masse der alltäglichen Nobodys, wie fühlen die sich in einer Lebenslage, die fast nur noch mittels Statistiken über Neuansteckungen, Inzidenzen, Krankenhausinzidenzen, Hospitalisierungsraten, Impfmonitoring und Todeszahlen charakterisiert wird?

Wie fühlt man sich gerade in diesem Land mit seinem Leben in der Pandemie, zu Haus, bei der Arbeit, unterwegs oder irgendwo?

Das fängt z. B. an bei der morgendlichen Zeitungslektüre, wenn der Liebsten zum ersten Kaffee die Frage beschäftigt, wie viele von den 357 Coronatoten, die an diesem Tag gemeldet werden, eigentlich geimpft oder nicht geimpft waren. Das möchte sie mal wissen, denn dann könne man sich doch ein genaueres Bild über die tatsächliche Gefahrenlage machen. Eine Antwort darauf lässt sich in der üblichen Zeitung nicht finden. Der Hinweis, dass wir schnurstracks auf die nächste Warnstufe und damit auf 2Gplus beim Weihnachtsmarkt zulaufen, trübt die Befindlichkeiten weiter ein: Dann war´s das für sie mit dem Weihnachtsmarkt.

Ob Corona auch heute zum Thema des Tages wird? Wird es.

Ein Anruf von einer Bekannten im Schuldienst knüpft nahtlos an den Gedanken an. Sie sei etwas verunsichert, weil eine Kollegin, mit der sie vor Tagen intensiven Kontakt im Lehrerzimmer gehabt habe – am Tisch ohne Maske – in Quarantäne sei, da positiv getestet. Aber vom Gesundheitsamt gäbe es sonst keine Anweisungen und die Schulleitung habe auf den doppelten Impfstatus verwiesen. Mittlerweile seien aber weitere zwei Kollegen, die mit am Tisch waren, ebenfalls positiv. Das fände sie ziemlich gruselig.

Das erinnert an die Erfahrungen einer Polizistin: Ihr Sohn war vor Kurzem mit Corona aus der Schule gekommen und sollte in häuslicher Quarantäne bleiben. Die Mutter ging jedoch weiter aufs Revier, da sie ja zweimal geimpft war. Drei Tage später fiel ein Routinetest bei ihr positiv aus. Seitdem ist sie zu Hause isoliert. Mit wie vielen sie vorher dienstlich in Kontakt war, ließ sich vom Amt nicht mehr nachverfolgen.

Ähnlich muss es wohl bei Fällen sein, die im Paketlieferverkehr auftreten. Die Zusteller, die bei uns auflaufen (wir wohnen Parterre und nehmen meistens alles für alle im Haus an), kommen in der Regel ohne Maske. Manchmal klebt einem eine am Kinn. Drauf hinzuwiesen, ist zwecklos, denn wir sprechen nicht die gleiche Sprache.

Beim Arzt wird strikt auf Einhaltung der Regeln geachtet und wenn man eine Erkältung hat – KEIN CORONA! – muss man das vorher ankündigen und darf, nachdem man einen Selbsttest gemacht hat, in die Praxis kommen. Manche haben dafür eine extra Erkältungssprechstunde.

Mit dem grippalen Infekt haben sich die letzten privaten Selbsttest aufgebraucht. Nachschub Fehlanzeige. Ob bei Rossmann, DM, EDEKA oder Posten Börse, alle ausverkauft.

Also war´s das jetzt auch mit den Arztbesuchen?

Separiert von den Normalerkrankten kommt Langeweile auf, da hört man schon mal mit, was nebenan so geredet wird. Ein Mann in den besten Jahren regt sich darüber auf, dass es ihm, nachdem er sich hat endlich impfen lassen, nun „so scheiße“ gehe. Da könne er unmöglich arbeiten. Das müsse jeder verstehen (der Doktor auch?). Noch schlimmer seien die Tests, die die Firma jetzt plötzlich verlange und die er aus der eigenen Tasche zahlen solle. Immerhin käme er damit wenigstens problemlos in die Muckibude.  Aber sonst „alles Kacke“ im Staate Deutschland. Man merkt, da ist einer richtig sauer auf die, die so einen Stress mit „den Scheißvirus“ machen.

Auf dem Rückweg vom Arzt eine Szenerie an der Bushaltestelle: Zum Schulschluss am Wochenende drängen Schüler*innen in einem imposanten Knäuel verkeilt durch die vordere Tür. So manche Maske ist verrutscht und gibt eine aufgeregte Miene frei. Ob diese unschuldigen Gesichter wirklich nicht zum pandemischen Geschehen beitragen, wie die üblichen Medien regelmäßig feststellen? Zu dieser Frage und der Situation an der „Schulfront“ hat mir jemand eine Rundmail seiner Schulleitung zugespielt (Das darf er/sie natürlich nicht, also bitte nicht verraten!), in der Sätze wie diese stehen: Die Arbeitsbelastungen sind für alle sehr hoch. Die Pandemie breitet sich weiter aus, Führung ist nicht zu erkennen, Schülerinnen und Schüler werden zunehmend aggressiver …

Weiter geht die Fahrt am verwaisten Impfzentrum vorbei. Jetzt, da sie dringender als je zuvor gebraucht werden, sind sie dicht. Wie kann das? Manche Dinge erklären sich nicht logisch, sondern psychologisch, meinte der Doc dazu.

Im Treppenhaus ein Gespräch auf halber Höhe mit dem Obernachbarn. Er arbeitet bei einer großen Eisfabrik, die für namhafte Marken produziert. Manchmal bekommen wir ein paar Kartons Gratiseis von ihm. Die Firma war im Frühsommer in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt, weil es dort einen massiven Corona-Ausbruch unter der Belegschaft gegeben hatte. Das hat dort aber, weiß ich aus früheren Gesprächen mit ihm, nie zu einer gesteigerten Impfbereitschaft geführt. Seit Mittwoch sei das aber anders. Denn nun dürfe man nur noch offiziell getestet an seinen Arbeitsplatz. Eigentlich eine erfreuliche Entwicklung, könnte man meinen. „Nee, nee, dafür ist die Stimmung jetzt noch mieser, wird viel gepöbelt und geflucht, über die Geschäftsleitung, das Gesundheitsamt und den Scheißstaat.“

Später am Nachmittag versucht mich ein Freund zu überreden, doch mit ins Stadion zum VfL zu gehen. Die Bedenken versucht er mit seinem profunden Wissen über Aerosole und deren Verbreitungsmuster zu zerstreuen. Ich bleibe dabei, dass ein Stadionbesuch in dieser Situation ein falsches Zeichen setze. Ist man deshalb eine Spaßbremse?

Die Nachrichten im Fernsehen werden natürlich von Corona bestimmt, heute besonders wegen der neuen Südafrikavariante. Für Gesprächsstoff ist also auch morgen gesorgt.

Das zieht eine Sondersendung nach sich. Die Stunde der Experten*innen. Danach ist man auch nicht schlauer, vielleicht noch etwas besorgter.

Zur Ablenkung soll ein Serienkrimi herhalten – „Die Chefin“. Und ausgerechnet in dieser Folge taucht dann ein Gesicht mit Maske auf. Geht´s da etwa auch um Corona? Nein, es handelt sich nur um eine Psychopathin, die sich einbildet, dass ein korrupter Beauty-Doc ihr die Nase verschnibbelt hätte.

Zu dieser skurrilen Story fällt einem ein, dass Corona in Fernsehfilmen eigentlich nicht existiert. Bis auf zwei Ausnahmen (Für immer Sommer 90, Die Welt steht still) gibt es keinen Film und keine Serie, die den epidemischen Alltag abbildet.

Vielleicht sollen uns die vielen virusfreien Fiktionen ja vor Augen führen, wie gut es uns mal gegangen ist, als die Lage noch okay war.

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