Samstag, 22. Juni 2024

Heute vor einem Jahr: Der Traum von einer klassenlosen Medizin

Sachsenklinik und Bergdoktor
Wie ARD und ZDF soziale Utopien kultivieren

Zugegeben und ja doch! Von dem, was ich hier schreibe, sollte ich in Kreisen, in denen ich rotiere, nicht mal reden. Denn sowas gilt den Meisten dort als absolutes NO GO: Im Ersten oder Zweiten Serien gucken – und dann noch „In aller Freundschaft“ oder „Der Bergdoktor“. Geht überhaupt nicht. Allein die Vorstellung erzeugt, wenn man´s dann doch mal ins Gespräch bringt, mentale Panik, wird assoziiert mit Übelkeit, Knoten im Kopf, totale Hirngrütze.

Genauso wie die, die mir heute einen Vogel zeigen würden, habe ich bis vor dem Start in den Serienherbst 2021 selbst noch gedacht und tatsächlich bin ich so ziemlich gegen meinen Willen in die Sache hineingezogen worden, aber das Wie und Wo ist Privatsache und gehört nicht hierher.

Nur so viel: Alle Versuche, mich da wieder herauszureden, sind verpufft, und zwar nicht, weil ich etwa aufgegeben hätte und dem Schicksal ergeben. Nein, mir sind schlicht die Gegenargumente ausgegangen auf die Frage, was denn blöd daran sein sollte, wenn ein Fernsehfilm unermüdlich und stets mit unverbrauchter Empathie für Patientenrechte Werbung macht sowie Woche für Woche Gegenentwürfe kreiert gegen die schnöde Wirklichkeit, der wir gesetzlich Versicherten uns fügen müssen.


Termin beim Facharzt?  – Kassenpatienten bitte hinten anstellen!

Mal ehrlich, die meisten von uns kennen das doch, wenn der Besuch beim Arzt schon in Stress ausartet, bevor es überhaupt dazu kommt – bei der Terminfrage.

Schon dieser, einer Behandlung vorgeschaltete Akt, kann zu einer schweren Geduldsprobe werden, vor allem wenn es um einen Facharztbesuch geht.

Wenn man sich als perfekt konditionierter Bittsteller telefonisch in die Warteschleife stellt. Oder, noch eine Gradeinstellung angepasster, der Gängelung des digitalen Fortschritts folgt (man will ja nicht von gestern sein) und eine Online Direktbuchung vornimmt. Mit ein paar Klicks direkt in die Sprechstunde. Ja, so wäre das wohl beim „Bergdoktor“ (ZDF), wenn der nicht – ganz Old School – so analog ticken würde. Aber bleiben wir bei der Realität. Die z. B. bei einer nach dem Zufallsprinzip gewählten orthopädischen Gemeinschaftspraxis (es hätte auch beim Dermatologen sein können) digital so aussieht: Online-Termin vereinbaren – klick – Arzt auswählen – klick – Sprechstunde: gesetzlich versichert oder privat? – klick und fertig: Termin in sechs Wochen.

Versuchen wir´s nur spaßeshalber einen Klick zurück auf privat: in zwei Tagen!

Eindeutiger kann ein Dienstleistungsunternehmen nicht ins Netz stellen, worum es in einem auf Wirtschaftlichkeit geeichten System nun mal geht.

wikimedia

Dr. Grubers Model der offenen Praxis

Demgegenüber verhält es sich bei Dr. Gruber geradezu sozialistisch. Oft muss man gar nicht selbst aktiv werden, um in die Praxis zu gelangen, sondern wird quasi eingeladen, wenn man ihm dort oben im österreichischen Ellmau über den Weg läuft: Am besten kommen Sie morgen in der Praxis vorbei, oder geht´s heute noch?

hier wird man von einer hochmotivierten Fachfrau für Sprechstundenservice empfangen, der mit jedem Wort aus der Seele spricht, den besten Arbeitsplatz der (Berg)Welt zu haben. Frau Linn Kemper, die sich selbst als eine Person mit einem „Kaleidoskop von Persönlichkeiten“ beschreibt, erfasst jede erdenkliche Situation voll und ganz, agiert ebenso professionell wie psychologisch zugewandt. Eine Frage nach dem Versichertenstatus würde ihr nie über die Lippen kommen.

In dieser Sprechstunde sind alle gleich, nach Herkunft und Status wird nicht geschaut. Und so kann es der guten Linn nicht passieren, dass sie von ihrem Chef zusammengefaltet wird, weil sie DAK mit Debeka verwechselt hat und dadurch nicht Herr Krösus, sondern Frau Hinz bevorzugt vorgelassen wurde.

Langes Warten kennt man am Wilden Kaiser sowieso nicht. Logischerweise ist Linn vollkommen tiefenentspannt und hat den Laden bürotechnisch so im Griff, dass der liebe Doktor sich um das kümmern kann, was Patienten plagt. Dabei nimmt er sich alle Zeit der Alpenwelt. Dialoge mit Dr. Gruber sind keine simplen Patientenbefragungen, es sind ganzheitliche Gesprächstherapien. Kein Wunder, dass Mehrfachbesuche sich bei ihm häufen. Und für Dr. Gruber selbst sind Hausbesuche keine lästige Pflicht, sondern persönliche Anliegen.

Einräumen muss man, dass sich Dr. Grubers Praxis nicht in Deutschland befindet, sondern im Österreich, aber ob die Behandlung beim Bergdoktor mit der Lebenswirklich unserer Alpennachbarn kompatibel ist, darf bezweifelt werden.


Zurück in der realen Sprechstunde: Zeitkonten und Budget

Mit der Realität in deutschen Praxen hat das lange nichts mehr zu tun. Ein Gespräch mit dem Arzt dauert hierzulande rund siebeneinhalb Minuten. Im internationalen Vergleich ist das Mittelmaß – etwa so wie in Simbabwe und Bahrain. Es wird deshalb geraten, sich als gesetzlich Versicherter möglichst gut drauf vorzubereiten. Jedes nicht erwähnte Wort kann schmerzliche Folgen haben. Zeit ist in unserem Gesundheitswesen Geld und abgerechnet wird auf Grundlage vom EBM (Einheitlicher Bewertungsmaßstab), überwacht von der Kassenärztlichen Vereinigung. Jede Leistung und jeder Zeitaufwand ist in einem vorgegebenen Punktesystem genaustens quotiert. Für jede Praxis wird ein von der GKV taxiertes Budget festgelegt, das den gesamten Aufwand für eine Behandlung beschränkt. Handelt ein Arzt über diese Grenzen hinaus, wird dies nicht mehr vergütet.

Das ist bei privat Versicherten anders. Bei ihnen kann jede Leistung individuell über die GOÄ (Gebührenordnung für Ärzte) auf Honorarbasis in Rechnung gestellt werden, und zwar bis zur fünffachen Höhe der gesetzlich festgelegten Grundvergütung.

Das System bevorzugt und unterstützt also solche niedergelassenen Mediziner, die möglichst zahlreich Privatpatienten*innen in ihrer Praxis begrüßen dürfen. Nur allzu verständlich, dass diese finanziell besser gestellten Menschen so privilegiert behandelt werden. Niemand würde jemanden verprellen, der einen Haufen bare Münze ins Haus bringt.

Praxiserprobte Patienten*innen der gesetzlichen Klasse wissen, dass zum letzten Quartalsende des Jahres keine nennenswerte Behandlung mehr zu erwarten ist, weil sowohl die Zeitkonten als auch das Budget für Arzneimittel und Heilverordnungen aufgebraucht sind. Jetzt gibt es allenfalls noch etwas auf grüne Rezepte für Selbstzahler.


Die klassenlose Klinik – eine Idee wird TV-Wirklichkeit

Bei Dr. Gruber sind dagegen sämtliche Behandlungen zu jeder Jahreszeit labormedizinisch voll umfänglich abgesichert und hinsichtlich der Medikation verschreibt er nur das Beste, was der Pharmamarkt hergibt.

Da wird keine*r mit Generika abgespeist, bei denen man nie weiß, ob die Nebenwirkungen nicht die Heilung verhindern.

Bei aufwendigeren Fällen eiert Dr. Gruber nicht lange rum, sondern verfügt eine Direkteinweisung in die Klinik Hall, die von seinem besten Freund Dr. Alexander Kahnweiler geführt wird. Die Geräte und Apparaturen, die hier auf den Punkt zur Verfügung stehen, sind in keiner Universitätsklinik auf aktuellerem Stand, bedient von einem Team ausgesuchter Spezialisten. Sonar, Röntgen, CT, MRT, Beatmung und Herz-Lungen-Maschine, Intensivmedizin auf High-Tech-Niveau. Alles im Stand-by-Modus zum Wohle der Allgemeinheit, sämtliche anfallenden Kosten werden ausnahmslos übernommen.

Das einzige Spital in Deutschland, das da in Puncto Ausstattung und Heilbehandlung mithalten kann, ist die Sachsenklinik in Leipzig („In aller Freundschaft“ ARD). Ebenfalls eine Institution, die keine Unterschiede macht und keine Klassen kennt.

Was sie noch über den von der Klinik Hall hochgeschraubten Standard heraushebt – hier stehen nicht nur absolute Topleute am OP-Tisch, es wird drüber hinaus für den medizinischen Fortschritt geforscht.

wikimedia

Die Klinikdirektion: Agenten des Systems

Und tatsächlich – so viel Realität muss sein – treffen wir in der Sachsenklinik auf eine Figur, die im deutschen Klinikwesen eine zentrale Rolle spielt: den Verwaltungsdirektor, in diesem Fall besetzt von Frau Sarah Marquart

Diese Position in der Verwaltungsspitze einer Klinik hat im Zuge der sogenannten Gesundheitsreformen, die medizinische Zuwendungen für gesetzlich Versicherte seit den neunziger Jahren kontinuierlich einschränken, immer mehr an operativer Bedeutung zugenommen. Die Verwaltungsdirektion ist mittlerweile die eigentliche Chefetage in deutschen Krankenhäusern. Mit ihnen haben die Krankenkassenverbände ihre Agenten positioniert, um die Wirtschaftlichkeit des Betriebs zu lenken und zu kontrollieren. Dass also prinzipiell die Gehälter der Führungskräfte in der Progression bleiben und die Budgets für Patienten so knapp wie irgend möglich gehalten werden. Ein Meilenstein war die Einführung der Anrechnung über Fallzahlenpauschalen durch die rotgrüne Koalition 2003. Seitdem geht die Entwicklung in Richtung ambulantes Operieren und Spezialisierung, d.h., man macht nur noch künstliche Knie- und Hüftgelenke oder konzentriert sich auf andere Prothetik. Lukrativ sind weiter Herz-Lunge, Magen-Darm oder Unfallchirurgie. OPs am Fließband, damit es sich auch lohnt. Wozu hat man schließlich so lang und hart studiert?

Ob die vielen neuen Gelenke und High-Tech-Ersatzteile wirklich notwendig sind, ist so eine Frage, die als störend verworfen wird.


Alternativ: Behandlung auf Grundlage eines Freundschaftsvertrags

Das Konzept der Sachsenklinik liegt zu dieser gängigen Praxis vollkommen quer, weil hier eine großzügig ausgelegte Grundversorgung vorgehalten wird, noch dazu auf hochspezialisiertem Niveau. Völlig unwirtschaftlich laut GKV, die im richtigen Leben dafür sorgen würde, dass man Frau Marquart umgehend kündigt, weil sie einfach ihrer vom System zugedachten Aufgabe nicht gerecht wird.

Aber nicht in der Sachsenklinik, wo man augenscheinlich keine Verträge über Fallpauschalen oder Pflegebudgets schließt, sondern einen Freundschaftskontrakt, der vor allem zum Wohle der Patienten ausgelegt ist. Unter diesen wahrhaft fairen Bedingungen erweist sich Frau Marquart   als eine Verwaltungskünstlerin, der nie das Geld ausgeht und die kaum Beschränkungen einfordert. Zwar betont sie schon mal, dass die maßgebenden Entscheidungen immer noch an ihrem Schreibtisch fallen, aber bis auf ein paar kollaterale Korrekturen ist von ihr bis jetzt alles abgenickt worden.

Credo aller Angestellten der Sachsenklinik bleibt die optimale Versorgung kranker Menschen, die von aufmerksamen Rettungssanitätern in Stadt und Kreis aufgespürt und mit Tatütata direkt in die Notaufnahme kutschiert werden. Nach erfolgter Behandlung vom Spezialisten-Team geht´s zur weiteren Genesung ins Einzelzimmer. Die psychosoziale Betreuung auf den Stationen ist so fürsorglich wie in der Praxis von Dr. Gruber.

Jemand, der hier aufwacht, muss nicht fürchten, am gleichen Tag wieder entlassen zu werden, wie sonst auf deutschen Stationen üblich. Im Gegenteil. in der Sachsenklinik ist die Verweildauer auf mindestens eine Folge ausgelegt, Verlängerung möglich. Eine kommunikative Aufgabe des Pflegpersonals besteht gerade darin, Patienten zu einer Aufenthaltsverlängerung zu überreden. Nach Hause geht´s erst, wenn man unzweifelhaft seine Fitness bewiesen hat.

Hier rückt einem niemand vom „Sozialdienst“ noch im Halbwachzustand auf die Pelle, um zu ergründen, ob man sich nicht allein versorgen kann, sodass das System wieder spart. Hier muss man nicht um Taxi-Scheine feilschen wie auf dem Schwarzmarkt. Hier ist der Patient König.

Falls man in erreichbarer Nähe von Sachsen lebt und ein Arzt eine Krankenhauseinweisung in Betracht zieht, sollte man jetzt wissen, wohin man dann am besten geht. Bei Dr. Gruber bekommt man als deutsche(r) Staatsbürger*in leider keinen Temin, aber für alle Österreicher*innen steht die Praxis der Hoffnung immer offen.

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