Samstag, 21. Mai 2022

Wortmann wortwörtlich: Der 8. Mai kein Feiertag?

Prof. Dr. Rolf Wortmann
Die Erinnerung an das Ende der Naziherrschaft

Vor 77 Jahren endete am 8. Mai 1945 der bislang grausamste und vernichtendste Krieg der Menschheitsgeschichte und mit ihm das barbarischste Mordregime der politischen Geschichte mit der bedingungslosen Kapitulation Nazi-Deutschlands. Anders als am Ende seines Vorläufers 1918, der nun der Erste Weltkrieg hieß, als nach einem erfolgreichen Aufstand der Arbeiter und Soldaten das Regime des Kaisers gestürzt und durch eine demokratische Republik ersetzt wurde, verschwand nach dem zweiten gescheiterten „Griff nach der Weltmacht“ das vor gerade einmal fünfundsiebzig Jahren mit „Blut und Eisen“ unter der Vorherrschaft Preußens gegründete Deutsche Reich aus der Weltgeschichte. Deutschland hatte als Staat aufgehört zu existieren. Selbst die alliierten Sieger wussten damals nicht, was Deutschland nun politisch wie geografisch ist, geschweige denn, was es werden sollte.

Für die 700.000 Überlebenden in den KZs, die Überlebenden des Holocaust, die 10 Millionen Zwangsarbeiter und die ungezählten aus rassistischen oder politischen Gründen Verfolgten und Gegner der Nazityrannei war das der Tag der Befreiung aus ihrer Knechtschaft und von der Willkür der Herrschenden sowohl innerhalb wie außerhalb des Deutschen Reiches. Aber nicht nur die unmittelbaren Opfer und Täter erlebten und bewerteten diesen Tag ganz gegensätzlich. Die große Mehrheit,  das war ein Volk in Bewegung und auf Wanderschaft. Zwei Drittel hatten als Ausgebombte, Vertriebene oder Flüchtlinge kein Zuhause mehr. Die überall sichtbaren Trümmer des Krieges in den zerstörten Städten hinterließen für 14 Millionen Haushalte gerade noch 8 Millionen Wohnungen. Knappheit der Lebensmittel, die nackte Not des Alltags und des Überlebens beherrschte alles und jeden.

Versucht man, bei aller Vielfalt unterschiedlicher Schicksale und Lebenslagen, eine dominante Stimmung zu eruieren, drängt sich eine später Karriere machende Metapher auf: die Rede von der Stunde Null. Darin spiegelt sich die Erlösung vom Schrecken ohne Ende,  die plötzliche Erleichterung und Leere, hoffen auf Besserung vermengt sich mit Ungewissheit und Angst, Wut über das Vergangene mit Trauer über dessen Ende. Hoffnungen, die Chancen des völligen Zusammenbruchs, aus dem Nichts für einen völligen Neuanfang zu nutzen, standen der Drang und Wunsch nach  schnellem Vergessen des Ungeheuerlichen gegenüber. Wer nun, sofern vorhanden, ein schlechtes Gewissen hatte oder befürchten musste, zur Rechenschaft für vergangene Taten gezogen zu werden, spekulierte darauf,  dass das Vergangene möglichst schnell und komplett vollendete Vergangenheit werden möge. Aber auch jene Masse jenseits der unmittelbaren Täter und Opfer, die passiven Zuschauer, die später nichts gewusst haben wollten, plagte Furcht vor dem, was da nun als Revanche oder Rechenschaftspflicht auf sie zukommen könnte. Der Tag, an dem das Grausen endete, erschien den meisten in Deutschland als eine Niederlage, sehr vielen als eine Katastrophe, aber ganz sicher nicht als Befreiung von oder zu etwas.

Die Logik der „bedingungslosen Kapitulation“

Das hatte zunächst nachvollziehbare Gründe. Das Ende des Krieges reduzierte die schlimmsten Leiden, steigerte aber auch die Zukunftsängste. Was kam nun? Angesichts der immer dramatischer werdenden, aussichtslosen militärischen Lage, die Rote Armee drang immer tiefer nach Berlin ein und das dort versammelte Führungspersonal musste damit rechnen, ihnen als Siegestrophäen in die Hände zu fallen, beschloss der „größte Feldherr aller Zeiten“ (im Volksmund „Gröfaz“) Adolf Hitler am 30. April, sich durch Selbstmord aus der Verantwortung zu stehlen. Er war zu der Erkenntnis gekommen, dass das deutsche Volk seiner  geschichtlichen Mission nicht gerecht geworden sei, wie der Krieg als „Gottesurteil“ zeige. Seine Absicht, den Siegern nur verbrannte Erde auch im eigenen Land zu hinterlassen, bleibt glücklicherweise unerfüllt. Natürlich wurde  dieses „Testament“ nicht publik. Ganz im Geiste des Propagandaminister Goebbels erfuhr das unwürdige Volk dagegen mit reichlicher Verspätung (die Leichen der zahlreichen weiteren Selbstmörder mussten zuvor gründlichst verbrannt werden)  per Radio (dort wurde dafür passend Richard Wagners „Götterdämmerung“ unterbrochen), der Führer sei im heldenhaften „Kampf bis zum letzten Atemzug gegen den Bolschewismus“ gefallen. Selbstmord des Führers hätte wie Feigheit vor dem Feind ausgesehen und dem sich ausbreitenden Defätismus Auftrieb gegeben.

Die letzten Tage des „Dritten Reichs“ werfen immer wieder die Frage auf: Warum gab es gegen diesen anschwellenden und immer offensichtlicher werdenden Realitätsverlust und Wahnsinn keinen Widerstand in der Bevölkerung? Eine einfache Antwort gibt es darauf nicht. Eine lautet: Das Kriegsziel der Alliierten, die „bedingungslose Kapitulation“ (Unconditional Surrender) Deutschlands habe eine die Strafe der Sieger fürchtende Bevölkerung in Hitlers Arme getrieben. Göbbels‘ Propagandamaschine nahm alles genüsslich auf, was nur an halbwegs verwertbaren Gerüchten aus vermeintlichen Quellen an Zukunftsplänen der Alliierten zu ergattern war. Prominentester Fall war der „Morgenthau-Plan“. Danach würde die Herrenrasse zum geknechteten Volk von Ackerbauern und Viehzüchtern herabgestuft. Jenseits der intensiven Propagandschlachten Göbbels‘, die es bekanntlich mit der Wahrheit programmgemäß nicht allzu ernst nahmen, weckte die Formel von der „bedingungslosen Kapitulation“ durchaus auch rationale Befürchtungen für die Zukunft Deutschlands.

Diese Formel brachte der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt im Januar 1943 auf der Konferenz von Casablanca ins Spiel und erhielt die Zustimmung des britischen Premierministers Winston Churchill. Sie war ein Novum, denn erstmals wurde einem souveränen Staat außer der völligen Selbstaufgabe keine andere Option für die Beendigung des Krieges gewährt. Der totale Krieg eines totalen Regimes verlange auch die totale Niederlage und Selbstaufgabe. Der Besiegte saß danach nicht mehr als „Partner“ am Verhandlungstisch, sondern die Sieger verhandelten über ihn. Roosevelt kam zu diesem Schluss, weil er glaubte, einen Fehler von 1918 nicht wiederhohlen zu dürfen. Damals habe man einem besiegten Deutschland einen Waffenstillstand angeboten. Daraus hätte dann die Generalität ihre folgenreiche „Dolchstoßlegende“ stricken können, man sei, „im Felde unbesiegt“, durch einen Stoß in den Rücken an der Heimatfront vom inneren Feind niedergestreckt worden. Die Verantwortung der Militärs wurde auf die Zivilisten der demokratischen Politik abgewälzt. Bedeutend war die „bedingungslose Kapitulation“ allerdings auch als einheitsstiftendes Kriegsziel für die Alliierten, denn sie verhinderte das Ausscheren einer Partei, die den Verlockungen von Separatfriedensangeboten der Nazis erliegen könnte.

Genau das versuchte die von Hitler kurz vor seinem Ende eingesetzte Regierung unter dem Großadmiral Dönitz. Sie spekulierte bis zuletzt darauf, durch einen gemeinsamen Feldzug mit dem Westen (oder Teilen) gegen den eigentlichen gemeinsamen Feind, den „Bolschewismus“, relativ unbeschadet für Reich und Wehrmacht aus dem verlorenen Kriegsspiel herauszukommen. Aber alle Versuche scheiterten, weil die Alliierten gemeinsam auf der bedingungslosen Kapitulation bestanden. Diese wurde dann auch am 8. bzw. 9. Mai in Reims und Berlin-Karlshorst von deutschen Generälen unterzeichnet.

Woher kam der „Durchhaltewille“?

Die These, die „bedingungslose Kapitulation“ sei letztlich kontraproduktiv gewesen, da sie den Widerstandswillen gestärkt habe, weil sie Ängste und Befürchtungen erzeugte, die auch wankende Gemüter in Hitlers Arme getrieben habe, hat einige Historiker auf ihrer Seite. Der renommierte Hitler-Biograf  Ian Kershaw hat dagegen darauf verwiesen, dass in den Führungsebenen der deutschen Wehrmacht diese Formel nie eine Rolle gespielt habe. Sie könne den „Durchhaltewillen“ der Bevölkerung jedenfalls  nicht hinreichend erklären, wenngleich den Deutschen völlig unklar war, was aus ihnen nach einer Niederlage würde.

Neben allgemeinen Befürchtungen einer generellen Schwächung Deutschlands, seiner Zerlegung in Teile oder andere denkbare Varianten, lag natürlich eine Befürchtung auf der Hand. Je nach Verstrickung in das Terrorregime drohte Revanche oder harte Strafe und ganz allgemein gab es auch in der nicht aktiv in Gewalttaten involvierten Bevölkerung die dumpfe Angst, dass das, was man anderen wohl angetan hatte, nicht ganz ohne Reaktion bleiben würde. Die Angst vor den Russen war ja nicht nur dem „Bolschewismus“ geschuldet.  Wie würden Völker reagieren, die man ganz offiziell als „Untermenschen“ titulierte und so außerhalb des Kriegsrechts behandelte, deren Verluste über 20 Millionen Menschen betrugen?

Eine andere Erklärung für das rätselhafte Durchhalten bis zum Letzten und damit auch eine Erklärung, warum sich die Deutschen – anders als die Italiener von Mussolini – nicht selbst von Hitler befreiten, ist der Verweis auf das ungeheure Ausmaß an Terror und Repression. Das erklärt, warum es keinen organisierten Massenaufstand von unten geben konnte, aber  nicht, warum bis auf die untersten Hierarchieebenen des NS-Herrschaftssystems die Bereitschaft zur Entfaltung des Terrors bis zur letzten Sekunde noch vorhanden war, als er keinem anderen rationalen Zweck als der reinen Vernichtung mehr diente.

Die im Kalten Krieg sehr verbreitete Totalitarismustheorie, die sich auf die strukturellen Ähnlichkeiten von Kommunismus und Faschismus / Nationalsozialismus konzentrierte und damit die Funktion erfüllte, zwei Feinde der westlichen liberalen Demokratie in eine gemeinsame Position zu zwingen, klärte zwar den ideologischen Konflikt zwischen Freiheit und Totalitarismus, aber sie erklärte nicht, warum und woher die Nazis ihre Massenbasis hatten. Waren sie alle nur Verführte, die einem Rattenfänger verfallen waren?

Das Weiterleben der Vergangenheit

Warum in Deutschland die meisten – nicht alle – den 8. Mai nicht als Befreiung empfanden und später auch nicht empfinden konnten und wollten, findet seine Erklärung in der schlichten Tatsache, dass das Naziregime definitiv verloren hatte. Und diese nicht zu leugnende Erkenntnis verdanken wir letztlich der rooseveltschen Formel von der bedingungslosen Kapitulation. Diese Niederlage konnte keine  neue „Dolchstoßlegende“ hervorbringen. Aber deshalb verschwanden weder die Ideologie noch ihre autoritären Ableger und Restbestände aus den Köpfen ihrer einstigen Trägerinnen und Träger. Lange registrierte man in Westdeutschland die Sicht, der Nationalsozialismus sei eigentlich eine gute Sache gewesen, nur schlecht gemacht. Das Überwintern und die Nachwirkungen des Zwölfpromillereichs versinken zwar im Rausch des Wirtschaftswunders, aber kulturell haben die vielen Restbestände dieser Ideologie den Alltag in der BRD immer mit geprägt. Sie pendelte bis in die sechziger Jahre zwischen Restauration und Neubeginn.

Ausdruck dessen waren auch die Geschichtsnarrative in der BRD sowie in der DDR und ihre jeweiligen Gedenktage. „Drüben“ wurde von 1950 bis 1966 der Tag des „Zusammenbruchs“, der „Niederlage“, der „deutschen Katastrophe“ als „Tag der Befreiung des deutschen Volkes vom Hitlerfaschismus“ zum zentralen Nationalfeiertag erhoben. In der BRD dagegen wurde neben dem weitergeführten „Tag der Arbeit“ am 1. Mai nur der 17. Juni ab 1954 zum gesetzlichen Feiertag. Er galt der Erinnerung an den von sowjetischen Panzern niedergeschlagenen Arbeiteraufstand in der „SBZ“, aber nicht deren sozialen Forderungen an den selbsternannten „Arbeiter und Bauernstaat““, sondern den dort mehr oder weniger machtvoll erklungenen Rufen nach der deutscher Einheit. Diese Steilvorlage der Ostzone war schon ein Feiertag wert. Fürs Gedenken an die Untaten der Nazis gab es im Westen – nicht als gesetzlichen Feiertag – die Erinnerung an die Helden des 20. Juli 1944, die damit zu dem eigentlichen Widerstand gegen die Nazis aufstiegen.

Es bedurfte einer langen, mehrere Generationen übergreifenden gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Auseinandersetzung  mit der deutschen Geschichte, bis dann 1985 die wohl entscheidende geschichtspolitische Wende kam. Und es bedurfte wohl auch eines liberalkonservativen Bundespräsidenten mit großer Autorität wie Richard von Weizsäcker, der dann in seiner als historisch zu nennenden Rede das eigentlich längst Selbstverständliche verkündete: Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung, auch wenn er nicht von allen als solcher empfunden wurde. Wenig überzeugend sind dagegen noch heute vorgebrachte Einwände einiger Historiker, von einer Befreiung könne schon deshalb nicht die Rede sein, weil es in der US-Direktive JCS 1067 vom 26. April 1945 hieß: „Deutschland wird nicht besetzt zum Zwecke seiner Befreiung, sondern als ein besiegter Feindstaat.“ Das alles ändert nichts an der Wahrheit, dass es die Alliierten, voran die Amerikaner, Briten und viele andere und – nebenbei bemerkt bei uns stets vergessen – auch der Sowjetunion mit dem höchsten Blutzoll von weit über 20 Millionen Menschenopfern waren, die dem Rassenwahn und den grenzenlosen Imperialismus der Nazis mit all ihren Verbrechen gegen die Menschheit ein Ende setzen mussten, weil die deutsche Bevölkerung dazu nicht (mehr) in der Lage war.

Es bleibt die Lehre, Geschichte wiederholt sich nicht. Aber die meisten Übel kommen in  veränderter Kostümierung wieder. Heute heißen sie Rechtspopulismus, Flügel oder wie auch immer und kennen nur „Wir, das Volk“ gegen die anderen. Willy Brandt, der gerade mal 19 Jahre alt war, als er vor den Nazis in die Emigration flüchten musste, hat einmal gesagt: „Wohl den Verhältnissen, die es uns ersparen, Helden werden zu müssen, denn wir sind alle nicht als Helden geboren.“ Recht hat er. Und deshalb sollten wir solche Verhältnisse verteidigen, auch wenn sie nicht unseren optimalen Vorstellungen entsprechen, die es uns aber erlauben, keine Helden werden zu müssen.

Anhang: Imperial War Museums

Panzer des 3. Royal Tank Regiments auf der Roemerbrücke – Foto: Imperial War Museums

Displaced persons are received at the 2nd Army Displaced Persons Centre at „The Winkelhaus“ barracks, Osnabrück, Germany April 1945. 

Tens of thousands of DPs passed through this converted former German Army barracks. Run by the British Second Army, DPs of dozens of nationalities liberated from forced labour or concentration camps were given food, access to shelter and medical treatment before repatriation or resettlement could begin.

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