Mittwoch, 26. Januar 2022

Wortmann wortwörtlich: Willy Brandt – Porträt anlässlich des 50. Jahrestages der Verleihung des Friedensnobelpreises in vier Teilen

Willy Brandt – Teil 1

Am 10. Dezember 1971 wurde dem westdeutschen Bundeskanzler Willy Brandt in der Aula der Universität Oslo mit einem Festakt der Friedensnobelpreis verliehen. Brandt war nach Außenminister Gustav Stresemann, der sich 1926 den Preis mit seinem französischen Amtskollegen Aristide Briand für ihre in den Locarno-Verträgen von 1925 begonnene Politik der Versöhnung der alten „Erbfeinde“ teilte, dem liberalen Pazifisten Ludwig Quidde (1927) und dem von den Nazis verfolgten Journalisten und Herausgeber der Zeitschrift „Die Weltbühne“ Carl von Ossietzky (1935) der vierte Deutsche, dem diese hohe Auszeichnung zuteilwurde.

Er erhielt sie für „seinen hervorragenden Einsatz für den Frieden in Europa, dafür dass er die „Hand zur Versöhnungspolitik“ mit ehemaligen Feindländern bot, für das Gewaltverzichtsabkommen mit der Sowjetunion und Polen, die Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrages für die Bundesrepublik Deutschland und seinen Einsatz für die Menschenrechte in Berlin.

Der fünfzigste Jahrestag der Verleihung des Friedensnobelpreises ist ein willkommener Anlass, diesen außergewöhnlichen Politiker nicht auf seine preiswürdige Ost- und Entspannungspolitik zu beschränken, sondern sein gesamtes politisches Wirken auch kritisch zu würdigen. In einer Zeit politischer Umbrüche ist es vielleicht hilfreich, sich politischer Gestalter zu erinnern, die für die Politik eine Überzeugung war, wofür sie auch ihr Leben riskierten.

Willy Brandts Leben umfasst mit seinen fast achtzig Jahren von 1913 bis 1992 die Zeit vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende des Ost-West-Konfliktes und zur deutschen Einheit. Seine Lebensgeschichte deckt sich mit dem kurzen 20. Jahrhundert, das der britische Historiker Eric Hobsbawm treffend „Das Zeitalter der Extreme“ nannte.

Über sechzig Jahre seines Lebens hat er in vielfältiger Weise Politik gemacht. Er hat für die Politik gelebt und anders als aktiven Politiker kann man ihn sich eigentlich auch nicht vorstellen. Für ihn war die Politik eine Leidenschaft, weil es ums Ganze ging, die Verbesserung des Lebens in Freiheit für alle in einer friedlichen Welt. Dafür kämpfe in einer Zeit dramatischer Umbrüche, die ihn prägten, aber er machte auch Geschichte.

Kein deutscher Politiker hat international ein vergleichbares Ansehen erworben und dem Namen Deutschlands wieder zu internationaler Anerkennung verholfen wie er. Hans-Peter Schwarz, der bekannte Adenauer-Biograf und -Verehrer, nannte Brandt, die „Lichtgestalt der Sozialdemokratie des 20. Jahrhunderts. Viele haben ihn geliebt, manche gehasst, gleichgültig gelassen hat er keinen.“ Er polarisierte wie nur wenige, dabei waren Versöhnung, Kompromiss und Zusammenführen seine politischen Tugenden.

Wer die Antriebe und Ziele seines politischen Handelns verstehen will, der findet sie nicht in einer Sammlung von Prinzipien oder systematisiert in theoretischen Werken. Sie erschließen sich nur im Kontext der Geschichte, mit all ihren Kontinuitäten wie Brüchen, die auch seinen wurden.

Brandt hat mit seiner Vorliebe zum Schreiben Abschnitte seines Lebens in mehreren Autobiografien selbst erzählt. Im Folgenden soll versucht werden, das Biografische mit den Pfaden der allgemeinen Geschichte so zu verknüpfen, dass daraus die wesentlichen Elemente seines Wirkens erkennbar werden und sich das Bild einer Person ergibt, das der berühmten Skulptur im Foyer des Willy-Brandt-Hauses in Berlin nahe kommt. Denn er war kein Mensch aus einem Guss, er war voller Ecken und Kanten. Sein Parteigenosse, der Schöngeist Carlo Schmid nannte ihn einen „Schwierigen“.

I. Jugend und erste politische Übungen

Der Zufall wollte es, dass Willy Brandt in dem Jahr geboren wurde, als August Bebel, der Mitbegründer und „ewige“ Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, starb. Beide verbindet mehr als das gemeinsame Todes- und Geburtsjahr 1913.

Bebel wurde Brandts Vorbild. Nur Bebel war noch länger Parteivorsitzender als er, der es auf 23 Jahre von 1964 bis 1987 brachte. Beiden fiel in dieser immer schwierigen, eigenwilligen, diskussions- und streitfreudigen Partei die gleiche Rolle zu: Den Laden zusammenzuhalten. Sie mussten dem großen Werk einen starken Rumpf geben, damit die Flügel getragen werden und das Ganze nicht auseinanderreißt.

Als Bebel starb, stand die deutsche Sozialdemokratie auf dem Zenit ihres Erfolges: Das autoritäre Kaiserreich hatte sie als Reichsfeinde zwölf Jahre in die Illegalität geschickt, aber nicht verhindern können, dass sie zur stärksten deutschen Partei aufstieg. 1871 bei den ersten Wahlen zum Deutschen Reichstag mit 102.000 Stimmen gestartet, wurde sie 1912 mit 4,5 Mio. (37 %) erstmals mit großem Abstand die stärkste Partei im Deutschen Reich.

Erst sechzig Jahre später wird sie es mit Willy Brandt wieder schaffen. Aber diesmal wird sie in einem anderen Deutschland auch regieren, was Bebels SPD immer versagt blieb. Über eine Millionen Mitglieder zählte schon damals die größte und bedeutendste Arbeiterpartei, das große Vorbild der gesamten Welt. In keiner Person verkörperte sich diese Erfolgsgeschichte mehr als in dem Drechslermeister August Bebel, der nicht nur ihr unumstrittener Vorsitzender war. Er war der „Gegenkaiser“, dessen Konterfei in den Wohnstuben einer selbstbewusst gewordenen Arbeiterklasse hing, manchmal auch neben dem eigentlichen Kaiser.

Dem Höhepunkt von 1912 folgte der jähe Fall der deutschen und der internationalen Arbeiterbewegung. „Jedenfalls“ – schrieb Brandt 1980 in einem Beitrag zum 140. Geburtstag August Bebels – „entglitt der Parteiführung das Heft des Handelns für lange, lange Zeit“. Er schrieb das mit Blick auf das Verhalten der Sozialdemokraten am 4. August 1914. Die Zustimmung der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion zu den Kriegskrediten war für Brandt immer eine schwarze Stunde in der Geschichte der Arbeiterbewegung, aber in dieser katastrophalen Kapitulation vor dem Nationalismus sah er die Schuld nicht allein bei der SPD, hier versagten mehrere Akteure.

Nichts von dem, was Willy Brandt erreichte, wurde ihm in die bescheidene Wiege gelegt. Am 18. Dezember 1913 kam er als Herbert Frahm in Lübeck unter den denkbar schwierigsten und einfachsten Verhältnissen als unehelicher Sohn eines nie gekannten Vaters zur Welt. Seine Familie wurden die Großeltern mütterlicherseits. Sie waren aktive Sozialdemokraten, die noch tief durch die Kultur und Lebensweise der deutschen Arbeiterbewegung des Kaiserreichs geprägt waren. Er wuchs so in der stolzen Kaufmanns- und Hansestadt auf, die Thomas Mann in seinen „Buddenbrooks“ so perfekt sezierte. Allerdings lebte er auf der anderen Seite der sozialen Realität, in einer proletarischen Subkultur.

Trotzdem zählte der lesehungrige Junge, der die Prosa der Poesie vorzog, Thomas und Heinrich Mann neben Maxim Gorki, Erwin Toller, Ludwig Renn und Erich-Maria Remarque zu seinen Lieblingsschriftstellern. Er liebte Geschichtsbücher und Reportagen. Schon als Gymnasiast übte er sich in journalistischen Arbeiten für sozialdemokratische Blätter.

Er absolvierte das Abitur am Realgymnasium. Der Planung nach sollte der talentierte Nachwuchspolitiker mit einem Stipendium der SPD, der er schon als 16 jähriger seit 1930 angehörte und in deren Jugendorganisation, der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ), er frühzeitig verantwortliche Positionen wahrnahm, seine Lieblingsfächer Germanistik und Geschichte studieren. Daraus wurde allerdings nichts, denn der erfolgreich erscheinende Nachwuchspolitiker, der immerhin einen Julius Leber zum Mentor hatte, kehrte Ende 1931 „seiner“ Partei den Rücken und trat der „Sozialistischen Arbeiter Partei“ (SAP) bei.

Das bedarf einer kurzen Erklärung, denn dieser Schritt ist für seinen weiteren Lebensweg von enormer Bedeutung – und zwar in vielfacher Hinsicht. Die SAP wurde 1931 gegründet. Sie speiste sich aus den unzufriedenen Teilen der in SPD und KPD gespaltenen Arbeiterbewegung in Deutschland, deren Spaltung angesichts der permanenten Krise der Weimarer Republik und dem Aufkommen der Nazis zur existenziellen Bedrohung wurde. Linke Sozialdemokraten, die mit der „Tolerierungspolitik“, der defensiven Beharrung auf Legalität und der Politik des kleineren Übels der sozialdemokratischen Parteiführung unzufrieden waren, trafen hier auf Kommunisten, die der offiziellen Politik der KPD und der „Kommunistischen Internationale“ (KOMINTERN) nicht mehr folgen konnten und wollten. Die Komintern, nach Stalins Machtantritt in der Sowjetunion 1924 zunehmend zum Instrument sowjetischer Außenpolitik degradiert, forderte die bedingungslose Bekämpfung der Sozialdemokratie als Hauptfeind, denn als „Sozialfaschisten“ seien sie eigentlich noch gefährlicher als die Faschisten und Nazis selbst. Mit der Deklaration der SPD zum Hauptfeind wurden die Gräben der Spaltung in der Arbeiterbewegung, dem letzten denkbaren Bollwerk gegen die Nazis, immer tiefer und verhängnisvoller. Diesem absehbaren Selbstmord der gesamten deutschen Arbeiterbewegung stellte sich die SAP entgegen, wobei sie die Fehler nicht nur auf der Seite der Kommunisten sah.

Programmatisch wollte die SAP im Geiste Rosa Luxemburgs Demokratie und Sozialismus verbinden. „Keine Demokratie ohne Sozialismus und kein Sozialismus ohne Demokratie“, so lautete das Credo. Die in jeder Hinsicht kleine Partei hatte mit Albert Einstein, Carl von Ossietzky und Lion Feuchtwanger zwar ein paar sehr prominente Unterstützer, aber darüber hinaus blieb sie ohne einen nennenswerten Einfluss. Sie löste sich im Frühjahr 1933 auf und verlegte frühzeitig den Widerstand ins Exil.

Der 18 jährige Herbert Frahm sah im Herbst 1931 die politische Lage ähnlich. Seine politische Begeisterung galt ohnehin weniger der (rechten) Sozialdemokratie von Friedrich Ebert und Gustav Noske, seine kritische Betrachtung der Weimarer SPD wird er bis zum Ende seines Lebens beibehalten. Seine jugendlichen Helden hießen dagegen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht und später dann auch der fast alle linken intellektuellen Menschen faszinierende Leo Trotzki.

Der sogenannte Preußenschlag im Juni 1932 ist für den jungen Frahm der unmittelbare Beweis für die Richtigkeit seiner Entscheidung, der SPD den Rücken zu kehren. Gegen die Versuchung bei der KPD anzuheuern, war er aus tiefsitzenden Gründen immun. In der Endphase der Weimarer Republik und auch noch eine gewisse Zeit danach, ging er mit den Fehlern der KPD weniger hart ins Gericht als mit dem, was er das klägliche Versagen und Scheitern der SPD vor den Nazis nannte. Für ihn verspielte hier die einst stärkste Arbeiterpartei der Welt, immer noch ein Vorbild und Hoffnungsträger vieler Parteien, ihren internationalen Kredit.

Später hielt Brandt die Parteigründung zwar für eine Illusion, aber an Richtigkeit seiner politischen Einstellung zweifelte er nicht. Biografisch verlor das hoffnungsvolle Talent mit seiner Entscheidung für die SAP nicht nur seinen Förderer, sein Stipendium und damit die Aussicht auf ein Studium, er musste letztlich wegen seiner neuen Aktivitäten auch sein Heimatland verlassen.

Die SAP löste sich zwar Ende Februar 1933 auf, aber am 11. und 12. März erfolgte ein Geheimtreffen in Dresden zwecks Koordination der Widerstandsarbeit in der Illegalität. Einer der teilnehmenden Genossen, die alle mit Tarnnamen ausgestattet waren, kam aus Lübeck und trug den Decknamen Willy Brandt. Seitdem heißt er nur noch so, denn aus seinem Tarnnamen wird später sein offizieller Name in der Emigration.

Warum geht Brandt sofort im April 1933 nach Oslo? Geplant war das zunächst nicht. Eigentlich sollte er die illegale Ausreise für Paul Fröhlich organisieren, der als einer der beiden SAP-Parteivorsitzenden den Widerstand von Oslo aus organisieren sollte. Aber diese Flucht, die Brandt von Lübeck aus vorbereitete, misslang, weil die SA Fröhlich zuvor enttarnte. Nun sollte Willy Brandt die Exilarbeit an seiner Stelle in Oslo übernehmen. Das war der primäre – wenn man so will freiwillige – Grund, der zweite ist, er wäre auf Grund seiner bekannten Aktivitäten in der sozialistischen Jugendarbeit gefährdet gewesen und hätte später, wenn es dann noch möglich gewesen wäre, seinen Häschern nur durch Flucht entkommen können.

II. Die Zeit der Emigration

Man muss sich vorstellen, was es heißt mit nicht einmal zwanzig Jahren seine Heimat in eine völlig ungewisse Zukunft zu verlassen. Andererseits hatte er nichts, also hatte er auch nichts zu verlieren. Er wird ganz persönlich die Zeit der Emigration in Norwegen und später in Schweden immer in dem Zweispalt des allgemeinen politischen Elends einerseits und dem Erfahrungs- und Lernschatz für sich persönlich sehen. Materiell erlebt er, mit nichts kommend und nichts verlierend, die Zeit erträglicher als andere.

Brandt lernt schnell norwegisch – wie er überhaupt Sprachen reichlich und schnell lernte (englisch, französisch, spanisch) – und betätigt sich nicht nur für die SAP, sondern auch für Blätter der norwegischen Arbeiterpartei als Journalist und Korrespondent. Er schreibt Artikel, Aufsätze und veröffentlicht Broschüren. Der politisch größte Gewinn ist für ihn die liberale, nicht-autoritäre norwegische Kultur, die auch die dortige Arbeiterpartei prägt. Die steht zwar links von der deutschen Sozialdemokratie, ist aber zugleich sehr viel weniger doktrinär, offener und undogmatischer. Hier lernt er eine Kultur und Form von Arbeiterbewegung und Partei kennen, die seinem Geschmack und Naturell des Zusammenführens, des Verbindens und der Versöhnung sehr viel mehr entspricht. Dass Theorien hier einen eher untergeordneten Stellenwert haben, kommt ihm ebenfalls sehr entgegen, denn da liegen weder seine Stärken noch Interessen. Karl Marx hat er gelesen und zählt sich auch mit zu den Marxisten, aber viel davon merkt man in seiner Argumentation nicht.

Zwar brachten ihn geheime „Auslandsreisen“ ins Nazi-Deutschland, die er mit norwegischen Pass und Namen unternahm, auch ins Fadenkreuz der Gestapo, aber er überstand sie glücklich. Weitere Stationen waren Mitte der dreißiger Jahre Paris, wo er als Beobachter der dortigen Volksfrontberatungen zugegen war und Spanien, wo er 1937 den dort ausgebrochenen Bürgerkrieg als Korrespondent beobachtete. Hier lernt er einerseits bedeutende Zeitgenossen wie Andre Malraux, Ernest Hemingway, George Orwell kennen, aber auch die entnervenden Zänkereien der politischen Sekten und die Führungsansprüche der stalinistischen KP und Komintern. All dies erlebt er in relativer Sicherheit und nicht – wie Herbert Wehner zu sagen pflegte – „als Toter auf Urlaub“. Allerdings war dessen Exil in Moskau auch die andere Hölle: eben die der stalinistischen Säuberungen und Schauprozesse.

Aber diese Erfahrungen sind politisch folgenreich. Noch vor dem Hitler / Stalin-Pakt erlischt sein Glaube an die Möglichkeit einer gemeinsamen Front gegen Hitler, die doch nach der katastrophalen Niederlage gegen die Nazis in Deutschland der letzte Hoffnungsschimmer der europäischen Antifaschisten war. Hoffnungen, die der 7. Kongress der KOMINTERN mit seiner Selbstkritik an der Sozialfaschismusthese und der Hinwendung zur Volksfront genährt hatte, erfüllten sich nicht, denn die Kommunisten hatten nur ihre Taktik geändert, aber ihren Führungsanspruch erhielten sie aufrecht.

Als er nach dem Jahr in Paris und Spanien nach Oslo zurückkehrt, fühlt er sich erleichtert und wie Zuhause. Wer den Politiker Brandt in den fünfziger bis in die sechziger Jahre in seinem Verhältnis zur „Zone“ und zum Kommunismus verstehen will, der findet hier erste Antworten. Langsam löst er sich von seiner ersten Vergangenheit, das gilt auch für den Einfluss Rosa Luxemburgs auf sein Denken. Er habe es irgendwann – schrieb er später – nicht mehr für hilfreich angesehen, immer zu fragen, was würde Rosa dazu sagen. An der Wertschätzung ihrer Person änderte das nichts.

Der politische Erfahrungsschatz seines skandinavischen Exils ist reichhaltig. Kompromisse verlieren für ihn den negativen Beigeschmack, sie werden nun zur politischen Tugend. In der Zeit bis zum Ende des Weltkrieges liebäugelt er mit Ideen eines Dritten Weges zwischen amerikanischen Kapitalismus und sowjetischen Kommunismus. Von beiden etwas, aber doch weder das eine noch das andere ganz. Eine umfassende Demokratisierung der Gesellschaft und der Wirtschaft ist das Ziel, das ist der Sozialismus. In diesem Sozialismusbegriff wird unter dem Einfluss des bedeutenden schwedischen Nationalökonomen Gunnar Myrdal die Bedeutung des Privateigentums an Produktionsmitteln relativiert. Diese Erkenntnis zieht er aus den Erfahrungen in der Sowjetunion, wo sich zeige, dass die Verstaatlichung oder auch die Vergesellschaftung der Produktionsmittel keine Gewähr ist für eine freiere, gerechtere und humanere Gesellschaft.

Man könnte es in seinem Sprachduktus auf die neue Formel bringen: Demokratie ist ohne Sozialismus denkbar, aber nicht Sozialismus ohne Demokratie. Ohne Freiheit und Demokratie als Fundament ist der Sozialismus nichts. Der an den Nöten und Wünschen der Menschen orientierte Reformismus der skandinavischen Arbeiterparteien, der keinen fertigen Endvorstellungen einer idealen sozialistischen Gesellschaft hinterherläuft, wird seine Maxime. Wenn man will, ist das die Vorwegnahme der Grundidee des wegweisenden Godesberger Programms der SPD von 1959, auch wenn bei Brandt der Sozialismus als demokratischer Sozialismus das zu erreichende Ziel bleibt.

Ein zweiter wichtiger Themenblock, der den Hauptteil seiner damaligen Publikationen ausmacht – und später viel Staub aufwirbeln wird – sind die Fragen der Nachkriegsordnung. Im schwedischen Exil, das er nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Norwegen 1940 aufsuchen muss, formuliert er seine Ansichten im Kreis gleichgesinnter Exilanten, zu dem auch der spätere sozialdemokratische österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky gehört. Selbstbewusst und selbstironisch nennt man sich die „kleine Internationale“.

Brandt geht zu dieser Zeit noch davon aus, dass die Kriegsallianz hält und hofft auf die UNO als Fundament einer neuen Weltordnung. Ambivalent bleibt sein Verhältnis zur Sowjetunion, die er in ihrer durch Stalinismus geprägten Form einschließlich ihrer Außenpolitik ablehnt, die aber zum Sieg über Hitler unverzichtbar ist. Unsicher ist er auch gegenüber den Westmächten angesichts ihrer konservativen Ausrichtung. Da er den künftig so bedeutend werdenden Konnex von Innen- und Außenpolitik erahnt, plädiert er – wie erwähnt – gesellschaftspolitisch für einen Dritten Weg jenseits der USA und der UdSSR.

Aber alle seine Betrachtungen zur Nachkriegsordnung, die zwangsläufig spekulative Elemente – eben Einschätzungen – enthalten, gehen davon aus, dass die Alliierten dauerhaft zusammenhalten. Er glaubt – vielmehr er hofft, dass sich die Deutschen, dem italienischen Vorbild bei der Entledigung Mussolinis folgend, aus eigener Kraft von den Nazis befreien werden. Dass sich auch Grenzfragen stellen würden, war ihm früh klar, doch hier hoffte er auf die Anwendung des Selbstbestimmungsrechts gemäß der Atlantik-Charta.

 

 

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