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Freitag, April 16, 2021

Der VfL straft seine Kritiker mit einem großartigen 1:0-Sieg in Karlsruhe!

Der VfL gewinnt in der Baustelle Wildparstadion nach einer soliden Leistung in Karlsruhe und holt erstmals nach elf Spielen wieder drei Punkte. Die Osnabrücker wirkten vor allem stabiler und couragierter als in den vergangenen Monaten und könnten damit die entscheidende Wende im Abstiegskampf eingeleitet haben.
Dieser Sieg ist Balsam für die geschundene VfL-Seele oder wie mein Bochumer Opa gesagt hätte: Er ist Ölchen für das Seelchen.

Vor dem Spiel …

Foto: Violet Crew

Vor dem Hinspiel am 05.12.2020 schrieb der Autor dieses Berichts: „Tatsächlich spielt der VfL heute als Tabellenfünfter des neunten Spieltags gegen den Achten aus Karlsruhe. Vor einem Jahr stand der VfL nach neun Spieltagen auf Platz 13 und Karlsruhe auf Platz 9.
Beim KSC, der sich gegenüber der letzten Saison unter anderen mit Jung von Hannover 96, Gondorf vom SC Freiburg, und Bormuth von Fortuna Düsseldorft verstärkt hat, ist insbesondere auf Stürmer Philipp Hofmann zu achten, der in der vergangenen Saison 17 Treffer erzielte und in der aktuellen bereits vier.“ Es sind mittlerweile 10 Treffer und nicht der VfL, sondern Karlsruhe steht nun auf Platz fünf.
Was gibt es vor dem Spiel sonst noch zu berichten?
Seitens des VfL nicht viel außer den üblichen Durchhalteparolen: „Da wir alle nicht in einer Traumwelt leben, wissen wir, dass wir Siege brauchen. Dazu gibt es noch neun Gelegenheiten, eine davon ist am Samstag. Wir müssen dafür sorgen, dass wir am Ende der Saison eine Punktzahl haben, die uns berechtigt, weiter in dieser Liga zu bleiben.“
A watt …
Und natürlich schaue man wie immer nur auf sich und nicht auf den Gegner und so weiter. Was soll man als Trainer auf die stereotypen Fragen der Journalisten auch antworten? Und die wiederum können nichts für ihre stereotypen Fragen, weil sie Text liefern müssen und sich nicht alles aus den Fingern saugen können – wenngleich es da auch andere Beispiel gibt …
Tatsächlich interessant ist natürlich durchaus, wer für den Kader nominiert oder verletzt ist. So gehören Koka Engel und David Blacha wieder zum Aufgebot. Und auch wenn man nicht auf den Gegner schaut, sollte man das Trainerteam des VfL vielleicht dezent darauf hinweisen, dass zwei Spieler des KSC unter Quarantäne stehen, und zwar Mittelfeldspieler Alexander Groiß, der bislang auf acht Einsätze kam, und der Ex-Nürnberger Verteidiger Philip Heise, der bei nur drei Spielen fehlte.

Kommen wir also zu den heutigen Aufstellungen:
Markus Feldhoff hat sich in seinem dritten Spiel als Cheftrainer mit einer Ausnahme, Santos für Schmidt, zur gleichen Aufstellung wie gegen den FC St. Pauli entschlossen.
Beim KSC ersetzt gegenüber dem 2:2 in Paderborn Wimmer den an Covid-19 erkrankten Heise.

Beginn …

Schiedsrichter Florian Lechner aus Hornstorf pfeift bei frühlingshaften 12 Grad und Sonnenschein pünktlich um 13.00 an. Anstoß haben die ganz in Gelb gekleideten Osnabrücker.
Gleich in der zweiten Minute ein Paukenschlag: Nach einem scharf in den Strafraum geschossenen Eckball wird Bapoh von Kobald von den Beinen gesäbelt. Schiri Lechner zögert keine Sekunde und deutet auf den Elfmeterpunkt. Kein Protest der Karlsruher.
Kerk läuft an und schießt halbrechts aufs Tor. Gersbeck kann den recht schwachen Schuss  parieren und den Ball im Nachfassen unter sich begraben.
Die Osnabrücker stecken den kleinen Schock gut weg und agieren weiterhin druckvoll. Sieht man von einem katastrophalen Fehlpass (13.) von Taffertshofer ab, steht die Abwehr super und lässt den KSC kaum zur Entfaltung kommen. Der VfL startet selbst einige gefällige Angriffe, die allerdings nicht konsequent zu Ende gespielt werden.

Nach einer Viertelstunde …

… ist der VfL ein gleichwertiges Team und kombiniert sich immer wieder gefällig vor das Karlsruher Tor. Besonders Reis, Santos und Kerk sorgen für Bewegung in der Karlsruher Hälfte.
In der zwanzigsten Minute kommt der KSC zur ersten echten Torchance, als Wanitzek auf Höhe des rechten Strafraumecks mit Links abzieht. Kühn taucht nach unten und kann den Ball zur Ecke klären, die nichts einbringt.
Ansonsten bleibt der KSC bis zu diesem Zeitpunkt im Angriff recht harmlos und kann den ein oder anderen Patzer in der Osnabrücker Abwehr nicht ausnutzen.
Nach einem Pass in die Tiefe (30.) taucht plötzlich Choi frei vor dem Osnabrücker Tor auf, doch der aufmerksame Ludowig Reis erkennt die Situation sofort, sprintet in einem Wahnsinnstempo zurück und kann den Karlsruher in letzter Sekunde am Schuss hindern. Eine Aktion, die zeigt, wie unverzichtbar der Holländer für den VfL ist.
Eine Minute danach ein Sturmlauf von Kerk auf der linken Seite, seine hohe Flanke erreicht Santos auf Höhe des Elfmeterpunkts, dessen Kopfball aber in Schräglage sowohl das Tor als auch den freistehenden Wolze verfehlt. 
Karlsruhe übernimmt nun mehr und mehr das Kommando, kommt immer gefährlicher vor das Osnabrücker Tor und man muss allmählich Angst um den VfL haben. In der 41. Minute ein Gewaltschuss aus 18 Metern von Wanitzek, den Trapp mit einem Spagat zur Ecke klären kann. Der Halbzeitpfiff wirkt beruhigend. 

Halbzeitfazit:

Karlsruhe ist alles in allem das etwas bessere Team, dennoch hätte der VfL in Führung gehen können und kam auch nach dem vergebenen Elfmeter noch zu einigen Chancen. Die Aktionen der Karlsruher wirken zwar konsequenter und spielerisch gekonnter, doch ist hier durchaus ein VfL-Sieg möglich, wenn vorne endlich mal einer der gut vorgetragenen Angriffe erfolgreich abgeschlossen wird.
 
Tipp: Die Halbzeitgedanken sind eine Melange aus Hintergrundinformationen und Kommentaren, die von Spiel zu Spiel mit dem jeweiligen Gegner aktualisiert werden. Wem das Lesen der Halbzeitgedanken zu mühselig ist: Einfach weiter nach unten scrollen, dort geht es dann mit dem aktuellen Spielbericht weiter.

Halbzeitgedanken:
Dass der Karslruher SC tatsächlich “Karlsruher Sport-Club Mühlburg-Phönix e. V.” heißt, war mir bis zum Erstellen dieser Zeilen auch noch nicht bewusst. Dieses Namensungetüm ist der Fusion des Karlsruher FC Phönix und des VfB Mühlburg im Jahre 1952 geschuldet. Heute hat der KSC 8.500 Mitglieder. Alles Weitere findet man auf Wikipedia.
Das  berühmte Wildparkstadion befindet sich seit 2018 im permanenten Umbau und soll Ende 2022 endlich fertiggestellt sein. Ziel ist ein reines Fußballstadion mit 35.000 Plätzen.

Nicht ganz abwegige Halbzeitgedanken:
Karlsruhe hat 310.000 Einwohner, ist also fast doppelt so groß wie Osnabrück.
92,9 Prozent wählten bei der Gemeinderatswahl 2019 demokratische Parteien, wobei die Grünen mit 30.1 % die mit Abstand meisten Stimmen bekamen, gefolgt von der CDU mit 18,7 und der SPD mit 14,3 %.

Seit dem 1. März 2013 ist Frank Mentrup von der SPD Oberbürgermeister der Stadt.

Nostalgische Halbzeitgedanken 1:
Ältere VfL-Fans verbinden mit Karlsruhe auch die glorreiche Zeit der 68er-Mannschaft und die folgenden Aufstiegsrunden zur Bundesliga, während derer beide Clubs immer wieder aufeinander trafen.
Im Verhältnis zur tatsächlichen Größe der Stadt gerieten die proletarischen Massen 1968 nirgendwo anders mehr in Wallung als in Osnabrück. Im Arbeiterviertel Schinkel bewegten sich alle zwei Wochen bis zu 32.000 Menschen mit wehenden Fahnen und von der Bahn entwendeten Signalhörnern zu ihrer Kultstätte Bremer Brücke, um ihren Helden zu huldigen und, angelehnt an das „Ho! Ho! Ho Chi Minh!“ aus den Studentenstädten, „Ka! Ka! Kaniber!“ zu skandieren.
Der VfL Osnabrück legte nämlich wie aus dem Nichts die bis heute beste und aufregendste Saison aller Zeiten hin und Marx, Engels, Lenin und Ho Chi Minh hießen bei uns Mumme, Baumann, Schröder und Kaniber. Tatsächlich fand nicht nur ein optischer Fri­surenwechsel auf dem grünen Rasen statt, die Spieler genossen mit einem Mal mehr Freiheiten auf dem Platz, weil sie sich diese einfach nahmen. Der gesellschaftliche Umbruch machte also auch vor der Bremer Brücke und vor verknöcherten Vereinsstrukturen nicht Halt. Das Leben schien zumindest im Freizeitbereich peu à peu verspielter und entspann­ter zu werden.

Nostalgische Halbzeitgedanken 2 (Nachschlag):
Unvergessen auch die Livereportage per Telefon aus dem Karlsruher Wildparkstadion. Ob Hartwin Kiel, Günter Grotemeier oder schon Jürgen Bitter die Übertragung gemacht hat, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, dass sich um die 5.000 VfL-Fans auf dem Hof der Osnabrücker-Aktien-Bier-Brauerei versammelt hatten, um der Reportage und dem Klang aus den krächzenden Lautsprechern beizuwohnen. Als Carsten Baumann den VfL in Führung brachte, brach grenzenloser Jubel aus, der minutenlang anhielt, so dass einige den Ausgleich des KSC gar nicht mitbekommen hatten. Mit dem 1:1 war der VfL nach drei Spielen mit 4:2 Punkten sensationell gut in diese Aufstiegsrunde gestartet und scheiterte am Ende nur gegen Rot-Weiß Essen.


Die links abgebildeten Biergläser waren damals nicht nur die Renner in allen Osnabrücker Kneipen und Restaurants, sondern auch in vielen Haushalten. Von den damals 15.000 produzierten Gläsern dürften auch heute noch viele als heilige Reliquie in Osnabrücker Haushalten überlebt haben.

Zur zweiten Hälfte wechseln beide Teams nicht aus und …

… und wie die erste Halbzeit beginnt sie mit einem Paukenschlag: Meine Halbzeit-Prognose eines möglichen Sieges wird umgehend vom VfL erfolgreich umgesetzt, ich bin selbst ganz baff! Was für eine Kombination! Kerk angelt sich den Ball im Mittelfeld, spielt auf Reis, der auf der linken Seite loszieht, dann im Strafraum rechts auf den mitgelaufenen Kerk spielt, der weiter auf Santos gibt, der seinerseits aus vier, fünf Metern den Ball über die Linie drückt. 1:0 für den VfL!
Was für ein Befreiungsschlag nach all den Monaten. Was für ein Durchatmen!
Und der VfL macht weiter. Nach einem Doppelwechsel der Karlsruher, spielt Santos in den Lauf von Bapoh, aber Gersbeck schnappt sich den Ball kurz vor dem Osnabrücker (54.) und in der 60. Minute vergibt Kerk eine gute Schussmöglichkeit aus gut 13 Metern ziemlich kläglich. Es hätte tatsächlich schon 2:0 für den VfL stehen können.

Ab der 60. Minute …

… dreht sich das Spiel immer mehr zugunsten der Karlsruher, die nun natürlich den Druck erhöhen. Chancen durch Wanitzek, Kother, Choi oder Amaechis konnten von der guten VfL-Abwehr entschärft werden.
Der KSC spielt recht ordentlich, aber beileibe nicht wie ein Spitzenteam, und der VfL wirkt keinesfalls wie ein Abstiegskandidat, wie auch immer diese Partie ausgehen mag.
In der 76. Minute lenkt der bislang tadellos agierende Kühn einen hohen Ball mit der Hand nicht ins Toraus sondern nach vorn in den Strafraum. Ein klassischer Torwartfehler. Dort kommt der offenbar völlig überraschte Wimmer unvermittelt an den Ball, kann das Leder aber nur ans Außennetz setzen. Das hätte der Ausgleich sein müssen.
Die VfL Abwehr steht nach wie vor gut, aber es kommt kaum noch zu Entlastungskontern. In der 93. Minute ein letzter gefährlicher Angriff des KSC, dessen erfolgreiche Abwehr von den Osnabrückern wie ein Tor gefeiert wird. 
Und dann ist endlich Schluss! Und mit den Steinen, die den VfLern vom Herzen gefallen sind, können die Karlsruher nun in Ruhe ihr Stadion zu Ende bauen. Es sei ihnen gegönnt.

Fazit:

Der VfL gewinnt in der Baustelle Wildparstadion nach couragierter Leistung in Karlsruhe und holt erstmals nach elf Spielen wieder drei Punkte. Der VfL wirkte vor allem stabiler als in den vergangenen Monaten und könnte damit die entscheidende Wende im Abstiegskampf eingeleitet haben. Die Wochen der Wahrheit beginnen allerdings erst am 11.04. mit der Partie gegen Eintracht Braunschweig.

ZAHLEN | DATEN | FAKTEN

Zuschauer: keine 

Tore:
0:1 Santos (48.)

Gelbe Karten:
(42.) Wimmer
(67.) Wolze

Besondere Ereignisse:
(02.) verschossener Elfmeter für den VfL Osnabrück
 
Karlsruher SC:
Gersbeck – Thiede, Bormuth (69. Batmaz), Kobald, Wimmer – Wanitzek, Gondorf, Choi – Goller (52. Amaechi), Hofmann, Lorenz (52. Kother)
Trainer: Christian Eichner

VfL Osnabrück:

Kühn – Gugganig, Beermann, Trapp – Ajdini, Taffertshofer, Wolze (69. Heider) – Bapoh (59. Henning), Reis (69. Blacha), Kerk – Santos (83. Multhaup) 
Trainer: Markus Feldhoff

Schiedsrichter: 


Statistik:
Insgesamt trafen die beiden Clubs vor dem Spiel 26-mal aufeinander.
Dabei gab es acht Siege für den VfL, neun Unentschieden und neun Siege für den KSC. Hier geht es wie immer zur kompletten Statistik von „fussballdaten.de“.

Tabellarisches

Vor dem heutigen Spieltag stand der VfL nach nur einem Punkt in elf aufeinanderfolgenden  Spielen mit der Durchschnittsnote 3,53 auf einem zwölften Platz der Kicker-Formtabelle, wohingegen die Karlsruher mit der Note 3,31 Tabellenvierter sind. Tatsächlich spielte der VfL als Sechzehnter des 26. Spieltags gegen den Fünften aus Karlsruhe.

Über den Autor
Kalla Wefels Saisonrückblick 2019/20 erschien im aufwändigen A-4-Format und ist unter anderem bei Bücher Wenner erhältlich. Dietrich Schulze-Marmeling schreibt in seinem Vorwort: “Herausgekommen ist ein großartiges Saisonbuch. Eigentlich ist es weit mehr als das …” Um die Spielberichte herum ranken sich Reportagen, “Halbzeitgedanken”, Hintergrundberichte, Fankommentare und Kolumnen. 160 Seiten A-4-Format / 12,00 € Kalla saß mit zwei Jahren zum ersten Mal auf der Trainerbank des VfL, und zwar auf dem Schoß seines Vaters „Doc“ Wefel, der 34 Jahre lang Mannschaftsarzt und Vorstandsmitglied war. Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß, Jupp Heynkes, Gerd Müller, Paul Breitner, Lothar Matthäus, Diego Maradona und Kalla Wefel hatten denselben Fußballtrainer, nämlich Udo Lattek, der einst bei Familie Wefel ein und aus ging. Diese und viele weitere skurrile, heitere und ernste Geschichten und Anekdoten um den VfL lassen sich in seinen Büchern „Mein VAU-EFF-ELL!“ und „111 Gründe, den VfL Osnabrück zu lieben“ nachlesen. Die von ihm 2010 mit viel Aufwand produzierte CD „Wir sind der VfL“ wurde 5.000 mal verkauft und der komplette Erlös (etwa 30.000 €) ging an terre des hommes. Seine VfL-Heimatabende sind legendär.
Mit „Kär, Kär, Kär!“ schrieb er das nach der Bibel und „Mein Kampf“ meistverkaufte Buch Osnabrücks. Mit „Der VfL in der Saison 2019/20“ hat er ein neues Format entwickelt, das von nun an jährlich erscheinen soll. Seit rund fünfzig Jahren arbeitet er professionell als Journalist und Buchautor sowie als Kabarettist und Musiker.

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