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Donnerstag, Mai 6, 2021

Dunkle Wolken über der Bremer Brücke … VfL-Regensburg 0:1

Der VfL kann nicht mehr zu Hause gewinnen und verliert zurecht gegen einen etwas besseren Gegner aus Regensburg mit 0:1. Die elfte Heimniederlage in Folge ist ein unrühmlicher Rekord, der nicht unbedingt in den direkten Abstieg führt, aber höchstwahrscheinlich in die Relegation.

Vor dem Spiel

Covid-19 bestimmt mittlerweile in der zweiten Liga den Terminplan. Immer wieder werden Spiele abgesagt oder verschoben. So ist auch das heutige Nachholspiel einer Quarantäne der Regensburger geschuldet. Dass sich beim VfL ein Spieler infiziert hat, ist nur noch eine Randnotiz. Leere Stadien, dezimierte Kader, skandalöse Schiedsrichterentscheidungen gegen die Würzburger Kickers, ein selbstherrlicher DFB und zu guter Letzt ein VfL, der alles Mögliche macht, nur keinen Spaß mehr.

Nach der hochverdienten Heimniederlage gegen Eintracht Braunschweig nun also heute die große Chance zur Rehabilitation, und das gegen einen Gegner, der bislang allenfalls im DFB-Pokal ein paar Bäume ausgerissen hat und in der Liga bei einer heutigen Niederlage selbst noch in Abstiegsgefahr gerät.

Die sportliche Leitung mit den üblichen Durchhalteparolen, die allerdings schon weniger Optimus versprühen als während der Spieltage zuvor – zu tief steckt der Schock der gnadenlosen 0:4-Niederlage offenbar noch allen in den Knochen. Ein durchaus angenehmer Zustand allgemeiner Bescheidenheit machte sich in den vergangenen Tagen breit, den man sich durchaus dauerhaft wünschen würde.

Die VfL-Hymne erklingt und die Spieler können womöglich von Glück reden, nicht mit einem Pfeifkonzert begrüßt zu werden – jaja, unsere Fans halten immer zum Verein. Die Frage, ob die Mannschaft von Versagensängsten geplagt oder mit einer Jetzt-erst-recht-Mentalität ins Spiel geht, wird sich erst in knapp zwei Stunden beantworten lassen, alles andere ist pure Spekulation. Ganz ehrlich: Am liebsten wäre ich jetzt zu Hause im Bett, um mir dort zum hundertsten Mal „Love & Mercy„, die Lebensgeschichte von Brian Wilson, anzusehen und anzuhören – soviel zu meinem Gemütszustand und kruden Gedanken nach 65 Jahren Brücke und 55 Jahren „Pet Sounds“ und „Smile“ nur zwei Minuten vor Spielbeginn … denn mit Musik lassen sich böse Gedanken verjagen …

Schnell etwas Positives: Am Samstagabend gibt es übrigens im Internet ein Wiedersehen mit vielen Exspielern des VfL zu sehen. Die Fanabteilung feiert denn 122. Geburtstag unseres VfL. Ich habe gestern noch mit Hansi Alpert und Walter Wiethe telefoniert und heute mit Jan Tauer. Lasst euch überraschen, wer am Ende tatsächlich dabei sein wird.

Beim VfL sind übrigens gegenüber dem Braunschweig-Desaster Wolze und Henning für Heider und Bapoh in der Startelf. Und nun pfeif endlich an, du Pfeife, sonst fang ich noch an, von meiner Zeit in der VfL-Knabenmannschaft von 1962 zu schwadronieren … 

Beginn

… endlich hat Schiedsrichter Michael Bacher aus dem beschaulichen oberbayerischen Amerang-Kirchensur ein Einsehen mit meinem Gefühlschaos und pfeift bei zwar trockenem, aber arschkaltem Wetter das Spiel an.
Anstoß hat der VfL, der in der ersten Halbzeit Richtung Westkurve spielt. Schon die ersten Minuten zeigen, dass hier viel auf dem Spiel steht. In der fünften Minute die erste Torchance für die Regensburger, als nach einem Osnabrücker Fehlpass Caliskaner an den Ball kommt und mit einem allerdings zu schwachen Schlenzer Kühn vor keine Probleme stellt. 
Die nächste Chance gehört dem VfL, aber Santos‘
Kopfball geht rechts am Tor vorbei. In der 13. Minute ein Tor für Regensburg, das nicht gegeben wurde, da Stolze im Abseits gestanden haben soll, was durchaus bezweifelt werden darf.

Nach einer Viertelstunde …

… ist der Jahn aus Regensburg das aktivere Team, und das nicht nur wegen des Abseitstors. In der 21. Minute muss Santos verletzt vom Platz, für ihn spielt nun Heider.
In der 23. Minute kommt Caliskaner viel zu leicht zu einer Torchance, Kühn kann den schwach geköpften Ball aber ohne Probleme parieren.
Dann in der 25. Minute der Schock: Gugganig klammert Albers im Strafraum. Eine harte, aber korrekte Entscheidung. Der Gefoulte tritt selbst an, verlädt Kühn und verwandelt lässig unten rechts ins Tor.

Foto: Revierfoto

Der Jahn ist während der ersten halben Stunden die bessere Mannschaft, wirkt bei fast allen Aktionen wacher und schneller als der VfL, dem man nicht einmal mangelnden Einsatz vorwerfen kann.
in 37. Minute muss der angeschlagene Taffertshofer vom Platz, für ihn kommt Blacha in die Partie. Regensburg lässt zum Ende der ersten Halbzeit die Zügel ein wenig schleifen und so kommt der VfL immerhin zu einer Schusschance durch Kerk (41.), die allerdíngs vom Regensburger Torwart Meyer mit Leichtigkeit zunichte gemacht wird.
Es gibt wegen der vielen Verletzungen sechs Minuten Nachspielzeit und fast fällt der Ausgleich, als der unermüdliche Reis aus 18 Metern abzieht und der Schuss von Meyer noch gerade an die Latte gelenkt werden kann. Die beste VfL-Aktion in dieser ersten Halbzeit.

Halbzeitfazit

Es ist arschkalt und ich bitte, Tippfehler zu entschuldigen …
Die Regensburger führen zwar völlig verdient, die letzten Minuten lassen aber nicht nur wegen des Lattenschusses von Reis hoffen, dass der VfL das Spiel womöglich noch nicht verloren hat.
 
 
 
 
 
Tipp: Die Halbzeitgedanken sind eine Melange aus Hintergrundinformation und Kommentar. Wem das Lesen der Halbzeitgedanken zu mühselig oder gar zu informativ ist: Ganz einfach weiter nach unten scrollen, dort geht es dann mit dem aktuellen Spielbericht weiter.

Halbzeitgedanken:
Den SSV Jahn Regenburg gibt es seit 1907. Heiko Herrlich führte die Profimannschaft nur 110 Jahre später nach etlichen Aufs und Abs 2017 in die zweite Liga. Aktueller Trainer ist der ehemalige Jahn-Spieler Mersad Selimbegovic.
Das altehrwürdige Jahnstadionwurde 2015 verlassen und man zog in die neu errichtete Continental Arena, ein gegenüber so manchem anderen Retortenstadion nicht gänzlich ungelungener Neubau, sieht man davon ab, dass er an der Franz-Josef-Strauß-Allee liegt. Es gibt immerhin 6.200 Stehplätze bei einer Gesamtkapazität von 15.210, wobei eine Tribüne den schrulligen Namen Netto-Tribüne trägt, denn der Lebensmitteldiscounter ist seit 2017 der Hauptsponsor des SSV. Ich warte noch auf die Lautsprecherdurchsage bei einer Verletzung: “Snickers! Wenn’s mal etwas länger dauert …”

Naheliegende Halbzeitgedanken:
Regensburg liegt, leicht östlich versetzt, zwischen München und Nürnberg, hat 152.000 Einwohner und die sehenswerte Altstadt ist seit 2003 Weltkulturerbe.
Bei der Kommunalwahl im März 2020 fielen 13 der 50 Plätze im Stadtrat auf die CSU, 11 auf die Grünen, jeweils 6 auf die SPD und „Brücke“ die restlichen 14 auf acht kleinere Parteien und Wählergruppen. Gertrud Maltz-Schwarzfischer von der SPD wurde in der Stichwahl am 29. März 2020 zur Oberbürgermeisterin gewählt.

Abwegige Halbzeitgedanken:
Als ich mit meinem ehemaligen Kabarettduo “Spvg. Turn & Taxis” vor 22 Jahren in der ausverkauften Alten Mälzerei in Regensburg auftrat, blickte man von der Bühne aus direkt auf eine riesige Leuchtreklame der “Fürstlichen Brauerei Thurn und Taxis”. Nach einigen Minuten entdeckte ich vor einer Fensterfront die Silhouette von Gloria von Thurn und Taxis, die sich, wie sich später herausstellte, in Begleitung eines Anwalts unter das Publikum gemischt hatte.
Dass ihr unser Name nicht behagte, lag auf der Hand, aber ihr Anwalt schien ihr – schon wegen des fehlenden “h” in unserem Namen – von einem Prozess abgeraten zu haben, denn leider passierte nach dieser Begegnung der dritten Art in dieser Richtung nichts mehr.

Völlig abwegige Halbzeitgedanken:
Ein Jahr später traten wir eine Woche lang in dem wunderbaren Regensburger Turmtheater auf und waren etwa 15 Kilometer außerhalb der Stadt recht komfortabel in einem Flügel eines kleinen Schlosshotels untergebracht. Als wir nach einem Auftritt gegen zwei Uhr morgens ins Hotel kamen und in der Lobby noch etwas trinken wollten, staunten wir nicht schlecht: Im Hinterhof brannte neben einem Indianerzelt noch ein großes Lagerfeuer, um das ein Mann und ein ganzes Dutzend Frauen nackt tanzten und allen Ernstes sangen: “Ich bin ein Bi-Ba-Butzemann.” Am nächsten Tag erfuhren wir, dass der Kursleiter unfassbar viel Geld für ein “Schwitzhütten”-Wochenendseminar von den Frauen verlangt hatte. Nach dieser schrecklich-schrägen Erfahrung schrieb ich die Szene “Esoterik ist Zellulitis im Hirn.

 

Der VfL wechselt zur zweiten Hälfte offensiv … 

… für Henning kommt Grot ins Spiel. Die Partie wird von beiden Seiten weiterhin mit viel Einsatz geführt und der VfL findet nun schlichtweg mehr statt als in der ersten Hälfte und kommt immer wieder vor das Regensburger Tor, aber eben so gut wie nie zum Abschluss.
Wie schon in der ersten Halbzeit gibt es eine Verletzungspause oder sonstige Unterbrechung nach der anderen. 

Nach 60 Minuten …

… hat der VfL sich noch lange nicht aufgegeben. Insbesondere Ludovit Reis treibt die Mannschaft immer wieder nach vorn. Das Spiel lebt nun allein vom unermüdlichen Einsatz beider Teams, Torchancen gibt es so gut wie keine.
Die Regensburger sind wirklich keine Übermannschaft, dennoch wirken ihre Aktionen abgeklärter als die der Osnabrücker, denen im Angriff bislang nicht viel einfällt. Am Sechzehner ist meistens Schluss, weil dort niemand den Ball halten kann.
Das Spiel verflacht zum Ende hin immer mehr.
In der 84. Minute säbelt der Regensburger Beste den VfLer Blacha um und erhält völlig zurecht die rote Karte. Hoffnung keimt auf, zumal mit dem vor wenigen Minuten eingewechselten Amenyido ein Spieler eingewechselt wurde, der wissen dürfte, wo das Tor steht.
Der VfL versucht mit seinen bescheidenen Bordmitteln bis zum Schlusspfiff wirklich alles, aber es reicht eben einfach nicht. Kämpferisch kann man der Mannschaft wahrhaftig keinen Vorwurf machen.

Fazit:

Der VfL verliert in einer unansehnlichen Partie, die von beiden Seiten mit viel Hektik und Fouls geführt wurde. Die elfte Heimniederlage in Folge ist ein unrühmlicher Rekord, der nicht unbedingt in den direkten Abstieg führt, aber höchstwahrscheinlich in die Relegation.

ZAHLEN | DATEN | FAKTEN

Zuschauer: keine

Tore:
0:1 Albers (26 Foulelfmeter.)

Gelbe Karten:
(25.) Gugganig  
(29.) George
(45.+5) Gimber
(68.) Meyer
(80.) Otto

Rote Karte
(84. Beste)

VfL Osnabrück:
Kühn – Gugganig (78. Reichel), Beermann, Trapp – Ajdini, Taffertshofer (37. Blacha), Wolze (78. Amenyido)- Reis, Henning (46. Grot)- Santos (21. Heider), Kerk
Trainer: 
Markus Feldhoff

Jahn Regensburg:
Meyer – Saller, Elvedi, Kennedy, Wekesser – Besuschkow, Gimber (69. Moritz) – Caliskaner (69. Otto), George (60. Opoku / 90. Palonis), Stolze (69. Beste) – Albers
Trainer: Mersad Selimbegović

Schiedsrichter: Michael Bacher (Amerang-Kirchensur)

Statistik: Insgesamt trafen die beiden Vereine vor der heutigen Partie fünfzehnmal aufeinander, die Bilanz sieht für den VfL bei sieben Siegen, fünf Unentschieden und drei Niederlagen positiv aus.
Hier geht es zur kompletten Statistik von “weltfussball.de“.

Tabellarisches
Vor dem heutigen Spieltag stand der VfL mit einer Durchschnittsnote von 3,56 auf dem elften Platz der Kicker-Formtabelle, wohingegen sich der Jahn mit der Note 3,50 einen Platz darüber befindet. Tatsächlich spielte der VfL als 16. des 28. Spieltags gegen den 14. aus Regensburg.

 

Hier geht es zur aktuellen Tabelle der 2. Fußballbundesliga

Über den Autor
Kalla Wefels Saisonrückblick 2019/20 erschien im aufwändigen A-4-Format und ist unter anderem bei Bücher Wenner erhältlich. Dietrich Schulze-Marmeling schreibt in seinem Vorwort: “Herausgekommen ist ein großartiges Saisonbuch. Eigentlich ist es weit mehr als das …” Um die Spielberichte herum ranken sich Reportagen, https://www.buecher-wenner.de/s/details.php?back=S&isbn=9783981780772“Halbzeitgedanken”, Hintergrundberichte, Fankommentare und Kolumnen. 160 Seiten A-4-Format / 12,00 € Kalla saß mit zwei Jahren zum ersten Mal auf der Trainerbank des VfL, und zwar auf dem Schoß seines Vaters „Doc“ Wefel, der 34 Jahre lang Mannschaftsarzt und Vorstandsmitglied war. Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß, Jupp Heynkes, Gerd Müller, Paul Breitner, Lothar Matthäus, Diego Maradona und Kalla Wefel hatten denselben Fußballtrainer, nämlich Udo Lattek, der einst bei Familie Wefel ein und aus ging. Diese und viele weitere skurrile, heitere und ernste Geschichten und Anekdoten um den VfL lassen sich in seinen Büchern „Mein VAU-EFF-ELL!“ und „111 Gründe, den VfL Osnabrück zu lieben“ nachlesen. Die von ihm 2010 mit viel Aufwand produzierte CD „Wir sind der VfL“ wurde 5.000 mal verkauft und der komplette Erlös (etwa 30.000 €) ging an terre des hommes. Seine VfL-Heimatabende sind legendär.
Mit „Kär, Kär, Kär!“ schrieb er das nach der Bibel und „Mein Kampf“ meistverkaufte Buch Osnabrücks. Mit „Der VfL in der Saison 2019/20“ hat er ein neues Format entwickelt, das von nun an jährlich erscheinen soll. Seit rund fünfzig Jahren arbeitet er professionell als Journalist und Buchautor sowie als Kabarettist und Musiker.

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