4.6 C
Osnabrück
Donnerstag, Mai 6, 2021

Der VfL Osnabrück kann zu Hause nicht gewinnen. VfL – Holstein Kiel 1:3

Was zunächst ein Kantersieg der Kieler zu werden drohte, konnte eine in der zweiten Halbzeit sehr viel engagierter auftretende VfL-Mannschaft verhindern. Mit Glück wäre sogar noch ein Unentschieden drin gewesen, aber im Abstiegskampf klappt eben fast nichts nach Wunsch. Ein Sieg in Würzburg könnte noch einmal ein wenig Hoffnung schüren, denn es ist zwar viel, aber noch nicht alles verloren.

Vor dem Spiel

Vor dem Spiel in Paderborn schrieb ich: „Egal, niemand verliert extra, niemand macht absichtlich Fehler. Wachsende Verunsicherung führt zu weiteren Fehlern. Ich warte noch immer auf den Ruck, der durch die Mannschaft geht und die Spieler mit blutunterlaufenen Augen zum größten HAKA aller Zeiten animiert. Und wenn euer Trainer das nicht schafft, dann macht es eben alleine.“

In Paderborn ging dieser Ruck durch die Mannschaft, spätestens als endlich Heider eingewechselt wurde. Dass man sich in der letzten Minute um den Sieg hat bringen lassen, ist typisch für eine Mannschaft, die im Abstiegskampf steckt

Dennoch besteht die von mir immer noch beschworene reale Chance, wenigstens die Relegation zu erreichen, und wer gestern die Braunschweiger zu Hause gegen Aue hat spielen sehen, der fragt sich erneut, wie die unseren VfL an der Brücke mit vier Toren abrasieren konnten. Aber all das zählt nun wirklich nicht mehr.

Guckt euch immer wieder die unteren vier Plätze in der Tabelle an. Würzburg ist nun auch rechnerisch raus. Es geht also nur noch um die Plätze 15, 16 und 17. Sandhausen hat vorgestern den HSV regelrecht brüskiert und gezeigt, was in der Mannschaft steckt. Ich fürchte, die schaffen das, zumal sie noch sechs Spiele auf dem Buckel haben. 

ETB = Düsseldorf (A), Würzburg (H), HSV (A) 
VfL = Kiel (H), Würzburg (A), HSV (H), Aue (A)
SVS = Hannover (H), Fürth (A), Kiel (A), Heidenheim (A), Regensburg (H) Bochum (A)

Sollte der VfL heute gewinnen, ist noch alles möglich. Verliert er, geht es wohl nur noch mit Glück um die Relegation, aber immerhin um eine 50/50-Chance.

Nun hat die NOZ tatsächlich die Pappkameraden abgebaut, weil man seit deren Installation kein Heimspiel mehr gewonnen hat. VfL-Fan Hauke Peinz hatte diese Bemerkung scherzweise in den TP gesetzt. Daraus entstand eine recht lustige Debatte darüber, was man alles machen könne, um den Heimspielfluch zu beenden. So solle man wenigstens mit dem Bus eine längere Anreise simulieren, um ein Auswärtsfeeling zu simulieren und so weiter. Tatsächlich hat die Mannschaft einen Tag vor dem Spiel im Hotel verbracht, und wie es heißt, laufen die VfLer heute sogar in einem Sondertrikot auf.
Das klingt alles ganz lustig und gutgemeint und wenn dieser esoterisch anmutende Blödsinn etwas bringen sollte, soll es mir entgegen meiner Überzeugung recht sein. 

Zurück zur Realität:
Die Kieler sind nun seit drei Wochen Quarantäne zum ersten Mal wieder auf dem Rasen und treten mit ihrer Stammelf an. Beim VfL wurde gegenüber der Begegnung mit Paderborn nur Reichel durch Wolze ersetzt. 

Beginn

Schiedsrichter Benjamin Cortus aus Röthenbach pfeift bei zehn Grad und leicht bedecktem Himmel an. Anstoß hat der ganz in Weiß angetretene VfL, auf dem Trikot ist mit der Aufschrift „Bremer Brücke“ das stilisierte Stadion zu sehen. Klasse Trikot. Der VfL spielt in Richtung Westkurve.
Kiel übernimmt gleich das Kommando. In der dritten Minute eine Chance durch Serra, dessen Kopfball aus zehn Metern für Kühn aber kein Problem darstellt.
Kiel bleibt am Drücker und in der siebten Minute fällt das erste Tor. Hauptmann kommt von links und flankt in den Osnabrücker Strafraum. Trapp kommt zu spät und Serra kann aus zehn Metern ins lange Ecke verwandeln.

Nach einer Viertelstunde …

findet der VfL noch nicht statt und Kiel dominiert die Partie mehr oder weniger nach Belieben. Da nützt auch die lustige Idee nichts, auf den Anzeigtafeln Kiel als Heimmannschaft und den VfL aus Auswärtsteam darzustellen.
Ab der 20. Minute kommt der VfL zu ersten Entlastungsangriffen, aber Kiel kontrolliert das Spiel nach wie vor und so kommt es bereits in der 23. Minute zum zweiten Tor der Kieler. Bartels spielt auf Hauptmann und dessen Reingabe landet bei Ajdini, der den Ball, von Serra bedrängt, mit der Hacke ins Tor abfälscht.
Nach einer halben Stunde geht auch dieses Ergebnis in Ordnung, zu überlegen sind die Kieler, auch wenn sich der VfL ein wenig zu fangen scheint. Ein harter Schuss von Henning vom Strafraumrand wird von der Kieler Abwehr abgeblockt, das war die gefährlichste Aktion des VfL bislang. Die größte Chance dann in der 39. Minute: Kerk spielt im Kieler Strafraum auf Santos, der frei vor dem Kieler Tor steht, dann aber nicht konsequent zu Werke geht, so dass Dähne seinen Schussversuch klären kann. Das hätte, der Anschlusstreffer werden können oder sogar müssen.
Stattdessen schlagen die Kieler kurz vor Ende der ersten Halbzeit erneut zu: Fehlpass Beermann vor dem Osnabrücker Strafraum, der seinerseits zuvor schon von Trapp in einer ungünstigen Position unerklärlicherweise angespielt worden ist. Fin Bartels spurtet dazwischen, schnappt sich den Ball und versenkt ihn eiskalt im langen Eck.
Und so endet die erste Halbzeit mit 3:0 für die fiktive Heimmannschaft aus Kiel. 

Halbzeitfazit

Der VfL kann sich nicht beschweren. Kiel ist das klar spielbestimmende Team, der VfL ist viel zu fragil in der Abwehr, kommt nur selten zu Gegenangriffen und wenn, dann verpuffen sie vor dem gegnerischen Strafraum. Um hier noch etwas zu holen, muss ein kleines Wunder geschehen.

Foto: Osnabrücker Rundschau / KW
Tipp: Die Halbzeitgedanken sind eine Melange aus Hintergrundinformation und Kommentar. Wem das Lesen der Halbzeitgedanken zu mühselig oder gar zu informativ ist: Ganz einfach weiter nach unten scrollen, dort geht es dann mit dem aktuellen Spielbericht weiter.

Halbzeitgedanken:
Die Kieler Sportvereinigung Holstein von 1900 e. V. (KSV Holstein), bekannter als Holstein Kiel, hat etwa 2.700 Mitglieder. Die erste Mannschaft der Fußballabteilung gehörte wie die des VfL bis zur Einführung der Bundesliga 1963 jeweils der höchsten deutschen Spielklasse an. Holstein Kiel wurde 1912 sogar Deutscher Meister und holte 1910 und 1930 die Vizemeisterschaft. Das Holstein-Stadion ist eins der ältesten Stadien Deutschlands. Auf Wikipedia gibt es neben Informationen wunderbare Fotos aus der Frühzeit zu sehen.

Noch mehr Halbzeitgedanken:
Kiel ist mit knapp 250.000 Einwohnern die nördlichste Großstadt Deutschland – nein, Flensburg ist es nicht, da dort 10.000 Einwohner zu wenig wohnen, um Kiel diesen Rang streitig machen zu können, dafür ist Flensburg zweifellos die sehr viel schönere Stadt. Bei der Wahl zur Kieler Ratsversammlung 2018 wählten 94,1 Prozent demokratische Parteien, von den 59 Plätzen gingen somit nur drei an die AfD.

Oberbürgermeister ist seit April 2014 Ulf Kämpfer von der SPD.
Im Kieler Landesparlament regiert übrigens bereits seit 2017 eine Jamaika-Koalition.

Abwegige Halbzeitgedanken:
Mit Kiel verbinde ich viele Auftrittsorte, angefangen bei der Pumpe, entsprechend unserer Lagerhalle, über die Traumfabrik, der Kieler Woche bis hin zur Ostseehalle, in der die Handballmannschaft des THW Kiel – seit Jahrzehnten als großer Konkurrent zum Fußball – ihre Heimspiele vor Corona vor gut 10.000 Zuschauern austrug.

Früher trug der NDR das “NDR-Hörfest” aus, bei dem Rockbands und Musiktheatergruppen ausgezeichnet wurden. Im August 1987 – also vor 34 Jahren – saß ich unter anderem mit Ortwin Löwa, einem meiner engsten Freunde aus meiner Hamburger Zeit, der leider am 10. März vergangenen Jahres verstorben ist, am ersten Tag mit in der Jury. Am Ende gewann eine quicklebendige, extrem unterhaltsame Gruppe namens Die angefahrenen Schulkinder und ich erinnere mich an folgenden Dialog:
“Woher sind die überhaupt?”, fragte ich Ortwin.
“Kennst du die nicht?”, antwortete er verwundert. “Die sind aus deiner alten Heimat, Kalla …”
“A watt …”
“Ja, erstaunlich nicht. Wer hätte das gedacht …?”
“Was denn?”, hakte ich nach.
“Na, dass auch Gutes aus Osnabrück kommen kann …”
Ich vermisse Ortwin sehr.

Schön auch, das Heaven nun nach 34 Jahren hin und wieder seine fotorealistischen Gemälde in der Rundschau ausstellt.

Noch abwegigere Halbzeitgedanken:
Die spare ich mir heute liebe auf, denn wie ich Mitte der 90er sturzbesoffen versehentlich einen Streit in Brösels Stammkneipe zwischen zwei Rockergruppen schlichtete, bedarf doch genauerer Erklärungen, nüchterner Recherchen und Aussagen von Zeitzeugen. Und warum ich einst einen Tag mit den Hooters in der Traumfabrik verbracht habe und mit Knuth Kiesewetter und Dieter Hildebrandt in der Ostseehalle aufgetreten bin, dafür gibt es bestimmt noch Begegnungen in kommenden Spielzeiten, wenn Holstein nicht aufsteigen und der VfL nicht absteigen sollte.

Der VfL wechselt gleich viermal zur zweiten Hälfte … 

… Kiel zunächst unverändert. 
Der VfL ist in den ersten Minuten nicht wiederzuerkennen und rennt ständig das Kieler Tor an. Der verdiente Lohn in der 53. Minute: Kerk setzt Amenyido ein und läuft Richtung Kieler Strafraum. Amenyido spielt  den Ball zurück auf Kerk, der ungehindert auf Dähne zusteuert, den Kieler Torwart tunnelt und zum 1:3 verwandelt.

Nach 60 Minuten …

… keimt Hoffnung auf und der VfL ist sogar die spielbestimmende Mannschaft und dem Anschlusstreffer näher als Kiel dem vierten Tor.
Heider hat gleich zweimal das 2:3 auf dem Fuß. Einmal stümt er auf das zunächst verwaiste Kieler Tor zu, schaltet aber zu spät und Lorenz kann ihm den Ball abnehmen, dann kommt er acht Meter vor dem Tor zum Schuss, aber Dähne klärt. Das hätte das 2:3 sein müssen.
Der VfL ist insbesondere durch die eingewechselten Spieler in der zweiten Hälfte wenigstens gleichwertig und nimmt viel aktiver als in der ersten Halbzeit am Spiel teil. Amenyido zeigt sich in hervorragender Spiellaune und Heider ist gefährlicher als der schwache Santos in der ersten Halbzeit. Dennoch bleibt es am Ende bei einem verdienten Sieg der Kieler.

Fazit:

Was zunächst ein Kantersieg der Kieler zu werden drohte, konnte eine in der zweiten Halbzeit sehr viel engagierter auftretende VfL-Mannschaft verhindern. Mit Glück wäre sogar noch ein Unentschieden drin gewesen, aber im Abstiegskampf klappt eben fast nichts nach Wunsch. Ein Sieg in Würzburg könnte noch einmal ein wenig Hoffnung schüren.
Just for the records: Die dreizehnte Heimniederlage in Folge.

Zahlen, Daten & Fakten

Zuschauer: keine

Tore:
0:1 Serra (7.)
0:2 Ajdini (22. Eigentor)
0:3 Bartels (45.)
1:3 Kerk (53.)

Gelbe Karten:
(43.) Dehm
(68.) Beermann
(80.) van den Bergh
(82.) Meffert
(90.+4) Henning

VfL Osnabrück:
Kühn – Gugganig (84. Müller), Beermann, Trapp – Ajdini (46. Multhaup), Taffertshofer, Wolze (46. Reichel) – Henning, Blacha (46. Amenyido) – Santos (46. Heider), Kerk
Trainer: Markus Feldhoff

Holstein Kiel:
Dähne – Dehm (88. Neumann), Wahl, Lorenz, van den Bergh – Meffert – Hauptmann (65. Arslan), Lee – Bartels (60. Porath), Reese (60. Mees) – Serra (88. Girth)
Trainer: Ole Werner

Schiedsrichter: Benjamin Cortus (Röthenbach)

Statistik: Insgesamt trafen die beiden Clubs vor dem heutigen Spiel seit dem 9. November 1947 90-mal in Pflichtspielen aufeinander. Der VfL gewann 44-mal, die Kieler 32-mal und 14 Partien endeten unentschieden.
Hier geht es zur kompletten Statistik von „weltfussball.de„.

Tabellarisches:
Vor diesem Spiel stand der VfL mit einer Durchschnittsnote von 3,60 auf dem dreizehnten Platz der Kicker-Formtabelle, die Kieler mit der Note 3,30 auf Platz drei. Tatsächlich spielte der VfL als Vorletzter gegen die drittplatzierten Kieler.

 

Hier geht es zur aktuellen Tabelle der 2. Fußballbundesliga

Über den Autor
Kalla Wefels Saisonrückblick 2019/20 erschien im aufwändigen A-4-Format und ist unter anderem bei Bücher Wenner erhältlich. Dietrich Schulze-Marmeling schreibt in seinem Vorwort: “Herausgekommen ist ein großartiges Saisonbuch. Eigentlich ist es weit mehr als das …” Um die Spielberichte herum ranken sich Reportagen, https://www.buecher-wenner.de/s/details.php?back=S&isbn=9783981780772“Halbzeitgedanken”, Hintergrundberichte, Fankommentare und Kolumnen. 160 Seiten A-4-Format / 12,00 € Kalla saß mit zwei Jahren zum ersten Mal auf der Trainerbank des VfL, und zwar auf dem Schoß seines Vaters „Doc“ Wefel, der 34 Jahre lang Mannschaftsarzt und Vorstandsmitglied war. Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß, Jupp Heynkes, Gerd Müller, Paul Breitner, Lothar Matthäus, Diego Maradona und Kalla Wefel hatten denselben Fußballtrainer, nämlich Udo Lattek, der einst bei Familie Wefel ein und aus ging. Diese und viele weitere skurrile, heitere und ernste Geschichten und Anekdoten um den VfL lassen sich in seinen Büchern „Mein VAU-EFF-ELL!“ und „111 Gründe, den VfL Osnabrück zu lieben“ nachlesen. Die von ihm 2010 mit viel Aufwand produzierte CD „Wir sind der VfL“ wurde 5.000 mal verkauft und der komplette Erlös (etwa 30.000 €) ging an terre des hommes. Seine VfL-Heimatabende sind legendär.
Mit „Kär, Kär, Kär!“ schrieb er das nach der Bibel und „Mein Kampf“ meistverkaufte Buch Osnabrücks. Mit „Der VfL in der Saison 2019/20“ hat er ein neues Format entwickelt, das von nun an jährlich erscheinen soll. Seit rund fünfzig Jahren arbeitet er professionell als Journalist und Buchautor sowie als Kabarettist und Musiker.

Aktuelle Beiträge

Weitere Beiträge