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Montag, März 1, 2021

SV Darmstadt 98 – VfL Osnabrück 1:0 – sieben Niederlagen auf einen Streich …

Der VfL verliert sein siebtes Punktspiel in Folge, holte aus den letzten zehn Spielen drei Punkte und schoss in sechs Spielen ein einziges Tor. Die Niederlage gegen eine Darmstädter Mannschaft, die zwar auch keine Bäume ausriss, aber die besseren Chancen hatte, ist nicht ganz unverdient.
Das große Zittern im Abstiegskampf geht weiter. Nächste Woche kommen dann die starken Heidenheimer an die Brücke.

Vor dem Spiel …

Auf der Pressekonferenz vor dem Spiel wirkte VfL-Trainer Marco Grote ungwohnt unsouverän. Er machte keinen Hehl daraus, dass ihm die öffentliche Kritik an ihm oder dem Team erstaune und meinte, schließlich sei man immer noch im Soll.
Das mag rechnerisch sogar stimmen, aber was erwartet Grote denn nach sechs Niederlagen in Folge oder nach drei Punkten aus neun Spielen?
Dass der VfL derzeit einen Negativrekord nach dem anderen aufstellt, geht nun mal nicht spurlos an Fans und Medien vorbei. Das sind schlichtweg Tatsachen.
Ich behaupte, an fast jedem anderen Zweitligastandort wäre schon längst ein medialer Tsunmai über ihn und die Mannschaft hereingebrochen. In Osnabrück werden Trainer und Spieler traditionell in Watte gepackt und wenn, dann häufig erst dann kritisiert, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist.
Wenn Marco Grote die mit dem Wattebausch vorgetragene Kritik bereits nervt, dann ist ihm der Übergang vom Jugend- zum Profitrainer schlichtweg nicht gut bekommen. Ich hoffe übrigens, dass er bleibt, denn ich mag seine trockene sympathische Art, doch sollte er sich rasch ein etwas dickeres Fell zulegen und einen Hauch selbstkritischer sein. Das ständige Schönreden von gewissen Spielphasen ist langsam nur noch nervend. Wenn man sich in einer zweiten Halbzeit auf Augenhöhe wähnt, um die erste damit vergessen zu machen, dann kommt am Ende nun mal eine Niederlage dabei heraus. So einfach ist das.
Anmerkung: Wieso steht nicht auch der sakrosankte Benjamin Schmedes in der Kritik? Schließlich hat er Grote und die Spieler geholt, die nun im Abstiegsstrudel stecken. Also sind doch alle gleich betroffen. Wenn der VfL allerdings tatsächlich den mit Abstand niedrigsten Etat in der zweiten Liga hat, was immer wieder gern behauptet wird, dann wäre schon das Erreichen des Relegationsplatzes ein Erfolg.
Ich glaube ohnehin, dass alles recht unaufgeregt zu Ende geht und der VfL wegen der noch schlechteren Konkurrenz, die sich auf den unteren drei Plätzen auch nicht gerade von Spieltag zu Spieltag mit Ruhm bekleckert, die Liga halten wird.
Dass der heutige Gegner auch in einer Krise steckt, macht das Ganze dennoch nicht unbedingt leichter. Auch Darmstadt steht mit dem Rücken zur Wand und sollten die Lilien verlieren, könnte es das letzte Spiel von Trainer Markus Anfang gewesen sein – die Bild würde titeln: „Das Ende vom Anfang?“ Weitere Platitüden wie „Wir müssen uns auf uns konzentrieren!“ erspare ich mir zu zitieren.

Kommen wir zu den heutigen Aufstellungen:
Mit Tobias Kempe und Serdar Dursun stehen zwei überdurchschnittliche Spieler in der Darmstädter Mannschaft. Gegenüber der 1:2-Niederlage gegen Nürnberg stehen der genesene Kempe für Schnellhardt und Höhn für Mai in der Startelf.
Marco Grote schickt zwei neue Akteure im Vergleich zur 1:2-Heimniederlage gegen Bochum auf den Rasen. Reich und Blacha starten für den erkrankten Beermann und den verletzten Wolze.

Beginn …

Schiedsrichter Patrick Ittrich aus Hamburg pfeift bei sommerlich anmutenden Temperaturen und herrlichstem Sonnenschein um ein Grad pünktlich um 13.30 an. Anstoß haben die ganz in Schwarz gekleideten VfLer.
Der verhaltene Beginn auf beiden Seiten zeugt davon, dass es für beide Mannschaften um recht viel geht. In der vierten Minute ein erster Angriff des VfL der zu einer Ecke führt. Ihorst kommt auf halbrechter Position im Strafraum an den Ball, legt ihn sich zurecht, doch sein Schuss wird von einem Darmstädter Abwehrspieler geblockt und ins Seitenaus befördert.
Die ersten 15 Minuten plätschern ohne nennenswerte Torchance dahin, der VfL steht hinten gut.

Nach einer Viertelstunde …

… die erste gute Chance für den VfL. Taffertshofers Flankenwechsel von der linken Seite landet beim sträflich freistehenden Kerk, der den Ball aber über das Tor lupft. Das war auch die bis dahin einzig wirkliche Torchance im ganzen Spiel, sieht man von einem Schuss in der 24. Minute ab, Honsak hatte allerdings ohnehin zuvor im Abseits gestanden.
Bislang eine Partie, die durchaus torlos enden könnte. doch dann lässt sich der VfL in der 32. Minute klassisch auskontern. Die Osnabrücker verlieren den Ball in der Darmstädter Hälfte. Kempe spielt in den Lauf von Durson auf dem rechten Flügel, der durch die Beine von Trapp hindurch flach in den Torraum flankt. Dort kann Honsak den Ball mühelos ins Tor befördern.
Keine zwei Minuten später fast das 2:0 für die 98er. Wieder über rechts. Eine Flanke landet bei Dursun, dessen Schuss aber am rechten Pfosten vorbei ins Toraus geht.
In der 35. Minute zieht Multhaup einen Ball von links flach und hart durch den Torraum, Schuhen verpasst, doch Ihorst kommt am zweiten Pfosten etwas zu spät. Der VfL ist nun wieder etwas besser im Spiel, dennoch kommt es zu keinen nennenswerten Chancen. Ein Eckball für die Darmstädter beendet schließlich die erste Halbzeit.

Halbzeitfazit:

Darmstadt ist in dieser recht ereignislosen ersten Halbzeit das marginal bessere Team und wenn die Führung auch nicht verdient sein mag, so geht sie aufgrund des Chancenplus doch in Ordnung. Für den VfL ist noch alles drin, denn die Lilien sind alles andere als eine Übermannschaft.

Die VfL-Fankurve in der vergangenen Saison in Darmstadt – Foto: Violet Crew

Tipp: Die Halbzeitgedanken, eine Melange aus Hintergrundinformation, Kommentar und Satire, erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Sie fallen hin und wieder recht knapp, manchmal aber auch sehr ausführlich aus. Wem das Lesen der Halbzeitgedanken zu mühselig ist: Ganz einfach weiter nach unten scrollen, dort geht es dann mit dem aktuellen Spielbericht weiter.

Halbzeitgedanken
Den SV Darmstadt 98 kennt jeder Fußballfan und die meisten wissen schon wegen der vierspurigen Autobahn, dass Darmstadt nur 30 Kilometer südlich von Frankfurt liegt.
Der Verein ist also ein Jahr älter als der VfL, hat etwa 7.600 Mitglieder und spielte über die Jahrzehnte hinweg immerhin viermal in der ersten Bundesliga, war aber auch zwischen 1998 und 2011 gleich sechsmal viertklassig und stand dabei zweimal kurz vor dem Absturz in die Fünftklassigkeit.
Unvergessen sind die Bilder nach dem sensationellen Bundesliga-Aufstieg am 24. Mai 2015, der einem kurzfristig den Glauben an einen Fußball jenseits der Interessen von Milliardären und korrupten Verbänden zurückbringen konnte.
Schon ein Jahr zuvor hatten sich die Darmstädter am 19.05.2014 das wohl packendste Relegationsspiel aller Zeiten mit Arminia Bielefeld geliefert. Leider gibt es dazu keine Spielszenen im Netz. Das Stadion am Böllenfalltor erlangte über die Jahrzehnte hinweg nicht zuletzt wegen seiner Baufälligkeit einen ähnlich legendä­ren Ruf wie die Bremer Brücke und verfügt heute über 17.468 Plätze.
Unvergessen auch in diesem Zusammen­hang die Geschichte und die Bilder um den krebskranken „Johnny” Heimes, nach dem das Stadion am Böllenfalltor zu seinem Gedenken zur Saison 2016/17 in Jonathan-Heimes-Stadion am Böllenfalltor umbe­nannt worden war. Hierzu verzichtete die Merck KGaA für ein Jahr auf ihr laufendes Namensrecht.

Naheliegende Halbzeitgedanken:
Und sonst so? Darmstadt hat 160.00 Ein­wohner (100-mal mehr als 1600), eine schöne Kleinkunstbühne namens halb­Neun­-Theater und ist die Großstadt mit dem höchsten Schuldenstand in Deutsch­land.
Darmstadt nennt sich selbst „Wissen­schaftsstadt“, was bei 50.000 Studierenden nicht ganz abwegig ist – bei all dem geball­ten Wissen gehören fast 60% keiner Religionsgemeinschaft an, denn nur wer nichts weiß, muss eben alles glauben.
Oberbürgermeister ist seit 2011 Jochen Partsch von den Grünen. Bei der letzten Stadtverordnetenversammlung 2016 haben 90,8% demokratische Parteien gewählt, obwohl doch damals der Untergang des Abendlandes kurz bevorstand.Abwegige Halbzeitgedanken
Trotz der fast gleich hohen Einwohnerzahl und einiger anderer Ähnlichkeiten gibt es zu Osnabrück einige gravierende Unter­schiede: Man spricht dort Hessisch und hes­sisch kommt nun mal von „hässlisch“ und Darmstadt liegt nur 15 Kilometer südöst­lich von der Kreisstadt Groß-Gerau entfernt, im Volksmund auch „Le Grand Gero“ genannt, dem Ursprung alles „Hässlischen“.
Zwischen Groß-Gerau und Darmstadt aber liegt immerhin Büttelborn und dort wohnt der heute zweiundachtzigjährige Wolfgang Kaniber, der in der legendären Saison 1968/69 31 Tore für den VfL schoss.
Ich habe vor zweiundzwanzig Jahren ein Jahr lang in Groß-Gerau gewohnt, weil meine damalige Frau als Stewardess anfing und wir von der Lufthansa in den Großraum Frankfurt zwangsumgesiedelt wurden. Seither weiß ich: Egal, wo man ist, egal, wie schlecht man sich fühlt, überall ist es schöner als in Groß-Gerau … selbst in Büttelborn und ganz bestimmt in Darmstadt.
Immerhin hat mich Groß-Gerau damals zu einer dichterischen Glanzleistung inspiriert:

Oh, du mein Groß Gerau
oder
Heimat ist da, wo man sich am liebsten …

Oh, du mein Groß-Gerau,
du wunder­schöne Stadt am …
Oh, du mein Groß-Gerau, du … du …
du wunderschöne Stadt am …
ähm … an der Bundestraße 44.

Wenn Hochzeitspaare vor dem
Ein-Sterne-Hotel Adler lallen
und Festgäste samt Abendgarderobe
in ihr Erbrochenes fallen,
wenn man in der Bäckerei
Heldmann Sem­meln backt,
während ein Kampfhund
mitten auf den Marktplatz kackt,
wenn’s rund um die Uhr
nach Abgas und Rübenzucker stinkt
und mir ein Teenager
neckisch mit dem Gasrevolver winkt,
dann weiß ich,
ich bin zu Hause in Le Grand Gero,
in der rue de’eglis – in der Kirchstraße zwo.
O, Groß-Gerau, frei bist du
von friedlicher Ruh und andren Zwängen,
du bist ein Stück brutalst mögliche Heimat,
und wo Franz Doblers Heimat ist,
da möcht’ man sich am liebsten aufhängen.

Beide Teams gehen unverändert in die zweite Hälfte … 

… und Darmstadt übernimmt gleich das Kommando, doch Kühn ist bei den Angriffen der Lilien gut auf dem Posten. In der 52. Minute kommt Dursun am zweiten Pfosten an den Ball, sein Schuss wird geblockt. Kurz darauf ein Abseitstor der Darmstädter, dessen leichtes Zustandekommen einen dennoch erschaudern lässt
Die Angriffsbemühungen des VfL verpuffen wie schon wie in all den Spielen zuvor spätestens vor dem Strafraum des Gegners.

Nach 60 Minuten …

… fast das 2:0 für Darmstadt. Mehlem lässt zwei, drei Osnabrücker am Strafraumrand stehen, seinen Schuss pariert Kühn nach rechts zur Seite weg. Dort kommt Honsak völlig frei an den Ball und, anstatt draufzuhalten, schießt er den Ball aus fünf Metern Kühn in die Arme. Das hätte das 2:0 sogar sein müssen.
Für den VfL bleiben damit alle Optionen offen.
Mittlerweile sind Henning und Reichel für Blacha und Ajdini im Spiel. Auch Darmstadt wechselt: Skarke für Clemens und für Dursun kommt Platte, der sich gleich eine gelbe Karte einfängt.
Das Spiel ist auch nach 70 Minuten zwar wegen des Spielstands spannend, aber alles andere als schön anzusehen. Dann kommen Schmidt für Reis und Heider für Müller ins Spiel. Kurz darauf wird Schmidt links im Strafraum angespielt, will aus spitzem Winkel über den herausstürmenden Schuhen lupfen, dessen Schulter verhindert aber den Ausgleich.
In der 88. Minute fast das 1:1: Schmidts Flanke von rechts köpft Marc Heider auf das Darmstädter Tor, doch Schuhen kann den platzierten Kopfball gerade noch an die Latte lenken.

Fazit:

Der VfL verliert sein siebtes in Folge, und das nicht ganz unverdient gegen eine Darmstädter Mannschaft, die zwar auch keine Bäume ausriss, aber die besseren Chancen hatte. Das große Zittern im Abstiegskampf geht weiter, nächste Woche gegen die starken Heidenheimer.

ZAHLEN | DATEN | FAKTEN

Zuschauer: keine 

Tore:
1:0 (32. Honsak)

Gelbe Karten:
(67.) Platte
(77.) Gugganig

SV Darmstadt 98: Schuhen – Herrmann, Palsson, Höhn, Holland – Rap – Kempe (80. Schnellhardt), Mehlem (87. Mai) – Clemens (66. Skarke), Dursun (67. Platte), Honsak (80. Berko)

Trainer: Markus Anfang

VfL Osnabrück:
Kühn – Ajdini (60. Reichel), Gugganig, Tapp, Taffertshofer – Blacha (60. Henning), Reis (73. Schmidt) – Multhaup, Kerk, Müller (73. Heider) – Ihorst (82. Santos)
Trainer: Marco Grote

Schiedsrichter: Patrick Ittrich (Hamburg)


Statistik: Vor dem Spiel waren die beiden Vereine immerhin 30 x aufeinander getroffen. Elfmal siegte der VfL, neunmal die Darmstädter, bei insgesamt zehn Unentschieden.
Hier geht es zur kompletten Statistik von “weltfussball.de“.

Tabellarisches

Vor dem heutigen Spieltag stand der VfL mit einer Durchschnittsnote von 3,43 auf dem achten Platz der Kicker-Formtabelle, wohingegen die Darmstädter mit der Note 3,52 schon etwas realistischer Tabellenzwölfter sind. Tatsächlich spielte der VfL als Fünzehnter des 20. Spieltags gegen den Tabellendreizehnten aus Darmstadt.

Über den Autor
Kalla Wefels Saisonrückblick 2019/20 erschien im aufwändigen A-4-Format und ist unter anderem bei Bücher Wenner erhältlich. Dietrich Schulze-Marmeling schreibt in seinem Vorwort: “Herausgekommen ist ein großartiges Saisonbuch. Eigentlich ist es weit mehr als das …” Um die Spielberichte herum ranken sich Reportagen, “Halbzeitgedanken”, Hintergrundberichte, Fankommentare und Kolumnen. 160 Seiten A-4-Format / 12,00 € Kalla saß mit zwei Jahren zum ersten Mal auf der Trainerbank des VfL, und zwar auf dem Schoß seines Vaters „Doc“ Wefel, der 34 Jahre lang Mannschaftsarzt und Vorstandsmitglied war. Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß, Jupp Heynkes, Gerd Müller, Paul Breitner, Lothar Matthäus, Diego Maradona und Kalla Wefel hatten denselben Fußballtrainer, nämlich Udo Lattek, der einst bei Familie Wefel ein und aus ging. Diese und viele weitere skurrile, heitere und ernste Geschichten und Anekdoten um den VfL lassen sich in seinen Büchern „Mein VAU-EFF-ELL!“ und „111 Gründe, den VfL Osnabrück zu lieben“ nachlesen. Die von ihm 2010 mit viel Aufwand produzierte CD „Wir sind der VfL“ wurde 5.000 mal verkauft und der komplette Erlös (etwa 30.000 €) ging an terre des hommes. Seine VfL-Heimatabende sind legendär.
Mit „Kär, Kär, Kär!“ schrieb er das nach der Bibel und „Mein Kampf“ meistverkaufte Buch Osnabrücks. Mit „Der VfL in der Saison 2019/20“ hat er ein neues Format entwickelt, das von nun an jährlich erscheinen soll. Seit rund fünfzig Jahren arbeitet er professionell als Journalist und Buchautor sowie als Kabarettist und Musiker.

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