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Donnerstag, Mai 6, 2021

Der VfL Osnabrück verliert gegen einen in allen Belangen überlegenen Gegner aus Braunschweig mit 4:0

Der VfL verliert in einer anfänglich stark umkämpften Partie gegen einen spielerisch wie kämpferisch besseren Gegner aus Braunschweig, der mit Kobylanski und Abdullahi die entscheidenden Unterschiedsspieler in seinen Reihen wähnte. 
Dass es sich um die zehnte Heimspielniederlage in Folge und damit um einen Bundesliga-Rekord handelt, sei nur am Rande erwähnt, denn wichtig ist nur, dass der VfL einen derben Rückschlag im Abstiegskampf erlitten hat. Die Blamage ist in dieser Saisonphase zweitrangig.

Vor dem Spiel

Ein Spiel gegen Eintracht Braunschweig ist während der vergangenen Jahrzehnte schon immer etwas Besonderes gewesen. Für die jüngeren Fans dürfte es der 4:3-Sieg vom 26.10.2018 gewesen sein, als der VfL zum ersten Mal seit unfassbaren 58 Jahren in Braunschweig gesiegt und einen Riesenschritt in Richtung Zweitliga-Aufstieg gemacht hatte. Dieses „Kunststück“ konnte der VfL in dieser Saison wiederholen. Hier aus meinem Bericht vom Hinspiel in Braunschweig: 
„In einem der besten Auswärtsspiele der letzten Monate oder sogar Jahre ließ der VfL den Braunschweigern während des ganzen Spiels nicht den Hauch einer Chance. Die Eintracht hat es allein ihrem großartigen bosnisch-herzegowinischen Fußballtorhüter Jasmin Fejzic zu verdanken, dass die Niederlage nicht höher ausfiel.“

Auf der PK vor dem heutigen Spiel zeigten sich ein entspannter Markus Feldhoff und ein angenehm selbstbewusster Philipp Kühn zuversichtlich bezüglich der Aufgabe gegen Eintracht Braunschweig.
Es handelt sich wohl tatsächlich wegen der Tabellensituation um eine Art „Sechspunktespiel“. Lieber ein paar Fakten: Eintracht Braunschweig hat in dieser Saison noch kein Spiel auwärts gewonnen und lediglich vier Punkte geholt. Aus statistischer Sicht also der passende Aufbaugegner für den VfL, der seit dem 2:1 Sieg am 21. Oktober  gegen den SV Sandhausen kein Heimspiel mehr gewonnen hat.

Covid-19 ist in der 2. Liga mittlerweile das vorherrschende Thema. Etliche Spiele mussten bereits abgesagt und verschoben werden und täglich kommen neue Hiobsbotschaften dazu. Beim VfL gab es heute morgen Corona-Alarm. Ein Spieler hat sich infiziert. Der zuvor zum Kader gehörende Niklas SChmidt wurde aus dem Aufgebot gestrichen. Gute Besserung.

Ansonsten ist die heutige Aufstellung gegenüber dem 1:0-Sieg in Karlsruhe nur auf einer Position verändert: Für den gelbgesperrten Kevin Wolze steht Marc Heider in der Startelf. Bei den Braunschweigern sind für Bär, Kessel, Kammerbauer und Klaß heute Wiebe, Behrendt, Kobylanski und Abdullahi in der Anfangsformation.

Die VfL-Hymne erklingt und es kommt auch ohne Zuschauer ein Gänsehautgefühl auf, als den verstorbenen Mitgliedern der legendären 68er-Mannschaft Friedhelm Holtgrave und Wolfgang Kaniber gedacht wurde.

Beginn …

Schiedsrichter Sascha Stegemann aus Niederkassel pfeift pünktlich um 13.30 Uhr an. Anstoß haben bei ungemütlichen fünf Grad und bedecktem Himmel die mit gelb-schwarzem Trikot und gelber Hose angetretenen Gäste, die zunächst in Richtung Ostkurve spielen.
Nach hektischem Beginn auf beiden Seiten ein erster Warnschuss (4.) durch den Osnabrücker Ajdini, dessen „verunglückte“ Flanke den langen Pfosten streift,  bevor er im Toraus landet.
Kurz darauf geht der Schuss des Braunschweigers Kroos einige Meter links am Tor vorbei.
Im Mittelfeld findet vorerst nicht viel statt und auch die Braunschweiger versuchen mit langen Bällen vor das Osnabrücker Tor zu kommen, was ihnen viel zu leicht gelingt.
Und dann erhält Kobylanski in der 11. Minute in der Osnabrücker Hälfte den Ball, hebelt mit einem hohen Pass auf Abdullahi die Osnabrücker Abwehr aus, der, kaum bedrängt von Trapp und Beermann, den Ball nach geschickter Annahme aus zwölf Metern rechts unten im Tor versenkt.
Es steht 1:0 für die Eintracht und die Braunschweiger bleiben am Ball. Nach einer Ecke e
ine Riesenkopfballchance (15.) durch Diakhité aus drei, vier Metern, der den Ball aber nicht richtig trifft. Das hätte das 2:0 sein können … 

Tor zum 0:1 durch Suleiman Abdullahi ( Braunschweig )
Foto: Revierfoto

Nach einer Viertelstunde …

… steht der VfL zwar weiter unter Druck, kommt aber seinerseits zu einigen Kontern. Das Spiel wird immer wieder durch Fouls unterbrochen und ist recht zerfahren. Wie sehr täte jetzt die Unterstützung einer bis zum Anschlag gefüllten Bremer Brücke gut.
In der 26. kommt Bryan Henning für Ulrich Bapoh ins Spiel, der sich offenbar den Fuß vertreten hat. Der VfL kämpft sich nun ins Spiel zurück, kommt aber mit Ausnahme von ein paar Eckbällen kaum zu einer wirklich nennenswerten Torchance.
Stattdessen taucht in der 38. Minute Kobylanski vor dem Osnabrücker Kasten auf, überläuft zwei VfLer und zieht aus 15 Metern ab. Kühn kann klären.
Die Partie ist, selbstredend, immer spannend, aber recht zerfahren. In der 42. Minute kommt Taffertshofer nach einem Einwurf an den Ball, gibt auf Kerk weiter, der wiederum auf Santos durchsteckt, der den Ball im Fallen aus wenigen Metern auf das Braunschweiger Tor bringt, aber Fejzic kann mit dem Fuß klären.

Halbzeitfazit

In einer hart umkämpften Partie zweier alter Rivalen führt die selbstbewusster als der VfL auftretende Eintracht aus Braunschweig etwas glücklich, aber nicht unverdient mit 1:0. Um hier noch etwas zu holen, wird sich der VfL steigern müssen.

Tipp: Die Halbzeitgedanken sind eine Melange aus Hintergrundinformation und Kommentar. Wem das Lesen der Halbzeitgedanken zu mühselig oder gar zu informativ ist: Ganz einfach weiter nach unten scrollen, dort geht es dann mit dem aktuellen Spielbericht weiter.

Halbzeitgedanken:
Der Braunschweiger Turn und Sportverein Eintracht (BTSV) wurde 1895 gegründet und hat heute 5250 Mitglieder.
Höhepunkt war sicherlich die Deutsche Meisterschaft im Jahr 1967, Tiefpunkt die fatale Verstrickung in den Bundesliga-Skandal 1971.
Der Verein hat also in den letzten Jahrzehten einige Auf und Abs und etliche Skandale und Intrigen erlebt. Mehr dazu in den Halbzeitgedanklen beim Rückspiel an der Brücke und auch über den Braunschweiger Lehrer Konrad Koch, der einst den Fußball nach Deutschland brachte.

Nicht ganz abwegige Halbzeitgedanken:
Braunschweig
hat 250.000 Einwohner, davon gehören 46,6% einer Glaubensgemeinschaft an, der Rest glaubt lieber an sich selbst oder an die Eintracht.
Ulrich Markurth von der SPD ist seit dem 01.07.2014 Braunschweiger Oberbürgermeister. Im Stadtrat lautet die Sitzverteilung: SPD 18, CDU 14, Grüne 7, AfD 5, Linke 3, BIBS 3, FDP 2, Piraten 1 und DIE PARTEI 1. Anders ausgedrückt: 91,1 % wählte in Braunschweig demokratisch.

Nostalgische Halbzeitgedanken 1:
Die Partien zwischen den beiden Vereinen sind seit 1947 echte Nordklassiker oder Niedersachsenderbys, wie auch immer diese Partie nennen möchte.
Unvergessen für mich war das Spiel am 21.10.1962, als ich im Vorpsiel mit der 1. Knaben des VfL vor 12.000 Zuschauern an der Brücke gegen die 1. Knaben aus Braunschweig antrat, die wir mit 3:1 nach Hause schickte. Auf Facebook gibt es dazu den Videobeweis. The times they are a changin’ …

Nostalgische Halbzeitgedanken 2:
Aufgrund bis heute undurchsichtiger Faktoren erhielt Eintracht Braunschweig am 6. Mai 1963 einen Platz in der neuen Bundesliga und zählte deshalb völlig zu Unrecht zu den 16 Gründungsmitgliedern.
Zu Unrecht?
Richtig, denn der BTSV erhielt den Platz, der unserem VfL zugestanden hätte. Über den ganzen Skandal um die Vergabe der ersten Bundesligaplätze und die finstere Rolle des DFB berichten Peter von Koss und ich in der „VfL Osnabrück Fußballfibel“, die in einigen Monaten in der „Bibliothek des Deutschen Fußballs“ erscheint.

Traurige Halbzeitgedanken:
Am 9. April verstarb Wolfgang Kaniber. Der legendäre Torschützenkönig der noch legendäreren 68er Mannschaft. Ich traf ihn zum letzten Mal 2015 beim 70. Geburtstag von Sigi Müller. 
„1968 in Osnabrück? Wann war das eigentlich?
Im Verhältnis zur tatsächlichen Größe der Stadt gerieten in diesem Jahr die proletarischen Massen nirgendwo anders mehr in Wallung als in Osnabrück. Im Arbeiterviertel Schinkel bewegten sich alle zwei Wochen bis zu 32.000 Menschen mit wehenden Fahnen und von der Bahn entwendeten Signalhörnern zu ihrer Kultstätte Bremer Brücke, um ihren Helden zu huldigen und, angelehnt an das „Ho! Ho! Ho Chi Minh!“ aus den Studentenstädten, „Ka! Ka! Kaniber!“ zu skandieren.“ Aus „Mein Vau-Eff-Ell!“
In der NOZ gibt es einen ebenso ausführlichen wie würdevollen Nachruf auf Wolfgang Kaniber.

 

Der VfL geht unverändert in die zweite Hälfte … 

… bei Braunschweig kommt für den angeschlagenen Kroos Bär ins Spiel.
Und gleich der große Dämpfer: In der 51. Minute Elfmeter für die Eintracht. Taffertshofer will im eigenen Strafraum klären und trifft dabei unglücklich den vor ihm an den Ball kommenden Proschwitz. Den Elfmeter versenkt Kobylanski zum 2:0. Kühn ist zwar noch in der richtigen Ecke, der Ball ist aber zu scharf geschossen.
Kurz darauf zieht Schlüter von links eine weite Flanke vor den Osnabrücker Strafraum. Abdullahi lässt Heider aussteigen, zieht aus 17 Metern ab und trifft unten rechts ins Tor. Es steht 3:0 für die Braunschweiger Eintracht. Was für ein Doppelschlag wenige Minuten nach Wiederanpfiff!

Nach 60 Minuten …

… ist das Spiel somit entschieden und als wolle die Eintracht diese noch gar nicht zu Ende geschriebene Zeile bestätigen, macht sie das vierte Tor. Allein dessen Zustandekommen spiegelt die ganze Hilflosigkeit des VfL am heutigen Tag wider: Nach einer kurzen Ecke kommt eine weite Kobylanski-Flanke von links direkt auf das Osnabrücker Tor. Philipp Kühn verschätzt sich und legt sich den Ball in der 66. Minute mehr oder weniger selbst ins Netz.
Bis zum Schlusspfiff bestimmt weiterhin die Eintracht das Spiel, beim VfL hat man sich offenbar seinem Schicksal ergeben.
Außer den üblichen Spielerwechseln auf beiden Seiten passiert nicht mehr viel. Die Partie ist ohnehin entschieden und der VfL kann fast froh sein, nicht noch ein fünftes Tor zu kassieren. 

Fazit:

Der VfL verliert gegen einen spielerisch wie kämpferisch besseren Gegner aus Braunschweig, der mit Proschwitz, Kobylanski und Abdullahi die Spieler in seinen Reihen hatte, die den Unterschied machten. 
Dass es sich um die zehnte Heimspielniederlage in Folge und damit um einen Bundesliga-Rekord handelt, sei nur am Rande erwähnt, denn entscheidend ist nur, dass der VfL nun Probleme haben wird, die unteren Tabellenplätze wieder zu verlassen. Angesichts des schweren Restprogramms vom SV Sandhausen einerseits und des starken Auftretens der Braunschweiger während der letzten Spiele andererseits, scheint der Relegationsplatz für den VfL derzeit am wahrscheinlichsten zu sein.
Am kommenden Mittwoch findet bereits das Nachholspiel gegen Regensburg statt und dann kommt am Sonntag Fortuna Düsseldorf an die Brücke. Leider zwei ungewinnbare Heimspiele, oder?
 

ZAHLEN | DATEN | FAKTEN

Zuschauer: keine, nur 500 schwerentflammbare Pappkamerad_innen der NOZ

Tore:
0:1 Abdullahi (11.)
0:2 Kobylanski (51.)
0:3 Abdullahi (55.)
0:4 Kobylanski (66.)

Gelbe Karten:
(57.) Wyrda 
(63.) Ben Balla 

VfL Osnabrück:
Kühn – Gugganig (64. Multhaup), Beermann, Trapp – Ajdini, Taffertshofer, Heider – Reis (64. Grot), Bapoh (26. Henning) – Santos, Kerk (82. Blacha)
Trainer: 
Markus Feldhoff

Eintracht Braunschweig:
Fejzic – Behrendt, Wyrda, Diakhité – Wiebe, Kroosv(46. Bär), Ben Balla (71. Kammerbauer), Schlüter – Kobylanski (82. Schwenk)- Abdullahi (71. Otto), Proschwitz
Trainer: Daniel Meyer

Schiedsrichter: Sascha Stegemann (Niederkassel)

Statistik:
Insgesamt trafen die beiden Clubs seit dem 30. November 1947 (Oberliga Nord) 75-mal aufeinander. Der VfL gewann 24-mal, die Eintracht 31-mal und 20 Partien endeten unentschieden.
Hier geht es zur kompletten Statistik von “weltfussball.de“.

Tabellarisches
Vor dem heutigen Spieltag stand der VfL mit einer Durchschnittsnote von 3,53 auf dem elften Platz der Kicker-Formtabelle, wohingegen die Eintracht mit der Note 3,87 Tabellenschlusslicht ist. Tatsächlich spielte der VfL als 15. des 28. Spieltags gegen den 16. aus Braunschweig.

 

Hier geht es zur aktuellen Tabelle der 2. Fußballbundesliga

Über den Autor
Kalla Wefels Saisonrückblick 2019/20 erschien im aufwändigen A-4-Format und ist unter anderem bei Bücher Wenner erhältlich. Dietrich Schulze-Marmeling schreibt in seinem Vorwort: “Herausgekommen ist ein großartiges Saisonbuch. Eigentlich ist es weit mehr als das …” Um die Spielberichte herum ranken sich Reportagen, https://www.buecher-wenner.de/s/details.php?back=S&isbn=9783981780772“Halbzeitgedanken”, Hintergrundberichte, Fankommentare und Kolumnen. 160 Seiten A-4-Format / 12,00 € Kalla saß mit zwei Jahren zum ersten Mal auf der Trainerbank des VfL, und zwar auf dem Schoß seines Vaters „Doc“ Wefel, der 34 Jahre lang Mannschaftsarzt und Vorstandsmitglied war. Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß, Jupp Heynkes, Gerd Müller, Paul Breitner, Lothar Matthäus, Diego Maradona und Kalla Wefel hatten denselben Fußballtrainer, nämlich Udo Lattek, der einst bei Familie Wefel ein und aus ging. Diese und viele weitere skurrile, heitere und ernste Geschichten und Anekdoten um den VfL lassen sich in seinen Büchern „Mein VAU-EFF-ELL!“ und „111 Gründe, den VfL Osnabrück zu lieben“ nachlesen. Die von ihm 2010 mit viel Aufwand produzierte CD „Wir sind der VfL“ wurde 5.000 mal verkauft und der komplette Erlös (etwa 30.000 €) ging an terre des hommes. Seine VfL-Heimatabende sind legendär.
Mit „Kär, Kär, Kär!“ schrieb er das nach der Bibel und „Mein Kampf“ meistverkaufte Buch Osnabrücks. Mit „Der VfL in der Saison 2019/20“ hat er ein neues Format entwickelt, das von nun an jährlich erscheinen soll. Seit rund fünfzig Jahren arbeitet er professionell als Journalist und Buchautor sowie als Kabarettist und Musiker.

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