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Osnabrück
Donnerstag, Mai 6, 2021

Ein seelenloser VfL Osnabrück verliert gegen eine beseelte Fortuna aus Düsseldorf mit 0:3

Der VfL kann nicht mehr zu Hause gewinnen und wird sich wohl mit dem Abstieg oder der Relegation abfinden müssen. Zwischen der Fortuna und dem VfL bestand ein Klassenunterschied und die Osnabrücker können sogar froh sein, nicht mehr Tore kassiert zu haben. 

Vor dem Spiel

Es gibt in englischen Wochen keine Pressekonferenzen, was derzeit für alle Beteiligten ohnehin das Wohltuendste ist. Welcher Trainer oder Spieler hat in dieser Phase, in der der VfL aus den letzten 14 Punktspielen von 42 möglichen gerade einmal vier Punkte geholt hat, Lust darauf, Rede und Antwort zu stehen? 
Dennoch ist diese Oase der Ruhe nur eine vermeintliche Stille, denn es ist die Zeit der Mahner und Kritiker, zum Glück nicht nur in den einschlägigen Internetforen, sondern auch in den Sportredaktionen. Harald Pistorius hat mit seinem Kommentar in der NOZ alles auf den Punkt gebracht, und das immerhin zu einem Zeitpunkt, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist.

Als ich in der Rundschau am 15. Februar und am 9. März darauf hinwies, dass die sportliche Leitung, namentlich Benjamin Schmedes, etliche Fehler begangen habe, und in einer PK die Professionalität beim Vorgehen in der Trainersuche in Frage gestellt hatte., wurde ich von denselben Leuten, die heute im Schutze der Internet-Anonymität Schmedes‘ Kopf fordern, als ewig nörgelnder Vereinsschädling bezeichnet, zumal ich den sportlichen Leiter als offenbar sakrosankt in der Fankritik bezeichnet hatte. Im Gegensatz zu diesen rhetorischen Feingeistern habe ich übrigens weder damals noch heute Schmedes‘ Entlassung gefordert, allenfalls ein Sich-selbst-Hinterfragen. Aber was soll’s? Woher soll diese Speerspitze der „Du-hast-doch-keine-Ahnung-von-Fußball“-Fraktion wissen, was Selbstkritik ist?

Der heutige Gegner heißt nun Fortuna Düsseldorf. Ein echter Angstgegner übrigens und keine Luftpumpe. Aber nun mal halblang: Der VfL muss, und das wird alle ungemein überraschen, endlich punkten. Und wer am Freitag das 0:0 der Eintracht gegen den übernächsten VfL-Gegner Paderborn gesehen hat, fragt sich, wie der VfL hier an der Brücke so kläglich gegen die Braunschweiger eingehen konnte. Wenn man drei Tage später das Auftreten gegen Regensburg allerdings als eine Steigerung in die richtige Richtung wertet, dann frage ich mich wiederum, welche Ansprüche man beim VfL sechs Spiele vor Saisonende noch an sich selbst stellt … 

Alle Durchhalteparolen sind nun Schall und Rauch, denn die Zeit für weitere Diskussionen über den richtigen Weg, das passende System, ist ganz einfach vorbei, weil zu knapp. Es geht also ums Punkten, so, wie es Braunschweig seit Wochen vormacht. Und ich glaube sogar, dass die Mannschaft es noch schaffen kann, und zwar ganz unabhängig von der sportlichen Leitung. Wichtig ist nur, dass ein Ruck durch die Mannschaft geht, die Einsicht, dass es auch für sie, wenn auch nicht um alles, so doch um viel geht. Und dass sie es war, die in der Hinserie die Liga aufgemischt hat

So sah der gestrige Online-Abend bei Familie Leffers aus. Danke für das Foto.

Die VfL-Hymne erklingt und wer gestern die vierstündige VfL-Geburtstagsfeier der Fanabteilung im Internet verfolgt hat, der kann auch das Zitat des Users „Octeon“ im „Treffpunkt Lila-Weiß“ richtig einordnen: „Da sieht man, dass der VfL viel mehr ist als die aktuelle sportliche Situation.“ Wer den Abend verpasst hat: Die Aufzeichnung wird bestimmt in den nächsten Tagen oder Wochen online  auf youtube „nachgereicht“. Die Rundschau wird darüber berichten.

Beim VfL sind übrigens gegenüber der Partie gegen Regensburg Multhaup, Blacha und Heider für die verletzten Santos und Taffertshofer und den gelbgesperrten Gugganig in der Startelf. 

Beginn

Schiedsrichter Sven Jablonski aus Bremen pfeift bei milden Temperaturen um die 14 Grad pünktlich an. Anstoß hat die ganz in Weiß spielende Fortuna, die zunächst in Richtung Ostkurve anläuft.
Gleich in der vierten Minute eine Riesenchance für die Düsseldorfer als Kühn den Ball Klaus direkt vor die Füße spielt, der auf Kownacki weitergibt, doch der Pole scheitert überhastet am Osnabrücker Torwart.
Was anfangs nach einer gewohnt einseitig vom Gegner bestimmten Partie aussah, beruhigte sich aber im Verlaufe der folgenden Minuten und der VfL kommt nun selbst zu einigen Angriffen.

Nach einer Viertelstunde …

… ist das Spiel ausgeglichen, der VfL ist sogar die aktivere Mannschaft, auch wenn die Statistik etwas anderes behaupten mag. Bedenkt man, dass es für beide Mannschaften um viel geht – die Fortuna könnte noch in die Aufstiegsränge kommen – dann wird das Spiel von beiden Seiten recht unaufgeregt geführt.
Die Fortunen-Angriffe verpuffen wie die der Osnabrücker spätestens im Gefahrenbereich und die aufmerksame VfL-Abwehr hat bislang keine große Mühe, die Düsseldorfer in Schach zu halten.

In der 32. Minute dann eine wirklich gute Aktion von Leonardo Koutris, als er nach einem Eckball aus 20 Metern von hablinks volley abzieht, der Ball aber knapp über das Tor geht.
Düsseldorf legt nun in dieser Schlussviertelstunde einen gewaltigen Zahn zu und kommt zu einigen gefährlichen Angriffe.
Dann in der 37. Minute das 1:0 für Düsseldorf: Nach einem völlig unnötigen Ballverlust von Kerk im linken Halbfeld spielt Kownacki auf Peterson, dessen aus gut 20 Metern abgefeuerter Schuss immer länger wird und am rechten Pfosten einschlägt. Ein Traumtor – leider für die falsche Mannschaft. 
In der 38. fast das 2:0, als Kownacki erneut allein vor Kühn auftaucht, aber am Osnabrücker Torhüter scheitert. Gleich danach erneut Kownacki, der schon drei Tore hätte schießen können.

Halbzeitfazit

Bis zur 30. Minute war das Spiel ausgeglichen, aber dann schaltete die Fortuna den Turbo an und hätte gut und gerne mit zwei, drei Toren zur Halbzeit führen können. Noch ist der VfL also im Spiel.

Tor zum 0:3 durch Marcel Sobottka – Foto: Revierfoto
Tipp: Die Halbzeitgedanken sind eine Melange aus Hintergrundinformation und Kommentar. Wem das Lesen der Halbzeitgedanken zu mühselig oder gar zu informativ ist: Ganz einfach weiter nach unten scrollen, dort geht es dann mit dem aktuellen Spielbericht weiter.

Halbzeitgedanken:
Fortuna Düsseldorf
 wurde 1895 gegründet und hat heute 28.000 Mitglieder. Die äußerst wechselhafte Geschichte des Vereins mit seinen ständigen Aufs und Abs  lässt sich hier nicht einmal ansatzweise schildern. Höhepunkte waren sicherlich die deutsche Meisterschaft von 1933 und die DFB-Pokalsiege von 1979 und 1980.
Wer sich für die wechselhafte Geschichte diese Vereins interessiert: Fortuna Düsseldorf.
Die Fortuna spielt in einer sogenannten Multifunktionsarena, die für die nächsten Jahre den Namen eines Glücksspielautomaten-Herstellers trägt. Es soll Abertausende Spielsüchtige geben. Ist das dann nicht Werbung für eine abhängigmachende Droge? Mich kotzt jedenfalls der lässige Umgang mit solchen Drogendealern gehörig an, aber es soll ja sogar Fußballvereine geben, die für Wettanbieter werben … Unvorstellbar nach all den Wettskandalen der letzten Jahre, oder?

Nicht ganz abwegige Halbzeitgedanken:
Düsseldorf
 hat etwa 620.000 Einwohner, davon gehören 45,5% einer Glaubensgemeinschaft an. 54,5 % sind konfessionslos oder gehören anderen Glaubensgemeinschaften an. Fast alle glauben aber an die bekennenden Fortuna-Fans der Toten Hosen.
Dr. Stephan Keller von der CDU ist seit dem 01.11.2020 Düsseldorfer Oberbürgermeister.
Seit der Wahl vom 13.09.2020 lautet die Verteilung der 90 Sitze im Stadtrat: CDU 30, Grüne 24, SPD 16, FDP 8, Linke 4, DIE PARTEI 2 – die restlichen acht Sitze verteilen sich auf fünf Wählergruppen, anders ausgedrückt: 96,42 % wählte in Düsseldorf demokratisch, ganze 3,58 Restprozente die AfD.

Etwas abwegige Halbzeitgedanken:
Einerseits: „Wärst du doch in Düsseldorf geblieben …“
Andererseits: „Wer wohnt schon in Düsseldorf?“

 

Beide Teams gehen unverändert in die zweite Hälfte … 

… Kühn feuert seine Mitspieler noch einmal an, aber wenig später werden naive Ausgleichsträume des Verfassers dieser Zeilen zunicht gemacht: Wolze foult Kownacki und nach Rücksprache mit Köln entscheidet Schiedsrichter Jablonski zurecht auf Elfmeter. Der Gefoulte tritt selbst an und verwandelt lässig zum 0:2. 

Nach 60 Minuten …

… kommt der VfL sogar ein wenig zurück ins Spiel, woraufhin die Fortuna sofort mit einem brandgefährlichen Angriff durch den soeben für Peterson eingewechselten Iyoha reagiert. Für Kownacki ist nun übrigens der Ex-Osnabrücker Rouwen Hennings ins Spiel gekommen.
Dann in der 67. Minute das dritte Tor für Düsseldorf. Sobotkas leicht abgefälschte Flanke vom rechten Strafraumeck fällt hinter Kühn ins Tor. Bei solch einer Aktion sieht jeder Torwart unglücklich aus. Es steht 0:3.
Chancen haben bis zum Ende der Partie vor allem die Düsseldorfer durch Hennings oder Danso, Osnabrücker Konter finden zwar statt, sind aber schlichtweg zu harmlos.
Und dann endlich der  erlösende Schlusspfiff.

Fazit:

Die zwölfte Heimniederlage in Folge ist ein unrühmlicher Rekord, der allerdings nicht unbedingt in den direkten Abstieg führen muss, aber jahrzehntelang dem Verein anhaften wird. Der VfL wird sich mit der Rückkehr in die dritte Liga, zumindest aber mit der Relegation abfinden müssen. Zwischen der Fortuna und dem VfL bestand ein Klassenunterschied und die Osnabrücker können sogar froh sein, nicht mehr Tore kassiert zu haben.

ZAHLEN | DATEN | FAKTEN

Zuschauer: keine

Tore:
0:1 Peterson (37.)
0:2 Kownacki (50. Elfmeter)
0:3 Sobottka (68.)

Gelbe Karten:
(58.) Trapp
(75.) Reis

VfL Osnabrück:
Kühn – Multhaup (80. Grot), Beermann, Trapp – Ajdini, Blacha (67. Müller), Wolze (56. Reichel) – Henning, Reis (80. Möller) – Kerk (56. Amenyido), Heider
Trainer: Markus Feldhoff

Fortuna Düsseldorf:
Karstenmeier – Koutris, Krajnic, Danso (81. Klarer), Zimmermann – Sobottka, Bodzek – Klaus (72. Borello), Prib (72. Piotrowski), Peterson (62. Iyoha) – Kownacki (62. Hennings)
Trainer: Uwe Rösler

Schiedsrichter: Sven Jablonski (Bremen)

Statistik:
Insgesamt trafen die beiden Clubs seit dem 10. Oktober 1987 vor diesem Spiel 17-mal in der 2. Liga oder Regionalliga aufeinander. Der VfL gewann sechsmal, die Fortuna neunmal und zwei Partien endeten unentschieden.
Hier geht es zur kompletten Statistik von “weltfussball.de“.

Tabellarisches
Vor dem heutigen Spieltag stand der VfL mit einer Durchschnittsnote von 3,58 auf dem dreizehnten Platz der Kicker-Formtabelle, wohingegen sich die Fortuna mit der Note 3,67 zwei Plätze darunter befindet. Tatsächlich spielt der VfL als 16. des 28. Spieltags gegen den Sechsten aus Düsseldorf.

 

Hier geht es zur aktuellen Tabelle der 2. Fußballbundesliga

Über den Autor
Kalla Wefels Saisonrückblick 2019/20 erschien im aufwändigen A-4-Format und ist unter anderem bei Bücher Wenner erhältlich. Dietrich Schulze-Marmeling schreibt in seinem Vorwort: “Herausgekommen ist ein großartiges Saisonbuch. Eigentlich ist es weit mehr als das …” Um die Spielberichte herum ranken sich Reportagen, https://www.buecher-wenner.de/s/details.php?back=S&isbn=9783981780772“Halbzeitgedanken”, Hintergrundberichte, Fankommentare und Kolumnen. 160 Seiten A-4-Format / 12,00 € Kalla saß mit zwei Jahren zum ersten Mal auf der Trainerbank des VfL, und zwar auf dem Schoß seines Vaters „Doc“ Wefel, der 34 Jahre lang Mannschaftsarzt und Vorstandsmitglied war. Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß, Jupp Heynkes, Gerd Müller, Paul Breitner, Lothar Matthäus, Diego Maradona und Kalla Wefel hatten denselben Fußballtrainer, nämlich Udo Lattek, der einst bei Familie Wefel ein und aus ging. Diese und viele weitere skurrile, heitere und ernste Geschichten und Anekdoten um den VfL lassen sich in seinen Büchern „Mein VAU-EFF-ELL!“ und „111 Gründe, den VfL Osnabrück zu lieben“ nachlesen. Die von ihm 2010 mit viel Aufwand produzierte CD „Wir sind der VfL“ wurde 5.000 mal verkauft und der komplette Erlös (etwa 30.000 €) ging an terre des hommes. Seine VfL-Heimatabende sind legendär.
Mit „Kär, Kär, Kär!“ schrieb er das nach der Bibel und „Mein Kampf“ meistverkaufte Buch Osnabrücks. Mit „Der VfL in der Saison 2019/20“ hat er ein neues Format entwickelt, das von nun an jährlich erscheinen soll. Seit rund fünfzig Jahren arbeitet er professionell als Journalist und Buchautor sowie als Kabarettist und Musiker.

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