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Freitag, April 16, 2021

Ein Spiel zum Abhaken: Der VfL verliert in Sandhausen 3:0 …

Der VfL verliert sein neuntes Punktspiel in Folge. Die Partie nahm in der 6. Minute mit einer frühen roten Karte und einem Elfmeter für Sandhausen einen denkbar unglücklichen Verlauf für den VfL.
Diese erneute Niederlage muss nun ganz schnell abgehakt werden, denn das große Zittern im Abstiegskampf geht jetzt erst richtig los. Nächste Woche kommt Jahn Regensburg an die Brücke.

Vor dem Spiel …

Auf den verschiedenen Pressekonferenzen vor dem Spiel merkte man den beiden Interimstrainern an, dass man trotz gegenteiliger Beschwörungsrituale – „wir müssen unser Spiel machen“, „wir dürfen nur auf uns schauen“ – weiß, dass es ein ungemein wichtiges Spiel heute sein wird. Interimstrainer Florian Fulland wollte vor dem Spiel von einem Endspiel nichts wissen und wähnte die heutige Partie eher als große Chance, Sandhausen auf sieben Punkte distanzieren zu können.
Die Mannschaft sei sich der kritischen Lage bewusst, aber man solle nicht zu viel Druck aufbauen, denn die Welt gehe danach nicht unter, ergänzte Blacha.
Richtig ist: Sollte der VfL verlieren, ist er zwar noch lange nicht aus dem Rennen, denn dazu ist die Saison noch viel zu lang, aber er würde vermutlich bis zum letzten Spieltag um den Klassenerhalt zittern müssen.
Beim SV Sandhausen sitzt mittlerweile mit Gerhard Kleppinger interimistisch der dritte Trainer auf der Bank, der bei einem Sieg gegen den VfL auf einen Zweitligavertrag hoffen kann, zumal das Spieltagsmotto der Sandhäuser selbstbewusst „ohne Punkt zurück nach Osnabrück!“ lautet.

Kommen wir zu den heutigen Aufstellungen:
Die beiden besten Feldspieler, Timo Beermann und Ludovit Reis, sind gelbgesperrt, Engel verletzt. Drei feste Größen sind also außen vor. Müller sitzt auf der Bank. Für diese vier Spieler stehen Susac, Gugganig, Taffertshofer und Santos in der Startfelf.
Dass Müller auf der Bank sitzt, ist weniger überraschend als der erste Torwartwechsel beim VfL in dieser Saison: Für Philipp Kühn steht Moritz Nicolas zwischen den Pfosten. An Kühn lag es bestimmt nicht, dass der VfL ein Spiel nach dem anderen verloren hat. Mich erinnert das eher an blinden Aktionismus als an eine sinnvolle Entscheidung und könnte zur weiteren Verunsicherung der Mannschaft beitragen. Warten wir es ab …
Bei Sandhausen springt gegenüber der Partie in Paderborn Kister für den gelbgesperrten Zhirov ein.

Beginn …

Schiedsrichter Sören Storks aus Velen pfeift bei herrlichstem Sonnenschein um die zehn Grad pünktlich um 13.30 an. Anstoß haben die ganz in Weiß gekleideten Sandhäuser.
Gleich in der zweiten Minute eine Riesenchance für Sandhausen:
Sandhausen kommt über links. Linsmayer setzt Halimi ein, der in den Osnabrücker Strafraum weiterspielt. Diekmeier schießt den Ball im Fallen rechts neben das Tor.
Und dann der große Paukenschlag in der 6. Minute:
Susac steht schlecht, zupft Behrens erst am Trikot, umklammert ihn und bringt so den Sandhäuser Stürmer zu Fall. Der Ball rollt sogar ins Tor, aber Schiedsrichter Storks hat zuvor auf Strafstoß entschieden, während Susac die rote Karte sieht.
Den fälligen Elfmeter verwandelt Esswein ohne Probleme zum 1:0.
Was für ein ärgerlicher Neueinstand für Susac. Was für ein gruseliger Beginn!

Nach einer Viertelstunde …

… ist Sandhausen das spielbestimmende Team. Der VfL wechselt früh, um sich auf die neue Situation einzustellen: Für Niklas Schmidt kommt Bryan Henning in die Mannschaft, sicherlich der neuen Spielsituation geschuldet. Der VfL stellt nun hinten von Dreier- auf Viererkette um und steht hinten eingermaßen sicher, wohingegen die Angriffsbemühungen wie gewohnt wirkungslos bleiben.
Der SVS ist natürlich feldüberlegen, doch auch seine Angriffe führen bislang nur zu harmlosen Abschlüssen. Der VfL wehrt sich mit aller Macht und kommt sogar in der 37. Minute an der linken Torauslinie der Sandhäuser zu einem Freistoß. Aber Kerks Flanke landet im Nichts.  
Ein schwaches Spiel von beiden, wobei insbesondere die Sandhäuser wenig zu einer Belebung der Partie beitragen, dem VfL kann man mit nur neun Feldspielern keinen Vorwurf machen. Dann verletzt sich zu allem Überfluss David Blacha nach unglücklichem Zweikampf mit Nauber und muss gegen Ulrich Bapoh ausgetauscht werden.
Der Halbzeitpfiff wirkt aufgrund dieses VfL-Leidenszenarios wie eine Erlösung.

Halbzeitfazit:

Sandhausen ist in dieser bis auf die Elfmetergeschichte recht ereignislosen ersten Halbzeit notgedrungen das leicht überlegene Team. Der VfL kann einem langsam leid tun. Wie sagte einst der große Fußballphilosoph Andreas Brehme? Richtig: „Wenn du Scheiße am Schuh hast, hast du Scheiße am Schuh.“

Tipp: Die Halbzeitgedanken, eine Melange aus Hintergrundinformation, Kommentar und Satire, erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Sie fallen hin und wieder recht knapp, manchmal aber auch sehr ausführlich aus. Wem das Lesen der Halbzeitgedanken zu mühselig ist: Ganz einfach weiter nach unten scrollen, dort geht es dann mit dem aktuellen Spielbericht weiter.

Halbzeitgedanken:
Der SV Sandhausen wurde 1916 als reiner Fußballverein gegründet und hat heute knapp 1.000 Mitglieder, das heißt, etwa jeder 16. Einwohner ist Vereinsmitglied.
Sandhausen benötigt noch 266 Zuwander, um die 15.404 Plätze des heimischen Hardtwaldstadions füllen zu können.

Bei der Gemeinderatswahl 2019 wurden immerhin zu 100% demokratische Parteien gewählt. Sandhausen könnte also diesbezüglich als Vorbild für ganz Deutschland gelten. CDU 35,3%, SPD 27,5%, FDP 19,7% und Alternative Liste 17,5%.

Die Frage, warum es Sandhausen überhaupt gibt, konnte bis heute noch nicht zufriedenstellend und in aller Form geklärt werden. Sicher ist nur, dass sich neunzig Prozent der arbeitenden Bevölkerung außerorts verdingt, namentlich vor allem beim Software-Giganten SAP im nur wenige Kilometer entfernten Walldorf. So ist es zumindest kein Wunder, dass die Sandhäuser Bevölkerung nach getaner Arbeit offenbar gerne wieder nach Hause in ihre sandhäusernen Häuser fährt.

Abwegige, etwas nervige Halbzeitgedanken:
“Sandhäuser” sind eben keine Häuser aus Sand, jedenfalls nicht in Sandhausen!
Früher wurde vor der Ableitungssilbe -er das -en deutscher Ortsnamen im Allgemeinen ausgestoßen. Man sagte also Aacher, Binger, Göttinger, Emder, Gießer, Barmer, Nordhäuser …
Mehr und mehr ging man jedoch dazu über, die Ortsnamen – vor allem zweisilbige – in der Ableitung auf -er vollständig zu erhalten.
Dennoch haben sich viele Kurzformen ohne -en vor -er erhalten, besonders bei mehrsilbigen Ortsnamen, in den Mundarten und im örtlichen Sprachgebrauch: Bremer, Lüner, Uelzer (seltener: Uelzener), Emder (seltener: Emdener); Sonthofer, Eisleber, Melsunger, Erlanger, Mühlhäuser …
Der Umlaut in Einwohnerbezeichnungen auf -er geht immer mehr zurück. Auch hier ist das Bestreben zu beobachten, den Namen unverändert zu lassen (im Zweifelsfall sollte man sich stets nach dem örtlichen Sprachgebrauch richten und der deutet in Sandhausen auf Sandhäuser hin).
Man sagt z. B. der Wernigeröder, aber: der Ebenroder; der Osteroder/Osteröder, der Königshöfer/Königshofener, aber nur: der Wörishofer; der Mühlhäuser, Nordhäuser, Gelnhäuser, SANDHÄUSER – aber: der Heiligenhauser und der Oberhausener; der Stadthäger, Steinhäger, aber: der Greifenhagener und der Wolfhager.
Und das alles hat mit Helgoland oder einem Hamburger nichts zu tun. 

Der VfL wechselt zur zweiten Hälfte … 

… der zur Halbzeit humpelnd in die Kabine gehende Sebastian Kerk wird durch Kim Reichel ersetzt. Was für ein gebrauchter Tag!
Sandhausen wechselt nicht und drängt nun auf das 2:0, zwar nicht mit allerletzter Konsequenz, aber stetig. Beim VfL hat sich Reichel mittlerweile hinten links in die Viererkette eingereiht. Sandhausen kommt nun immer wieder zu Chancen, kann sie aber nicht nutzen, da der VfL hinten immer noch recht gut steht. Der VfL versucht es seinerseits mit Fernschüssen.
Alles in allem kein sehr ansehnliches Fußballspiel, und das nicht nur aus Fansicht. Sandhausen macht viel zu wenig aus der zahlenmäßigen Überlegenheit und der VfL ist immer nur „stets bemüht“.

Nach 60 Minuten …

… gibt es in der 63. dann den zweiten Elfmeter für Sandhausen. Eine viel zu harte Entscheidung. Taffertshofer und Röseler liefern sich einen Zweikampf, Röseler geht eher als Taffertshofer zu Boden.
Den Freistoß verwandelt Behrens unten links zum 2:0.
Sandhausen ist im Angriff bislang offenbar zu schwach, um anderweitig Tore zu erzielen.
In der 66. Minute gibt es einen Freistoß für den VfL. Gugganig schießt aus gut 20 Metern in Kerk-Manier aufs Tor. Kapino kann den Ball noch gerade mit einer Hand über die Latte lenken. Das wäre der überraschende, aber mittlerweile nicht unverdiente Anschlusstreffer gewesen.
Kurz darauf senkt sich ein Kopfball von Trapp fast ins Sandhäuser Tor, kann aber auf der Linie geklärt werden. Der VfL ist in dieser Phase sogar das bessere Team, was bei zwei schwachen Teams nicht schwer ist, und kommt zu einigen gut vorgetragenen Angriffen.
Gegen Ende des Spiels besinnt sich Sandhausen darauf, wieder mehr für das Spiel zu tun. Diekmeier zieht den Ball in den Strafraum und freistehende Klingmann hat keine Mühe, den Ball auch ohne Elfmeter im langen Eck zu versenken.
Den dritten Elfer gibt es dann tatsächlich in der 90. Minute. Neutorwart Nicolas foult den heranstürmenden Schmidt, der selbst antritt. Nicolas kann den durchaus platzierten Schuss mit einer tollen Parade klären.
Und dann hat das Elend endlich ein Ende.

Fazit:

Kär, Kär, Kär!

ZAHLEN | DATEN | FAKTEN

Zuschauer: keine 

Tore:
1:0 Esswein (6. Elfmeter)
2:0 Behrens (63. Elfmeter)
3:0 Klingmann (80.)

Gelbe Karten:
(23.) Behrens
(47.) Trapp

Rote Karte:
(6.) Susac

SV Sandhausen: Kapino – Röseler, Kister, Nauber – Diekmeier, Contento (84. Klingmann) – Bachmann, Linsmayer (82. Paurevic) – Esswein (Keita-Ruel), Halimi (69. Zenga) – Behrens 

Trainer: Gerhard Kleppinger

VfL Osnabrück:
Nicolas – Gugganig, Susac (rot), Trapp – Blacha (43. Bapoh), U. Taffertshofer – Ajdini (78. Müller), Kerk (46. Reichel), Schmidt (20. Henning), Heider – Santos
Trainer: Florian Fulland

Schiedsrichter: Sören Storks (Velen)


Statistik: Seit 2009 trafen die beiden Clubs vor dem heutigen Spiel siebenmal aufeinander. Dabei gab es vier Siege für den VfL, zwei für Sandhausen, ein Spiel ging unentschieden aus. Hier geht es wie immer zur kompletten Statistik von “fussballdaten.de“.

Tabellarisches

Vor dem heutigen Spieltag stand der VfL mit einer Durchschnittsnote von 3,46 immer noch auf dem achten Platz der Kicker-Formtabelle, wohingegen die Sandhäuser mit der Note 3,58 schon etwas realistischer Tabellendreizehnter sind.
Tatsächlich spielte der VfL als Fünzehnter des 20. Spieltags gegen den Siebzehnten aus Sandhausen.

Über den Autor
Kalla Wefels Saisonrückblick 2019/20 erschien im aufwändigen A-4-Format und ist unter anderem bei Bücher Wenner erhältlich. Dietrich Schulze-Marmeling schreibt in seinem Vorwort: “Herausgekommen ist ein großartiges Saisonbuch. Eigentlich ist es weit mehr als das …” Um die Spielberichte herum ranken sich Reportagen, “Halbzeitgedanken”, Hintergrundberichte, Fankommentare und Kolumnen. 160 Seiten A-4-Format / 12,00 € Kalla saß mit zwei Jahren zum ersten Mal auf der Trainerbank des VfL, und zwar auf dem Schoß seines Vaters „Doc“ Wefel, der 34 Jahre lang Mannschaftsarzt und Vorstandsmitglied war. Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß, Jupp Heynkes, Gerd Müller, Paul Breitner, Lothar Matthäus, Diego Maradona und Kalla Wefel hatten denselben Fußballtrainer, nämlich Udo Lattek, der einst bei Familie Wefel ein und aus ging. Diese und viele weitere skurrile, heitere und ernste Geschichten und Anekdoten um den VfL lassen sich in seinen Büchern „Mein VAU-EFF-ELL!“ und „111 Gründe, den VfL Osnabrück zu lieben“ nachlesen. Die von ihm 2010 mit viel Aufwand produzierte CD „Wir sind der VfL“ wurde 5.000 mal verkauft und der komplette Erlös (etwa 30.000 €) ging an terre des hommes. Seine VfL-Heimatabende sind legendär.
Mit „Kär, Kär, Kär!“ schrieb er das nach der Bibel und „Mein Kampf“ meistverkaufte Buch Osnabrücks. Mit „Der VfL in der Saison 2019/20“ hat er ein neues Format entwickelt, das von nun an jährlich erscheinen soll. Seit rund fünfzig Jahren arbeitet er professionell als Journalist und Buchautor sowie als Kabarettist und Musiker.

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