Würdigung für Engagement und Verständigung
Es ist der traditionelle Termin für den politischen Jahresauftakt der Friedensstadt: Am Dienstag, dem 6. Januar, versammelten sich Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Stadtgesellschaft im historischen Friedenssaal des Rathaus, um den Handgiftentag zu begehen.
In einer Reihe von Grundsatzreden zogen Oberbürgermeisterin Katharina Pötter sowie die Vertreter der Ratsfraktionen Bilanz – und setzten mit der Verleihung der Justus-Möser-Medaille an Michael Grünberg ein unübersehbares Zeichen für demokratische Resilienz und jüdisches Leben in der Friedensstadt.
Die Laudatio: Ein Kompass in schwierigen Zeiten
Oberbürgermeisterin Katharina Pötter hob in ihrer Laudatio hervor, dass die Medaille den Namen eines Aufklärers und Verteidigers von Recht, Vernunft und Freiheit trägt. Doch sie verschwieg nicht, dass die Auszeichnung eine „dunkle Geschichte“ hat: Sie wurde 1944 erstmals durch den damaligen Oberbürgermeister Erich Gaertner verliehen – einen überzeugten Nationalsozialisten. Zu den ersten Preisträgern gehörten Persönlichkeiten wie Ludwig Bäte und Franz Hecker. Pötter dankte Grünberg zutiefst dafür, dass er die Ehrung in Kenntnis dieser Historie angenommen hat. Damit, so die Oberbürgermeisterin, werde die Medaille heute mit den ursprünglichen Werten der Aufklärung neu aufgeladen und den Händen der Ideologen von einst endgültig entrissen.
Vom Neuanfang zur lebendigen Gemeinde
In ihrer Würdigung zeichnete Pötter Grünbergs über 30-jähriges Wirken nach. Er begleitete den tiefgreifenden Wandel der Gemeinde, die durch die Zuwanderung jüdischer Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion auf über 1.000 Mitglieder anwuchs. Dass die Synagoge an der Straße „In der Barlage“ heute ein lebendiger Ort ist, trägt maßgeblich Grünbergs Handschrift. Er schuf einen Raum, der die 1938 zerstörte alte Synagoge in der Rolandstraße nicht vergessen macht, aber jüdisches Leben wieder fest und sichtbar im Stadtbild verankert. Besonders gewürdigt wurde sein Engagement am „Runden Tisch der Religionen“. Grünberg gilt als Brückenbauer, der mit Geduld und Pragmatismus dafür sorgt, dass jüdisches Leben ein integraler Bestandteil der Stadtgesellschaft ist – auch und gerade in Zeiten globaler politischer Spannungen.
Die Dankesrede: Solidarität und Wachsamkeit
Sichtlich bewegt nahm Michael Grünberg die höchste Auszeichnung der Stadt entgegen. Er verstehe die Medaille nicht als persönlichen Preis, sondern als Zeichen der Wertschätzung für die gesamte jüdische Gemeinschaft und alle Menschen, die sich in Osnabrück täglich für ein friedliches Miteinander einsetzen.
In einem Rückblick äußerte Grünberg seinen Respekt für jene, die nach der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten den Mut zum Dialog fanden. Diesen Weg setze die Gemeinde heute fort: Das Projekt „Judentum begreifen“ und die zahlreichen Führungen im Gemeindezentrum für Schulen und Organisationen zielen darauf ab, Unwissen durch Wissen zu ersetzen und Vorurteile abzubauen.
Trotz wachsender Sorge über antisemitische Tendenzen zog Grünberg ein optimistisches Fazit für Osnabrück. Er erinnerte an die Entzündung der dritten Kerze zu Chanukka am 16. Dezember, bei dem sich mehr Menschen als je zuvor versammelten, um Solidarität nach den Terroranschlag in Sydney zu zeigen. Auch die klare Haltung der Universitätsleitung gegen Diskriminierung hob er positiv hervor. Sein Wunsch für die Zukunft: Den Weg des Respekts gemeinsam weiterzugehen – „aus Verantwortung für unsere Geschichte und als Hoffnung für die kommenden Generationen“.
Weitere Bilder gibt es im Blog von Toni Theilmeier.













