„Kameraden! Nun ist auch in Osnabrück ein Nationalsozialist Regierungspräsident geworden“[1]
Am 27.3.33 übernahm der 41jährige Bernhard Eggers das Amt des Regierungspräsidenten in Osnabrück. Sein Amtsvorgänger, der Zentrumsanhänger Adolf Sonnenschein, versuchte alles in seiner Macht stehende, um sein Amt zu behalten – vergebens. Was qualifizierte den Bremer Zoll- bzw. Finanzfachmann Eggers in den Augen der neuen Staatsführung für diese Aufgabe?
Nach dem Besuch des Realgymnasiums in Bremen (1891-1900) begann Bernhard Eggers als Sohn eines Eisenbahnbetriebssekretärs eine Ausbildung bei der Bremer Zollverwaltung. Beruflich scheint er sehr ambitiuniert gewesen zu sein. Auch beim Militärdienst zeigte Eggers Ehrgeiz: Nach seiner Dienstzeit 1901/02 ließ sich der Reservist immer wieder für Übungen und Lehrgänge vom Zolldienst beurlauben. Er schaffte es 1906 immerhin bis in den Rang eines Leutnants der Reserve. Fast die gesamte Dauer des Ersten Weltkrieges diente Eggers an der Westfront. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen und wurde im letzten Kriegsjahr schwer verletzt.
Früher Kontakt zum Freikorps-Milieu
Nach der Novemberrevolution finden wir Eggers im Freicorps-Milieu. Er organisierte „einen Hafenüberwachungsdienst in Bremen (…), der zum größten Teil aus seinen alten Soldaten bestand“, wie das Osnabrücker Tageblatt 1933 zu berichten wusste. Nach einem kurzen Intermezzo bei der Sicherheitspolizei setzte Eggers seine Karriere im Zolldienst fort. So richtig wohl aber schien er sich in dieser zivilen Stellung nicht gefühlt zu haben. Nach den Jahren an der Westfront und seiner Freicorps-Episode zog es ihm verstärkt weiter zu allem Militärischen. Und trotz der vergleichsweise schlechten Karriereaussichten bemühte er sich – vergeblich – um eine Anstellung in der Reichswehr. Die Entscheidungsgremien befanden jedoch, dass „ein Verbleiben Eggers im militärischen Dienst den Interessen des Reiches zuwiderläuft, da ein empfindlicher Mangel an eingearbeiteten Finanzbeamten, zugleich aber großer Überfluss an Offizieren besteht“.
Statt der erhofften Überführung in die Reichswehr folgte 1922 Eggers Versetzung an das Finanzamt Osnabrück, verbunden mit einer Beförderung zum Steueramtmann. Er scheint dieses Stelle jedoch nur widerwillig angenommen zu haben, da er Nachteile für seine weitere Karriere befürchtete. Vergeblich bemühte er sich beim Reichsfinanzministerium um eine Rücknahme seiner Versetzung. Erst nach beinahe drei Monaten Hinauszögerns erschien er in der Hasestadt zum Dienst, wo er vermutlich die Fahndungsabteilung für Steuervergehen leitete. Sein Osnabrücker Zwischenspiel dauerte fast vier Jahre. Am 1. April 1926 übernimmt der Steueramtmann Eggers als Amtsleiter das Finanzamt Blumenthal, nördlich von Bremen. Sein Vorgesetzter in Hannover bescheinigt ihm 1929 ausgeprägten Ehrgeiz: „Von den ganzen Steuermännern des Bezirks ist er wohl einer der gewandtesten, dem auch aus den Reihen der akademisch gebildeten Regierungsräte eine Beförderung zu Regierungsrat in erster Linie gegönnt wird.“ Am 1. Oktober 1929 folgt die ersehnte Beförderung zum Regierungsrat.

Karriereschritt 1933
Der nächste große Karriereschritt erfolgte am 27. März 1933. Drei Wochen nach den Reichstagswahlen und drei Tage nach Verabschiedung des „Ermächtigungsgesetzes“ übernimmt der Steuerfachmann Eggers kommissarisch das Amt des Regierungspräsidenten im Bezirk Osnabrück. Drei Tage darauf überträgt ihm der Preußische Innenminister dieses Amt endgültig. Die Amtseinführung Eggers gestaltete sich als Machtdemonstration der NSDAP. Ein Fackelzug der SA begleitete den neuen Regierungspräsidenten.
Eggers Vorgänger als Regierungspräsident, dem vier Jahre jüngeren Adolf Sonnenschein, wurde nicht zugetraut, die Richtungsentscheidungen der Regierung der „nationalen Erhebung“ konsequent umzusetzen – obwohl er, allerdings vergeblich – einen Aufnahmeantrag in die NSDAP stellte. Als Vertreter des Zentrums galt er als sog. „Parteibuchbeamter“. Bis Ende Juli 1934 schafften es in Preußen lediglich zwei von 34 Regierungspräsidenten, ihre Stellungen zu behalten. Die neue Staatsführung bemühte sich, entscheidende Positionen für einen Umbau des Staatsapparates mit politisch zuverlässigen Personen zu besetzen. Eggers tat sich als ein durchsetzungswilliger Verwaltungsbeamter hervor. Und er war entschiedener Nationalsozialist. Genau die Mischung, die im neuen Deutschland auf einen beruflichen Aufstieg hoffen durfte.
Eggers und sein Amtsverständnis
1952 stellte der Niedersächsische Innenminister in einem Bescheid fest: Eggers Ernennung „als Finanzamtsvorsteher ohne juristische Vorbildung zum Regierungspräsidenten ist so ungewöhnlich, dass sie nur mit seiner engen Verbindung zum Nationalsozialismus, gegründet auf seine frühe Zusammenarbeit mit der NSDAP, erklärt werden kann“. In den 1930er Jahren überging Eggers gerne seine deutschnationale Vergangenheit. Nach Einschätzung Osnabrücker DNVP-Vertreter aber sei er „stets treues Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei und eifriges Mitglied des Nationalverbandes deutscher Offiziere“ gewesen. Dennoch muss er sich recht früh den Nationalsozialisten zugewandt haben. Offiziell trat Eggers am 1. Februar 1932 in die NSDAP ein. Gauleiter Röver bezeugte anlässlich Eggers Beerdigung 1937 jedoch, dass dieser bereits „1922/23 (…) in der Kampflinie der Männer, die sich zu Adolf Hitler bekannten“ zu finden gewesen sei.
Seinen Willen, die Interessen der Partei rücksichtslos durchzusetzen, zeigte Eggers bereits als Vorsteher des Blumenthaler Finanzamtes, als Vertreter der NSDAP 1933 im Kreistag Osterholz sowie im Gemeinderat Blumenthal. In beiden Gremien veranlasste er in den konstituierenden Sitzungen nach den Märzwahlen den Ausschluss der sozialdemokratischen Delegierten, weil diese den Hitlergruß verweigerten beziehungsweise das Horst-Wessel-Lied nicht mitsangen. Eggers politische Karriere in Blumenthal währte allerdings recht kurz. Bereits einen Tag nach der besagten Eröffnungssitzung des Stadtparlaments kündigte der Führer der NSDAP-Fraktion an, die Kommunalpolitik zu verlassen, um in Osnabrück das Amt des Regierungspräsidenten zu übernehmen.

Bernhard Eggers richtete die Verwaltung des Regierungsbezirks nach den Erfordernissen der neuen Staatsführung aus. Sein wichtigstes Instrument dabei war die Personalpolitik. Die erste Amtshandlung des neuen Regierungspräsidenten bestand dementsprechend in der Entfernung von vier leitende Regierungsbeamten aus Ihrem Dienst. Sie hatten das falsche Parteibuch (zwei gehörten der SPD an, einer war Mitglied des Zentrums, einer der DVP). Im Gegenzug wurden zwei einflussreiche NS-Funktionäre in die Bezirksverwaltung integriert: Osnabrücks führender Nationalsozialist, Standartenführer Marxer, wurde mit der Leitung der Polizei in Stadt und Bezirk beauftragt. Der NSDAP-Abgeordnete im Preußischen Parlament, Gauinspektor Gronewald, wurde zum Kommissar zur besonderen Verwendung ernannt. Das am 7. April 1933 verabschiedete „Berufsbeamtengesetz“ ermöglichte es, „Beamte, die nach ihrer bisherigen politischen Betätigung nicht die Gewähr dafür bieten, dass sie jederzeit rückhaltlos für den nationalen Staat eintreten“, aus dem Dienst zu entlassen.
Eggers war gewillt, dieses Gesetz konsequent zu nutzen. Allerdings wurde seinem Eifer Grenzen gesetzt. Der Pool derjenigen, die über die rechte Gesinnung verfügten und zugleich eine hinreichende Qualifikation für eine leitende Beamtenfunktion aufwiesen, war nicht ausreichend groß. Zudem galt es, bei der Auswahl von höheren Behördenvertretern (insbesondere Landräten) Rücksicht auf Stimmungen in der Bevölkerung zu nehmen, sollte deren Akzeptanz nicht leiden. Eggers ging seine Personalpolitik also durchaus pragmatisch an. Geringe Chancen, einer Entfernung aus dem Staatsdienst zu entgehen, scheinen jedoch Menschen gehabt zu haben, die aus rassistischen Gründen unter das Berufsbeamtengesetz fielen. Im April 1935 verlor Regierungsassessor Gerhard Berting nach dem Berufsbeamtengesetz seine Stelle bei der Bezirksregierung. Zwar war Berting evangelisch getauft, galt aber nach nationalsozialistischen Kriterien als Jude. Damit war er laut Eggers als deutscher Beamter ungeeignet: „Nach meiner Kriegserfahrung haben zu Offizieren beförderte Juden sehr schnell ihre wahre Natur erkennen lassen. (…) Nach meiner Beurteilung ist alles das, was er [Berting] getan hat, eine Tarnung, um in der arischen Gesellschaft Vorteile für sich zu erlangen“.
Eggers Verständnis nach waren Beamte – unabhängig ihrer vormaligen politischen Orientierung – dazu berufen, die nationalsozialistischen Ziele vorbehaltlos zu fördern. Laut einem Lagebericht der Osnabrücker Gestapo vom August 1934 sah sich der Regierungspräsident veranlasst, um einer „gewisse[n] Gleichgültigkeit“ entgegenzuwirken, klarzustellen, „dass er derartige „Schlappheiten“ nicht dulden werde. Schließlich verdankten die Beamten ihre berufliche Existenz allein dem nationalsozialistischen Staat, wie Eggers im September 1935 seinen Untergebenen bei einer Betriebsversammlung erklärte.

Sein Verständnis von staatlichen Behörden als Vollstreckungsinstrument nationalsozialistischer Politik wird auch in seiner Haltung zum entstehenden Lagersystem im nördlichen Emsland deutlich. Zweck dieser Haftanstalten war es, die mit tausenden „Schutzhäftlingen“ überfüllten Staatsgefängnisse zu entlasten. Es ging also darum, staatlich kontrollierte Lager zu schaffen, in denen (politisch) von der NS-Norm abweichende Menschen an der Justiz vorbei aus der Öffentlichkeit entfernt und diszipliniert werden sollten. Anfang 1936 begrüßte Eggers eine juristische Bestätigung der Schutzhaft-Praxis: „Es ist wiederholt von mir als schweres Hemmnis empfunden worden, dass polizeiliche Verfügungen aufgrund der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze von Volk und Staat vom 28. Februar 1933, auch soweit es sich um staatspolitische Akte handelt, der Anfechtung im Verwaltungsstreitverfahren unterliegen.“ Er hielt es also für notwendig, die durch einen Verwaltungsakt Inhaftierten der juristischen Überprüfung zu entziehen. Alles andere widerspräche seiner Meinung nach „dem Wesen des nationalsozialistischen Staates.“
Tod infolge eines Darmleidens
Bernhard Eggers litt seit einiger Zeit an einem Darmleiden. Am 29. September 1937 begab er sich für eine größeren Operation in das Städtische Krankenhaus. Am 27. Oktober verstarb er 55-jährig dort. Osnabrück nahm mit einer beispiellos pompösen Zeremonie im Schloss Abschied von seinem verstorbenen Regierungspräsidenten. Nach dem gemeinsamen Singen des Horst-Wessel-Liedes wurde der Leichnam Bernhard Eggers anschließend nach Bremen überführt, um dort beerdigt zu werden. Nachfolger Eggers wird Ministerialdirektor Rodenberg aus dem Mitarbeiterstab des Gauleiters.

Nachriegsbewertungen
1949 ordnete ein Entnazifizierungs-Hauptausschuss den ehemaligen Regierungspräsidenten in die Kategorie IV ein, da ,Bernhard Eggers den Nationalsozialismus unterstützt“ habe. Eine spätere Einstufung erkannte ihn nur noch der Kategorie V zugehörig. War Eggers also überhaupt ein „Täter, Hetzer oder Profiteur“?
Eggers Aktivitäten als Beamter und als Parteifunktionär fielen in die Anfangszeit des „Dritten Reiches“. In dieser Phase war es noch unklar, welche Form das Staatswesen annehmen würde. Er half an seinem Posten, die Weichen für einen Unrechtsstaat zu stellen, dessen rassistische und Recht-zersetzende Ziele er uneingeschränkt bejahte. Eggers lebte nicht mehr, als das nationalsozialistische Deutschland einen Weltkrieg entfesselte und in der Folge bis dahin beispiellose Menschheitsverbrechen beging. Nun waren auch NS-Funktionsträger Anfang der 1930er Jahre kaum in der Lage, die Entwicklung nach Kriegsbeginn exakt vorherzusagen. Es gibt sogar Beispiele von überzeugten Nationalsozialisten, die es angesichts der barbarischen Kriegsführung und der Shoah schafften, ihre Haltung und ihr Verhalten zu revidieren. Über Bernhard Eggers ließe sich lediglich dies sagen: Bei ihm lassen sich keine Anzeichen finden, die darauf hindeuten könnten, er wäre nicht dem Regime in die Gewalt-Eskalation der späteren Jahre gefolgt. Für ihn ist also eine Art „Gade des frühen Todes“ anzunehmen.
Vorhergehende Folgen und weitere Veröffentlichungen des ILEX-Kreises
[1]Ansprache des SA-Gruppenführer Freiherr von Schorlemer anlässlich Eggers Amtseinführung in Osnabrück, zitiert nach: „Der neue Präsident. Regierungspräsident Eggers trat sein Amt an“, in OZ vom 29. März.













