Artothek feiert 30-jähriges Bestehen
Pünktlich zum 30-jährigen Jubiläum präsentierte sich die Artothek im Foyer der Kunsthalle mit einem digitalen Angebot. Mit über 1000 Werken regionaler und internationaler Künstler bietet die Artothek Bürgern die Möglichkeit, Originalkunst für eine geringe Gebühr direkt nach Hause zu holen. Mit der Eröffnung des zweiten Teils der „Geister“-Ausstellung kehrte ein besonderes Angebot in die Kunsthalle zurück: Die Artothek wurde zum Jubiläum grundlegend modernisiert.
Sammlungsleiterin Anna Holms erklärt, wie das Prinzip „Mieten statt Kaufen“ frischen Wind in die heimischen vier Wände bringt.
Modernisierung zum runden Geburtstag
Nach einer intensiven Phase der Umstrukturierung wurde die Artothek nicht nur räumlich, sondern auch technisch auf den neuesten Stand gebracht. „Die Artothek wurde überarbeitet, umstrukturiert und grundlegend modernisiert“, erklärt Sammlungsleiterin Anna Holms. Ein neues Datenbanksystem sowie eine innovative AR-Funktion (Augmented Reality) ermöglichen es Interessierten ab sofort, Kunstwerke virtuell in den eigenen Räumen „probezuhängen“, bevor sie gemietet werden.
Das Herzstück bleibt jedoch der physische Bestand: Von Malerei und Fotografie bis hin zu Skulpturen und Zeichnungen reicht das Spektrum der Sammlung. In den vergangenen Monaten wurde der Bestand zudem gezielt erweitert. „Wir haben 15 neue Kunstwerke für die Sammlung angekauft“, so Holms weiter. Darunter befinden sich Arbeiten von lokalen Größen wie Kerstin Hehmann, Eva Lause und Žana Vojvodić.
Im Folgenden veröffentlichen wir das Interview im Wortlaut.
Frau Holms, lassen Sie uns einen Blick zurückwerfen. Die Artothek in Osnabrück wurde im Jahr 1995 ins Leben gerufen. Mit welcher Intention wurde dieses Angebot damals begründet und wie hat sich der Grundgedanke über die Jahrzehnte hinweg verändert?
Das Konzept Artothek hat sich ab den 1970er Jahren mit der Idee einer Demokratisierung von Kunst etabliert. Jeder Person sollte es möglich sein, teilhaben zu können am kulturellen Geschehen. So schafft eine Artothek einen niedrigschwelligen und auch längerfristigen Zugang zu Kunst. Nicht jede Person ist in der Lage, sich ein Kunstwerk zu leisten. Als Kunstgeschichte-Studentin habe ich mich damals zum Beispiel mit alten Ausstellungsplakaten eingerichtet. Hätte ich gewusst, dass ich Originale auf Zeit mieten kann, wäre ich auf Wolke 7 geschwebt. Darüber hinaus liegt der Vorteil einer Miete natürlich auch in der Möglichkeit des Wechselns.
Ich habe meine Wohnung temporär umgestellt und stehe vor leeren Wänden? Oder lebe nur auf Zeit an einem bestimmten Ort und suche Kunstwerke, die mich aufheitern oder heimelig fühlen lassen? Dann ist das Mieten von Kunst natürlich perfekt. Zudem ist so ein Kauf ist ja meist auch eine langfristige Entscheidung. Wenn ich mich zum Beispiel für eine:n bestimmte:n Künstler:in interessiere, kann ich ein Werk in der Artothek erst einmal ausleihen. Und nach ein paar Monaten kann ich dann entscheiden, ob ich mich mit der Kunst wohlfühle und etwas von der Person ankaufen möchte. Aus diesen Gedanken heraus wurde 1995 die Artothek der Kunsthalle Osnabrück begründet. Der Sammlungsschwerpunkt lag in den vergangenen Jahrzehnten auf lokaler und regionaler Kunst.
Das heißt, die Sammlung der Artothek versteht sich auch als kulturelles Gedächtnis der Stadt Osnabrück. Zudem wurde immer auch Kunst gesammelt, die in der Kunsthalle Osnabrück zu sehen war. So fungiert die Artothek auch als Speicher der Ausstellungsgeschichte des Hauses. Diese beiden Grundpfeiler möchten wir beibehalten und in unsere Gegenwart aktualisieren.
Die Artothek der Kunsthalle Osnabrück beinhaltet rund 1.000 Werke. Mit dieser Zahl müssen wir uns im bundesweiten Vergleich absolut nicht verstecken. Neben Gemälden und vielen Grafiken beinhaltet die Artothek auch Kleinskulpturen, Fotografie und sogar eine Soundarbeit. Seit November haben wir über 300 Werke aus dem Bestand an den Start gebracht, ordentlich verzeichnet und in einen mietbaren Zustand gebracht. Jetzt wird der Korpus sukzessive angefüllt.
Wenn wir die aktuelle Struktur betrachten: Wie definieren Sie heute den konkreten Umfang der Sammlung und welches primäre Ziel verfolgt die Kunsthalle mit diesem Verleihmodell?
Eine Hauptaufgabe der letzten Jahre war es, den Bestand zu digitalisieren und die Mietbedingungen zu modernisieren. Die Artothek der Kunsthalle Osnabrück wurde vor 30 Jahren gegründet und lange Zeit vom Engagement Ehrenamtlicher getragen. Das hatte zur Folge, dass es keine Kapazitäten für beispielsweise Modernisierungsprozesse gab. Ein Beispiel: Der Bestand der Artothek war für Interessierte bis dato nur in Handordnern vor Ort einsehbar. Schlussendlich wussten lange Jahre nur Eingeweihte von dem Angebot.
Unser primäres Ziel für die Modernisierung der Artothek war es also, zum einen überhaupt erst einmal auf dieses tolle Angebot aufmerksam zu machen und gleichzeitig den Zugriff über die Etablierung einer digitalen Plattform zu erleichtern. Seit der Wiedereröffnung im November 2025 kann der Bestand der Artothek der Kunsthalle Osnabrück über einen Online-Katalog bequem von zuhause aus durchgestöbert und Kunstwerke online vorgemerkt werden. Natürlich funktioniert das ganze auch hier vor Ort in der Kunsthalle.
Ein zentraler Aspekt Ihrer Artothek ist die Niederschwelligkeit. Könnten Sie für unsere Leser den praktischen Ablauf skizzieren – von der Anmeldung über die Gebühren bis hin zur Abholung eines Werkes?
Über unseren Online-Katalog können sich Interessierte ganz einfach von jedem Endgerät aus registrieren, dort aktuelle Mieten verwalten oder neue Kunstwerke zur Miete vormerken. Dazu braucht es lediglich eine E-Mail-Adresse. Sobald ein Artotheks-Konto angelegt wurde, müssen vor Ort in der Kunsthalle Osnabrück einmalig die persönlichen Daten mit einem Ausweisdokument geprüft werden, damit der Artotheks-Ausweis ausgestellt werden kann.
Das kann auch direkt mit der Abholung des ersten Kunstwerks kombiniert werden. Sobald ein Kunstwerk online reserviert wurde, bereiten wir es vor und informieren, wenn es zur Abholung bereit ist. Die Abholung kann flexibel innerhalb der Abholzeiten der Artothek erfolgen: Diese sind Dienstag bis Freitag, jeweils von 11 bis 18 Uhr. Ein Kunstwerk wird immer für mindestens 3 Monate gemietet. Das Online-System erinnert automatisch mit Vorlauf an die Rückgabefristen.
Die Bezahlung erfolgt dann erst bei Rückgabe. So hat man auch spontan noch die Möglichkeit, die Mietdauer zu verlängern. 6 Monate sind jedoch die Maximalmietdauer. Für Gewerbereibende, z.B. Arztpraxen oder Firmenbüros gibt es die Möglichkeit einer längeren Miete.
Aber auch für diejenigen, die lieber analog unterwegs sind, haben wir neue Möglichkeiten geschaffen. So gibt es seit November 2025 erstmalig einen physischen Ort für die Artothek im Foyer der Kunsthalle Osnabrück. Hier können Interessierte nicht nur wechselnde Präsentationen des Bestands entdecken und sich inspirieren lassen, sondern sich auch an einem Display durch den Sammlungsbestand klicken. Bei Fragen zur Ausleihe unterstützen unsere Kolleg:innen natürlich gerne. Denn bei allen Vorteilen der Digitalisierung soll die Artothek doch auch ein Instrument des Austausches über Kunst bleiben.
Oft herrscht die Schwellenangst, Kunst sei nur einer Elite vorbehalten. Wie stellen Sie sicher, dass die Artothek tatsächlich ein Angebot für „alle“ ist, und welche Rolle spielt dabei die Preisgestaltung?
Viele Menschen haben Berührungsängste mit Kunst, weil sie denken, sie hätten nicht das nötige Wissen, um über Kunst zu sprechen. Diese Scheu kann eine persönliche Auseinandersetzung mit einem Kunstwerk nehmen. Am Ende kommt es bei Kunst nicht darauf an, umfassendes Wissen zu haben. Sondern darauf, was ein Kunstwerk in mir auslöst, welche Gedanken und Gefühle es hervorruft.
Genau hierfür schafft die Artothek Möglichkeiten: Kunst kann zuhause im Privaten erlebt und erforscht werden. Und zwar für ein faires Entgelt. Die monatliche Miete für einen Erwachsenen beträgt 4 €, als ermäßigungsberechtigte Person, z.B. Schüler:innen, Studierende oder Mitglieder des Freundeskreises der Kunsthalle Osnabrück, sogar nur 1,50 €. Darüber hinaus schafft eine Artothek auch immer wieder Begegnungszonen, in denen man sich mit Kunst auseinandersetzt und über sie ins Gespräch kommt. Sei es bei der Abholung des vorgemerkten Kunstwerkes, bei einer Veranstaltung oder im Kontakt mit Künstler:innen.
Die Artothek fungiert auch als Förderinstrument. Nach welchen Kriterien erfolgt der Ankauf von Kunstwerken, insbesondere mit Blick auf die Unterstützung regionaler Künstlerinnen?
AH: Mit den Ankäufen von Werken unterstützen Artotheken regionale Kunstschaffende und die lokale Kulturlandschaft. Das ist eines der wichtigsten Anliegen von Artotheken deutschlandweit. Viele Künstler:innen erreichen durch die Bereitstellung ihrer Werke in einer Artothek ein breiteres Publikum, wodurch ihnen ein weiterer Absatzmarkt erschlossen wird. Denn in der Realität sind Ausstellungsmöglichkeiten für Kunstschaffende begrenzt. Artotheken treten hier zwar nicht wie Galerien als Verkäufer:innen auf, können aber als Verleiher:innen ein Bindeglied sein zwischen kaufinteressierten Personen und Künstler:innen.
Zum Aufgabenbereich der Künstler:Innenförderung kann man darüber hinaus auch die Funktion von Artotheken als Speicherort von Künstler:innen-Biografien zählen. So lassen sich anhand von stetigen Sammlungsankäufen auch Entwicklungen von einzelnen Kunstschaffenden nachvollziehen. Und nicht zuletzt ist der Ankauf von Werken durch die Artothek für eine:n Künstler:in auch ein Prestigefaktor.
Eine intensive Umstrukturierung, wie wir sie in den vergangenen Jahren vorgenommen haben, ermöglicht auch, sich mit dem eigenen Sammlungsbestand und der Sammlungsgeschichte auseinanderzusetzen. Dabei erkennt man auch Leerstellen, die sich in den Jahren aufgetan haben. Was die weiteren Ankaufsprozesse angeht, war es uns zum einen ein Anliegen, weiterhin lokale und regionale Kunstschaffende zu unterstützen.
Hier wollen wir zukünftig stärker daran arbeiten, die Bestände repräsentativ für die vielfältige Kunst- und Kulturlandschaft in Osnabrück zu gestalten. Das heißt konkret z.B., paritätische Verhältnisse anzustreben und neuen Nachwuchskünstler:innen Raum zu geben.
Das Thema Barrierefreiheit wird im Kulturbetrieb intensiv diskutiert. Welche Maßnahmen wurden bereits umgesetzt, um physische oder informative Barrieren in der Artothek abzubauen?
An sich ist Barrierefreiheit ein Grundgedanke von Artotheken. Denn sie bauen Barrieren zu Kunst ab, indem Kunstwerke günstig gemietet und zuhause „erlebt“ werden können. Das kann helfen, Berührungsängste zur Kunst und das Gefühl von „Kunst ist nicht für mich“ abzubauen. Ein weiterer, ganz konkreter Abbau von Barrieren geht für die Artothek der Kunsthalle Osnabrück sicherlich mit der Digitalisierung einher. Sie bietet schnellere und wesentlich flexiblere Zugänge zum Bestand der Artothek. Sei es von zuhause aus oder von unterwegs. Das System funktioniert niedrigschwellig und ist einfach in der Handhabung.
Da uns jedoch bewusst ist, dass auch digitale Angebote wiederum Barrieren herstellen können, gibt es vor Ort in der Kunsthalle Osnabrück während der Öffnungszeiten der Artothek auch immer die Möglichkeit, alle Prozesse analog und unterstützt durch das Personal der Kunsthalle durchzuführen.
Seit der intensiven Auseinandersetzung mit „Barrierefreiheit“ in 2019, ist z.B. eine konkrete Maßnahme der Kunsthalle Osnabrück, das gesamte Textmaterial in einfacher Sprache sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch zu formulieren. Die Texte rund um die Artothek der Kunsthalle werden entsprechend auch in einfache Sprache übersetzt. Eine Ausnahme bilden die Nutzungsbedingungen als juristisches Dokument.
Nicht nur, aber gerade in Sachen Barrierefreiheit verstehen wir uns als lernende Institution, die Prozesse im Dialog mit den Besucher:innen, ausstellenden Künstler:innen und Partner:innen geht. Daher sind wir auch immer dankbar um Hinweise und Anregungen.
Im Rahmen der fortschreitenden Digitalisierung: Inwiefern verändert die Online-Sichtbarkeit des Bestands die Resonanz und die Art und Weise, wie Nutzer ihre Auswahl treffen?
Der Online-Katalog der Artothek hat neben den schon genannten Basisfunktionen nun auch eine Augmented-Reality-Funktion. Das heißt so viel wie erweiterte Realität. Diese Funktion ermöglicht es Interessierten, das Abbild eines Kunstwerks über ein digitales Endgerät, z.B. ein Smartphone oder ein Tablet, in die eigenen vier Wände zu projizieren. So kann man das Kunstwerk, das einen interessiert, am Ort der Wahl probehängen und so testen, ob Größe und Stil zu den Räumlichkeiten passen.
Natürlich können die Kunstwerke alternativ auch vor Ort in der Kunsthalle angeschaut werden aber das Probehängen zuhause ermöglicht noch einmal andere Zugänge. Beim Ausprobieren zuhause hat man mehr Zeit, sich kreativ auszutoben: So kann man kann man z.B. mit verschiedenen Formen und Stilen spielen, Ideen verwerfen und mit den eigenen Räumen experimentieren. Man kann sogar eine eigene Ausstellung für den Flur konzipieren.
Wenn Sie die Osnabrücker Artothek im Vergleich mit ähnlichen Kunsthallen in anderen Städten betrachten: Wo sehen Sie unsere besonderen Stärken oder auch Alleinstellungsmerkmale?
Wir sind mit der Digitalisierung einen riesigen Schritt gegangen. Da hinken viele Artotheken vergleichbar großer Städte noch hinterher. Gerade die AR-Funktion ist bis jetzt einmalig, meine ich.
Blickt man auf die Nutzerzahlen und das Feedback der letzten Zeit: Wie fällt Ihre bisherige Bilanz aus?
Wir sind begeistert, wie gut das Angebot in den letzten Monaten seit der Wiedereröffnung angenommen wurde. Seit November 2025 sind schon mehr als 50 Werke in Vermietung. Zudem haben meine Kolleg:innen und ich wirklich großartige und zum Teil rührende Gespräche führen dürfen.
Abschließend der Blick nach vorn: Welche konkreten Projekte oder Erweiterungen planen Sie für die Zukunft der Artothek, um sie langfristig als Teil der Stadtgesellschaft zu erhalten?
Ich freue mich in diesem Jahr natürlich wieder auf Zuwachs in der Sammlung. Mehr kann ich dazu aber leider noch nicht verraten. Zudem ist es uns weiterhin wichtig, die Artothek über Veranstaltungen und Vermittlungsangebote zu aktivieren. Meine Kollegin Christel Schulte, Kuratorin für Publikumsbeteiligung und Lernen der Kunsthalle Osnabrück, plant ab März z.B. ein spannendes Schuldprojekt, bei dem sich eine Schuldklasse ein ganzes Schuljahr lang mit der Artothek befassen wird. Ich bin sehr gespannt darauf, welche kreativen Ideen hier entstehen werden.
Niedrigschwelliger Zugang zur Kunst
Das Prinzip der Artothek ähnelt dem einer Bibliothek. Für eine monatliche Gebühr – vier Euro für Erwachsene, ermäßigt sogar nur 1,50 Euro – können Kunstwerke für einen Zeitraum von drei bis sechs Monaten entliehen werden. Firmen und Institutionen haben zudem die Möglichkeit, Werke für bis zu zwei Jahre zu mieten.
„Artotheken bieten einen niedrigschwelligen Zugang zu Kunst im Alltag“, betont die Sammlungsleiterin. Ziel sei es, die Hemmschwelle vor der vermeintlich „elitären“ Kunstwelt abzubauen. Die neue Präsentationsfläche im Foyer, gestaltet von der Designerin Marlene Oeken, soll die Sammlung dauerhaft sichtbar machen und die Kunsthalle als Ort der Begegnung stärken.
Finissage-Wochenende und Ausblick
Zum Ende vom Jahresprogramm „Geister“ bietet die Kunsthalle am Finissage-Wochenende am 21. und 22. Februar bei freiem Eintritt folgende Veranstaltungen an. Am Samstag, den 21. Februar, findet von 11 bis 19 Uhr ein Thementag „Stille Monumente, sprechende Geister“ statt. Zudem wird es am Sonntag, den 22. Februar, um 16 Uhr, eine öffentliche Sonderführung mit Eva Lause zu Gast geben. Weitere Bilder sind im Blog von Toni Theilmeier zu sehen.














