Alles andere als „verbimmelt“: Kirsten Fuchs begeistert vor ausverkauftem Haus

Mischung aus Sarkasmus und messerscharfem Realismus

Mit einer Mischung aus Optimismus und messerscharfem Realismus hat die Autorin Kirsten Fuchs am Samstagabend ihr neues Programm und den Titel vom Buch „Muttermund tut Wahrheit kund“ in der Lagerhalle präsentiert. Vor voll besetzten Rängen im Spitzboden bot die amtierende Siegerin des „Best of Poetry Slameinen zweistündigen Streifzug durch die Absurditäten des Alltags – von digitaler Überforderung bis zu den neurotischen Freuden des Mutterseins.

Nach ihrem Erfolg im Theater Osnabrück kehrte die gebürtige Chemnitzerin in die Friedensstadt zurück, um ihr aktuelles Werk vorzustellen. Fuchs, die in der Berliner Lesebühnen-Szene „sozialisiert“ wurde, verfolgt dabei ein bewährtes Konzept: Lange Texte wechseln sich mit kurzen, spontanen „Schnipseln“ ab, die sie aus zwei Kästen mit der Aufschrift „A“ (gute Ware) und „B“ (für Eskalationen) zieht.


Zwischen „Bimmel-Inseln“ und Banken-Wahnsinn

Der Hauptteil des Abends widmete sich dem, was die Autorin als „Verbimmelt Sein“ bezeichnet – eine charmante Umschreibung für eine gewisse Lebensuntüchtigkeit, die sie jedoch geschickt auf bürokratische Hürden abwälzt. „Lebe dein Verbimmelt sein, anstatt dein Leben zu verbimmeln“, proklamierte Fuchs und lieferte sogleich den Beweis durch eine Anekdote über einen nächtlichen Online-Einkauf, der in einer versehentlichen Bestellung von 30 Paar Kinderschuhen für 900 Euro gipfelte.

Besonders pointiert geriet die Abrechnung mit der Digitalisierung des Bankwesens. Den Versuch der Postbank, „postmodern“ zu werden, beschrieb Fuchs als kafkaeske Odyssee. Die Ankündigung der kompletten Digitalisierung erhielt sie ironischerweise per Post. Es folgte eine Schilderung über „Raxli-Faxli-Pins“ und „Menetekel-Minitekel-Pins“, die angeblich nur Dienstagnachts an der Hinterseite eines Elches in Lappland aufleuchten. „Ich begann schon bei dem Wort Postbank in den Tisch zu beißen“, so Fuchs trocken.


Muttersein als „krasser Stoff“

Auch das Thema Elternschaft nahm breiten Raum ein. Fuchs verglich das Leben mit Kindern mit einer Droge: „Das Zeug heißt Kind […] Krassere Glücksgefühle kannst du gar nicht haben“, erklärte sie im Dialog mit einem fiktiven Dealer, nur um im nächsten Moment die Nebenwirkungen wie Schlaflosigkeit, Panik und „Horrorvisionen“ aufzuzählen. In diesen Passagen wurde die „rosa verschmierte Brille mit Kratzern“, durch die Fuchs die Welt betrachtet, besonders deutlich: Es ist ein liebevoller, aber ungeschönter Blick auf die Herausforderungen zwischen Rabeneltern-Dasein und dem Versuch, ein „authentisches Vorbild“ zu sein.


Hintergrund & Fazit

Kirsten Fuchs gehört seit Jahren zu den prägenden Stimmen der deutschen Lesebühnen-Literatur. Ihr neues Buch: „Muttermund tut Wahrheit kund“ umfasst ca. 224 Seiten und ist sowohl als Hardcover als auch als E-Book erhältlich. Fuchs Auftritt auf dem Spitzboden der Lagerhalle unterstrich ihre Fähigkeit, das Banale ins Literarische zu heben und dabei eine Nähe zum Publikum herzustellen, die über reine Comedy hinausgeht.

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