Gestapo-Chef in Hagen, gehängt vom Scharfrichter Albert Pierrepoint in Hameln
Der in Osnabrück geborene Friedrich („Fritz“) Hollborn gehörte als Gestapo-Mitarbeiter Osnabrück zum Einsatzkommando 4, war tätig im ostböhmischen Pardubice, wo er sich zahlreicher „todeswürdiger Verbrechen“ schuldig gemacht hatte. Übernahm im Januar 1943 die Leitung der Gestapo-Außenstelle in Hagen, dort für die Erschießung von mindestens 42 Personen sowie zwei Exekutionen am Galgen bzw. für die Ermordung des kanadischen Fliegers, Thomas D. Scott, verantwortlich.
Hollborn wurde am 17. Juli 1911 in Osnabrück als einziger Sohn eines Reichsbahnbeamten geboren. Nach dem Besuch der Oberrealschule in Kiel und anschließend in Flensburg absolvierte er seit 1933 bei der Gemeindeverwaltung Hohenwestedt im Kreis Rendsburg eine zweijährige Ausbildung als Angestellter des mittleren nichttechnischen Dienstes in der öffentlichen Verwaltung. 1935 war er als Verwaltungsangestellter im Landratsamt Bremervörde tätig, um im folgenden Jahr zum Landratsamt Osnabrück versetzt zu werden. Anfang 1937 leistete Hollborn seine Grundausbildung in einem Infanterie-Regiment. Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich bereits bei der Gestapo für die Laufbahn als Kriminalbeamter beworben.
Kriminalassistent bei der Staatspolizeistelle Osnabrück
Am 1. April 1937 trat Hollborn als Kriminalassistenten-Anwärter in den Dienst der Staatspolizeistelle Osnabrück und schlug damit die mittlere Beamtenlaufbahn ein. Im folgenden Jahr legte er nach dem vorgeschriebenen dreimonatigen Lehrgang an der Führerschule der Sicherheitspolizei und des SD in Berlin-Charlottenburg die 1. Fachprüfung für den Kriminaldienst ab und wurde als Kriminalassistent übernommen. Im Jahre 1940 heiratete Hollborn in Osnabrück.
Parallel zu seiner beruflichen Ausbildung und Tätigkeit erlebte Hollborn auch in der SS einen seinem Werdegang angepassten Aufstieg. Im Dezember 1930 war er in den Jungstahlhelm eingetreten, um im März 1934 Mitglied in der SS (Nr. 91.214) zu werden. Am 1. Mai 1937 erfolgte die Aufnahme des langjährigen „Parteianwärters“ in die NSDAP (Nr. 4.439.498). 1938 wurde Hollborn als SS-Scharführer geführt, am 30. Oktober 1942 und zeitgleich zu seiner Einstufung als Kriminalkommissar (zur Anstellung) kam es zur Beförderung zum SS-Untersturmführer und damit zur Aufnahme in den niedrigsten Offiziersrang sowie am 30. Januar 1944 zum SS-Obersturmführer.
Einsatzkommando 4 in Pardubice
Bei der Annexion der Rest-Tschechei am 15. März 1939 gehörte Hollborn dem unter anderem aus Mitarbeitern der Gestapo in Osnabrück gebildeten Einsatzkommando 4 unter SS-Sturmbannführer und Regierungsrat Dr. Karl Constantin Canaris an. Bis Anfang April 1939 inhaftierte das Einsatzkommando an seinem Zielort, dem ostböhmischen Pardubice, bereits über 400 Personen. Die Kreisstadt Pardubice war mit knapp 100.000 Einwohnern der Mittelpunkt einer weiträumigen Industrieregion. Sie besaß aber auch eine der größten jüdischen Gemeinden in der Tschechoslowakei.
Im September 1941 war der damals 30-jährige SS-Oberscharführer und Kriminalobersekretär Hollborn einer von über 1.840 Angehörigen der Gestapo und des SD, die unter der Aufsicht des stellvertretenden Reichsprotektors und RSHA-Chefs Reinhard Heydrich, das damalige Reichsprotektorat Böhmen und Mähren kontrollierten.
In der Gestapo-Außenstelle Pardubice arbeitete Hollborn zunächst im wichtigen Referat II/1 (Schutzhaft, Widerstand, Heimtücke, Hochverrat usw.) um Anfang 1940 zum Kriminalsekretär befördert zu werden bzw. schon ein Jahr später zum Kommissar-Anwärter zu avancieren. Anfang August 1942 wurde in Pardubice sein erstes Kind, eine Tochter, geboren.
An der Zerstörung der alten und großen jüdischen Gemeinden in Ostböhmen bis 1942 sowie an der Verfolgung und Deportation ihrer Mitglieder war die Außenstelle der Gestapo in Pardubice federführend beteiligt. Die anscheinend routinierte Arbeitsweise und zügige Auftragserledigung wurden von seinen Vorgesetzten positiv beurteilt. Das war sicherlich ein Grund für mehrere Auszeichnungen. Von Februar bis Oktober 1942 absolvierte Hollborn schließlich erfolgreich den Kommissar-Lehrgang an der Führerschule der Sicherheitspolizei und des SD in Berlin-Charlottenburg.

Vergeltungsaktionen nach tödlichem Attentat auf Reinhard Heydrich in Prag
Noch vor der Versetzung von Prag nach Dortmund im Oktober 1942 spielten sich im Protektorat folgenschwere Ereignisse ab. Ob Hollborn daran persönlich beteiligt war, ist wegen seiner Abordnung zum Kommissar-Lehrgang eher unwahrscheinlich, aber es ist durchaus denkbar, dass sich Hollborn zumindest zeitweise im Protektorat aufgehalten hat, da seine Tochter am 7. August 1942 in Pardubice geboren wurde. Nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich am 27. Mai 1942 in Prag kam es in den folgenden Wochen zu brutalen „Vergeltungsaktionen“. Ihnen fielen Tausende von Menschen im Protektorat Böhmen und Mähren zum Opfer. An der „Vergeltungsaktionen“ gegen den Widerstand und unbeteiligte Zivilisten war Hollborns Dienststelle in Pardubice maßgeblich beteiligt.

Versetzung zur Staatspolizeistelle Dortmund und dann Leitung Außenstelle Hagen
Mit Wirkung vom 7. Oktober 1942 wurde Hollborn zur Staatspolizeileitstelle Dortmund versetzt. Nach einer dreimonatigen Einarbeitungszeit übernahm er am 12. Januar 1932 als Kriminalkommissar die Leitung der Außenstelle in Hagen.
Die mehr als zweijährige Dienstzeit von Hollborn als Leiter der Gestapo-Dienststelle in Hagen wurde vor allem durch die verschärfte Überwachung, Kontrolle und Verfolgung der ausländischen Arbeitskräfte bestimmt. Seit September 1943 verfügte die Gestapo im rheinisch-westfälischen Industriegebiet über eigene Straflager, die so genannten Auffanglager. Unter Aufsicht von Hollborn wurden verschiedene solcher Haftstätten eingerichtet. Im Januar 1944 stellte Hollborn in einem Rundschreiben an die Leiter von Behörden und Dienststellen seines Bezirks unter anderem folgendes fest: „Flüchtige Ostarbeiter werden mal aufgegriffen und in seltenen Fällen jetzt an den alten Arbeitsplatz zurückgeführt. Sie wandern alle in ein Arbeitserziehungs- oder Konzentrationslager.“ In den „Auffanglagern“ kam es unten den Häftlingen zu einer großen Fluktuation, da sie häufig in andere Arbeitserziehung-, Straf- und Konzentrationslager transportiert sowie anderen Gestapo-Dienststellen zugeführt, aber auch „sonderbehandelt“ bzw. exekutiert wurden.
Im Zusammenhang mit der am 22. August 1944 angelaufenen „Aktion Gitter“ beteiligte sich auch die Gestapo-Außenstelle Hagen an dieser umfangreichen Verhaftungswelle. Die im Bezirk der Gestapo-Dienststelle Hagen verhafteten Gegner des NS-Regimes und „verdächtige Personen“ wurden unter anderem im „Auffanglager“ in Hohenlimburg festgehalten. Dort verblieben sie teilweise über mehrere Wochen, einige Inhaftierte gelangten anschließend in Konzentrationslager und Gestapo-Gefängnissen.
Gestapo-Dienststelle Hagen entwickelte sich zum Mittelpunkt eines eigenen Haft- und Lagersystems
Die unter dem Kommando des mittlerweile zum SS-Obersturmführer beförderten Hollborn stehende Gestapo-Dienststelle in Hagen, die im Herbst 1944 über bis zu 15 Mitarbeiter verfügte, hatte sich innerhalb von zwei Jahren zum Mittelpunkt eines eigenen Haft- und Lagersystems sowie eines umfassenden Überwachungs- und Verfolgungsapparats entwickelt. In Hagen wurde durch die Zusammenlegung der hier im Herbst 1943 verstaatlichten Kriminalpolizei und Gestapo eine Außenstelle des Kommandeurs der Sicherheitspolizei und des SD (KdS) gebildet. Noch am 4. April 1945 musste Hollborn seine Hagener Dienststelle verlassen und sich zum Sitz des übergeordneten KdS in Dortmund begeben. Zu diesem Zeitpunkt befand sich die Dortmunder Dienststelle bereits in Auflösung und war dabei, ein Ausweichquartier in einer Schule im sauerländischen Hemer einzurichten.
Versuchte Flucht zu Eltern, schwangerer Ehefrau und Familie nach Osnabrück
Nach der Auflösung der Dortmunder KdS-Dienststelle in Hemer am 14. oder 15. April 1945 versuchte Hollborn sich zu seiner bereits Anfang des Monats von Hagen zu seinen Eltern nach Osnabrück gereisten schwangeren Ehefrau (im Juli 1945 kam in Osnabrück noch ein Sohn zur Welt) und Familie abzusetzen. Schließlich wurde er am 22. Mai 1945 in seinem Versteck nahe Osnabrück durch die britische Feldpolizei aufgegriffen und im Civil Internment Camp No. 1 in Gadeland bei Neumünster interniert.
Bei ersten umfangreicheren Vernehmungen durch britische Offiziere im Herbst 1945 und im Januar 1946 im Internierungslager Esterwegen sowie im Sommer 1946 während der Verhandlung vor dem Militärgericht in Iserlohn schwieg Hollborn beharrlich über Einzelheiten seiner früheren Tätigkeiten vor dem Dienstantritt in Hagen im Januar 1943.
Lachend und grinsend während seiner Vernehmungen zu Erschießungen
Zwar gab Hollborn mehrere Hinrichtungen während seiner Dienstzeit in Hagen zu, nach seinen Angaben waren es etwa 42 Personen durch Erschießungen sowie 1944 zwei Exekutionen am Galgen, grundsätzlich äußerte er sich aber nur zu Vorfällen, wenn sie den britischen Vernehmungsoffizieren bereits bekannt waren und er deshalb gezielt befragt wurde. Darüber hinaus legte der damals 34-jährige Hollborn anscheinen ein arrogantes und selbstsicheres Verhalten an den Tag, das einen Vernehmungsoffizier, er verhörte ihn gerade über die Durchführung von Erschießungen in Hagen, zu folgender Maßregelung nötigte: „Ich haben Ihnen nicht erlaubt, während der Befragung hier lachend und grinsend dazustehen.“).
Über seine Tätigkeit als Gestapo-Beamter im Protektorat Böhmen und Mähren äußerte sich Hollborn mit keinem Wort, lediglich in seinem handschriftlichen Lebenslauf vermerkte er den von 1939-1942 Einsatz kurz. Die britischen Ermittlungen gegen Hollborn und fünf seiner früheren Mitarbeiter konzentrierten sich ausschließlich auf die Ermordung eines kanadischen Fliegers am 3. April 1945. Der Flying Officer Thomas D. Scott war während eines Luftangriffs am Abend des 15. März 1945 über Hagen aus einem beschädigten Bomber mit dem Fallschirm abgesprungen.

Hollborns Beteiligung als lokaler Entscheidungsträger an der Exekution von ausländischen Zwangsarbeitern, sowjetischen Kriegsgefangenen, Häftlingen und deutschen Gefangenen, die er als „letztes Glied in der Befehlskette“, so Hollborn, nicht bestritt, spielten in den Ermittlungen und in der folgenden Verhandlung vor einem britischen Militärgericht im September 1946 in Iserlohn keine Rolle.
Wegen Ermordung des kanadischen Fliegers zum Tod durch den Strang verurteilt
An der Verantwortung Hollborns für die Ermordung des kanadischen Fliegers in einem Bombentrichter nahe der Hagener Gaststätte Haus Waldfrieden bei Fley bestand aus Sicht der britischen Anklagevertretung nicht der geringste Zweifel. Gemeinsam mit fünf seiner früheren Mitarbeiter verurteilte das im „Spearhead Casino“ auf der Iserlohner Alexanderhöhe tagende britische Militärgericht Hollborn zum Tod durch den Strang. Die Urteile gegen die Mitarbeiter Hollborn wurden wenige Tode vor der angesetzten Urteilsvollstreckung im Januar 1947 zunächst zu lebenslangen, dann auf 15 Jahre befristete Haftstrafen begnadigt; sie wurden bis 1954 entlassen.
Am 23. Januar 1947 schlug schließlich die letzte Stunde für Hollborn. Schon am Vortrag war er vom britischen Scharfrichter und „Hangman“ Albert Pierrepoint und seinen Gehilfen vermessen und gewogen worden. Auf diesem Weg ermittelte der Henker die genauen Maße für die Länge des Stricks und die Fallhöhe am Galgen. Die Hinrichtung erfolgte um 10.00 Uhr durch Pierrepoint. An diesem Vormittag richtete der britische Henker insgesamt zwölf Verurteilte.
Hollborn war auch in Pardubice zahlreicher „todeswürdiger Verbrechen“ schuldig
Der Name Hollborn geriet bei der Untersuchung und Strafverfolgung von Verbrechen von Mitarbeitern der Gestapo-Stelle in Pardubice noch einmal in den Fokus der Ermittler. Als die tschechoslowakische Regierung im April 1947 an die britische Militär-Regierung dann ein offizielles Auslieferungsgesuch für Hollborn stellte, betonte sie, dass sich der ehemalige Gestapo-Beamte in Pardubice zahlreicher „todeswürdiger Verbrechen“ schuldig gemacht habe. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass die britische Militärregierung mit der Hinrichtung von Hollborn dem zu erwartenden tschechoslowakischen Gerichtsurteil zuvorgekommen war.
Ausgewählte Quellen
- „Bürokraten, Polizisten und NS-Täter – ein biographischer Exkurs zur Gestapo in Hagen“, in: Westfälische Forschungen 59 (2009), S. 409-431, Verfasser: Dr. Ralf Blank, Archiv- und Museumsleiter, Stadtarchiv Hagen.
- Protokolle der Vernehmung Hollborn, 1946-1947; National Archives, London, WO 309/116.
- Biographische Angaben aus: Bundesarchiv Berlin, Abt. Reich (BDC), SSO, PA Friedrich Hollborn; National Archives, London, WO 309/116.
- Auskunft des Národni archiv Prag, 2006.
- Für eine zusammenfassende Darstellung der Tätigkeiten der Gestapo im Protektorat Böhmen und Mähren: Sládek, Standrecht und Standgericht.
- Zusammenfassend für Hagen vgl. Fritzsche, Jörg: Zwangsarbeit in Hagen während des Zweiten Weltkriegs, Marburg 2011.
- „Hagen im Zweiten Weltkrieg – Bombenkrieg, Rüstung und Kriegsalltag in einer westfälischen Großstadt 1939-1945“ Blank, Ralf, Essen 2008, S. 72 ff.
Vorhergehende Folgen und weitere Veröffentlichungen des ILEX-Kreises
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