Ein Spaziergang der Mitmenschlichkeit

Obdachlosenarbeit mit dem Solidarischen Aufbau

„Es kommt nicht oft vor, aber manchmal sprechen wir auch die falschen Leute an,“ sagt ein Mitglied* der Gruppe, die an diesem sonnigen Nachmittag loszieht, um Obdachlose, Wohnungslose und andere Bedürftige in der Osnabrücker Innenstadt aufzusuchen und ihnen Hilfe anzubieten. Der Satz beruhigt mein schlechtes Gewissen ein wenig, denn die ersten Leute, die Hilfe annehmen, waren mir im Straßenbild nicht aufgefallen. Gehe ich zu unaufmerksam durchs Leben?


„Gestern habe ich auf der Straße gelebt, heute helfe ich“

Der Solidarische Aufbau, eine Gruppierung von Menschen, die sich als Anarchisten bezeichnen, führt seit Jahren diese Art von Graswurzel-Sozialarbeit durch. Auch die an verschiedenen Stellen in Osnabrück zu findenden Tausch-Schränke stammen von der Gruppe. Motiviert vom Wunsch zu helfen, vom Ideal der Hierarchielosigkeit und von teils eigener Geschichte der Obdachlosigkeit, packen sie an. Und das buchstäblich, denn zwei große Bollerwagen wollen, mit Butterbroten, Schokolade, Eistee (sechs Liter an diesem Tag), Kaffee, Hygieneartikeln und Kleidung gefüllt, nach der Zubereitung der Verpflegung kilometerweit durch die Stadt gezogen werden.

Rasch teilt die Gruppe sich auf: Einige TeilnehmerInnen schwärmen aus, um die immer wieder wechselnden „Platten“ auszuchecken – wo gibt es Menschen, die Essen brauchen? Oder einen Schlafsack? Die TeilnehmerInnen, die die Bollerwagen ziehen, werden dann per Handy herangerufen. Bahnhof, Busbahnhof, Unterführungen, bestimmte Ecken der Großen Straße und des Schlossgartens – überall können sich Menschen befinden, die Hilfe brauchen. Ich muss mich anstrengen, um hinterherzukommen. Energie haben sie, die Leute vom Aufbau, auch positive Energie.


Stadtbekannte Gruppe mit Teambezug

Teils längere Zeit sind die Aufbau-Mitglieder schon mit mehreren Hilfebedürftigen bekannt. Das führt zu Vertrauen und einigen herzlichen Begrüßungen. Die Mitglieder der Gruppe kennen allerdings ihre Grenzen: Sie verstehen sich nicht als Ersatz, gar Konkurrenz, für beispielsweise den SKM, die Heilsarmee oder städtische Hilfeeinrichtungen, sondern versuchen, ihnen zuzuarbeiten. Wann immer die Gruppe merkt, dass ihre Hilfe nicht ausreicht, werden die entsprechenden Stellen benachrichtigt.

Das niedrigschwellige Angebot des Solidarischen Aufbaus wissen die Hilfebedürftigen zu schätzen, freundliche Worte fallen nach jedem Kontakt. Wörtlich zu nehmen begegnen die Gruppenmitglieder den Hilfebedürftigen auf Augenhöhe: Nie schauen sie auf die Menschen herab, die Gruppenmitglieder hocken sich hin, wenn die Hilfebedürftigen sitzen. Ich bin jedoch fast am meisten darüber erstaunt, wie positiv der große Hund, den die Gruppe mitführt, auf die Atmosphäre wirkt. Schon sofort beim Kennenlernen merke ich, wie freundlich er ist und wie er Kontakt sucht. Wie war das noch gleich – Hunde reflektieren oft die Einstellung Ihrer Besitzer? Passt.

Ich höre mehrfach Bemerkungen wie „Danke, aber den Pullover/den Schlafsack brauche ich jetzt nicht.“ Gerade unter Menschen, die nichts oder nur sehr wenig haben, gibt es gelebte Solidarität. Da ist der rumänische LKW-Fahrer, der nach einem Unfall in Osnabrück gestrandet und für etwas Essen dankbar ist. Da ist die Frau aus Afrika, die scheinbar am Busbahnhof wartet und sich über Schokoladen-Osterhasen freut. Da ist die alte Bekannte der Gruppe, die auf ihrem bereits vollgepackten Fahrrad eine Isomatte verstaut. „Die kann ich brauchen, es ist dann nicht so kalt beim Sitzen.“ Niemand nimmt mehr, als er/sie nötig hat.

Beeindruckt von der Hilfsbereitschaft einerseits aber auch dem Ausmaß der Armut in Osnabrück andererseits verabschiede ich mich im Schlossgarten von der Gruppe. Auf dem Weg am Schloss vorbei entdecke ich einen Obdachlosen, der sich in eine Zeltplane eingewickelt hat und den wir vorher übersehen haben. Geschärfter Blick schon nach zweieinhalb Stunden? Bin mir nicht sicher. Sicher bin ich aber hierbei: Das Gefühl beim Aufschließen meiner Wohnungstür ist anders als sonst.

*Die Namen der Mitglieder der Gruppe sind der Redaktion bekannt.
Wenn sie den Solidarischen Aufbau unterstützen möchten, können Sie Kontakt über Instagram aufnehmen. Ein paar mehr Fotos sind auf meinem Blog. 

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