„Eine unvorstellbare Sehnsucht nach Frieden“
Ein junger Bremer Musiker schrieb während des Ersten Weltkriegs hunderte Briefe nach Hause. Was er in diesen beschrieb, bewegt noch mehr als hundert Jahre später.
Ein vergilbtes Kuvert im Stadtarchiv, handgeschriebene Zeilen auf dünnem Papier. Und dahinter das Leben eines jungen Mannes, der auszog, um im Krieg zu kämpfen, und zurückwollte, um endlich wieder Klavier spielen zu können.
Paul Lefmann, 1893 in Bremen geboren, war Pianist und Musiklehrer, als ihn 1915 die Einberufung für den Ersten Weltkrieg erreichte. Bis 1918 diente er in den besetzten Gebieten Nordfrankreichs. Seine Briefe, insgesamt 440 an der Zahl, überlebten ihn. Er selbst starb 1929, gerade einmal 35 Jahre alt.
Das Diözesanmuseum Osnabrück rückt diesen fast vergessenen Mann nun wieder ins Licht: vom 26. September bis zum 17. April 2026 bietet es unter dem Titel „Eine unvorstellbare Sehnsucht nach Frieden“ einer Ausstellung die Bühne, die von Schülerinnen und Schülern aus Bremen erarbeitet wurde und die angesichts der derzeitigen Entwicklungen erstaunlich aktuell wirkt.
Ein Schatz aus dem Archiv
Entdeckt hatte die vergessene Briefsammlung Oliver Rosteck, Geschichtslehrer am Bremer St.-Johannis-Gymnasium. Im Musikarchiv der Hansestadt stieß er zufällig auf das Konvolut und erkannte sofort, dass dies nicht einfach trockenes Quellenmaterial war. Lefmanns Zeilen lesen sich bisweilen wie ein Tagebuch: er schilderte nicht nur Truppenbewegungen oder den Alltag im Feldlazarett, sondern auch, wohin seine Gedanken trieben, wenn die Nächte lang und der Schlaf fern war. Seine Ängste, seine Wünsche und Hoffnungen. Und vor allem wie sehr er den Krieg, dem er sich zunächst wie so viele seiner Generation bereitwillig gestellt hatte, zu verachten begann.
Rosteck entschloss sich, diesen Fund nicht für sich zu behalten. Nachdem er zunächst seinen Kollegen Sebastian Rothe hinzuzuzog, holte er schließlich auch die Schülerinnen und Schüler seiner Geschichtskurse zur Bearbeitung der Briefe ins Boot.
Jugendliche auf den Spuren des Krieges
Insgesamt 42 Jugendliche der elften Klasse verteilten die 440 Briefe unter such und machten sich ans Werk: sie transkribierten, übersetzten, recherchierten historische Hintergründe und stellten sich unter anderem die Frage, was die von Lefmann geschilderten Ereignisse mit ihrer Gegenwart zu tun haben könnten.
Was dabei entstand, ist weit mehr als ein einfaches Schulprojekt: es ist eine eindrucksvolle Wanderaustellung, die zeigt, was entstehen kann, wenn junge Menschen sich ernthaft mit der Geschichte auseinandersetzen und aus ihr Schlüsse für das eigene Leben zu ziehen suchen. Im Herbst 2025 durften die Jugendlichen die Ergebnisse ihrer Arbeit sogar vor Gleichaltrigen in Reims vorstellen; jenem symbolträchtigen Ort, an dem Charles de Gaulle und Konrad Adenauer 1962 nach zwei Kriegen, nach Besatzung und Unterdrückung, die deutsch-französische Versöhnung besiegelten.
Das Museum als Gesprächs- und Begegnungsort
In Zusammenarbeit mit dem Team des Diözesanmuseums Osnabrück wurde jetzt ein breites Bildungs- und Vermittlungsangebot entwickelt, mit dem sich die Besucher die Inhalte der Ausstellung auf eine vielfältige Art und Weise erschließen können: Besucherinnen und Besucher können eigenständig in die Materialien eintauchen oder an moderierten Gesprächen teilnehmen. Und Museumpädagogin Jessica Löscher hat Workshops entwickelt, die sich gezielt an Schulklassen richten. Dass das Thema des Ersten Weltkriegs junge Menschen heute noch erreicht, liegt sicherlich nicht nur am Lehrplan, sondern auch an der Tatsache, dass Krieg in Europa wieder einmal keine abstrakte Vorstellung mehr darstellt.
Vorträge und ein Liederabend: das Begleitprogramm im Überblick
Wer die Ausstellung besucht, erhält außerdem die Möglichkeit, das Thema Kriegerinnerungen aus weiteren, ganz anderen Blickwinkeln zu betrachten.
Ein Abendvortrag am 19. März widmet sich Ludwig Nolde, einem bekannten Osnabrücker Bildhauer, der seine Eindrücke des Ersten Weltkriegs, anders als Lefmann nicht in Briefen verarbeitete, sondern in Skulpturen. Nolde, der uns heute vor allem für Krippen und Heiligenfiguren bekannt ist, schuf in der Zwischenkriegszeit auch Denkmäler, in denen sich christliche Symbolik auf einzigartige Weise mit dem Gedenken an die Kriegsopfer verbanden. Kunsthistorikerin Dr. Janina Majerzyk stellte diese wenig beachteten, aber umso eindrucksvolleren Werke vor, von denen eines als Fragment bereits in der Dauerausstellung des Diözesanmuseums zu finden ist.
Einen eindringlichen Schlusspunkt der Sonderausstellung bildet am 17. April ein Liederabend mit Kompositionen Paul Lefmanns in der Kleinen Kirche in Osnabrück. Dort werden Kompositionen zu vernehmen sein, die der Pianist während und nach dem Krieg verfasst hatte, vorgetragen von Marcel Ziemsky, Preisräger von „Jugend musiziert“. Der Eintritt ist kostenlos, um Anmeldung wird gebete unter museum@bistum-os.de.
Im Anschluss wandert die Schau nach Bremen, wo sie vom 23. April bis zum 30. Mai im St.Petri-Dom zu sehen sein wird.













