Schulstreik gegen Wehrpflicht

Unausgegorene Idee oder Ausdruck von Angst vor einer kriegerischen Zukunft?

Am 5. März zogen etwa 200 meist junge Menschen durch Osnabrück, unter Plakaten wie „Die Reichen wollen Krieg – die Jugend eine Zukunft“, „Kriegsdienstverweigerung ist ein Menschenrecht“ oder gar „Mama, muss ich morgen sterben?“ Was steckt hinter dieser, bereits der zweiten Demonstration gegen Bundeswehr, Aufrüstung und Wehrpflicht in Osnabrück?

Oberflächlich betrachtet haben wir eine bunte Mischung: Dutzende von Schulschwänzern (lange nicht alle Demonstrierende waren SchülerInnen); Plakate von sehr linken Vereinigungen; Transparente, die die Kriegsdienstverweigerung als Menschenrecht fordern, Reden, die auf die besondere Bedeutung von „Kriegsvorbereitung“ in der Friedensstadt Osnabrück eingehen; ein Parteitransparent des BSW; ein vom Ostermarsch bekannter Teilnehmer, der ein Plakat der OFRI schwenkt.

Was aber, wenn man die Beteiligten nach ihren Beweggründen fragt? Zum Beispiel danach, was man dem älteren Herrn entgegnen würde, der einigermaßen entrüstet bemerkt, dass die Demonstrierenden aber alle die Freiheit möchten. Eine Antwort von beispielsweise Luna B.*, 17, einer der MitorganisatorInnen der Veranstaltung, ist, dass der ältere Herr natürlich das Recht hat, seine Meiung zu äußern – wie auch die Demonstrierenden. Übereinstimmen müsse man aber mit seinem Weg zur Freiheit nicht.

Der Zug setzt sich in Bewegung, vom Theatervorplatz Richtung Caro/Ursulaschule. Es ist große Pause. Interessiert schauen einige UrsulaschülerInnen durchs Tor auf den Zug. Warum sie nicht mitgehen? Als Antwort muss ein gequältes Lächeln herhalten, einige erwähnen den Unterricht, der bald wieder beginnt.

Mehrere Passanten machen negative Bemerkungen. Mit der Kamera in der Hand flitze ich um den Zug herum und bekomme so einiges mit. Luna sagt später, mit ablehnenden Reaktionen habe sie gerechnet. Ihre Überzeugung sei aber stärker. Sehe sie sich vielleicht in der widerständischen Tradition von Greta Thunberg, die ja auch starken Anfeindungen ausgesetzt war und ist? Nein, antwortet Luna, ihre seien andere Beweggründe.

Der Zug biegt auf den Ring ein, die Polizei regelt den Verkehr – routiniert, denn die Osnabrücker machen von ihrem Versammlungsrecht und Grundrecht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch. Am Berliner Platz geht es in Richtung Schloss. Die 200 Leute im Zug sehen zwischen den großen Gebäuden recht verloren aus.

Aber schulden die jungen Leute dem Gemeinwesen nicht etwas dafür, dass sie Schule, einen Sozialstaat um sich haben? Wenn sie sehen würde, so Luna, dass ihr politisches Engagement ernst genommen würde, würde sie dem zustimmen.

Was bringt Luna dazu, eine Ordnungswidrigkeit zu begehen, indem sie dem Unterricht fernbleibt? Könne man nicht auch in der Freizeit demonstrieren? Sie möchte mit anderen jungen Leuten ein starkes Zeichen setzen, sagt sie, zusammen mit Leuten, die genau so viel Angst vor der Zukunft haben. Die Kontrollverlust spüren. Im Zug ist die vielfach geäußerte Meinung, dass die Demonstration mit ihren auf den ersten Blick teils unverständlich krassen Forderungen sich zumindest teilweise so erklären lässt: Die Erwachsenen nehmen die Jugend (mal wieder) nicht ernst genug; sie spechen viel über sie und wenig mit ihr, sie versetzen viele junge Leute in Furcht vor dem, was kommt, wo sie erwarten, dass man ihnen eine Welt hinterlässt, die zumindest handhabbar ist.

Angesprochen auf das Parteitransparent, das in der Demo mitgeführt wurde, ohne dass Luna etwas davon wusste, entgegnet sie, dass man die kommenden Demonstrationen professioneller vorbereiten wird. Die Organisatoren seien in einem Lernprozess.

Nicht nur sie sollten das sein.

*Der volle Name ist der Redaktion bekannt.

Mehr Bilder von der Demo gibt es auf meinem Blog.

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