Zukunftswerk: „Umstellung auf Rüstung bietet keine Garantie für Arbeitsplätze“
Eine Osnabrücker Gruppierung, die in der letzten Zeit durch ihr Engagement gegen eine Umwandlung des VW-Werks in eine Rüstungsfabrik aufgefallen ist, ist das im Sommer letzten Jahres gegründete Zukunftswerk. Als eine Vereinigung von Einzelpersonen, aber auch Gruppen wie den Fridays for Future, Robin Wood, Likos oder Ofri, sieht das Zukunftswerk sich als Vorkämpfer für eine zivile Zukunft der Osnabrücker Industrie. Eine aufsehenerregende Idee der Gruppe ist die teilweise Verhängung des Heger Tors mit einem gelben Plakat, zuletzt am 24. März.
Was will das Zukunftswerk?
Das große Ziel des Zukunftswerks ist der nachhaltige Erhalt von Arbeitsplätzen durch sozioökologische Konversion des VW-Werks anstelle seiner Rüstungskonversion. In einem Gespräch erklärte Lotte Herzberg, die sich als Einzelmitglied im Zukunftswerk bezeichnet, diese Ziele der Vereinigung. Was heißt sozioökologische Konversion? Herzberg sieht diesen Begriff als zentral in der Arbeit des Zukunftswerks. Er bedeutet, sowohl den sozialen Aspekt einer Umwandlung des VW-Werks als auch den ökologischen nicht aus den Augen zu verlieren. Die Konversion des Werks biete auch eine Chance zu seiner Vergesellschaftung, so Herzberg.
Die Nachricht, dass Rheinmetall nunmehr sein Desinteresse an der Übernahme des Werks bekundet hat, bedeutet nicht, dass der Kampf um eine zivile Nutzung vorbei ist. Rüstungsfirmen wie die deutsch-französische KNDS, die beispielsweise das Straßenbahn- und Waggonwerk von Alstom in Görlitz übernommen hat, sind ebenfalls an Osnabrück interessiert, auch wenn sie teils nur verschwindend geringe Zahlen an Jobs bieten. Auch ihnen galt die symbolische Blockade von Tor 2, ebenfalls am 24. März. Aktivisten versahen einen Lieferwagen mit bemalten Plakaten, die ihn wie einen Bus aussehen ließen – einen Bus, wie er anstelle von Rüstungsgütern im Werk produziert werden könnte, und parkten ihn quer über die Zufahrt des Tors 2. Die neueste Entwicklung scheint laut einem Bericht der Financial Times zu sein, dass die Israelische Rafael Advanced Defense Systems alle 2300 Jobs erhalten will, um Teile für das Luftabwehrsystem Iron Dome zu produzieren. Das Interessenten- und Gerüchtekarussel läuft also mit hoher Drehzahl weiter.
Engagiert sich die Gewerkschaft auf der falschen Seite?
Die Rolle der IG Metall bei der Zukunftssicherung des vormaligen Karmannwerks sieht Herzberg sehr kritisch. In Paragraph 2 der Gewerkschaftssatzung heißt es: „… und setzt sich für […] Frieden, Abrüstung und Völkerverständigung […] ein.“ Herzberg sieht hier einen Widerspruch zu der von ihr wahrgenommenen Offenheit von Vertretern der Gewerkschaft für eine Rüstungskonversion. Sie wirft führenden Gewerkschaftern einen Mangel an Engagement gegen Rüstungsproduktion vor. Sie seien, so die Aktivistin, sich ihrer Stärke nicht bewusst: Die Errungenschaften des Arbeitsrechts würden nicht ausgenutzt. Das Comanagement, das die Gewerkschaft lange Zeit betrieben habe, verhindere jetzt ihre klare Positionierung in Hinsicht auf eine friedliche Produktion, wie die Herstellung von Transportmitteln für den ÖPNV, auch gegen die Vorstellungen des Managements.
Was will die Belegschaft?
Gefragt, was sie häufig gehörten Argumenten wie „wenn wir es nicht machen, macht es jemand anders“ oder „egal was ich schraube, ich muss Geld verdienen“ entgegensetze, antwortet Herzberg mit einer Gegenfrage: Für was verkaufe ich mein Gewissen? Und: Die Friedensstadt Osnabrück habe eine besondere Verantwortung für den Erhalt des Friedens. Andere Werke wie Ford in Köln seien da schon weiter. Auch sei die Zukunft der Arbeitsplätze durch Rüstungsprodukton nicht gesichert: Das Sondervermögen ist endlich.
Weiterhin fordert Herzberg mehr zivilgesellschaftliches Engagement in Osnabrück. Eine Vernetzung der VW-Belegschaft mit Gruppen, die dieses Engagement bereits zeigen, könnten, so Herzberg, zu einem Meinungsumschwung beitragen. Die bundesweite Petition von Mitgliedern des Betriebsrats und anderer Gremien hauptsächlich der Braunschweiger und Kasseler VW-Werke könnte dabei als Fokuspunkt dienen.
Bei der symbolischen Blockade von Tor 2 am vergangenen Dienstag wurde allerdings zu Schichtwechsel klar: Das Niveau des Desinteresses der Osnabrücker ArbeiterInnen auf dem Nachhauseweg war kaum zu übertreffen. Dem Zukunftswerk wird die Überzeugungsarbeit so schnell nicht ausgehen.
Weitere Bilder von den Aktionen des Zukunftswerks gibt es in meinem Blog.













