Die Heger Laischaft erinnert an ihre jüdischen Mitglieder
Eine Trauerweide erinnert seit dem 10. April auf dem Gelände des neuen Forsthofs im Heger Holz an die ehemaligen jüdischen Mitglieder der Heger Laischaft. Die Initiative zur Pflanzung ging von Silke Ebeling aus. „Mein Vater Ludwig Ebeling übertrug mir durch Schenkung 2021 seine Anteile an der Heger Laischaft. Eine sogenannte dreitriftige Gerechtigkeit. Diese hatte er wiederum von seinem Vater Heinrich geerbt“, berichtete sie bei der Pflanzung des Baums. Die Familie Ebeling betrieb früher eine Schlachterei an der Adolfstraße im Katharinenviertel.
So wurde die Physiotherapeutin „Interessentin“ der Heger Laischaft. „Interessenten“ nennen sich die Mitglieder der Heger Laischaft noch heute. Ihre „Triften“ genannten Anteile berechtigten die Stadtbewohner einst zum Viehtrieb in die angrenzenden Weidegründe außerhalb der Stadtmauern. Die Heger Laischaft ist eine der heute noch existierenden solcher Traditionsgemeinschaften, deren Geschichte bis in das 14. Jahrhundert zurückreicht. Die Laischaften erhielten ihre Namen nach den Stadttoren, durch die das Vieh auf die Weiden getrieben wurde, welche zwischen Stadtbefestigung und Landwehr lagen. Die Heger Laischaft ist 1560 urkundlich belegt.
Silke Ebeling ist an Geschichte interessiert und beschäftigte sich näher mit ihrer „Gerechtigkeit: „Ich las in meinen Unterlagen, dass mein Opa unsere Gerechtigkeit 1940 gekauft hat. Mein Vater konnte mir keine Antwort geben, von wem mein Opa die Anteile gekauft hatte. Ich suchte dann das Haus am Markt Ecke Hasestraße auf, auf dem meine ‚Gerechtigkeit‘ liegt und fand drei Stolpersteine: Die von Pauline Heymann, Hermann Heymann, und seiner Frau Bertha. Die Befürchtung, dass mein Opa Heinrich Ebeling Schuld auf sich geladen hat, kam in mir auf. Hat mein Opa sich auf Kosten von Frau Heymann bereichert?“

Zur Heger Laischaft gehörten die Bewohner der Altstadt, unter denen sich auch etliche jüdische Familien befanden, wie die 1874 aus Ostercappeln in die Stadt gezogenen Davids, die ein „Manufakturwarengeschäft“ in dem ehemaligen Haus des Tabakfabrikanten Tenge an der Krahnstraße 1 öffneten, die Franks an der Krahnstraße und die Heymanns am Markt. Pauline und Hermann Heymann wurden ebenso wie seine zweite Frau Maria und ihr Sohn Walter in Theresienstadt und Auschwitz ermordet. Hermanns erste Ehefrau Bertha hatte sich bereits Anfang 1938 das Leben genommen, als die Familie gezwungen wurde, das Haus am Markt zu verlassen und es an die Stadtverwaltung zu verkaufen, die dringend Büroräume suchte. Dort hatte Pauline Heymann seit fast fünfzig Jahren ein renommiertes Textilkaufhaus geführt.
Silke Ebeling war erschüttert, als sie die Stolpersteine sah. Sie wollte wissen, wie es zur Übertragung der dreitriftigen Gerechtigkeit von den Heymanns an ihren Großvater kam und wandte sich an die Verfasserin, die sie bei einer Führung zur jüdischen Geschichte in Osnabrück kennengelernt hatte. Die war bei ihren Recherchen bereits auf Unterlagen zum Verkauf der Triften im Niedersächsischen Landesarchiven in Osnabrück gestoßen. Im Archiv in Hannover hatte sie weitere Akten der sogenannten Entschädigungsverfahren nach 1945 gefunden, auch von der Familie Heymann. Silke Ebeling besuchte selber einige Male die Archive und informierte sich über die Details. So gelang es, „Licht ins Dunkel“ bringen. Am 6. März 2026 berichtete Martina Sellmeyer vor 50 „Interessenten“ der Laischaft über den erzwungenen Verkauf der Anteile und die Schicksale der ehemaligen Mitglieder.
Als die „Arisierungen“ jüdischen Besitzes immer weiter voranschritten, machte die Laischaft sich wohl Sorgen, ob sie Probleme bekommen könnte, weil sie noch immer jüdische Mitglieder hatte, angesehene Geschäftsleute, die schon lange in der Altstadt ansässig waren. Jedenfalls beschäftigte sich zwei Wochen nach den Novemberpogromen 1938 eine Osnabrücker Anwaltskanzlei im Auftrag der Heger Laischaft damit, „was wegen der Triftgerechtigkeiten, die sich in jüdischen Händen befinden, geschehen kann“. Die Rechtsanwälte Oldermann, Klussmann, Stemmer schrieben am 4. Februar 1939 an den Laischaftsbuchhalter und Kohlenhändler Wilhelm Gläscher, laut seiner Entnazifizierungsakte ein Mitglied der NSDAP, es sei notwendig, „dass die Triften aus den Händen der zur Zeit noch triftberechtigten Juden herauskommen“.
Die Laischaft beschloss, den jüdischen „Interessanten“ ihre Anteile abzukaufen und erkundigte sich beim Regierungspräsidenten, ob die Übertragung der Anteile der Genehmigungspflicht aufgrund der Verordnung über den Einsatz jüdischen Vermögens vom 3. Dezember 1938 unterliege. Der Regierungspräsident verneinte dies zwar, dennoch sprach die Laischaft vorsorglich noch mit dem Kreiswirtschaftsberater der NSDAP, der empfahl, „für alle Fälle noch zuvor Verbindung mit dem Finanzamt aufzunehmen“, was am 1. März 1939 auch geschah. Bedenken gegen die Auszahlung an Frau Frank und Frau Heymann bestanden dort nicht, doch die Anwälte der Laischaft baten das Finanzamt „mit Rücksicht auf die bei Judengeschäften immer dringend gebotene Vorsicht“ sicherheitshalber um eine schriftliche Bestätigung. So erwarb die Laischaft die „Triften“ der Davids und Franks – zum regulären Preis. Nach längeren Verhandlungen verkaufte auch Pauline Heymann im Januar 1940 ihre acht Triften für 1.000 Reichsmark an die Laischaft. Der Oberfinanzpräsident Hannover genehmigte den Verkauf, jedoch machte die Devisenüberwachungsabteilung zur Auflage, „daß der Kaufpreis auf das beschränkt verfügbare Sicherungskonto der Heymann bei der Dresdner Bank, Filiale Osnabrück, eingezahlt wird“. Das war zu diesem Zeitpunkt ein übliches Verfahren zur Ausplünderung jüdischer Deutscher und bedeutete, dass die Verkäuferin keinen Zugriff auf ihr eigenes Vermögen mehr hatte, und dieses bei Auswanderung oder Deportation an den Staat fiel.
Silke Ebeling war erleichtert zu erfahren, dass ihr Großvater die „Triften“ demnach von der Laischaft und nicht von den vorherigen jüdischen EigentümerInnen gekauft hatte. Für sie war das Thema damit aber nicht abgeschlossen. Sie wollte die Verbindung der Heymanns und der anderen ehemaligen jüdischen Mitglieder der Laischaft sichtbar machen. So entstand die Idee, mit einem Baum im Heger Holz an sie zu erinnern. Am 10. April pflanzte sie mit Unterstützung der Laischaft eine Trauerweide zur Erinnerung an die ehemaligen jüdischen „Interessenten“. Den Baum, eine Salix Babylonica, hatte sie bewusst ausgesucht, weil er eine große Bedeutung im Judentum hat, und sich dabei von jüdischen Freunden in New York beraten lassen, die sie durch die Patenschaft für einen Stolperstein in Hannover kennengelernt hatte.
Gerd Gust, der Wort- und Buchhalter der Laischaft, der das Projekt von Anfang an unterstützt hatte, hatte keine Mühe gescheut und sogar noch einen Findling herbeigeschafft, auf dem die TeilnehmerInnen der Zeremonie am letzten Freitag kleine Steine ablegen konnten, wie das im Judentum zum Zeichen der Erinnerung an Verstorbene üblich ist. Sie zeigen: „Du bist nicht vergessen.“ Sichtlich bewegt machten die Teilnehmenden davon Gebrauch. Auch Gerd Gust brachte in seiner Ansprache zum Ausdruck, dass ihm die bisher unbekannte Geschichte der ehemaligen Laischaftsmitglieder. nahe gegangen sei. „Das ist die Sache hier wert“, sagte er, als Silke Ebeling dem Wort- und Buchhalter und Gärtnermeister für die Unterstützung bei der Idee der Baumpflanzung und die handfeste Hilfe dabei dankte.

Anwesend bei der Baumpflanzung waren auch Nachkommen der ehemaligen Nachbarn der Franks in der Krahnstraße, die Familie Schrader. Deren Großvater Heinrich hatte 1915 den Sohn der jüdischen Nachbarn Frank nach Osnabrück überführt, als dieser im Alter von 18 Jahren als Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg fiel. An ihn und weitere jüdische Kriegsfreiwillige, die Brüder Oppenheimer, erinnert eine Gedenktafel im Eingang des Ratsgymnasiums.
Die Witwe Sara Frank, eine selbständige Geschäftsfrau und deutsche Patriotin, die sich im „Vaterländischen Frauenverein“ engagierte und jahrelang Truppentransporte von verwundeten Soldaten betreute, die im Ersten Weltkrieg zu Tausenden durch Osnabrück kamen, wurde 1942 im Alter von 75 Jahren in das Ghetto Theresienstadt bei Prag und von dort in das Konzentrationslager Malyj Trostenez nahe Minsk deportiert und ermordet.

Das Laischaftsmitglied Otto David überlebte den Holocaust, weil seine christliche Ehefrau Grete zu ihm hielt und sich trotz aller Schikanen nicht scheiden ließ. Seine jüngste Schwester Gertrud, an die ein Stolperstein vor dem Haus an der Krahnstraße erinnert, wurde ein Opfer der Euthanasiemorde. Sie litt an Kinderlähmung und Epilepsie und wurde seit 1919 in der Heil- und Pflegeanstalt auf dem Gertrudenberg betreut. Ende September 1940 wurde sie mit als Krankenwagen getarnten Fahrzeugen der SS mit sieben weiteren jüdischen PatientInnen abgeholt, über Wunstorf nach Brandenburg gebracht und dort ermordet. Erst als Familienangehörige sich nach ihnen erkundigten, fragte man nach, wohin die PatientInnen gebracht worden waren – und erhielt gefälschte Totenscheine eines Standesamtes, das es gar nicht gab. Auch bei der Deportation von Hermann Heymann und seinem Stiefsohn 1943 fragte niemand nach. Sie führte direkt nach Auschwitz.
Wann die Mitglieder der Familie Heymann ermordet wurden, ist nicht genau bekannt. Seine Schwester Ida war mit ihrem Ehemann Gustav Hirtz und dem Sohn Hans-Leo noch rechtzeitig nach Brasilien geflohen. Doch wo sich keine Überlebenden finden ließen, die den Tod anderer Deportierter persönlich bezeugen konnten, gab es auch keine Gewissheit über deren Schicksal. Der im Alter von 15 Jahre deportierte Osnabrücker Ewald Aul beobachtete die die SS-Mordkommandos in Riga, die morgens mit Maschinengewehren zu den Massenerschießungen im Bikernieker Wald aufbrachen und abends verdreckt wieder zurückkamen. „Die Bäume im Wald wissen, wo sie geblieben sind“, schrieb Irmgard Ohl, eine gleichaltrige Überlebende dieser Deportation über die Menschen, die dort ermordet wurden. „Nur der Wind erzählt seit Jahren von der schrecklichen Vergangenheit,“ heißt es in einem Lied für die Kinder, die hier ermordet wurden.
Bäume können schweigen, aber sie können auch sprechen. Und die neugepflanzte Weide am Rand des Heger Holzes schweigt nicht, sondern berichtet von den ehemaligen jüdischen Mitgliedern der Laischaft, von Trauer und von der Erinnerung an sie, die es jetzt wieder gibt.












