Die Hasepost ruft den Notstand aus

Gleichschaltung von der Hase bis an die Meme!
Skandal: Drei Parteien sind sich einig und kopieren einen Hashtag

Auch wenn sich mein dickes Fell dagegen sträubt, aber eine stachelige Igelpost ist mal wieder fällig, denn es gibt Tage, da hängt die Demokratie nur noch an einem seidenen WLAN-Faden. Wenn am Neumarkt ein Bus quer steht. Wenn im Stadtrat das Wort „Fahrradstraße“ fällt. Wenn am Rubbenbruchsee eine Ente links abbiegt. Oder wenn SPD, Grüne und Linke auf X denselben Hashtag benutzen.

Dann ist Schluss mit lustig. Dann knistert es im Gebälk der Republik. Dann springt im Hasepost-Stall die Alarmanlage an, und irgendwo zwischen WhatsApp-Kanal, Server-Neukonfiguration und Facebook-Kommentarspalte ruft jemand:

Gleichschaltung!

Nicht etwa: Kampagne. Nicht etwa: koordinierte Öffentlichkeitsarbeit. Nicht etwa: Social-Media-Folklore mit Hashtag und moralischem Beipackzettel. Nein.

Gleichschaltung!

Ein Wort wie ein Vorschlaghammer, geschwungen gegen drei Copy-Paste-Erklärungen. So viel Pathos muss man erst einmal aufbringen, wenn der eigentliche Anlass darin besteht, dass ein paar Parteien keine Lust mehr auf die Plattform eines rechtsradikalen Milliardärs haben.

Aber wer von Osnabrück aus die Republik retten will, darf nicht mit kleinen Begriffen um sich werfen. Da muss schon die große historische Gulaschkanone ran.


Wenn der Lokalblog den Weltgeist sattelt

Besonders schön wird es immer dann, wenn sich der Betreiber des lokalen Hasepost-Blogs aus dem vertrauten Revier von Blaulicht, Baustellen, Bratwurstterminen, Blitzerwarnungen, AfD-Meldungen und Neumarkt auf die nationale Bühne hinaustraut. Dann wird aus einem Hashtag ein Menetekel apokalyptischen Ausmaßes. Aus drei ähnlichen Posts ein Vorbeben der Einheitspartei. Aus einer Plattformentscheidung ein Lehrstück über Sozialismus, Meinungsfreiheit und das drohende Ende der offenen Gesellschaft.

Man sieht den Hasen förmlich auf dem Schreibtisch hockend, die Pfote am Alarmknopf der Weltgeschichte, den Blick fest auf Berlin, Moskau, Washington und Kattenvenne gerichtet, während im Hintergrund noch irgendwo die woke Mastodon-Schnittstelle aufdringlich zwinkert.

Eben noch: „Wir posten künftig wieder auf X.“ Plötzlich: „Die Geschichte wird zeigen.“
Eben noch: „Server-Neukonfiguration.“ Plötzlich: „Totalitärer sozialistischer Staat.“
Eben noch: „Artikel bei uns als nwsflsh lesen.“ Plötzlich: „Hatten wir schon mal, ging nicht gut aus!“

So klingt Lokaljournalismus, wenn er sich aus dem Blech seiner Facebook-Kommentarspalten einen Stahlhelm bastelt und ihn anschließend stolz für Pressefreiheit hält. Material dafür hat die Hasepost genug; ihre Kommentarspalten liefern Nachschub wie ein schlecht bewachter Schrottplatz.


Gleichschaltung vs. abgestimmte Öffentlichkeitsarbeit

Das Wort „Gleichschaltung“ ist historisch schwer beladen. Also eigentlich ein Begriff, den man nicht inflationär benutzt, aber „abgestimmte Öffentlichkeitsarbeit“ klingt natürlich nach Realität. Und Realität ist im Kulturkampf ungefähr das, was Tageslicht für Kellerasseln ist. Also wird aus Copy-Paste ein Staatsumbau. Aus einem Hashtag wird Marschmusik. Aus einer Kampagne wird eine sich am Horizont abzeichnende links-links-grüne Diktatur.

Die Igelpost gratuliert: So schnell hat seit Erfindung der Heißluftfritteuse noch nie jemand so viel heiße Luft produziert.

Natürlich ist es völlig neu, dass politische Organisationen gemeinsam etwas formulieren. Noch nie haben Parteien Kampagnen miteinander abgestimmt. Noch nie haben Verbände Textbausteine verteilt. Noch nie haben Redaktionen denselben Teaser auf mehreren Kanälen verbreitet.

Außer natürlich jeden Tag, aber wenn links-grün-versiffte Linke so etwas tun, schrillen im Hasepost-Stall sofort sämtliche Alarmglocken.


Der Hashtag als Umsturzversuch

Man muss sich die heraufbeschworene Gefahr schon mal genauer ansehen: Niemand besetzt ein Funkhaus. Niemand ruft die Räterepublik aus. Niemand verstaatlicht X und nennt es fortan „VEB Kurznachrichtendienst Elonmuskowitsch“.

Die Parteien sagen nur: Wir posten da nicht mehr aktiv. Das reicht und schon wird in der Hasenwelt der Logout zum Lackmustest der Freiheit. Der nicht mehr aktiv genutzte Account wird zur roten Gefahr. Der Hashtag bekommt Uniform, Stiefel und das SED-Parteibuch.

Vom „Wir verlassen X“ bis zur sozialistischen Einheitspartei sind es im Hasepost-Kommentar nur wenige Absätze. Andere benötigen dafür historische Analysen und Hintergrundwissen. Hier genügen ein sehr flexibles Angstvokabular, ein Montagmorgen mit WLAN und die feste Überzeugung, dass Weltgeschichte immer dann beginnt, wenn die eigene Kommentarspalte zustimmt.


Das Hintertürchen, durch das der Sozialismus kriecht

Besonders schlimm: Die drei feindlich gesinnten Accounts bleiben bestehen. Also verlässt das abtrünnige Triumvirat X gar nicht richtig. Sie lassen nur das „Bespielen“, also das Posten. Das ist natürlich verdächtig. Wer die Festung verlässt, die Tür hinter sich aber nicht zumauert, plant offenbar die Rückkehr mit Fackelzug.

Löschen sie die Accounts, heißt es: „Sie tilgen Spuren!“ Lassen sie sie stehen, heißt es: „Hintertürchen!“
Posten sie weiter, heißt es: „Linke Diskurshoheit!“ Posten sie nicht, heißt es: „Aufmerksamkeitssuche!“
Atmen sie, heißt es: „Koordinierte Sauerstoffkampagne!“

Das ist das Schöne an dieser Art Kommentar: Er ist nicht widerlegbar, weil er gar nicht erst versucht, belegbar zu sein. Er ist ein Kreisverkehr des empörten Kleingeistes: Man fährt hinein, hupt dreimal heftig „woke!“ und kommt genau dort wieder heraus, wo man vorher schon stand.


Facebook: Wo das Volk spricht, sobald es den Beitrag gefunden hat

Zum Glück gibt es ja noch die Facebook-Spalten der Hasepost. Dort steht die lokale Wutelite bereit wie ein Rentnertrupp am Gartenzaun, wenn irgendwo ein Lastenrad vorbeifährt. Klappstuhl auf, Empörungsfloskeln und „Endlich sagt es mal einer“ griffbereit.

Und zwischen „links-grün“, „Zensur“, „Meinungsdiktatur“ und „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ tauchen dann die bekannten Stammgäste auf: Dr. Steffen Grüner von der WerteUnion, Ex-BOBler Thorsten Wassermann1 und andere aus dem AfD-Kandidatenlager sowie weitere Ex-Kandidat:innen aus dem skurrillen Bund Osnabrücker Bürger:innen bis hin zur im Gleichschritt gesteppten Systemrelevanz. Nicht etwa als zufällige Spaziergänger im Debattenraum, eher als rechtes Stamminventar mit Sendungsbewusstsein.

So entsteht der kleine lokale Naturkreislauf: Die Hasepost schmeißt ein Stück Kulturkampf in die Hase und die Kommentarspalte kräuselt sich zum Tsunami. WerteUnion, BOB, AfD, Bots, Trolle und weitere Freunde der freiheitlich-konservativen Schnappatmung streuen Deutungsfutter unters Volk. Und am Ende heißt es: Seht her, wir sind das Volk!


X: Die Freiheit riecht nach Bahnhofsklo

Natürlich darf Elon Musk nicht fehlen, Schutzpatron der ungefilterten Wutrede und aller, die „Zensur“ rufen, sobald ihnen jemand widerspricht. X erscheint im Kommentar als freier Marktplatz, als Agora der Gegenwart, als digitaler Festplatz antiker Streitkultur. Man möchte sich fast einen Chiton überstülpen.

Die Wirklichkeit wirkt allerdings eher wie ein Bahnhofsklo mit Push-Benachrichtigung: An der Wand steht „Meinungsfreiheit“, in der Ecke tropft der Algorithmus und irgendwo schreit ein Avatar mit Sonnenbrille, er lasse sich den Mund nicht verbieten. Aber das ist dann Debattenkultur.

Wenn früher moderiert wurde, war es Zensur. Wenn heute ein rechtsradikaler Milliardär Reichweite, Regeln, Sichtbarkeit, Monetarisierung und Hausordnung kontrolliert, ist es offenbar Freiheit im Premium-Abo.

(Igelnotiz an mich selbst für ein passendes Schlusswort: Wer die Agora sucht und im Algorithmus-Zwinger landet, sollte wenigstens nicht so tun, als habe er Platon, Aristoteles oder Kant getroffen.)


Die SED-Keule aus der Grabbelkiste

Dann kommt, wie bestellt, die historische Großkeule: SPD, Grüne und Linke äußern sich ähnlich zu X – und schon droht die sozialistische Einheitspartei. Geht es noch ein bisschen größer? Hashtag-Honecker? Mauerbau durch Medienstrategie? Fünfjahresplan zur Einstellung des X-Postens? Kollektivierung der Timeline?

Man kann diese Parteien kritisieren. Scharf sogar. Mit Lust. Mit Argumenten. Mit Spott. Aber wer aus ähnlichen Abschiedspostings gleich den Einheitsstaat zusammenrührt, benutzt Geschichte nicht als Warnung, sondern als billige Nebelmaschine aus dem Baumarkt. Einmal „SED“ drücken, schon wirkt jeder Hashtag wie ein Fackelmarsch. Das ist nicht Aufklärung. Das ist Halloween und Schlachtfest für rechtsröchelnde Wutbürger:innen.


Die Hasepost kehrt zurück – zufällig natürlich, wie alle großen Heldentaten

Und dann diese Pointe, die man sich kaum besser ausdenken könnte: Während andere X verlassen, kehrt die Hasepost heldenhaft dahin zurück, wo sie bereits seit Jahren war. Nicht als Inszenierung. Nicht als Gegenkampagne. Nicht als „Wir bleiben, wo die Feiglinge fliehen“-Posse. Nein. Wegen Server-Neukonfiguration. Am Wochenende. Zufällig. Natürlich.

Die Weltgeschichte liebt Zufälle mit Redaktionssystem. Da stöpselt man arglos ein Plugin ein, hustet kurz in die Schnittstelle und plötzlich steht man als letzter Ritter der Debattenfreiheit auf der digitalen Zugbrücke, die Lanze aus Teasertext, der Schild aus Lokalpathos.

Andere koordinieren: Gleichschaltung. Man selbst plant: Technik.
Andere nutzen Hashtags: Marschordnung. Man selbst kehrt passend zurück: Zufall.
Andere suchen Aufmerksamkeit: Abschiedstour. Man selbst schreibt darüber: Bürgerpflicht mit Seitenaufrufen.

So elastisch muss Moral erst einmal werden, ohne dass sie reißt.


Mastodon: Safari ins woke Feuchtbiotop

Auch Mastodon soll künftig vom Hasen beglückt werden. Im Kommentar klingt dieses dezentrale Netzwerk wie ein links-grünes Naturschutzgebiet, in dem Menschen mit Hafermilch, Fahrradhelm und überbordendem Sendungsbewusstsein ihren Ökomüll abladen.

Dorthin geht die Hasepost nun also auch. Nicht wegen der Reichweite, sondern, so klingt es, als Expedition in unbekanntes, feindliches Gelände. Das klingt fast nach Widerstand – allerdings mit Profilbild, Programmschnittstelle und Lokalnachrichten-Teaser.

Man sieht die Szene: Der Hasepost-Pionier kämpft sich mit virtueller Machete durch das Mastodon-Gestrüpp. Links lauert ein Gendersternchen, rechts eine Content-Warnung, vorne ein Mensch, der „Instanz“ sagt und nicht das Amtsgericht meint. Und mittendrin der Lokalblog, tapfer wie einst die großen Entdecker, nur mit weniger Skorbut und mehr Apirin und GPS.


Der eigentliche Zaubertrick

Der Kommentar tut so, als verteidige er die offene Debatte. Tatsächlich verteidigt er vor allem den Anspruch, anderen vorzuschreiben, wo sie sich gefälligst beschimpfen lassen sollen.

Er verspottet Inszenierung und inszeniert die eigene Rückkehr zu X wie den Einzug ins Lykeion, nur mit Serverprotokoll.

Er beklagt Gleichförmigkeit und greift selbst in die uralte Kulturkampf-Bonbondose: woke, Zensur, SED, Blase, Musk, Sozialismus, Wahlvolk, Meinungsfreiheit. Alles schön durchgekaut, alles klebt noch ein bisschen an den Fingern.

Er wirft anderen Flucht vor und baut sich selbst ein Denkmal aus Trotz, Teaser und Traffic.

Das ist kein Kommentar. Das ist ein Empörungs-Adventskalender, bei dem hinter jedem Türchen die gleichen vergammelten Schokoladenstücke liegen.


Igel-Fazit: Viel Alarm um ein Logout

Man kann den X-Abschied der drei Parteien falsch oder albern finden. Halbherzig. Eitel. Inkonsequent. Selbstgerecht. Alles drin, aber wer daraus eine Gleichschaltungsoper macht, weiß schlichtweg nicht, was Totalitarismus ist. Er hat offenbar eine Pressemitteilung gefunden und ihr so lange NVA-Uniformen übergestülpt, bis sie gefährlich aussieht.

Ich ziehe die Stacheln kurz ein, wische mir den Algorithmusstaub aus dem Fell und notiere mit letzter Restgeduld: Wenn drei Parteien denselben Hashtag benutzen, ist das vieles — Kampagne, Bequemlichkeit, Zufall oder die erschütternde Erkenntnis, dass in Deutschland nicht jede Tastatur ein eigenes politisches Weltbild hervorbringt. Aber es ist gewiss keine Gleichschaltung.

Wenn ein Lokalblog daraus den Untergang der pluralistischen Ordnung zusammenhämmert wie ein Heimwerker mit Panikattacke, ist auch das vieles: Empörungstheater, Klickfutter, ideologische Nebelwerferfolklore, vielleicht sogar der verzweifelte Versuch, aus drei Hashtags einen Staatsstreich zu stricken. Analyse ist es nicht. Es ist vor allem saudumm.

Es ist Kulturkampf mit Nebelmaschine aus dem Kaninchenstall, auf Grasnarbenniveau mit WLAN-Anschluss, eine publizistische Alarmanlage, die schon losheult, wenn irgendwo links der Bordstein abgesenkt wird. Und davor scharrt, frisch aus der Antike herbeizitiert, der zwar ahnungslose, aber hyperaktive Ziegenchor2 mit den Hufen: halb Tragödie, halb Streichelzoo, doch vollständig ausgestattet mit vorgekauten Textbausteinen aus der politischen Mottenkiste. Er meckert nicht, weil er etwas verstanden hat. Er meckert instinktiv, weil Meckern sein Geschäftsmodell ist.

So entsteht aus einem Hashtag kein politischer Vorgang, sondern ein Hasepost-Oratorium für beleidigte Langohren: viel Trommelwirbel, wenig Substanz, dazu ein Chor empörter Huftiere, die jedes gemeinsame Satzzeichen sofort für den Beginn der Sowjetisierung des Abendlandes halten.

Dabei wäre die Wirklichkeit viel einfacher: Manchmal benutzen Menschen denselben Begriff, ohne vorher im Keller eines linksliberalen Geheimbundes bei veganem Kartoffelsalat den Umsturz zu planen. Aber diese Möglichkeit ist publizistisch unbrauchbar. Sie macht keine Angst, bringt keine Klicks und passt nicht in jenes Weltbild, in dem hinter jedem Grünen ein Umerziehungslager, hinter jeder SPD-Pressemitteilung ein Kulturmarxist, hinter jeder Linken eine Luxuslimousine und hinter jedem Hashtag der feuchte Traum einer Gleichschaltungsbehörde lauert.

Kurz: Wenn drei Parteien denselben Hashtag benutzen, ist das alles Mögliche, aber keine Gleichschaltung. Wenn ein Lokalblog daraus den Untergang der Demokratie bastelt, ist das auch alles Mögliche, aber nichts mit Verstand. Es ist Kulturkampf aus dem Kaninchenstall — und davor kotzt der Ziegenchor schamlos seine Textbausteine auf den Rasen.


1O-Ton Thorsten Wassermann auf Facebook zu Heiko Pohlmanns Kommentar oder: Wie tief kann man singen?
„Deren Bedeutung singt immer mehr, aber sie selber denken, sie sind der größte Player in der Welt…..“

2Holt, Tom: Der Ziegenchor. Roman. Übersetzt aus dem Englischen von Kalla Wefel. München: Wilhelm Heyne Verlag, 1989.

(„Komisch und voller Ironie lüftet der Autor den Vorhang des antiken Theaters und entzückt seine Leser mit einer hinreißenden Handlung.“ New York Times)

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