Vom SS-Obersturmführer zum Führer eines Promi-Restaurants in Melle
Der zweite Schutzhaftlagerführer im Konzentrationslager Buchenwald und Angehöriger des „Kommandos 99“ nahm an der Ermordung von KZ-Häftlingen teil. Immer noch ungeklärt ist, ob Gust auch an der Hinrichtung von Ernst Thälmann, dem Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) beteiligt war. Nach Kriegsende führte Gust, von der Stasi beobachtet, das Promi-Restaurant „Heimathof“ in Melle bei Osnabrück.
Am 31. August 1909 wurde Erich Gust im beschaulichen und ca. 900 Einwohner zählenden Klein Bölkau (heute Bielkówkó), ca. 16 km entfernt von Danzig, geboren. Schon mit 21 Jahren trat Gust am 01. Februar 1931 der NSDAP mit der Mitgliedsnummer 465.978 und auch der Schutzstaffel (SS-Nummer 54 444) bei.

Mitglied der Lagermannschaft des KZ Buchenwald
Ab dem Jahre 1938 gehörte er dann zur Lagermannschaft des Konzentrationslager Buchenwald, wo in der Zeit vom Juli 1937 bis April 1945 etwa 277.800 Menschen, wovon 28.230 Frauen und 30.000 Minderjährige waren, aus 50 Ländern inhaftiert waren. Die Zahl der Todesopfer in Buchenwald wird auf ca. 56.000 Menschen geschätzt. Das Häftlingslager umfasste 400.000 qm, beinhaltete 139 Außenlager. 1.944 Männer, Frauen und Kinder wurden mit Todestransporten nach Auschwitz deportiert. Im Februar 1938 waren 2.728 Häftlinge, im Februar 1945 waren es 112.050 Häftlinge im KZ Buchenwald. Als die alliierten Soldaten und Offiziere am 11. April 1945 das KZ Buchenwald erreichten, trafen sie auf einundzwanzigtausend verhungerte und zerlumpte Gefangene in einem mit Krematorien, Hinrichtungsgegenstätten und einem für medizinische Experimente eingerichteten Lazarett ausgestatteten Lager.
Versetzung nach Stutthof, Lagerführer des AEL Mühltal, Rückkehr nach Buchenwald
Im Jahre 1941 wurde Gust ins 34 km östlich von Danzig entfernte Konzentrationslager Stutthof versetzt, wo er zum Lagerführer des Arbeitserziehungslagers Mühltal der Umwandererzentrale Danzig wurde, das auch dem Lagerkommandanten des KZ Stutthof, Max Pauly, unterstand. Zu den SS-Leuten, die die Häftlinge auf die bestialischste Art misshandelt haben, gehörte auch im KZ Stutthof: Erich Gust. Gust hat bis Mai 1942 im KZ Stutthof gedient.
Ermordung von KZ-Häftlingen
Von dort wurde er bereits 1942 wieder ins KZ Buchenwald zurückversetzt, wo er von 1942 bis 1944 als zweiter Schutzhaftlagerführer, der das Häftlingslager überwachte und den Alltag der Häftlinge kontrollierte, tätig war. Gust war auch Angehöriger des „Kommandos 99“. Ab dem Jahre 1944 wurde er als Rapportführer eingesetzt. In diesen Funktionen nahm Erich Gust an der Ermordung von KZ-Häftlingen teil.
Der überlebende Häftling, Dimitri Michailow, russischer Student, der von Februar 1944 bis April 1945 in Buchenwald inhaftiert war, sagte aus: „Obersturmführer Gust hatte die Gewohnheit, uns mit einer Peitsche zu „begleiten“, oft hetzte er seinen Hund auf uns. Wenn er ins Mikrofon sprach, redete er von uns immer als „Tiere, Schweine“, usw. (…).“

Die Zahl der Juden im KZ Buchenwald erhöhte sich im Lager gegen Mitte 1944, vor allem durch starke Zugänge aus Ungarn. Den verbliebenen wenigen Juden ging es halbwegs erträglich, obgleich sie noch einmal in das volle Scheinwerferlicht gerieten, als es 1943 dem 3. Lagerführer Erich Gust zusammen mit dem Arbeitsdienstführer gefiel, aus den Reihen der jüdischen Maurer jeweils 2 oder 3 herauszuholen und zum „Abspritzen“, d.h. zur Tötung durch Injektion von Giften, ins Revier zu bringen. Normale Arbeitsvorgänge wurden zu kindischen Strafanlässen mit tödlicher Abfolge gemacht.
„Zigeunerin“ erschossen
Ende Dezember 1944 sollte eine junge „Zigeunerin“ gehenkt werden. Auf dem Weg zur Richtstätte warf sie sich auf den Boden und heulte und jammerte. Die SS-Leute brachten sie nicht auf die Beine. Da ging der Lagerführer Gust, der zufällig vorbeikam, hin und schoss der jungen Frau eine Revolverkugel in den Schädel!
Rätsel um Mord an den KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann
Wie und wann genau Ernst Thälmanns, der Vorsitzende der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), die er von 1924-1933 im Reichstag vertrat, ermordet wurde, ist bis heute ungeklärt. Genauso wie die Frage, warum die DDR-Staatssicherheit jahrzehntelang die Aufklärung des Falls vereitelte – trotz ihrer Kenntnisse über einen mutmaßlichen Mittäter, nämlich Erich Gust.

Ein polnischer Häftling will den Mord im Krematorium des Konzentrationslagers Buchenwald heimlich beobachte haben. Thälmann wurde demnach am 18. August 1944 um 0.10 Uhr im KZ Buchenwald, angeblich auf direkten Befehl Adolf Hitlers, erschossen. Drei Schüsse trafen das Opfer in den Rücken. Thälmann brach zusammen und ein vierter Schuss ins Genick sollte sicherstellen, dass er tot war. Die Leiche wurde verbrannt. Alles, was blieb, waren ein paar Schnürstiefel mit den Initialen „E.T.“ und eine Taschenuhr, in die der Name des Besitzers eingraviert war. Allerdings wurde der Tod Thälmanns nicht aufgeklärt.
Der ehemalige Buchenwaldhäftling Marian Zgoda sagte im Buchenwald-Hauptprozess aus, er habe gesehen, dass neben Werner Berger und Wolfgang Otto (nach dem Krieg Lehrer am Niederrhein) auch Erich Gust an der Erschießung Thälmanns teilgenommen hätten. Nach offizieller Nazi-Version kam Thälmann bei einem Bombenangriff der Alliierten ums Leben. Otto und Berger waren im Buchenwald-Hauptprozess beziehungsweise einem Nebenprozess wegen Verbrechen an Angehörigen alliierter Staaten angeklagt und verurteilt worden.
Hetzte des Öfteren seinen Wolfshund auf die Häftlinge.
Besonders brutal und rücksichtslos
Einige der Überlebenden erinnerten sich nach dem Krieg und nach der Befreiung des Konzentrationslagers an Erich Gust und an das, was er ihnen angetan haben soll. In historischen Protokollen kann man die Aussagen bis heute nachlesen: „Obersturmführer Gust hat wiederholt in meiner Gegenwart Häftlinge auf das Brutalste behandelt und hetzte des Öfteren seinen Wolfshund auf die Häftlinge“, berichtete ein Häftling. Ein anderer hatte beobachtet, wie Gust Häftlinge so lange mit Knüppeln schlug, bis sie zusammenbrachen. Gust wurde von den Häftlingen als besonders brutal und rücksichtslos beschrieben.

Kommando 99: größter Massenmord im KZ Buchenwald
Außerdem soll Gust am sogenannten Kommando 99 beteiligt gewesen sein. Das ist der größte Massenmord, der im Konzentrationslager Buchenwald vollzogen wurde. 8.000 sowjetische Kriegsgefangene wurden in einem umgebauten Pferdestall getötet. Die SS-Offiziere, verkleidet als Ärzte, gaukelten ihnen eine Untersuchung vor. Stattdessen wurden sie mit einer Genickschussanlage von hinten erschossen. Teilweise waren es mehrere Hundert Menschen pro Nacht.
Als Belohnung für die SS gab es „pro Mann und Tag 100 Gramm Wurst, fünf Zigaretten und 0,2 ltr. Schnaps“. Das geht aus historischen Unterlagen hervor, auch Historiker Löffelsender bestätigt das.
Misshandlungen mit Ochsenziemer
Aussage des Häftlings Richard Gritz, Antonienhütte: „Zu meinem großen Erschrecken wurde ich im Januar 1944 als Kalfaktor im Bunker eingesetzt, wo ich bis November 1944 blieb. Abgelöst wurde ich, weil ich einigen Gefangenen Zigaretten eingeschmuggelt hatte. Ich erhielt 25 Hiebe mit einem Ochsenziemer und wurde auch an anderen Körperteilen getreten und geschlagen. An den Misshandlungen beteiligten sich der 2. Lagerführer Gust, der Rapportführer Hofschulte und der Blockführer Heinrich.
Bevor ich den Bunker verließ, wurde mir mitten über den Kopf ein Streifen aus den Haaren herausgeschnitten.“ und weiter „Üblich war es auch, den Arrestanten Abführmittel ins Essen zu geben, nach deren Genuss sie an blutigem Stuhlgang erkrankten. Stopfmittel gab es natürlich nicht. Es gab 2 Klosetts im Bunker, einen für die Häftlinge und einen für die SS. Wenn ein Häftling 25 Stockhiebe bekam, musste er sich bücken und den Kopf in das kotgefüllte SS-Klosett stecken. Nach vollzogener Prügelstrafe durfte er den Kot nicht abwaschen. In der halben Minute „Morgenwäsche“ ging es auch kaum, so dass er oft wochenlang kotbeschmutzt herumlaufen musste.“
„Wartet bis zum Frühling, dann haben wir gesiegt“
Als im Dezember 1944 im Kreis der Führer darüber gesprochen wurde, dass es keine Schuhe mehr für Häftlinge gebe, meinte Gust: „Wartet bis zum Frühling, dann haben wir gesiegt und können uns Stiefel im Ausland besorgen.“, so eine Aussage des Lagerfriseurs Alois Saratchewich (3537), Jesenice, Branlice ul. 25.
Untergetaucht als „Franz Giese“
Gust, der unter dem Pseudonym Franz Giese nach Kriegsende untertauchte, wurde 1946 in die Liste gesuchter Kriegsverbrecher der United Nations War Crimes Commission aufgenommen. Auf seiner Eheurkunde aus dem Jahr 1946 tauchte der falsche Name das erste Mal auf.
Seit 1966 als Betreiber und Koch im Restaurant „Heimathof“ in Melle
Gust lebte erst bei Braunschweig, später am Dümmer See und ab 1966 in Melle (Landkreis Osnabrück), wo er ab 1966 gemeinsam mit seiner Ehefrau das Restaurant „Heimathof“ betrieb. Lt. einem Zeugen stand „Franz Giese“ in der Küche und „das, was er auf den Tisch gebracht hat, war immer gut und galt als feine Küche“. Sonst habe er sich eher zurückgehalten, sei immer bescheiden gewesen und habe sich meist in der Küche oder an der Küchentür aufgehalten. Auffällig sei gewesen, dass er immer einen großen Schäferhund bei sich hatte.
Stasi hält Aufenthaltsort von Gust geheim
Dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) war durch Inoffizielle Mitarbeiter spätestens seit 1969 der Aufenthaltsort von Gust bekannt. Obwohl in der DDR bereits 1948 ein Haftbefehl gegen Gust vorlag, wurden die westdeutschen Ermittler, die seit 1959 ebenfalls nach Gust fahndeten, darüber nicht informiert. Bis 1984 waren inoffizielle Mitarbeiter auf Gust angesetzt. In der Akte des MfS zu Gust stand: „Gust soll für operative Zwecke im Operationsgebiet genutzt werden“.

Promitreff in Gusts Restaurant „Heimathof“
Im Restaurant „Heimathof“ verkehrten neben Stars aus Film und Fernsehen wie zum Beispiel die Schauspieler Hans-Joachim Kuhlenkampff und Willy Millowitsch auch bekannte Bonner Politiker, so Kai-Uwe von Hassel, Herbert Wehner und auch Willy Brandt. Das Bonner Justizministerium nutzte den „Heimathof“ hin und wieder für Partys. Diesen Umstand wollte das MfS nutzen, um Bonner Politiker später bloßzustellen. Dazu ist es aber aus unbekannten Gründen nicht gekommen. Der westdeutschen Justiz wurde jedoch durch DDR-Behörden vorgeworfen, im Fall Gust nicht energisch genug zu ermitteln. Aufgrund einer Verwechselung wurde in Westdeutschland gegen einen anderen Erich Gust ermittelt, dieses Verfahren wurde jedoch 1976 – nachdem die Verwechselung offenkundig wurde – eingestellt.
Es gab rund ein Dutzend Ermittlungsverfahren gegen Gust, während in der DDR Hunderte Seiten mit Schriftstücken aus Buchenwald, Fotos von Gust und dem „Heimathof“ in Melle und auch heimlich aufgenommene Filmaufnahmen von den verschiedenen Wohnorten der Familie Gust lagerten.

Fahnder finden Gust zu spät
Die Akten des MfS brachten die Fahnder im November 1992 nach der Wiedervereinigung auf die richtige Spur. Unbehelligt von der Justiz war Gust jedoch am 18. Februar 1992 ein dreiviertel Jahr zuvor in Melle verstorben. Von 9.000 SS-Männern und Aufseherinnen wurden nur 79 nach dem Jahre 1945 verurteilt.
Ausgewählte Quellen:
www.welt.de/print-welt/article656538/Ernst-Thaelmann-und-der-Gastwirt-vom-Heimathof.html.
Werkentin, Falco: Politische Strafjustiz in der Ära Ulbricht. Berlin 1995, S. 203ff.
Der Spiegel 19/1994: „Für ehrliche Zusammenarbeit“
„Der Buchenwald-Report“, HG.: David A. Hackett, 1996.











