Ratschläge aus dem Osnabrücker Klinikum
Ein Kreuzfahrtschiff wird plötzlich zum Krisenort: Mehrere Passagiere infizieren sich mit dem Hantavirus, drei sterben. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schließt eine Übertragung von Mensch zu Mensch nicht aus. Wie man sich in unseren Breiten schützen kann, erklärt Dr. Christoph Jüttner, Chefarzt am Klinikum Osnabrück und Vorsitzender der Arzneimittelkommission.
Ein Kreuzfahrtschiff, das eigentlich für Erholung und unbeschwerte Tage auf hoher See steht, wird plötzlich zum Schauplatz einer beunruhigenden Entwicklung: Mehrere Passagiere erkranken an einer Infektion mit dem Hantavirus, drei Menschen sind gestorben. Was zunächst wie ein tragischer Einzelfall wirkt, bekommt eine neue Dimension, als die WHO erklärt, dass die Passagiere sich gegenseitig angesteckt haben könnten.
Hantavirus: Übertragung durch Nagetier-Exkremente
Christoph Jüttner ist Chefarzt der Medizinischen Klinik VI für Nephrologie, Dialyse- und Aphereseverfahren. Von ihm wollen wir wissen, wie sich das Hantavirus ausbreitet und wie wir uns effektiv davor schützen können. Jüttner erklärt, man müsse zunächst differenzieren zwischen unterschiedlichen Virusstämmen. Deren Erreger werden unterteilt aufgrund ihrer geografischen Verbreitung, der spezifischen Nagetierwirte und der verursachten Krankheitsbilder.
„Es gibt zwei Hauptgruppen. Die „Alte-Welt“-Hantaviren, darunter das Puumalavirus, welches wir vorzugsweise in Europa finden. Als „Neuwelt“-Hantavirus wird beispielsweise das Andesvirus bezeichnet, das vor allem in Südamerika verbreitet ist.“
Egal welche Hantaviren, sie werden vor allem durch Speichel, Kot oder Urin von Nagetieren übertragen. Tückisch ist dabei: Selbst in getrocknetem Zustand können diese Hinterlassenschaften noch mehrere Wochen lang infektiös bleiben. Die Ansteckung erfolgt dann meist unbemerkt – etwa, wenn Menschen staubfeine Partikel aus den Exkrementen einatmen oder wenn kleinste Hautverletzungen mit kontaminiertem Staub oder Speichel in Berührung kommen.
„Je nach Virustyp verläuft eine Hantavirus-Infektion unterschiedlich“, erklärt Jüttner. Ob eine Übertragung von Mensch zu Mensch – etwa wie auf einem Schiff – möglich ist, hänge von der jeweiligen Variante ab. „Bei den in Europa verbreiteten Stämmen Puumala und Dobrava ist das nicht der Fall“, ist sich Jüttner sicher.
Auch in unserer Region Symptome bis zum Nierenversagen
Seit 16 Jahren ist er am Finkenhügel als Mediziner tätig. „In den vergangenen Jahren habe ich auch in der Region Osnabrück viele Hanta-Fälle gesehen – fast ausschließlich verursacht durch den hier vorkommenden Stamm Puumala“, bestätigt er.
„Die meisten Infektionen verlaufen mild mit leichten grippalen Symptomen, teils auch asymptomatisch, wobei wir im Klinikum naturgemäß die Infizierten mit schwerem und sehr schwerem Verlauf behandeln.“
Nach der Inkubationszeit von meistens zwei Wochen tritt häufig deutliches Krankheitsgefühl, Fieber, Kopf-, Bauch- und Gliederschmerzen sowie Übelkeit auf. In einigen Fällen kann es zu vorübergehendem Nierenversagen mit fehlender Urinproduktion kommen, als Folgekomplikation können Wasseransammlungen in der Lunge mit Luftnot auftreten.
“Im Sinne einer systemischen Reaktion kann die Infektion auch zu Kreislaufreaktionen mit Blutdruckabfall führen. Laborchemisch fällt bei der Blutuntersuchung neben erhöhten Entzündungswerten und weiteren Blutveränderungen meistens auch ein Mangel an Blutplättchen auf, was Blutungskomplikationen nach sich ziehen kann“.
Andes-Virus: Übertragung auch von Mensch zu Mensch?
Während beim Puumalavirus Fieber mit Nierenbeteiligung im Vordergrund steht, können einige Hantavirus-Varianten aus Amerika ein tödliches Lungenversagen auslösen – mit Sterblichkeitsraten von 30 bis 50 Prozent. Doch wie kommt so ein Virus an Bord? „Überträger für das Andes-Virus ist die Reisratte. Also entweder durch ein Nagetier, das auf dem Schiff ist. Oder durch einen Passagier nach einem Landgang“, vermutet Jüttner.
Der Chefarzt macht darauf aufmerksam, das Kreuzfahrtschiff habe Argentinien verlassen, was Besorgnis über das Andes-Virus wecke. „Das ist endemisch in der Region und die einzige Hantavirus-Art, für die man eine Übertragung von Mensch zu Mensch nachgewiesen hat.“
Hantaviren: Schutz vor Exkrementen und Staub
Hantaviren sind weltweit verbreitet, doch gleich welcher Virenstamm: Weder gegen eine Ansteckung noch gegen die Krankheit selbst gibt es spezielle Medikamente. Behandelt werden nur Symptome und Komplikationen. Es erfolgt eine Senkung des Fiebers, eine Bekämpfung der Schmerzen und in seltenen Fällen ist vorübergehend auch eine Nierenersatztherapie im Sinne einer Blutwäsche erforderlich. Daher empfiehlt Jüttner den Kontakt zu Nagetieren, vor allem zu Rötel- und Brandmäusen, und ihren Exkrementen zu vermeiden.
„Erfreulich ist“, so der Mediziner, „dass eine Hantavirus-Infektion mit den bei uns vorkommenden Virusstämmen in der Regel ohne bleibende Schäden ausheilt und auch wahrscheinlich eine langanhaltende Immunität hinterlässt.“ Dennoch sollten tote Nagetiere nur mit Gummihandschuhen entsorgt werden. „Und beim Holz stapeln oder beim Fegen in Räumen, wo Mäusekot sein könnte, sollte möglichst kein Staub aufgewirbelt und bestenfalls mit FFP3-Maske gereinigt werden, ohne Staubsauger.“











