Verantwortlich für das „Gästezimmer“ ist Janis Weber, der schon einige interessante Beiträge für die OR verfasst hat und VfL-Fans vom Podcast Ostkurvenchor hinlänglich bekannt sein dürfte.
Das Wohnzimmer räumt Lars Mosel vor jedem Heimspiel auf, der vor allem als Mitglied der ersten Stunde des VfL-Podcasts auf OS-Radio 104,8 berühmt und zugleich berüchtigt wurde: „Ich werde hier gegen meinen Willen festgehalten“, ein unvergessener Satz, mit dem der erste VfL-Podcast eröffnet wurde und der schon früh die mafiöse Grundstruktur der OR offenbarte.
Vorschau auf das Auswärtsspiel gegen den VfB Stuttgart II
mit persönlichen Einschätzungen von Lars Mosel, Janis Weber und Kai Eilts
Am kommenden Samstag bittet der VfL gegen die Zweitvertretung des VfB Stuttgart zu einem letzten Tanz. Getanzt wird im von Stuttgart 30 Kilometer entfernten Großaspach zu den (Miss-)Klängen Andrea Bergs, die es sich nicht hat nehmen lassen zum Aufstieg ihrer geliebten SG Sonnenhof Großaspach einen (gar nicht mal so) neuen Song zu produzieren. Durch den Aufstieg der SG Sonnenhof und die Nutzung durch Stuttgarts Amateure wird in der kommenden Saison wöchentlich Drittligafußball in der „WIRmachenDRUCK Arena“ zu bestaunen sein. Aber all das braucht das lila-weiß Herz nicht weiter zu interessieren, der VfL fährt ins Ruhrstadion und zum Betzenberg und nicht zwei Mal in die baden-württembergische Provinz, wie es zum Beispiel Preußen Münster oder 1860 München müssen bzw. dürfen.
Dabei hat der VfL in diesem Stadion gegen Stuttgart II eine gute Bilanz. Zwei Spiele, ein Sieg, ein Unentschieden. Am vorletzten Spieltag der Saison 2014/15 traf der Tabellenfünfzehnte Stuttgart auf den Elften im Tableau, den VfL. Für beide Mannschaften ging es um nichts mehr und man trennte sich vor 400 Zuschauer*innen 0:0. Viel trostloser wird’s in Liga 3 nicht…
Da hatte das zweite Aufeinandertreffen in Großaspach etwas mehr zu bieten. In der letzten Saison retteten nach verkorkster erster Halbzeit Bryan Henning und Lars Kehl im zweiten Durchgang den 500 mitgereisten Lila-Weißen den verregneten Mittwoch, ein wichtiger Schritt zum Klassenerhalt. Die Auswärtsbilanz bei den Stuttgartern sieht aber auch abseits von Großaspach gut aus. Von sieben Partien in Baden-Württemberg wurden vier gewonnen, zwei verloren und einmal reichte es zu einem Unentschieden. Interessant dabei: nie erzielte eine der beiden Mannschaften mehr als zwei Tore.
Auf’m Platz
Nachdem Markus Fiedler seinen Trainerposten in der Sommerpause geräumt hatte, um zur neuen Saison für ganze neun Spiele in Magdeburg anzuheuern, übernahm Nico Willig den Job an der Seitenlinie der VfB-Bubis. Und mit VfB-Bubis kennt Willig sich aus: er hat in den zehn Jahren zuvor fast durchgehend Jugendmannschaften von Stuttgart trainiert. Zwischenzeitlich hat er sich allerdings auch einen Abstieg der Profis des VfB in den Lebenslauf geschrieben. 2018/19 übernahm er die Mannschaft von Markus Weinzierl fürs Saisonfinale, spielte in der Relegation zwei Mal Unentschieden gegen Union Berlin und stieg aufgrund der damals noch gültigen Auswärtstorregel in die 2. Liga ab.
Auf jeden Fall hat Willig die VfB-DNA aufgesogen und genau solche Trainer sind für Zweitmannschaften gefragt. Er orientiert sich vom System her an den Profis und versucht Spieler wie Noah Darvich, Justin Diehl und Mirza Catovic auf die Bundesliga vorzubereiten. Meist wird in einem 4-2-3-1 mit zwei klaren Sechsern, schnellen Außen und einem mitspielenden Mittelstürmer gespielt. Auf der Doppelsechs findet man am häufigsten Mirza Catovic und Samuele Di Benedetto wieder. Di Benedetto ist der Strippenzieher der beiden, der Mann für die Pässe, Catovic hingegen ist eher für Defensivzweikämpfe zuständig, mit seinen 1,90m Körpergröße vor allem für Luftzweikämpfe. Aber man sollte Catovic am Ball nicht unterschätzen, kaum ein Sechser in der Liga weist so viele erfolgreiche Dribblings auf wie er. Am Samstag kann er davon nichts zeigen, da er sich vergangene Woche bei der 5:3 Niederlage in Rostock seine zehnte Gelbe Karte abgeholt hat. Für ihn dürfte der 20-Jährige Julian Lüers starten, der seit seinem zehnten Lebensjahr das Trikot mit dem Brustring trägt und die Rolle im defensiven Mittelfeld etwas offensiver interpretiert als Catovic.
Vorne wiederum hat Willig die Qual der Wahl: Darvich, Diehl, Sessa, Ouro-Tagba, Arévalo, Sankoh. Die Qualität in Stuttgarts Offensive ist für diese Liga überragend. Man sollte meinen bei solchen Namen wären mehr als 54 Tore in dieser Saison drin gewesen, sogar der TSV Havelse hat zwei Tore mehr erzielt. Aber es ist nicht wirklich die Offensive, an der der Stuttgarter Fußball krankt. Mit 65 Gegentoren hat die Defensive mehr als doppelt so viele Treffer schlucken müssen wie die des VfL. Vor allem gegen die Aufstiegskandidaten hat man sich blutige Nasen abgeholt. 5:0 in Cottbus, 0:4 gegen Duisburg, 4:0 in Verl und am letzten Wochenende 3:5 in Rostock. In der ganzen Saison hat Stuttgart es nur fünf mal geschafft zu Null zu spielen, hat nur 13 von 37 Spiele gewinnen können und darf sich letztendlich bei der schwachen Konkurrenz bedanken, dass man mit dem Abstiegskampf nie was zu tun hatte. Nach nur 17 Punkten in der Rückrunde ist das alles andere als selbstverständlich …
Im Fokus
Eine Person trägt wenig Schuld daran, dass die Zweitvertretung des VfB nur auf fünf Zu-Null-Spiele kommt, und das ist ausgerechnet der Torwart. Mit Florian Hellstern hat der VfB eines der interessantesten deutschen Torhütertalente in seinen Reihen. Bereits als 10-Jähriger wechselte Hellstern in das NLZ der Schwaben und durchlief seitdem alle Jugendmannschaften des VfB. Parallel spielt er seit Jahren für die U-Nationalmannschaften des DFB. Im letzten Sommer rückte er in Stuttgart von der U19 in die U23 auf und durfte so in dieser Saison zum ersten Mal Profiluft schnuppern. Von 37 Spielen stand er 26 Mal im Kasten, Dominik Draband kommt auf fünf und Jerik von der Felsen auf zwei Einsätze.
Für einen Torwart mit fast zwei Gegentoren im Schnitt hat Hellstern eine unfassbar gute „kicker“-Durschnittsnote. Noten sind zwar ein sehr schwammiges und auch subjektives Instrument zur Spielerbewertung, aber nach 26 Spielen bei einer 2,65 zu stehen, was nebenbei bemerkt hinter Lars Gindorf und Marius Funk Platz 3 in der gesamten Liga bedeutet, ist schon ein Ausrufezeichen. Zum Vergleich: Lukas Jonsson steht nach 37 Spielen und 19 weißen Westen bei einer 3,01.
Hellstern ist ein sehr kompletter Torwart, gut auf der Linie, wachsam in der Strafraumbeherrschung, technisch stark mit dem Ball am Fuß und für einen 18-Jährigen bemerkenswert abgeklärt. Beim VfB sieht man in ihm einen Torwart für die Zukunft und hat folgerichtig das im Sommer auslaufende Arbeitspapier vor Kurzem langfristig verlängert. Wann es wirklich soweit sein wird, dass der in Bad Cannstatt geborene Hellstern bei den Profis zwischen den Pfosten stehen darf, wird dabei nicht zuletzt davon abhängig sein wie der weitere Weg von Alexander Nübel, aber auch von Dennis Seimen aussieht, der aktuell als Leihe in Liga 2 beim SC Paderborn auf sich aufmerksam macht. Den Fans des VfB braucht auf der Torwartposition angesichts dieser Qualität vor der Zukunft zumindest nicht bange zu sein.
Stadion
Wie oben schon erwähnt, trägt die Zweitvertretung des VfB Stuttgart ihre Heimspiele in der „WIRmachenDRUCK Arena“ der SG Sonnenhof Großaspach aus. Das Stadion wurde von 2009 bis 2011 errichtet um den Anforderungen der Regionalliga zu genügen, in der die SG Sonnenhof ab der Saison 2009/10 mitmischen durfte. Bezahlt wurde das Stadion von einer Investorengruppe, zu denen neben Andrea Berg auch die ehemaligen VfB-Profis Aleksandr Hleb und Mario Gomez gehörten. Hauptinvestor war natürlich der Mann von Andrea Berg, Uli Ferber, der einen Großteil seines Vermögens in der Hotelbranche gemacht hat und Präsident und Mäzen des Dorfklubs ist.
Ursprünglich sollte der Stadionbau 6,5 Millionen Euro kosten, der Betrag überstieg letztendlich jedoch sogar die 10 Millionen Euro Marke. Hässlich ist es trotzdem. Oder vielleicht ist hässlich auch das falsche Wort, aber alles an und in dieser Schüssel riecht nach Provinz. Nach neureichem Regionalligisten. Nach schlechtem Schlager. Ein Sportplatz, um den Tribünen errichtet worden sind um Auflagen für Fußballverbände zu erfüllen. Wo man zu jeder Sekunde merkt: die großen Fußballschlachten wurden woanders ausgefochten, nicht hier. Hier sitzen ein paar gut betuchte Leute bei mittelmäßigem Sekt und Häppchen und schauen ihrem Spielzeug, dem Fußball, zu. Die Tribünen dürften regelmäßig entstaubt werden müssen und manch eine Sitzschale hat sich mit Sicherheit schon gefragt was sie eigentlich für eine Daseinsberechtigung hat. Hier riecht es nach Camp David, nicht nach Fußball …
Geschichten aus der Geschichte
„Der VfB steht nach vaterländischen und völkischen Gesichtspunkten beurteilt an erster Stelle unter den Sportvereinen in Stuttgart. Er ist von jeher ein Hort nationaler Gesinnung und Trutzburg gegen alles Undeutsche gewesen.“
Diese Worte stammen von Hans Kiener, der von 1932 bis 1944 Präsident des VfB Stuttgart war und sich nach Vereinsstatut ab 1934 „Vereinsführer“ nannte. Kiener war bereits 1932 der NSDAP beigetreten und diente ihr von Beginn an in seiner Rolle als Präsident des VfB. Bereits 1932 erlaubte er der nationalsozialistischen Partei das VfB-Sportgelände für Parteiveranstaltungen zu nutzen und setzte sich damit über den Willen der Stadt hinweg.
Die Geschichte des VfB während der NS-Zeit hat noch viele blinde Flecken. Das ist einerseits auf die sehr schlechte Quellenlage und andererseits am über Jahrzehnte mangelnden Willen zur Aufarbeitung seitens des Vereins zurückzuführen. Man kennt das zu Genüge von deutschen Vereinen, Unternehmen etc.: Erfolge werden nur zu gern beleuchtet, aber wenn es darum geht was zwischen 1933 und 1945 so vor sich ging, wird es auf einmal erschreckend dünn. Laut Historiker Nils Havemann, der 2005 das Buch „Fußball unterm Hakenkreuz“ veröffentlichte, galt der VfB neben Schalke 04, Werder Bremen und dem TSV 1860 München als nationalsozialistischer Vorzeigeverein. Er gehörte zu den ersten Vereinen, die Arisierung und Führerprinzip durchsetzten und hatte einen Mann an der Spitze, der schon vor der Machtergreifung Mitglied der NSDAP war. Das kam damals nicht überraschend, schon in der Zeit davor galt der Verein als nationalistisch und dem Militär mindestens zugeneigt. Der VfB hatte sich den Spitznamen „Säbelesclub“ erarbeitet und Egon Graf von Beroldingen, Präsident von 1921 bis 1923, bekannte schon kurz nach dem Ersten Weltkrieg: „Der Verein für Bewegungsspiele Stuttgart hat zu allen Zeiten das deutsche Vaterland auf sein Panier geschrieben“.
Nachdem Kiener 1932 der NSDAP das Gelände zur Verfügung gestellt hatte, kam es zu einer größeren Austrittswelle. Wer wann und warum ausgetreten ist, lässt sich wegen der Quellenlage nur schwer rekonstruieren. Was aber sicher ist: in den Folgejahren wurden die restlichen „unerwünschten“ Mitglieder aus dem Verein geworfen. Diese Mitglieder rehabilitierte man 2019 und stellte zu ihrem Gedenken eine Stele am Vereinsheim auf. Über 80 Jahre hat es für dieses Zeichen gebraucht. Man holt langsam nach was lange versäumt wurde. Aber auch darüber hinaus werden sich am Neckar mittlerweile Gedanken gemacht: Über Jahre hinweg warb der VfB mit dem Slogan „Furchtlos und treu“. Ein Ausspruch, der auf den württembergischen König Wilhelm I. zurückgeht, später aber auch prominent von den Nazis verwendet wurde und sich einer gewissen Beliebtheit unter rechten Fans des VfB erfreute. Seit letztem Jahr wird dieser Claim nicht mehr verwendet, seitdem heißt das Motto „Zusammen voran“.
2018 veröffentlichte Gregor Hofmann das Buch „Der VfB Stuttgart und der Nationalsozialismus.“, das der Verein bei dem Historiker in Auftrag gegeben hatte. Auch in diesem Buch wird abermals deutlich, wie wenig Dokumente und Quellen aus der Zeit der NS-Diktatur noch vorhanden sind. Und so ist heute nur eine Biografie der Opfer dieser Zeit wirklich bekannt, die des jüdischen Vereinsarztes Dr. Richard Ney. Ney gelang nach Festnahme durch die Gestapo und mehrerer Monate U-Haft 1941 die Flucht nach New York, er überlebte den Holocaust. Von anderen VfB-Mitgliedern, die von ihrem Verein ausgeschlossen und von den Nationalsozialisten verfolgt wurden, weiß man bis heute nichts. Unter ihnen wird es viele geben, die, anders als Ney, nicht die Flucht geschafft haben. Hans Kiener wiederum war auch nach dem Krieg noch für den VfB aktiv, als Repräsentant des Vereins und im Ältestenrat. 1948 stellte ihn das Kultusministerium wieder als Lehrer ein. 1953 bekam er die Verdienstnadel des Landessportbundes verliehen.
Prognose Lars Mosel (OS-Rundschau)
Am Ende der Rückrunde erleidet der VfL seine zweite Niederlage. Nach den Feierlichkeiten ist ein Spannungsabfall zu erkennen, der bei den Stuttgartern nicht zu erkennen ist. Da sie ohnehin immer ohne Druck spielen, kommen sie mit den Umständen besser zurecht. Jeremy Arévalo (Marktwert 7 Mio €) und Noah Darvich (3,0 Mio €) schießen die zwei Tore zum 2:0.
Die 26 Spieler des VfL haben übrigens einen Marktwert von zusammen 7,43 €. Aber: „wir haben das lila-weisse Licht angemacht!“
Janis Weber (Ostkurvenchor)
Wenn es schon um nichts mehr geht, dann möchte ich wenigstens noch ein bisschen Spektakel sehen. Das 1:1 am letzten Samstag war dann doch recht mau und öde, für das Spiel in Großaspach wünsche ich mir offenes Visier und Tore. Ich sach mal 6:2 Auswärtssieg. Hattrick Julian Kania, Freistoßtor Bashi und irgendeiner der Innenverteidiger erzielt in der Nachspielzeit einen Kopfball-Doppelpack nach zwei Ecken.
Und danach möchte ich nie, nie, nie wieder gegen eine Zweitvertretung antreten müssen.
Kai Eilts (Ostkurvenchor)
Wirklich das Letzte.
Zutreffend auf den 38. Spieltag, auf Zweitvertretungen in der 3. Liga und auch auf den ausgebauten Sportplatz „WirmachenDruck Arena“.
Passend irgendwie, dass ein so unbedeutsames Spiel an einem so unbedeutsamen Ort stattfindet. So oder so fällt eine Prognose gegen zweite Mannschaften immer schwer, weiß man doch nie welcher Spieler mit einem Marktwert oberhalb der 2 Millionen denn diesmal im Kader steht. In unserem Kader und auch in unserer Startelf erwarte ich neben Sauter erneut Bashkim Ajdini, welcher per Elfmeter zum 2:1 Endstand trifft und damit seine Karriere perfekt beendet. Den Führungstreffer für Lila Weiß erzielt Bryan Henning aus der zweiten Reihe.
Wer den Treffer für Stuttgart schießt? Interessiert mich nicht mal halb so viel wie der Fakt, dass das unser letztes Mal Aspach sein wird. Für immer.











