Man wird ja wohl noch mal liken dürfen
Es gibt eine einfache Social-Media-Weisheit, die vermutlich treffsicherer ist als jedes Glaubensbekenntnis, jedes Profilbild mit Sonnenuntergang und jede Selbstbeschreibung à la „tierlieb, freiheitsliebend, kritisch, aber garantiert nicht rechts“: Sag mir, wen oder was du likest, und ich sag dir, wer oder was du bist.
Vor allem in der großen Facebook-Paarungszeit, wenn wieder jeder jeden als „Freund“ annimmt, weil irgendwo ein Hundewelpe, ein Sonnenuntergang oder ein bedeutungsschweres Zitat über „Anstand“ und „Respekt“ gepostet wird, lohnt sich gelegentlich ein kleiner Blick hinter die Gardine.
Einfach nur „Gefällt mir“ auf der Seite des Wunschkandidaten anklicken und plötzlich öffnet sich zum großen Erstaunen nicht etwa eine harmlose Sammlung persönlicher Interessen, sondern häufig ein kleines politisches Beichtstuhlfenster mit greller Neonbeleuchtung.
Da wird aus dem freundlichen Menschen mit Familienfoto, Grillzange und „Ich bin gegen Extremismus von allen Seiten“ auf einmal ein demokratisches Überraschungsei. Und der ganz nette, etwas schlicht wirkende Nachbar entpuppt sich unverhofft als Liebhaber rechten Gedankenguts.
Ach, gucke mal da: NIUS. Und dort hinten: Tichys Einblick, Ulf Poschardt, die Achse des Guten und eine Ansammlung diverser AfD-Abgeordneter — also verschiedener, nicht diverser, das klänge ja schon wieder verdächtig nach Vielfalt.
Und selbstverständlich dürfen in dieser Ahnengalerie der intellektuellen Kernschmelze auch Maaßen, Kubicki, Wendt, Kurz und Strauß nicht fehlen: das gepflegte Panoptikum jener Herren, die immer dann „Meinungsfreiheit!“ brüllen, wenn ihnen jemand widerspricht, und „Cancel Culture!“, sobald der eigene Stammtisch nicht mehr automatisch als Leitkultur durchgewunken wird.
Über allem thront natürlich Donald Trump, König des Wahnsinns, Schutzpatron der alternativen Fakten und lebender Beweis dafür, dass ein sehr lautes Mundwerk noch lange kein funktionierendes Verhältnis zur Wirklichkeit ersetzt.
Dazu der ewige Soundtrack aus der Mottenkiste des beleidigten Bürgertums: „Das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen“ — dieser berühmte Schlusssatz für alles, was man besser nicht gesagt hätte. Und natürlich: „Heimatliebe ist kein Verbrechen“ — was ja stimmt, solange Heimatliebe nicht bedeutet, dass man alle ohne einen reinrassigen Stammbaum ausweisen möchte.
Selbstverständlich ist das alles ganz harmlos gemeint. Man informiert sich doch nur nach allen Seiten und besonders intensiv offenbar dort, wo die journalistische Sorgfalt ungefähr so vertrauenswürdig ist wie ein Bekenntnis zur Demokratie von Björn Höcke.
Besonders entzückend wird es, wenn darunter CDU-Mitglieder auftauchen, die öffentlich so fest von der Brandmauer sprechen, als hätten sie diese eigenhändig mit Helmut Kohls Maurerkelle hochgezogen, während sie privat auf Facebook schon mal liebevoll den ultrarechten Vorgarten gießen. Sonntags demokratische Mitte. Montags digitales Herzchen für den politischen Presslufthammer. Die Brandmauer steht dann offenbar nur bis zum nächsten Like und wirkt dann weniger wie Beton und eher wie ein feuchter Bierdeckel auf einem AfD-Stammtisch.
Natürlich ist das alles Privatsache. Selbstverständlich. Niemand muss sich dafür rechtfertigen, wem er folgt, was er likt oder bei welchen politischen Nebelwerfern ihm regelmäßig das digitale Herzchen aus der Hand rutscht. Aber man wird doch noch mal nachschauen dürfen.
Likes sind keine Beweise, aber Hinweise. Sie sind kleine, zufällige, vollkommen unschuldige digitale Schnipsel. Und wenn diese Schnipsel ausnahmslos Richtung rechter Waldrand führen, dann soll man bitte nicht gleich wieder hysterisch werden. Vielleicht wohnt da ja nur die Meinungsvielfalt.
Natürlich glaubt man nebenbei auch gern an irgendeinen Gott. Oder frönt, ganz schick, dem Buddhismus — dem iPhone der Religionen: minimalistisch, teuer im Auftritt, spirituell abgerundet und mit positivem Selbstbild. Da postet man dann irgendwas mit Achtsamkeit und innerem Frieden und dass alles miteinander verbunden ist, während man politisch findet, dass Seenotrettung nicht so zimperlich sein sollte.
Man rettet Wale, Bienen, Hunde, deutsche Vorgärten und gelegentlich auch das Abendland — aber hilflose Flüchtlinge im Mittelmeer? Schwierig. Da wird aus Nächstenliebe plötzlich Grenzschutz, aus Mitgefühl „Pull-Faktor“ und aus christlicher Barmherzigkeit eine Excel-Tabelle für Abschiebungen. Der liebe Gott darf gern im Profil stehen. Buddha auch. Hauptsache, beide verlangen nicht, dass man beim Ersaufen im Mittelmeer unangenehm menschlich werden muss.
Zur Tarnung gibt es dann natürlich noch die kulturelle Lockerheitsabteilung. Mario Barth, Dieter Hallervorden und Dieter Nuhr müssen beweisen, dass man Humor hat. Dass man locker ist. Dass man keineswegs verbittert, reaktionär oder beleidigt durchs Leben stapft, sondern einfach nur „nicht mehr alles sagen darf“, während man es seit Jahren in Hallen, Talkshows, Büchern, Kolumnen und Kommentarspalten lauthals verkündet.
Barth liefert den Herrenwitz für den Grillabend und Nuhr den Beipackzettel für Leute, die beim Nach-unten-Treten gern den Bildungsbürger mimen. Der eine ruft „Kennste, kennste?“ in die kulturelle Restmülltonne, der andere erklärt mit sorgenvoller Stirnfalte, warum ausgerechnet die Empfindlichsten im Land jetzt unbedingt wieder Tabubrecher sein müssen. Zwei Humorschutzwesten für Menschen, die sagen wollen: „Ich verachte ja niemanden, ich finde das nur lustig.“
Und das ist praktisch. Denn sobald jemand fragt, warum die Pointe immer nach unten fällt, heißt es sofort: „Du hast einfach keinen Humor.“ Klar. Vielleicht ist das aber auch kein Humor, sondern nur dummdreistes Einprügeln auf wehrlose Menschen.
Ach! Und Wacken findet man natürlich auch ganz toll. Unbedingt. Weil irgendwo zwischen Metal-Shirt, Hundeliebe und „Heimat zuerst“ noch ein Rest Rebellentum simuliert werden muss. Ein bisschen Headbangen gegen die Spießigkeit, während man politisch längst im Vorgarten der Reaktion die Geranien gießt.
Apropos Hundeliebe: Auffällig oft sind diese Profile natürlich auch große Tierfreunde. Vor allem Freunde spezieller Hunderassen, bei denen man manchmal den Eindruck hat, der Halter bräuchte weniger Leine als Waffenschein. Auch das ist selbstverständlich reiner Zufall. Wie alles andere. Immer nur Zufall. Ein Like hier. Ein Herzchen dort. Ein Fan-Bekenntnis da. Ein bisschen rechter Soundtrack im Hintergrund. Und wer da ein Muster erkennt, ist vermutlich einfach zu empfindlich.
Dann gibt es noch diese ganz besondere Kategorie kultureller Kampfhunde: Böhse Onkelz, Sleipnir, Frei.Wild und Konsorten. Alles natürlich längst missverstanden. Alles Jugendsünden. Alles aus dem Zusammenhang gerissen. Alles hundertmal erklärt, eingeordnet, relativiert, weichgespült und mit der großen Distanzierungsstahlbürste abgeschrubbt. Man distanziert sich von den eigenen Texten — um sie dann unter Jubel wieder auf der Bühne vorzutragen. Das ist ungefähr so glaubwürdig wie ein Kampfhund mit Maulkorb, der beteuert, er wolle nur spielen, während noch ein Hosenbein zwischen den Zähnen hängt.
Aber natürlich ist das keine rechte Ästhetik und auch keine Szene-Codierung und erst recht keine politische Hundepfeife. Das ist nur Musik. Das ist nur Protest. Das ist nur „Heimat“. Das ist nur „ehrlich“. Das ist nur „man wird ja wohl noch mal liken dürfen“.
Klar doch …
Und wenn zwischen NIUS, Tichys Einblick, Ulf Poschardts Hetze, AfD-Herzchen, Trump-Fanboytum, Mario-Barth-Herrenwitz, Nuhr’schem Nach-unten-Treten, Onkelz-Romantik, Frei.Wild-Pathos, Wacken-Rebellentapete, Sonntagsglauben, Boutique-Buddhismus, Walrettung und Mittelmeer-Kälte plötzlich ein sehr klares Muster sichtbar wird, dann ist natürlich wieder nur der Beobachter schuld, der hat eben keinen Humor und versteht die Texte nicht. Der ist intolerant gegenüber Privatsachen. Der betreibt Cancel Culture. Der will einem verbieten, was man liken darf. Der hat wahrscheinlich auch noch gegendert.
Klar doch …
Moment mal! Niemand verbietet irgendwem das Liken, aber andere dürfen aus diesen Likes Schlüsse ziehen. Sie dürfen misstrauisch werden. Sie dürfen sich fragen, warum ausgerechnet bei den harmlosesten Bürgerprofilen so oft der rechte Keller sperrangelweit offensteht. Sie dürfen sich fragen, warum die Brandmauer in Sonntagsreden aus Stahlbeton sein soll, aber in der Facebook-Chronik wie aufgeweichte Presspappe aussieht.
Privatsache? Sicher, aber wer öffentlich harmlos auftritt und privat rechtsaußen applaudiert, wer Brandmauer sagt und Brandbeschleuniger likt, wer sich als Mitte verkauft und digital im ultrarechten Zwinger mit dem Pitbull Gassi geht, wer Wale retten will, aber Menschen im Mittelmeer rhetorisch ersaufen lässt, darf sich nicht wundern, wenn andere irgendwann nicht mehr von Zufall sprechen.
Man wird ja wohl noch mal liken dürfen. Klar, aber andere werden ja wohl noch mal nachschauen dürfen, wer da alles im Dunkeln applaudiert.











