Ein Interview mit Professorin Dr. Johanna Schönherr über besondere Herausforderungen für Lehrkräfte
Warum ist für viele Schüler*innen Mathe das Angstfach schlechthin? Und was können Lehrkräfte dagegen tun? In unserer Interviewreihe „UOS fragt nach“ haben wir darüber mit Prof. Dr. Johanna Schönherr gesprochen.
Sie hat seit Oktober 2025 die Professur für Mathematikdidaktik an der Universität Osnabrück inne. Ihr Wunsch für den Schulunterricht: Kinder und Jugendliche für Mathe zu begeistern – und ihnen Ängste und Zweifel zu nehmen.
Prof. Schönherr, gehen wir mal zurück zu Ihrer eigenen Schulzeit: War Mathematik damals schon Ihr Lieblingsfach? Waren Sie schon immer mathebegeistert?
Prof. Schönherr: Ja, tatsächlich. Ich kann mich an keine Phase meiner Schulzeit erinnern, in der mir Mathe keinen Spaß gemacht hat. Ich hatte tolle Mathematiklehrkräfte und wollte auch immer Mathelehrerin werden.
Vielen Schülerinnen und Schülern geht es da ganz anders – für sie ist Mathe das Angstfach schlechthin. Können Sie sich erklären, warum das so ist?
Ich glaube, dass Mathe sehr polarisiert – stärker als andere Fächer. Diese sogenannte Matheangst ist sowohl im Alltag als auch in der Forschung ein verbreiteter Begriff. Der Begriff beschreibt eine negative emotionale Reaktion auf Mathematik und auf Situationen, in denen mathematisches Denken oder Problemlösen erforderlich ist. Oft geht sie mit einer starken Anspannung oder Sorge einher, führt zu Denkblockaden, Rückzug oder Vermeidung mathematischer Situationen, was das Lernen langfristig natürlich erschwert. Aus wissenschaftlicher Sicht ist eine spannende Frage, woher diese Matheangst eigentlich kommt. Ich denke, dass diese Angst kein Naturphänomen, sondern gesellschaftlich geprägt ist.
Vielleicht ist es das Gefühl, dass man sich in anderen Schulfächern besser herausreden kann, während Mathe brutal ehrlich ist – entweder ist die Lösung richtig oder sie ist falsch.
Richtig, in Mathe kann es passieren, dass man zunächst keinen Ansatz hat. Wenn Unterricht dann stark über Tempo und richtige Ergebnisse organisiert ist, kann diese Form der Rückmeldung bei manchen Schülerinnen und Schülern Angst verstärken. Gleichzeitig entsteht Matheangst nicht nur im und durch Unterricht. Auch gesellschaftliche Zuschreibungen spielen eine Rolle – viele hören früh, dass man Mathe entweder kann oder nicht. Dazu kommen frühere Lernerfahrungen und das eigene Selbstkonzept.
Es geht also um die Angst vor dem leeren Blatt Papier?
Ja, aber auch das Tempo spielt eine Rolle – gerade bei mündlichen Leistungen. Wer mehr Zeit zum Nachdenken braucht, hat oft schlechtere Chancen, sich zu beteiligen. Dadurch kann schnell das Gefühl entstehen, nicht mithalten zu können – und genau das kann Matheangst verstärken.
Gibt es zum Thema Mathe-Angst denn wissenschaftliche Untersuchungen?
Mathe-Angst ist eine sehr gründlich erforschte Emotion, und das schon seit mehreren Jahrzehnten. Die Forschung beschäftigt sich zum Beispiel damit, wie sich diese Angst äußert, wie verbreitet sie ist und was ihre Ursachen sind. Man weiß zum Beispiel, dass etwa jede fünfte Person Mathe-Angst berichtet.
Das ist eine hohe Zahl.
Das stimmt. Wichtig ist aber: Angst ist nicht per se negativ. In einem gewissen Maß kann sie sogar motivierend wirken, die Aufmerksamkeit erhöhen und mit besseren Leistungen einhergehen. Problematisch wird es, wenn die Angst sich stabilisiert und so stark wird, dass sie zu Rückzug und Vermeidung mathematischer Situationen führt.
Mathe gilt gemeinhin als besonders wichtiges Fach. Anders als Fächer wie Kunst oder Musik wird dessen Bedeutung wohl niemand infrage stellt.
Das spielt tatsächlich eine zentrale Rolle. Angst entsteht häufig dann, wenn etwas als sehr bedeutsam wahrgenommen wird, gleichzeitig aber die Zuversicht fehlt, es bewältigen zu können. Wenn Schülerinnen und Schüler Mathematik als bedeutsam für ihre Zukunft ansehen – und sei es nur wegen der Note –, sich selbst aber wenig zutrauen, kann daraus Matheangst entstehen.
Und wenn man sich sehr sicher fühlt?
Wenn Schülerinnen und Schüler eine Aufgabe als wichtig erleben und gleichzeitig zuversichtlich sind, sie gut bewältigen zu können, entstehen eher positive Emotionen wie Freude oder Stolz. Langeweile entsteht dagegen eher dann, wenn Aufgaben zwar leicht sind, aber als wenig bedeutsam erlebt werden. Emotionen im Unterricht sind also immer ein Zusammenspiel von Bedeutung, Herausforderung und Sicherheit.
Wie kann man Kindern und Jugendlichen die Angst vor Mathe nehmen?
Das ist eine zentrale Frage. Spannend ist, dass Kinder Mathe-Angst teilweise schon zu Beginn der Schulzeit berichten. Dabei spielen verschiedene Faktoren eine Rolle, zum Beispiel das eigene Selbstkonzept, also wie gut Kinder glauben, in Mathematik zu sein, aber auch allgemeine Ängstlichkeit. Auch Zuschreibungen aus dem Elternhaus können eine Rolle spielen. Zum Beispiel, wenn die Kinder wiederholt hören „Zahlen waren für Papa schon immer Horror“.
Im Unterricht brauchen Schülerinnen und Schüler dann einen Raum, in dem sie sich sicher fühlen, und in dem nicht nur Tempo und richtige Ergebnisse zählen, sondern verschiedene Denkwege und noch nicht perfekte Ideen wertgeschätzt werden. Dazu gehört auch, Aufgaben mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden anzubieten, damit alle passende Herausforderungen finden. Wichtig sind außerdem transparente Lernziele und Rückmeldungen, die den eigenen Lernfortschritt und die Anstrengung betonen.
Das klingt nach einer großen Herausforderung für Lehrkräfte.
Absolut. In einer Klasse sitzen viele unterschiedliche Schülerinnen und Schüler mit ganz verschiedenen Voraussetzungen, Lerngeschwindigkeiten und auch Gefühlen gegenüber Mathe. Allen gerecht zu werden, ist sehr anspruchsvoll.
Sie erforschen derzeit den Einsatz von Zeichnungen im Matheunterricht. Kann das bei der Suche nach Lösungswegen helfen?
Grundsätzlich geht es darum, verschiedene Zugänge zu mathematischen Inhalten anzubieten – verbal, visuell, symbolisch oder auch haptisch. Aber auch das ist nicht immer einfach: Unsere Forschung zeigt zum Beispiel, dass zeichnerische Zugänge beim Lösen von Textaufgaben nicht automatisch helfen – sie können für manche Schülerinnen und Schüler sogar kontraproduktiv sein, insbesondere dann, wenn sie sich das Zeichnen selbst nicht zutrauen. Das erfordert viel Fingerspitzengefühl.
Was hat sich im Mathematikunterricht in den letzten Jahren am meisten verändert?
Eine wichtige Entwicklung ist der Wandel weg von einem eher regel- und schemaorientiertem Unterricht hin zu einem stärker verständnisorientierten Ansatz. Es geht weniger darum, Formeln auswendig zu lernen, einzusetzen und so schnell richtige Ergebnisse zu produzieren, sondern darum, Zusammenhänge zu verstehen, Muster zu erkennen und eigene Wege zu entwickeln.
Damit ist Mathe doch eigentlich das perfekte Fach für eher faule Schülerinnen und Schüler: Wer den Stoff einmal verstanden hat, der muss kaum üben oder etwas auswendig lernen.
Wenn man etwas wirklich verstanden hat, ist repetitives Üben und Auswendiglernen oft überflüssig. Mathematik ist deshalb ein Fach für Menschen, die gerne denken – und nicht unbedingt besonders viel auswendig lernen wollen.
Spielt bei Mathe eigentlich das Thema Gender immer noch eine Rolle?
Leider ja. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Mädchen häufiger bzw. stärker ausgeprägte Matheangst berichten als Jungen – auch wenn sich bei der Leistung oft keine klaren Unterschiede zeigen.
Neben Angst – welche Emotionen spielen beim Matheunterricht noch eine Rolle?
Sehr viele: Frustration, Hoffnungslosigkeit, aber auch Freude, Neugier, und Stolz. Eine aktuelle Metaanalyse zeigt, dass viele dieser Emotionen, beispielsweise Freude und Stolz, ebenso stark mit Mathematikleistungen zusammenhängen wie die Matheangst – allerdings in die andere Richtung: Sie gehen meist mit besseren Leistungen einher. Deshalb finde ich es wichtig, das gesamte emotionale Spektrum zu betrachten und nicht die negativen Emotionen einseitig zu betonen.
Was sind besonders schöne Momente beim Lernen?
Wenn man etwas wirklich versteht, zum Beispiel, warum eine bestimmte Formel gilt. In solchen Momenten entstehen oft Freude und auch ein gewisser Stolz auf das eigene Verstehen. Solche Aha-Momente sind emotional sehr prägend und können langfristig positiv wirken.
Wie ist Ihre persönliche Vorstellung von einem guten Matheunterricht? Was würden Sie sich wünschen?
Ich finde, wir sollten wegkommen von der Vorstellung, dass man Mathe entweder „kann“ oder „nicht kann“. Jeder kann Mathematik lernen – vielleicht in unterschiedlichem Tempo. Entscheidend ist das mathematische Denken, also Muster erkennen, Zusammenhänge verstehen und eigene Ideen entwickeln. Und genau das wird in Zukunft immer wichtiger.
Zur Person: Prof. Dr. Johanna Schönherr studierte Mathematik und Sozialwissenschaften auf Lehramt für Gymnasien und Gesamtschulen, bevor sie am Institut für Didaktik der Mathematik und Informatik der Universität Münster promovierte. Nach Stationen in Santa Barbara und Paderborn kam sie zum Wintersemester 2025/26 nach Osnabrück, wo sie die Professur für Mathematikdidaktik innehat.
Zur Reihe: In der Interviewreihe „UOS fragt nach“ berichten Expertinnen und Experten der Uni Osnabrück im Gespräch mit der Pressestelle über ihre Forschung und beziehen Stellung zu aktuellen und alltäglichen Themen. Von Politik bis Pädagogik, von Kunst bis KI – UOS fragt nach.












