Das Ende der VfL-Festwochen

Die Schalwerdung der Kommunalpolitik
Eine Kolumne über den VfL-Aufstieg und frisch erworbene Vereinstreue

Ich saß am Samstag vor vier Bildschirmen und beobachtete den letzten Spieltag der 3. Liga. Das klingt nach journalistischer Professionalität, war aber in Wahrheit nur die technisch hochgerüstete Form lila-weißer Vereinsliebe mit einem Hauch Restverstand. Auf drei Bildschirmen lief Fußball, auf dem vierten mein VfL. Damit war die Gewichtung ungefähr so ausgewogen wie eine Sonntagsrede im Rathaus, in der am Ende zufällig alle schon immer wussten, dass der Aufstieg kommen würde.

Der Sieg in Großaspach ließ mich dabei erstaunlich kalt. Nicht gefühllos, sondern meisterlich entspannt. Der VfL war längst aufgestiegen, die Meisterschaft stand, die Saison war durch. Das 4:3 gegen Stuttgart II war also sportlich nicht mehr Existenzkampf, sondern dekorativer Nachschlag. Ein kleines Abschiedsgeschenk aus der 3. Liga: kurz führen, kurz glänzen, kurz wackeln, am Ende gewinnen. Der VfL verabschiedete sich standesgemäß und mit jener Restdramaturgie, die offenbar irgendwo in der Vereinssatzung einst festgelegt wurde.

Beeindruckender als das Ergebnis waren für mich die 2.000 VfL-Fans, von denen etliche morgens um 3.30 in die Busse gestiegen sind, um rechtzeitig in Großaspach einzutreffen. Zweitausend Menschen für ein Spiel, bei dem es tabellarisch ungefähr noch um soviel ging wie bei der Frage, ob ein frisch gekaufter Fanschal im Friedenssaal bereits als jahrzehntelange Vereinstreue durchgehen könnte. Offiziell hatte der VfB Stuttgart II zwar Heimrecht, aber praktisch war Großaspach für 90 Minuten eine ausgelagerte Bremer Brücke mit schwäbischer Postleitzahl.

Der Bus-Konvoi ist soeben dank modernster Navigationstechnik und einiger Fingerzeige freundlich gesinnter Ureinwohner am Stadion in Großaspach eingetroffen. Sofort wurden mit den Einheimischen Geschenke ausgetauscht und Essen und Getränke gereicht, um dem Bergvolk die friedlichen Absichten dieser zeitlich begrenzten Invasion zu verdeutlichen. Foto: OR/Janis Weber

Ganz nebenbei stieg Energie Cottbus ohne viel Aufhebens auf. Dennoch dürfte Pele Wollitz rein akustisch genug Energie erzeugt haben, um damit halb Brandenburg netzunabhängig zu versorgen. Rot-Weiss Essen schaffte noch die Relegation, natürlich mit Drama und 90+2, sodass Duisburg anschließend beim Blick auf die Tabelle verdutzt aus der Wäsche schaute wie jemand, der am Fahrradständer nur noch sein Schloss wiederfindet. Ich gönne es Uwe und seinen Koschinatoren und drücke RWE für die Relegationsspiele gegen Fürth die Daumen.

Die 3. Liga verabschiedete sich also würdig mit Chaos, unfassbarer Spannung und seelischer Grausamkeit.


Dann kam der Sonntag und mit ihm die offizielle Heiligsprechung des Aufstiegs

Im Friedenssaal des Rathauses versammelte sich, was sich in solchen Momenten eben versammelt: Mannschaft, Trainerteam, Vereinsmitglieder und echte Fans, also all die Leute, die den Aufstieg geschafft und allen Grund zu feiern haben.

Die politische Begleitfolklore durfte natürlich parteiübergreifend auch nicht fehlen, und zwar dem Anlass entsprechend mit druckfrischen Schals. Dabei auch einige Trittbrettfahrer:innen, die in ihrer VfL-Kostümierung so auftraten, als hätten sie den entscheidenden Treffer höchstpersönlich im Verwaltungsausschuss vorbereitet und anschließend durch den Finanzausschuss gedribbelt.

Da standen sie also, die üblichen Gesichter der kommunalen Anlassdemokratie, mit dem bedeutungsschweren Blick vermeintlicher Traditionsfans, von denen vielleicht nicht viele, aber womöglich einige auf dem Weg ins Rathaus hektisch „VfL Osnabrück aktuelle Vereinsfarben“ gegoogelt haben dürften. Schließlich muss man sich im Triumph des historischen Augenblicks sehen lassen, denn ohne diese selbst auferlegte Sichtbarkeitspflicht wäre der Aufstieg ja lediglich durch Mannschaft, Trainer, Fans, Tore, Punkte, Arbeit, Leidenschaft und Verein zustande gekommen und somit de facto unvollständig.

Der positive Gegenentwurf im Friedenssaal waren zum Beispiel jahrzehntelange VfL-Fans wie Fritz Brickwedde (CDU), Jens Meier (Die Grünen) und erst recht Alice Graschtat, die ehemalige SPD-Landtagsabgeordnete: Kein frisch erworbener Fanschal, keine politische Verschalung aus dem Fanshop, kein „Ich-war-immer-schon-dabei“-Auftritt aus dem Kostümkoffer öffentlicher Selbstdarstellung, sondern ein uraltes Trikot aus der Piepenbrock-Ära. Und vor allem: Sie war wirklich dabei gewesen. Nicht symbolisch, nicht selfietechnisch, nicht für die eigene Sichtbarkeit im kommunalen Gruppenbild, sondern anonym im Fanbus-Konvoi. Nachts zurück aus Großaspach. Das war keine Aufstiegsdekoration. Das war eine Herzensangelegenheit. Das ist Vereinsgeschichte mit Augenringen.

Foto: Marc Niemeyer

Oberbürgermeisterin Katharina Pötter freute sich immerhin sichtbar aufrichtig und hielt eine erfreulich kurze, prägnante, gut gelaunte Rede. Diesen Umstand muss man in einem Rathaus ausdrücklich lobend erwähnen. Eine Ansprache ans Volk, die endet, bevor die Zuhörenden innerlich ihr Testament neu schreiben, ist, kommunalpolitischen betrachtet, schon fast avantgardistisch.

Dann jedoch kam VfL-Präsident Holger Elixmann, CDU-Parteikollege der Oberbürgermeisterin, und der Friedenssaal näherte sich gefährlich dem Zustand rhetorischer Verwahrlosung: Durchhaltephrasen, Wiederauferstehungsformeln, „Wir haben immer daran geglaubt“-Parolen: All das wurde noch einmal hervorgeholt, abgestaubt und über den Aufstieg gehängt wie Lamettagirlanden aus einer miefigen Mottenkiste der 60er Jahre. Manche Sätze klangen, als seien sie schon bei sieben Abstiegen, fünf Richtfesten, drei Schützenfesten und mindestens einem Kreisparteitag in Hasbergen zum Einsatz gekommen.

Applausheischende Kunstpausen waren schon unangenehm genug, zumal der Beifall auf sich warten ließ, doch der emotionale Tiefpunkt kam erst, als mitten in der Selbstbeweihräucherung das Handy klingelte und der Redner mit einem stolzen Grinsen verkündete: Carsten Linnemann sei da am Apparat … a watt … ehrlich? Nun wussten jedenfalls alle, wie wichtig ein VfL-Präsident ist, denn wer vom Tamagotchi von Friedrich Merz angerufen wird, der muss ja … also ehrlich ma‘ … der hat doch …

Ach so: Dr. Michael Welling, Joe Enochs und Daniel Latkowski, die neben Trainerstab und Mannschaft für den Aufstieg verantwortlich waren, kamen nicht zu Wort, und ich möchte wetten, sie hätten auch keine Lust dazu gehabt.

Dann trugen sich Spieler und Trainerstab mit großem Vergnügen und lautem Hallo in das Goldene Buch der Stadt ein, Joe übrigens zum vierten Mal. Und um dieses Ritual ging es ja eigentlich, das rein fußballbezogen in Osnabrück übrigens viel häufiger vorkommt als in anderen Städten.

Foto: Marc NiemeyerFoto: Marc Niemeyer
Foto: Marc NiemeyerFoto: Marc Niemeyer
Foto: Marc NiemeyerFoto: Marc Niemeyer
Foto: Marc NiemeyerFoto: Marc Niemeyer

Draußen auf dem überfüllten Marktplatz ging es anschließend im Ballermann-Modus weiter. Bühne, Gebrüll, Standardjubel, austauschbare Feiermechanik. Irgendjemand rief „Seid ihr gut drauf?“, als müsse man eine aufgestiegene Stadt erst durch Animation davon überzeugen, große Freude zu empfinden. Erstaunlicherweise waren tatsächlich alle gut drauf, und der Aufstieg wurde gefeiert, als hätte ein Eventbaukasten beschlossen, Osnabrück kurzzeitig in eine Mallorca-Außenstelle mit Rathauskulisse zu verwandeln.

Aber gut, wer das für angemessen hält, soll es machen, und die Protagonisten auf und vor der Bühne hatten ganz offensichtlich ihren Spaß daran. Der VfL ist schließlich souverän aufgestiegen und nicht die Kulturredaktion der Osnabrücker Rundschau. Dennoch bleibt bei mir das Unbehagen zurück, dass solche Feiern beliebig austauschbar sind: Osnabrück, Oberhausen, Oberammergau – überall dieselbe Bühne, dieselbe Einheiz-Rhetorik, dieselbe Nebelmaschine, dieselbe Konfettikanone und dieselbe Erkenntnis, dass echte Freude offenbar erst dann als offiziell gilt, wenn sie geplant und entsetzlich laut moderiert wird.

Und trotzdem blieb etwas Großartiges übrig, und das war ganz bestimmt nicht die präsidiale Sonntagsrede und auch nicht die frisch beschalten Politpromis im Friedenssaal und nicht einmal der Marktplatz der Eitelkeiten mit kommunalem Segen …

… sondern der VfL selbst, die Meisterschaft, der Aufstieg und stellvertretend diese 2.000 VfL-Fans in Großaspach, die quer durchs Land gefahren waren, obwohl es eigentlich um nichts mehr ging, außer um einen wirklich würdevollen Saisonabschluss.

Und Osnabrück durfte wieder einmal lernen: Die echten Fans erkennt man nicht am Schal, an dem noch das Preisschild hängt, sondern an den Augenringen nach einem Tag im Fanbus.

Gruppenbild mit zwei Damen – Foto: Marc Niemeyer
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