OR-Serie zum „Stadtbild“ – Osnabrücker Motive per Pinsel und Farbe / Motiv 17

Anna Budina präsentiert das Ambiente vor dem Grünen Jäger 

Zur „Halbzeitpause“ unseres Tagesmagazins präsentieren wir weiter eine OR-Serie mit Motiven aus unserem Stadtbild. Zum aktuellen Werk schreibt die Künstlerin:

Ich hätte diesen Ort viel früher malen sollen, damals, als das alte große Schiff dastand und meine Kinder noch im Spielplatzalter waren. Sie waren traurig, als das Schiff abmontiert wurde; auf dem neuen haben sie nicht mehr spielen wollen. Aber der Platz zwischen dem Ledenhof, Kamp und studentischen Kneipen war einfach zu selbstverständlich, um ihn zu malen: ein gewöhnlicher Durchgangsweg von der Uni in die Stadt, den ich zu manchen Zeiten mehrmals in der Woche laufen musste.

Der Platz ist voll am Samstagabend: Es ist warm, es regnet nicht, und nach dem CSD sind viele in der Stadt geblieben, um weiter zu feiern. Auf den Terrassen unter den Schirmen sitzen junge Leute, vielleicht sogar diejenigen, die vor einigen Jahren selbst auf dem Spielplatz spielten. Ich gehe um den Spielplatz herum auf der Suche nach dem Standort. Ins Bild sollen die Schirme und die bunten Leuchtketten, die noch aus sind, aber spätestens in einer Stunde aufleuchten werden. Ich überquere die Busstraße und entdecke einen Betonklotz. Er sieht aus wie eine kleine Insel, die sich zwischen der Straße, der Fußgängerzone und den Fahrradparkplätzen erhebt, und scheint eine geeignete Stelle zu sein, um nicht ständig von Passanten angerempelt zu werden. Ich klettere auf den schmalen Klotz und stelle meine Feldstaffelei so auf, dass sie vor den vorbeifahrenden Bussen nicht wegfliegt.

Ich versuche, die „blaue Stunde“ zu erwischen, die Zeit zwischen dem Sonnenuntergang und dem Einbruch der Dunkelheit, wenn der Himmel noch blau ist, die Straßenlaternen und Schaufenster aber schon anfangen, warm zu leuchten. Für morgen ist Gewitter angesagt, einige Wolken ziehen allmählich auf. Aus dem blauen Himmel wird ein lila-gräulicher, der Turm der Katharinenkirche schimmert von Westen her golden, die Dächer und Hausfassaden verwandeln sich in Kupfer und Rost.

Die Isolation, die ich auf dem Betonklotz suche, existiert nicht. Ganz im Gegenteil: Die Staffelei in einem Meter Höhe über dem Bürgersteig zieht alle Blicke auf sich. Der Menschenstrom läuft ununterbrochen über die Straße und an mir vorbei, zwischendurch ziehen Fahrräder, Mofas, Autos vorüber. Von Zeit zu Zeit rast ein Bus mit lautem Getöse vorbei und versperrt kurz den Blick. Es ist eine merkwürdige Perspektive, der Blick von oben nach unten, mitten in der Menge und doch abgehoben. Malen in der Öffentlichkeit ist immer eine Art Performance, aber jetzt scheint die Performance das Zeichnen und Malen zu verdrängen, denn alle paar Minuten meldet sich jemand zu Wort. Ich muss ständig auf die nach oben gerichteten Gesichter hinunterblicken, weg von den Lichterketten, die gerade angehen: warmes Gelb, kaltes Blau, Magenta, Ultramarin, Saftgrün.

Die Kommentare überraschen: Sie sind ernst, sogar philosophisch, ganz im Gegensatz zu der lockeren Partystimmung, die über die Stadt zieht – oder vielleicht gerade deswegen? Ein sportlicher Mann mit kurzen grauen Haaren, den Fahrradlenker in der Hand, bleibt kurz stehen: „Was bringt Sie dazu, ausgerechnet dieses Motiv zu wählen?“ Eine Frage, die sich eigentlich jeder Künstler bewusst oder unbewusst stellt, bevor er anfängt zu malen. Warum male ich diesen Platz? Um die flüchtige sommerliche Atmosphäre einzufangen? Um einfach da zu sein und die angehenden Lichter zu beobachten? Um Teil dieser abendlichen Feier zu werden?

Zwei junge Frauen fragen, wie oft ich draußen male und dabei angesprochen werde. Es kommt darauf an: Kauert man irgendwo in der Ecke auf einer Parkbank, Treppe oder einem Klappstuhl, wird man kaum wahrgenommen, aber eine Feldstaffelei macht dich sofort sichtbar, und Farben machen dich sichtbarer als ein Bleistift. Die Frauen bleiben länger stehen, zwei ihrer Kumpels gesellen sich dazu. „Machen Sie TikToks? Sie sollten unbedingt welche machen, mit der Kamera an der Stirn, so, wie Sie malen. Das ist sehr meditativ, man möchte es länger beobachten.“ Sie fangen an, untereinander zu diskutieren, wie sehr man heutzutage mit visuellen Reizen überflutet wird und wie wichtig es ist, bewusst nach Ruhe und Ausgleich zu suchen.

Ein Mann mit kurzem Haarschnitt und rotem T-Shirt bleibt stehen und versucht, mir etwas in gebrochenem Englisch zu erklären, dann redet er mit seinem Kumpel, der ebenso gut gelaunt ist wie er selbst, in einer slawischen Sprache. „What language do you speak?“, frage ich. „It’s Polish.“ „Then speak to me in Polish and I’ll try to understand.“ Er erklärt mir, dass er Meereslandschaften malt, hebt sein ramponiertes Handy hoch und zeigt ein Bild von einem Segelboot, das auf den Wellen schaukelt. „It’s beautiful, dekuje!“ „Dziękuję!“, korrigiert er mich lachend und sagt plötzlich: „Merci beaucoup!“ Warum auch nicht? Sowohl Polnisch als auch Französisch haben nasale Laute und eine schwierige Aussprache, und schließlich war ein französischer Thronfolger aus dem 16. Jahrhundert König in Polen. Der Kumpel zieht den polnischen Maler weg, und ich schreie ihm „Do widschenja“ hinterher. „Do widzenia!“, korrigiert er aus der Ferne. Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt.

Eine Gruppe Jungs, dem Aussehen nach 10. oder 11. Klasse, beobachtet erstaunt die mehrsprachige Szene. Sie versuchen, mich auf Französisch anzusprechen. „Ich kann Deutsch“, lache ich. Sie erzählen, dass das Zeichnen bei ihnen im Kunstunterricht gut klappt, Malen mit Farben aber eine Katastrophe sei. Ich denke an den typischen schulischen Farbkasten und das dünne Papier, auf dem meine Kinder in der Schule gemalt haben.

Ein Junge, den ich auf den ersten Blick auch für einen Schüler halte, mit Helm und auf Inlinern, gehört nicht zu dieser Gruppe. Er steht bereits seit einer Weile da und beobachtet mich. Dann erzählt er, dass er in Osnabrück studiert, Architektur für Videospiele designt und auf seinen zahlreichen, fernen Reisen mit dem Skizzenbuch unterwegs ist. Wir unterhalten uns über dies und jenes, dann fragt er mich, ob ich das Gefühl habe, dass ich mich in meiner Kunst weiterentwickle oder nur ständig auf der Stelle trete. Diese Frage stelle ich mir oft selbst, deswegen zögere ich, sie eindeutig zu beantworten. Ich würde sehr gerne neue Techniken und Themen ausprobieren, aber dafür fehlt oft die Zeit. Doch auch wenn man in ein und derselben Technik verharrt, hat man dennoch einen langen Weg nach oben, so wie Hokusai einst sagte: „Mit sechsundachtzig werde ich immer größere Fortschritte machen, und mit neunzig werde ich dem Wesen der Kunst näher kommen.“

Es ist inzwischen dunkel geworden, der Himmel ist fast schwarz, auf dem Platz erkennt man nur noch die Lichterketten. Menschen, Tische, Schirme, Bäume und Gebäude im Hintergrund sind zu einer dunklen Masse verschmolzen. Ich packe zusammen und achte darauf, dass die noch nasse Farbe nicht verschmiert. Ich steige von meinem Podest ab und merke plötzlich, dass der Junge auf seinen Inlinern viel größer ist als ich.

Foto: Jason P. Topp


Zur Künstlerin Anna Budina

Anna Budina lebt und arbeitet im Raum Osnabrück. Von 2016 bis 2020 studierte sie an der Universität Osnabrück Kunst, Kunstpädagogik und Kunstgeschichte (B.A.). Besonders verbunden fühlt sie sich der Aquarellmalerei und dem digitalen Zeichnen. Immer wieder ist sie in der Stadt mit Feldstaffelei und Skizzenbüchern zu sehen. Sie hält das städtische Leben in Farben fest und schafft somit eine reichhaltige Quelle für ihre weiteren Arbeiten.

Seit 2017 ist die Künstlerin regelmäßig auf regionalen und überregionalen Ausstellungen sowie Kunstprojekten vertreten und hat ihre Werke in mehreren Einzelausstellungen in der Stadt Osnabrück präsentiert. Darüber hinaus ist sie als Kunstdozentin tätig, unter anderem an den Volkshochschulen Osnabrück und Ibbenbüren sowie an der Katholischen FABI Osnabrück.

Mehr gibt es auf ihrer Homepage. www.annabudina.com

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