Kalkulatoren

Ein Gastbeitrag von Michael Thomsen

Kalkulatoren

Kennen Sie auch diese Menschen, die alles berechnen und Ihnen dann bei jeder Gelegenheit die Vorteile aufzählen, die sie aus ihren Kalkulationen gewonnen haben und welche tollen Ziele sie erreicht haben?

„Geld nichtet alle alternativen Werte!“ sagte Richard David Precht einst in einem Interview. Das kapitalistische System des Wirtschaftens verengt unser Denken und Handeln aufs reine Rechnen. Wer die Vorteile des Systems zu nutzen weiß, steigt auf zum Gewinner. Und er merkt nicht, dass er es in den meisten Fällen auf Kosten anderer ist. Eine schleichende Entsolidarisierung hat unsere Gesellschaft erfasst.

Nicht ohne Stolz und empfehlungsschwanger, dürfen wir als Zuhörer devot dankbar sein für die Tipps dieser Glückspilze, die sich nicht allein mit dem Gewinn begnügen, sondern ihn uns gegenüber noch genussvoll im Gespräch zum Ausdruck bringen.

Solche Tippgeber begegnen mir persönlich immer häufiger und es sind meist Menschen, die es „zu etwas gebracht“ haben, die ihren Stolz auf ihren Wohlstand offen zur Schau tragen.

Sie prüfen Preise und finden stets den günstigsten.

Sie betonen, dass man ja schön blöd sei, wenn man einen Vorteil nicht nutze. Dabei sprechen sie selten über (ihr) Geld; denn DAS hat man. Und sie haben natürlich die besten Steuerberater zum Freund.

Und der Anteil solcher Menschen im Volk nimmt scheinbar stetig zu.

Der günstigste Versicherungstarif, das Schnäppchen beim Möbel- oder Autokauf, wie man am besten Geld „anlegt“, den gleichen Kaffee, den es bei Aldi günstiger gibt, das Sonderangebot für das neueste Smartphone, solche Fragen haben sie eingängigst verinnerlicht und geprüft.

Viele dieser „Kalkulatoren“ rechnen Ihnen auch vor, was ein unnötiger Einkauf oder eine zu teure Ausgabe sei.
Sie kennen die passenden Apps und Bewertungsportale.

Sie kennen die Grundrechenarten und verstehen Zinsrechnung – stets im Sinne – dem persönlichen Vorteil zugedacht. Unter ihnen manche, die Risiken nicht scheuen, in der Regel aber auf sicheres Einkommen und geringe Ausgaben bedacht, es sind die Beherrscher des Reiches der Effizienz.

Wo kann man sparen, wo lohnt der Kauf?
Sie wissen es immer ganz genau.
Sie rechnen centgenau, was Kosten verursacht, und die Staatskasse belastet, in die sie einzahlen.
Jeder Euro, der aber aus dieser Kasse zu ihnen fließt, ist in ihren Augen wohl-verdient.

Sie kennen darüber hinaus das dialektische Gesetz: Ab einer bestimmten Quantität kippt etwas um in eine neue Qualität. Und die ist monetär erreicht, wenn man von der Notwendigkeit zur Erwerbsarbeit befreit ist. Ab einem gewissen (Geld)Vermögen nämlich reicht der Zins bereits aus, um davon (ohne Arbeit oder Angestelltenverhältnis) leben zu können. Und da sind sie zwar nicht glücklicher, aber erst mal sehr entspannt.

Das ständige Kalkulieren beherrschen immer mehr Menschen. Bevor Kinder lesen und schreiben können, können sie meist schon rechnen. Der Arme muss den Cent umdrehen, um zu überleben und den Pfandbetrag auf der Flasche würdigen oder sie werden zu Minimalisten, manche erscheinen als Gewinner.

Durch Erbe und Sparen erwirtschaften immer mehr Menschen diese Betragshöhen, die sie davon befreien, „hart arbeiten zu müssen“. Tatsächlich „arbeiten“ viele von ihnen sogar hart als ManagerIn oder UnternehmerIn, weil sie Erfüllung brauchen, nicht aber weil sie es müssen.

Und jeder denkt: „Da könnte ich auch hinkommen. Deswegen sollte eine höhere Besteuerung von hohen Vermögen nicht populär werden.“ Allerdings versagen ihre Rechenkünste, wenn es um die Wahrscheinlichkeit eines Hauptgewinns geht. Sie täuschen sich selbst in der Hoffnung an der Teilhabe großen Reichtums.

Gleichwohl lebt der Glaube an den Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär unbeirrt fort. Man müsse nur hart arbeiten, diszipliniert sein und mit ein wenig Glück (oder Gott) kann es jeder schaffen, so das Narrativ. Das Wörtchen „kann“ suggeriert das Mögliche und schaut an der Realität vorbei, die besagt, es gibt immer und solange Armut, wie es übermäßigen Reichtum gibt.
Auch die, die es tatsächlich „schaffen“, schauen auf Arme – wenn sie ihnen begegnen – herab.

Und entsprechend wird dann auch gewählt. Eben gegen die eigenen Interessen, wie Süchtige im Verlangen nach der Droge. Der insbesondere in den Medien zur Schau gestellte Luxus der Reichen wird ebenfalls zur Droge. Man will es gern so (wie die Reichen) haben, aber man will nicht so sein. Und die sie begleiten, stellen erstaunt fest, dass sie auch so werden, wie die, die reich geworden sind.

Geiz nennen sie Sparsamkeit, Reichtum und Besitz ist „hart erarbeitet“, Empathielosigkeit nennen sie Neutralität, Pfandflaschensammeln nennen sie Faulheit, Lobbyismus nennen sie Kompromisslösung, Sozialhilfe nennen sie christlich, Meinungsmache bedeutet ihnen Demokratie.

Einmal so geworden, sitzen sie an den Hebeln der Macht. „Ja- Geld regiert die Welt!“ sagt der Bürger, denn er weiß am Ende ganz genau, was zählt. Die Droge wirkt und erhält sich selbst.

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