Gründer der Osnabrücker SS
Eine steile „braune Karriere“ hingelegt, hat Erich Cassel, der schon in jungen Jahren Mitglied der NSDAP wurde, aber zunächst als unscheinbarer Bankbeamter tätig war, mit der Osnabrücker SA-Formation die Nazis im ländlichen Umland unterstützte und dann die Osnabrücker SS gründete, bevor er es unter dem Reichsführer SS Heinrich Himmler in die Spitze des Naziregimes schaffte und dort zu „einem der übelsten Typen dieser Verbrecherorganisation“ mutierte.
Erich Josef Cassel war am 1. September 1905 in Frankfurt am Main geboren als Sohn des Kaufmanns Bruno Cassel und dessen Ehefrau Olga, geborene Meier, wie er bei seiner Vernehmung am 7. Mai 1949 auf der Polizeistation Vechelde bei Braunschweig angab. Die Familie wohnte zunächst in Frankfurt, zog später aber nach Braunschweig, wo Erich Cassel bis Ostern 1923 die Städtische Knabenschule besuchte und diese mit der Mittleren Reife abschloss. Schon zwei Jahre vorher, am 1. September 1922, dem Tag seines 17. (!) Geburtstages, wurde er Mitglied der NSDAP mit der Mitglieds-Nr. 28.865 und wenig später auch Mitglied der SA. Damit zählte er mit zu den ersten und vor allem jüngsten Mitgliedern in der Frühphase der NSDAP. Cassel erlebte auch das Verbot der NSDAP nach dem missglückten Hitler-Putsch im Jahre 1923 und war sofort wieder zur Stelle als die Partei sich nach der Aufhebung des Verbots im Februar 1925 wieder neu gründete.

Nach seinem Schulabschluss absolvierte Erich Cassel eine Ausbildung zum Bankfachmann und zog im Herbst 1929 nach Osnabrück, wo er bei der Commerzbank arbeitete. Im Adressbuch der Stadt Osnabrück 1931 / 32 war er unter der Anschrift Schillerstraße 31 A als „Bankbeamter“ eingetragen.
Cassel war nach eigener Aussage bei seiner Ankunft in Osnabrück gebeten worden, eine (vorhandene) SA-Standarte zu übernehmen, hatte dieses wegen beruflicher Auslastung zwar abgelehnt, aber bis August 1931 immerhin die SA-Standarte 78 organisiert und diese dem lokalen NS-Chef Dr. Marxer übergeben.
Cassel organisierte viele Treffen der SA in und um Osnabrück, darunter ein Treffen der SA aus Osnabrück und aus dem Kreise Bersenbrück am 1. Juni 1930 in Achmer bei Bramsche, das unter Beobachtung des Landjägeramtes Bramsche stand, einem Vorläufer der heutigen Landespolizei.
Mit der SA aus Osnabrück in Achmer
Nach dem Bericht des Landjägermeisters Friedrich traf die SA aus Osnabrück in einer Stärke von 49 Teilnehmern unter der Leitung von Erich Cassel „gegen 11 Uhr zu Fuß [!] in Achmer ein, die sämtlich braun uniformiert waren.“ Die Wegstrecke bis Achmer sei „in geschlossener Formation ausgeführt“ worden. An dem anschließenden Mittagessen in der Gastwirtschaft Schröder nahmen insgesamt 92 Personen teil: neben der Osnabrücker SA waren die Achmeraner und die inzwischen aus Badbergen eingetroffenen SA-Leute anwesend. „Danach fand ein geschlossener Marsch nach Bramsche durch die Stadt und zurück nach Achmer statt.“ Dieser Marsch nach Bramsche, das von dem späteren Nazi-Bürgermeister wegen seiner eindeutigen Wahlergebnisse nicht ohne Grund als „Rote Hochburg“ bezeichnet wurde, schlichtweg eine Provokation. Dennoch kam es bei dem Durchmarsch der Nazis in Bramsche erstaunlicherweise nicht zu Ausschreitungen. „Geländeübungen fanden nicht statt“, notierte Landjägermeister Friedrich in seinem Bericht an den Landrat in Bersenbrück. Nach einem „gemütlichen Beisammensein beim Wirt Schröder“ löste sich die Versammlung gegen 18 Uhr auf. Die Osnabrücker SA-Leute reisten mit der Bahn zurück nach Osnabrück, während die Badberger SA mit dem Fahrrad zu ihrem Standort nahe Quakenbrück zurückfuhr.
Cassel war er auch verantwortlicher Führer der SA-Abteilung aus Osnabrück, die ein halbes Jahr später, am 21. Januar 1931, an einer NSDAP-Versammlung in Bramsche teilnahm und bei der es zu einer Schlägerei kam…
Die Saalschlacht im Hotel Laumann in Bramsche
„Deutschland erwache!“ lautete der Titel einer öffentlichen Versammlung der NSDAP am 21. Januar 1931 im Bramscher Hotel Laumann in der Münsterstraße, organisiert von der NSDAP-Ortsgruppe Achmer. Es sollte die erste, von der Polizeibehörde genehmigte Versammlung der Nazis in Bramsche nach langer Zeit sein. Der Pächter des Hotels, Gastwirt Otto Kähler, hatte aufgrund der schlechten Erfahrungen in der Vergangenheit vorsichtshalber mit den Nazis eine Kaution vereinbart.
Der Andrang im Saal Laumann war groß, denn in der Bramscher Arbeiterschaft hatte man sich durch Laufzettel gegenseitig aufgefordert, an der Versammlung teilzunehmen. „Die Nazis waren sichtlich nervös, war doch die Zahl der Nazi-Anhänger im Verhältnis zum Versammlungsbesuch gering“, schreibt Fritz Timmer in seinen Erinnerungen. Der Beginn der Veranstaltung, der für 20.30 Uhr vorgesehen war, verzögerte sich, weil die Nazis aus Osnabrück etwa 70 SA-Leute zur Verstärkung angefordert hatten. Wegen Überfüllung des großen Laumannschen Saales mussten diese bei ihrem Eintreffen, kurz nach Eröffnung der Veranstaltung um 21 Uhr, mit dem kleinen Saal Vorlieb nehmen.
„Die Versammlung verlief recht stürmisch“, heißt es in dem Bericht der Polizeibehörde Bramsche. Zu Beginn der Versammlung hatte „Gauinspektor“ Gronewald in einer Hetzrede mit den üblichen Nazi-Parolen gegen die Demokratie, die Regierungsparteien und besonders die SPD gewettert. Die anschließende Rede des SPD-Parteisekretärs Niedergesäß aus Osnabrück, dem vom Versammlungsleiter Gausmann nur 10 Minuten Redezeit zugebilligt wurden, versuchten die Nazis durch ständige Zwischenrufe zu stören. Die Stimmung eskalierte, als dem SPD-Redner schließlich das Wort entzogen wurde. Daraufhin verließen die SPD-Anhänger unter Absingen des Liedes „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit…“ den Saal. Plötzlich entstand ein Tumult. Die etwa 70 SA-Leute hatten die Tür zum Nebensaal aufgerissen. „Biergläser, Flaschen, Stühle und Stuhlbeine flogen durch die Luft und die Schlägerei war im Gange“, schreiben die Bramscher Nachrichten am nächsten Tag. Nach Angaben der Polizeibehörde, waren in der Versammlung „Getränke nicht verabfolgt worden, weshalb die Biergläser nur von den SA-Leuten herrühren konnten, die solche vom Büfett geholt hatten.“ Von den SA-Leuten „unter Führung des Bankbeamten Cassel erfolgte ein Bombardement mit leeren Weinflaschen“, schreibt der Bramscher SPD-Vorsitzende Fritz Timmer in seinen Erinnerungen.
Durch das beherzte Eingreifen von den fünf anwesenden Polizisten und Landjägern, die mit Gummiknüppeln auf die an den weißen Blusen kenntlichen SA-Männern eindroschen, konnte der Saal nach nur kurzer Zeit geräumt werden. Das Resultat war ein Trümmerhaufen aus zerbrochenen Fensterscheiben, Stühlen und Tischen. Die verhandelte Kaution reichte bei weitem nicht aus, um den Schaden zu begleichen.

Etwa 15 Personen waren verletzt worden, wobei die verletzten SA-Leute jede ärztliche Hilfe ablehnen. Weil sich vor dem Hotel inzwischen etwa 500 Menschen versammelt hatten, drohten beim Abtransport der Osnabrücker SA-Leute weitere Auseinandersetzungen. Deshalb alarmierte die örtliche Polizei auch das Überfallkommando der Schutzpolizei, das die Straße räumen ließ und die SA-Leute auf zwei Lastwagen zurück nach Osnabrück begleitete. Die Polizei hatte zuvor die Personalien der größten SA-Schläger aus Osnabrück aufgenommen: Friedrich Hesse, August Lampe, Schlachter Holversohn, Heinz Offer, Karl Wolf, Karl Kirchner, Herbert Weymann, Wilhelm Wächter, Friedrich Früchtemeyer und Hermann Wiethöfer. Ihr Anführer Erich Cassel hielt sich „vornehm“ zurück. Zu einer Gerichtsverhandlung gegen diese ist es jedoch nicht gekommen. „Der Staatsanwalt teilte später in einem Schreiben der Polizei mit, dass die begangenen Delikte der Privatklage unterlägen“, berichtet Fritz Timmer.
Gründung der Osnabrücker SS
Nachdem bis Anfang der 1930er Jahre die Schutzstaffeln (SS) der NSDAP, überwiegend in Süddeutschland bzw. in der „Hauptstadt der Bewegung“ München vertreten war, wurden ab 1931 auch im Gau Weser-Ems die ersten SS-Einheiten gegründet. In Osnabrück erfolgte die Gründung einer SS-Formation im Februar 1932 durch eine Abspaltung aus der lokalen SA. Maßgeblich dafür verantwortlich war Erich Cassel. Offenbar hatte Cassel zu diesem Zeitpunkt schon Kontakte bis in die höheren NS-Dienststellen, denn auf angeblich „persönlichen Wunsch“ des späteren Obersten SA-Stabschef Viktor Lutze stand er der SA-Standarte 78 zunächst weiterhin als Adjutant zur Verfügung. Nach Rückkehr vom Mitteldeutschen SA-Treffen in Braunschweig hatte Cassel bereits den Auftrag in Osnabrück eine SS-Einheit auszuheben. Nach seiner Aufnahme in die SS am 1. Dezember 1931 unter der Mitglieds-Nr. 23.936 hörte Cassel als SA-Adjutant auf, sehr zum Ärger Dr. Marxers, und übernahm schließlich – nach kurzer Verzögerung, hervorgerufen durch Intervention von Dr. Marxer – die von ihm gegründete Osnabrücker SS als Truppführer und wurde im Oktober 1932 offiziell mit der Führung des 2. SS-Sturmes des III. Sturmbannes der 24. Standarte betraut.
Als Erich Cassel Ende 1932 arbeitslos wird, stellt ihn Friedrich Pfeiffer ein, der zuvor mit Cassel zusammen bei der Commerzbank tätig war und sich im Oktober desselben Jahres mit einem Bankhaus selbständig gemacht hatte. Während Cassel die Osnabrücker SS aufgebaut hatte, agierte Pfeiffer selbst als „förderndes Mitglied“, was dem Bankhaus in der Bevölkerung fortan den Namen „SS-Vorposten“ einbrachte.
Beteiligung am Sturm auf das Osnabrücker Gewerkschaftshaus
Am 11. März 1933 belagerten SA- und SS-Leute das Osnabrücker Gewerkschaftshaus am Kollegienwall, in dem sich Gewerkschaftsfunktionäre verbarrikadiert hatten. Aus der Anklageschrift gegen Kolkmeyer und andere:
„Von der Straßenseite her nahte sich ein Zug von SS- und SA-Männern, an deren Spitze sich […] Kolkmeyer befand. In seinen Händen trug er Schusswaffen, mit denen er auf das Gewerkschaftshaus in Richtung der ersten Etage schoss. Auch andere SS- oder SA-Männer schossen auf das Haus. Sie erstürmten dasselbe und durchsuchten sämtliche Räume und Insassen des Hauses, wobei einzelne Insassen schwer misshandelt wurden. Auch innerhalb des Gewerkschaftshauses wurde geschossen und die Einrichtungsgegenstände demoliert. Während einige SS- bzw. SA-Männer durch die Tür in das Haus eindrangen, ist der Angeschuldigte Kolkmeyer mit anderen durch das Fenster in das Haus eingedrungen, wobei die Scheiben zerschlagen wurden. Mit der Schusswaffe lief Kolkmeyer durch das Haus.“
Cassel, der zu dieser Zeit Anführer der Osnabrücker SS war, wurde vorgeworfen an der Durchführung der Aktion beteiligt gewesen zu sein. Dies wurde von diesem jedoch bestritten. Er habe erst nach Durchführung der Aktion das Haus betreten, erklärt er in einem Prozess nach Kriegsende, da er in der Stadt von den Ereignissen erfahren habe, als man einen verletzten SS-Mann zu einem Arzte gebracht habe. In dem Gewerkschaftshaus habe er keine Zivilisten mehr angetroffen, nur SS-Männer und Parteigenossen seien dagewesen. Nach den Feststellungen des Gerichts hatte Cassel „eine Auseinandersetzung mit einem Polizeibeamten wegen einer Geldkassette, gegen deren Sicherstellung durch die Polizei er zunächst Einwendungen erhob, als ein Polizeioffizier ihm die Aufforderung des Regierungspräsidenten übermittelte, sofort zur Regierung zu kommen.“ Cassel habe noch die Wachen im Gewerkschaftshaus eingeteilt und sich dann nach etwa einstündigem Aufenthalt im Gewerkschaftshaus zu Regierung begeben. Neben Cassel und dem Regierungspräsidenten Eggers sei noch der örtliche SA-Führer Dr. Marxer anwesend gewesen, der den Abzug der SS aus dem Gewerkschaftshaus forderte, was Cassel aber „aus Prestigegründen“ abgelehnt habe. Der Regierungspräsident habe dann entschieden, dass weder SA noch SS das Gewerkschaftshaus besetzt halten sollten, sondern die Polizei dessen Bewachung übernehmen sollte. Cassel sei dann um 15 Uhr wieder an seinem Arbeitsplatz im Bankhaus Pfeiffer gewesen.
Der „Prangermarsch“ des „ILEX“
Die Aktionen der Osnabrücker Nazis reißen nicht ab: nur kurze Zeit später, am 1. April 1933 kommt es zum reichsweit ausgerufenen Boykott jüdischer Geschäfte. Auch in Osnabrück gibt es solche Boykotthandlungen, zum Teil sogar mit Übergriffen gegen die Inhaber und ihre Geschäfte. Aber an diesem Tag findet eine weitere Aktion der Nazis statt: Josef Burgdorf, Redakteur der sozialdemokratischen Zeitung „Freie Presse“, der unter dem Pseudonym „Ilex“ mit scharfen polemischen Texten gegen die örtlichen Nazis zum Teil Interna der jeweiligen NSDAP-Gruppierungen „aufs Korn“ nahm und diese quasi öffentlich bloßstellte. Die Nazis hatten mehrmals vergeblich versucht herauszufinden, wer Burgdorf mit internen Informationen belieferte. An diesem 1. April 1933 eskalierte die Situation, als sie Burgdorf aufgriffen, um ihn in ihrer Parteizentrale im „Braunen Haus“ ins Verhör zu nehmen. Nach Angaben von Burgdorf und anderen Zeugen soll auch Cassel bei dem Verhör dabei gewesen sein. Da aus Burgdorf nichts herauszubekommen ist, gewinnen bei den Nazi-Schergen so langsam die niederen Instinkte die Oberhand: Burgdorf wird die Treppe des Gebäudes hinuntergestoßen und ihm wird ein Schild in die Hand gedrückt mit der Aufschrift „Ich bin Ilex“. Damit wird er von der „braunen Horde“ auf die Straße getrieben. Burgdorf wird nicht nur geschubst, sondern getreten und geschlagen. Die Misshandlungen geschehen in aller Öffentlichkeit auf dem Weg durch die Straßen der Innenstadt, am Nikolaiort, in der Hasestraße und schließlich vor dem Polizeigefängnis in der Turnerstraße, wo Burgdorf schließlich für sechs Tage gefangen gehalten wird.
Cassel hingegen war eher der Typ, der diese Instinkte mit Worten anstachelt und sich zu einer Beteiligung an den Misshandlungen nicht hinreißen ließ, zumindest konnte es ihm nicht nachgewiesen werden.
Nicht zuletzt hier wird deutlich: die „Drecksarbeit“ überlässt Cassel anderen. Er selbst scheint sich zu Höherem berufen – und er wird von Höheren gerufen …

Zu „Höherem“ berufen
Der Reichsführer-SS Heinrich Himmler, der offenbar durch wohlwollende Berichte auf Erich Cassel aufmerksam geworden ist, kann ihn anscheinend für die anstehenden „Germanisierungs“aufgaben in den von der deutschen Wehrmacht überfallenen Ländern gut gebrauchen.
So ist sein weiterer Werdegang nur folgerichtig:
Von Himmler wird Cassel am 1. Juni 1935 in das „Rasse- und Siedlungshauptamt“ berufen. Bereits ein Jahr später gehört er zum Stab und wird Hauptabteilungsleiter des „Sippenamtes“. Im Oktober 1937 wird Erich Cassel Stabsführer der Allgemeinen SS des SS-Oberabschnitts Südost-Breslau und sechs Monate später hauptamtlicher Stabsführer des SS-Oberabschnitts Donau mit Sitz in Wien. Im April 1942 wird er zum Stabsleiter des „Hauptamtes für Volkstumsfragen“ der NSDAP ernannt und wird dadurch ab 1. Juli 1942 der Reichsleitung der NSDAP überstellt mit Sitz in München. Cassel hat jetzt den Rang eines SS-Brigadeführers. Nebenamtlich ist er für jeweils 14 Tage zur Ausbildung in verschiedenen NS-Dienststellen abkommandiert, darunter auch das Reichssicherheitshauptamt. Ab September 1943 gehört Cassel zu dem „erlauchten“ Kreis im Stab des Reichsführers SS Heinrich Himmler.

Gegen Kriegsende ist Cassel als Hauptsturmführer der Waffen-SS dem „Ersatzregiment Steiner“ im österreichischen Linz zugeteilt und nach eigenen Angaben in den letzten Kriegstagen des Mai als Kommandeur einer aus versprengten Truppenresten zusammengestellten und sogenannten „Kampfgruppe Cassel“ eingesetzt. Mit dieser Einheit habe er versucht über den Pötschen-Pass nach Niederösterreich zu gelangen, um Anschluss an die dort kämpfenden SS-Truppenteile der „Leibstanderte Adolf Hitler“ zu gewinnen. Doch das „heldenhafte“ Unterfangen Cassels gelang nicht mehr.
Internierungslager und Straffreiheit nach Kriegsende
Am 11. Mai 1945 wird Cassel von den Amerikanern gefangen genommen. Er kommt in Haft und durchläuft mehrere Internierungslager, zunächst bis Dezember 1945 in Österreich, dann bis Juli 1947 in Bayern, darunter auch in Dachau, und schließlich in Sandbostel, Fischbeck und Neuengamme in der britischen Besatzungszone. Seine Entlassung erfolgt am 29. Juni 1948.
Über den Ausgang des Entnazifizierungsverfahrens, das in Braunschweig stattgefunden hat, ist nichts bekannt bzw. konnte die entsprechende Akte des Niedersächsischen Landesarchivs, Abteilung Wolfenbüttel noch nicht eingesehen werden.
Als Angeklagter (neben Kolkmeyer und anderen) im Prozess wegen des Sturmes auf das Osnabrücker Gewerkschaftshaus sah das Gericht jedoch eine vorsätzliche Beteiligung von Cassel. Denn er sei am Tatort gewesen, habe sich Bericht erstatten lassen und Anweisungen erteilt. „Er hat ferner nicht nur die Aktion nicht ausdrücklich missbilligt, sondern sogar „aus Prestigegründen“ eine Zurückziehung der SS aus dem Gewerkschaftshaus abgelehnt und damit seine Zustimmung zu der Tat unmissverständlich zum Ausdruck gebracht. Er war daher eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit schuldig.“ Allerdings sei sein Anteil an der Aktion verhältnismäßig gering, weil er weder Urheber der Aktion noch massgeblich an deren Durchführung beteiligt gewesen sei. Da aus diesem Grunde eine höhere Strafe als sechs Monate Gefängnis nicht in Frage käme, sei das Verfahren gemäß § 3 des Straffreiheitsgesetzes einzustellen.
Im Prozess wegen des erzwungenen sogenannten Prangermarsches von Josef „Ilex“ Burgdorf wird Cassel ebenfalls nicht belangt. Das Gericht sieht es trotz klarer Aussagen von Burgdorf als Geschädigtem und anderer Zeugenaussagen als nicht erwiesen an, dass Cassel überhaupt an der Aktion beteiligt war. „Das Verfahren gegen den Angeklagten Cassel wird auf Kosten der Staatskasse eingestellt.“ Er entgeht auch hier einer Strafe.
Zum Zeitpunkt dieser beiden Prozesse wohnt Cassel vorübergehend in dem Ort Vechelde, Hildesheimer Straße 19, in der Nähe von Braunschweig.
Danach
Über sein weiteres Nachkriegsleben in Freiheit ist nur bekannt, dass er nach Osnabrück zurückkehrt mit seiner Familie und als Handelsvertreter seinen Lebensunterhalt verdient. Im Adressbuch der Stadt Osnabrück von 1958 / 59, Stand: 1. Juli 1958, ist „Erich Cassel, Handelsvertretungen“ unter der Adresse Große Straße 3 aufgeführt.
Offensichtlich ermutigt der für ihn positive Ausgang der Prozesse Erich Cassel – der als ideologisch überzeugter Nazi daran mit mitgewirkt hat, die mit der Weimarer Verfassung entstandene Demokratie wieder zu beseitigen – dazu, sich jetzt die demokratische Ordnung der Bundesrepublik zu Nutze zu machen:
Er beantragt Kriegsopferentschädigung bei der Stadt OS. Doch sein Antrag wird abgelehnt mit der Begründung, dass er „nicht glaubhaft gemacht habe[n], […] als Soldat in Kriegsgefangenschaft geraten“ zu sein. Außerdem stellte der Osnabrücker Beschwerdeausschuss fest: „Sie gehörten zu dem Personenkreis, den die Besatzungsmacht ausschalten wollte, weil sie befürchtete, daß durch Sie die von ihr angestrebte künftige Entwicklung Deutschlands gestört würde.“ Eine bemerkenswert deutliche Aussage!

Sinnigerweise ist der Sachbearbeiter dieses Antrages ein gewisser Karl Freymann. Cassel dürfte ihn noch aus seiner Anfangszeit in Osnabrück gekannt haben, denn er hieß damals Karl Unfug und war Mitglied der SA-Standarte 78, der auch Cassel zu der Zeit angehörte. Vorteile brachte diese Bekanntschaft Cassel allerdings wohl nicht, denn der Antrag wurde ja abgelehnt.
Über das weitere Leben von Erich Cassel ist bisher nichts bekannt.
Grab neben Burgdorf
Erich Cassel ist am 30. Januar 1966 im Alter von 60 Jahren gestorben. Seine letzte Wohnadresse zum Zeitpunkt seines Todes war Obere Martinistraße 40. Er wurde auf dem Heger Friedhof in Osnabrück beigesetzt. Die Grabstelle ist heute nicht mehr erhalten, aber sie befand sich in der Nähe des Grabes von Josef Burgdorf …












