Fußball ist unser Leben

Fußball ist unser Leben

(Glosse) Es war einmal ein Lesungsabend im Stadtgaleriecafé Osnabrück anno 2018 mit nur sehr wenigen Zuhörer*innen weil die Einladende (ich) vergessen hatte, dass das Eröffnungsspiel der Fußball-WM ansteht.

An das damalige Publikum und die Autor*innen, die gleich vorlesen werden, gerichtet:

Sie wissen schon, dass sich jetzt gerade in diesem Augenblick Russland mit Saudi-Arabien um einen Ball streitet, oder?
Es gibt also noch Hoffnung – so viele Gäste hier können sich nicht irren!
Es gibt anscheinend doch noch ein Leben außerhalb der Stadien und Großbildleinwände.
Ich beglückwünsche Sie zu Ihrer Entscheidung, heute hier zu sein – beweisen Sie doch ein gewisses Maß an Widerstandsgeist.

Wer weiß, vielleicht geht heute Abend von hier eine kleine Revolution aus.

  • Keine Macht dem König Fußball
  • Oder: gebt uns die Selbstbestimmung über die Fernbedienung zurück

Wie dem auch sei:
Ich habe mir mal so meine Gedanken gemacht, warum so viele Leute derart fasziniert davon sind, dass 20 andere Leute hinter einem Ball herlaufen.

Dafür habe ich eine Reise in meine Kindheit unternommen und musste feststellen, dass auch vor Jahrzehnten „Fußball“ schon ein großes Thema war. Vor allem natürlich, nachdem Deutschland 1954 Weltmeister wurde.

Aber warum Fußball???

Wenn ich die kleinen Filmchen von früher im Kopf abspule, sehe ich meinen Vater jeden Samstag um 18 Uhr Sportschau gucken, wie jeder andere männliche Zeitgenosse, in dessen Reichweite sich ein Fernsehgerät befand, auch. Damals wurde die Farbe der Trikots tatsächlich nach ihrem Kontrast auf dem Schwarz-weiß-Bildschirm ausgewählt, wussten Sie das?

Mutter durfte in dieser Zeit nicht stören und war am besten in der Küche aufgehoben, um das Abendessen vorzubereiten. Von wegen – gemeinsam „Tooor“ schreien? Ging ja gar nicht!

Und ich sehe mich und die Nachbarskinder auf dem Rasen im Hof Fußball spielen.
Lange spielte ich in der Hinterhofmannschaft allerdings nicht mit: ich traf leider nicht nur den Ball, sondern auch die Schienbeine meiner Mitspieler, und so bekam ich eine rote Karte mit Platzverweis nach der anderen wegen Foul-Spielens. Bald verbrachte ich mehr Zeit neben als auf dem Feld.

Und natürlich durfte auch auf dem Schulhof meiner Grundschule in den Pausen Fußball gespielt werden.
Aber nur so lange, bis eine kleine Zweitklässlerin im Eifer des (Ball-)Gefechts umgerannt wurde und mit einer Gehirnerschütterung ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Das war leider ich.

Einige Jahre später dann kam die Zeit der ersten großen Liebe – ich hatte mir einen Hobby-Fußballer ausgesucht und verbrachte die Dienstage und Wochenenden am Spielfeldrand. Allerdings habe ich nicht wirklich herausbekommen, wann man wen anzufeuern hatte. Und die Abseitsregel kann ich bis heute nicht.
Wie Sie sich sicher vorstellen können, hat diese Liebe  nicht sehr lange gehalten.

Sie sehen, ich habe kein Fußball-Gen – im Gegenteil: die Sache mit dem Fußball ist mir wirklich ein Rätsel.
Aber da ich nun einmal Rätsel liebe, habe ich versucht, es zu knacken. Ein bisschen ist es mir glaube ich gelungen.

Hier ist meine Lösung:
Haben Sie mal Kinder beobachtet, egal ob hier in Deutschland oder in Afrika oder in Südamerika, wie sie stolz ihre manchmal abgewetzten Trikots mit den Namen von Weltklasse-Fußballspielern wie Messi oder Manuel Neuer tragen? Leider selten nur Trikots mit Namen der Frauennationalmannschaft – daran müssen wir noch arbeiten!

Wie sie fachsimpeln, wie sie ganze Bundeligatabellen und die Spielstände des letzten Wochenendes aufsagen können?
Fußballer sind die neuen Rockstars, Vorbilder, deren Spielzüge wie beim Schach nachgespielt und diskutiert werden.

Aber warum gerade Fußball und nicht Handball oder Tennis?
Ganz einfach:
Fußballspielen kann einfach wirklich jeder, und es geht auch fast überall.

Ein zusammengeknülltes Stück Papier reicht, und die langweilige Wartezeit im Flur wird zum Turnier (es soll sogar Fußballspielen mit imaginärem Ball geben aus Mangel an Ersatz).
Oder auf dem Weg von der Schule nach Hause reicht ein Kiesel und ruck-zuck ist der lange Weg zurückgelegt.

Und scheppert eine leere Coladose nicht einfach toll, wenn man nach einer Partynacht noch gar nicht müde ist und noch ein bisschen Bewegung an der frischen Luft braucht? (Die Anwohner werden das wahrscheinlich nicht finden, aber egal).
Jedoch ist das eigentlich immer noch keine ausreichende Antwort, oder?

Ich habe da noch ganz ein paar unschlagbare Argumente gefunden:

  • Haben Sie schon man versucht, Handball mit einem kleinen Pflasterstein zu spielen? Dann sollten Sie den Notarztwagen gleich dazubestellen.
  • Oder wie wäre es mit Basketball mit einer Coladose, die ja doch meistens nicht wirklich leer ist? Das kann tüchtig ins Auge gehen.
  • Oder Tennis mit 12 Leuten? Wenn zwei oder vier spielen, was macht der Rest?
  • Gut ist auch Völkerball mit einer Papier-Knüll-Kugel bei mittelmäßigem Wind.

Ja, deshalb geht Fußball immer und überall, und jeder kann es und fast jeder hat eine Meinung dazu.

Und wenn Sie nachher nach Hause gehen und ein Steinchen auf dem Weg finden: „Kick it like Beckham!“ (frei nach einem bekannten Filmtitel).

Aber bitte die anderen Fußgänger, parkenden Autos und Fensterscheiben heile lassen. Nicht das es nachher heißt, ich hätte Sie zu diesem Blödsinn aufgefordert!

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