Heute ist Tag der offenen Tür: AWO ist bereit für den Neuanfang auf altem Grunde

Schölerberg 2.0: Besondere Wohnform der Eingliederungshilfe für Menschen mit psychischer Erkrankung oder seelischer Behinderung / Tag der offenen Tür

Wenn am heutigen Freitag die „AWO am Schölerberg“ für Geladene wie Interessierte geöffnet wird, bildet dies einerseits den Abschluss dreieinhalb extrem aufregender und nicht minder herausfordernder Jahre. Zugleich ist’s ein Neuanfang auf altem Grunde. Die bekannte wie bewährte Ausrichtung als besondere Wohnform für psychisch Erkrankte und/oder Menschen mit seelischer Behinderung bleibt zwar erhalten – der Rahmen für eine zukunftsorientierte Eingliederungshilfe aber ist nicht nur neu, sondern hochmodern ein- und ausgerichtet.

Da gibt’s nun also ein modernes Wohngebäude mit barrierearmen Einzelappartements samt Balkonen, da sind große Gemeinschaftsbereiche, da sind moderne und neu gedachte Räumlichkeiten auch für Mitarbeiter*innen und nicht zuletzt ein angeschlossenes Kompetenzzentrum, in dem die bis zu 99 Klient*innen unter Anleitung Tag und Leben wieder oder überhaupt zu strukturieren erlernen. Allein mit Blick aufs Bauliche handelt es sich um einen Quantensprung im Vergleich zur Interimsheimat in Georgsmarienhütte, wo Klient*innen wie Mitarbeitende in einer früheren Klinik untergebracht waren. „Wir sind dankbar, dass wir diese Option zur Überbrückung nutzen konnten“, sagt da Vorstandsvorsitzender Thomas Elsner, „dennoch freuen wir uns nun sehr auf den Rückumzug ins bekannte Umfeld unter völlig neuen Rahmenbedingungen“.

Auf fossile Energieversorgung wird hier verzichtet, die mehrgeschossigen Gebäude sind in nahezu Passivhausstandard (KfW 40 NH) erbaut worden. Clou ist ein mit 15 Metern Durchmesser und vier Metern Tiefe riesiger Eisspeicher im Erdreich, der in Verbindung mit Photovoltaik-Anlagen und Luft-/Solarkollektoren den Kälte-Wärme-Haushalt ebenda reguliert. Dass sich der Neubau am Prinzip von Mehrparteienhäusern orientiert, ist natürlich kein Zufall – Wohnflächen werden hier strikt von Fachleistungsflächen getrennt. „Die eigene Häuslichkeit soll sich in unserer Wohnform nicht aufheben, sondern genau diese realitätsnah wiedergeben“, sagt Janne Koch (Geschäftsbereichsleiterin Trialog bei der AWO Weser-Ems). In der anliegenden Tagesstruktur gibt es zudem eine Lehr- und Trainingsküche, Therapieräume auch für kreative Arbeiten mit Holz und Ton, zudem Ruhe- und Fitnessräume sowie weitere spannende Angebote.


Heute: Tag der offenen Tür von 14 bis 16 Uhr

Zur offiziellen Eröffnung der Gesamtanlage ab 11 Uhr sind diese Apartments noch nicht bezogen – um Klient*innen alle nötige Ruhe und den entsprechenden Abstand zur Hektik einer solchen Feierlichkeit und den vielen fremden Menschen in ihrem Zuhause zu ermöglichen, wird der Rückumzug aus Georgsmarienhütte erst in der kommenden Woche erfolgen. Die AWO Weser-Ems gewährt daher vorab allen Interessierten exklusive Einblicke in die besondere Wohnform, der dafür vorgesehene „Tag der offenen Tür“ findet ebenfalls am Freitag, 12. Juni, dann aber zwischen 14 und 16 Uhr statt.

„Dieser Neubau zeigt beispielhaft, wie moderner Wohnungsbau, soziale Verantwortung und nachhaltiges Handeln zusammenwirken können“, sagt auch Präsidiumsvorsitzende Ulla Groskurt (selbst Teil des AWO Kreisverbandes Osnabrück), „mit diesem eröffnen wir nicht nur ein Gebäude, sondern einen Ort, an dem Menschen leben, lernen, sich entwickeln und Gemeinschaft erfahren können. Ein Projekt dieser Größenordnung kann nur gelingen, wenn viele Menschen mit Fachkompetenz, Engagement und Ausdauer gemeinsam daran arbeiten.“


Logistische wie emotionale Herausforderung

Und das betrifft nicht allein Projektleitung, Baumanagement oder Bauleitung, sondern eben auch alle Mitarbeiter*innen, die in den vergangenen Jahren nicht nur viele bisherigen Gewohnheiten im alten Umfeld ad acta oder umfänglich neu anlegen mussten, sondern eben auch die Klient*innen, denen schon leichte Veränderungen des Lebensumfelds zum Teil viel abverlangen. Kurzum: Bei aller Vorfreude wird nicht nur die Zeit in der Interimsheimat, sondern auch der anstehende Rückumzug für alle Beteiligten eine logistische wie emotionale Herausforderung sein.

Die AWO hat dafür rund 18 Millionen Euro investiert. Eine Summe, die nicht nur das Gesamtgebäude und alle Vorkehrungen einschließt, sondern auch als Investitionskosten für Zukunftschancen und Lebensqualität aller Klient*innen wie Mitarbeiter*innen herangezogen werden kann. Letzteres mag in dieser Auflistung überraschen, ist aber tatsächlich von besonderer Bedeutung. Denn neben den Aufenthaltsbereichen sind hier auch die Arbeitsabläufe gänzlich neu und modern strukturiert. Wer fachlich arbeiten möchte, benötigt dafür ein entsprechendes Umfeld. Wie bedeutsam dies gerade in der sozialen Arbeit ist, muss angesichts der anhaltenden Debatten über Fachkräftemangel im Pflege- und Betreuungssektor kaum mehr ausdefiniert werden. Daher hat die AWO Weser-Ems von Beginn an einen gewichtigen Part der Neubaupläne eben der Attraktivierung des Arbeitsplatzes und damit den Mitarbeitenden gewidmet. Apropos: Noch bis zum 30. September ist Michaela Voß Interimsleitung ebenda, ab Oktober übernehmen dann Hannah Mogdans und Alina Werrelmann die Einrichtungsleitung – parallel zur gerade vier Kilometer entfernten Trialog-Einrichtung der AWO in Sutthausen.

Über allem steht indes der trialogische Leitgedanke: „Teilhabe ermöglichen – Selbstbestimmung stärken!“ Und das funktioniert insbesondere dank der teils neuen, vor allem aber angemessen ausgeweiteten und weiterentwickelten Angebote, von der Tagesstruktur bis zum Zuverdienst (siehe Infobereich unten).

Übrigens: Wir laden Sie herzlich zur Eröffnung der „AWO am Schölerberg“ am Freitag, 12. Juni, ab 11 Uhr an die Iburger Straße 181 ein – ganz gleich, ob nun zur Berichterstattung oder schlicht zum Kennenlernen der Einrichtung. Das Veranstaltungsende nach Reden, Vorstellungen, Austausch und Führungen durchs Gebäude wird gegen 12.30 Uhr sein.


Zwischen 14 und 16 Uhr öffnen wir das Haus dann für alle Interessierten.

2024 erfolgte der Spatenstich zum Großbauprojekt. Foto: AWO


WEITERE INFORMATIONEN ZUM THEMA 

Die Wohnanlage am Schölerberg …

… ist eine sozialpsychiatrische Einrichtung für Menschen mit einer wesentlichen und nachgewiesenen seelischen Behinderung. Klient*innen leben mit den Folgen einer psychischen Erkrankung, die bereits länger als sechs Monate anhält. Dazu gehören etwa Schizophrenie und wahnhafte Störungen (Psychosen), Affektiven Störungen (Depressionen und Manie) sowie Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen (u.a. Ängste und Zwänge).

Bei den Trialog-Wohnanlagen …

…handelt es sich nicht etwa um stationäre psychiatrische Pflegekliniken, sondern um Eingliederungshilfen. Hier befinden sich Menschen, die sich bewusst und im Austausch mit ihren Angehörigen und Leistungsträgern dazu entschlossen haben, einen Individualweg in Gemeinschaft zu beschreiten. Auftrag ist die Assistenz dieser Klient*innen, Auftraggeber der jeweilige Kostenträger der individuellen Eingliederungshilfe. Sie werden mit sozialen Dienstleistungen und Fachwissen in der Eingliederungshilfe also unterstützt – nicht jedoch beaufsichtigt oder gar fremdbestimmt.

Selbstbestimmung, Teilhabe und Inklusion …

… prägen das Leitbild der modernen Behindertenhilfe und damit auch der AWO Weser-Ems. Im Gegensatz zu beispielsweise Pflegeeinrichtungen werden in der Eingliederungshilfe sämtliche Angebote zur Unterstützung prospektiv vorgehalten und aktiv empfohlen, gemeinsam besprochen und bewertet, nicht aber ungefragt erbracht. Menschen mit seelischen Behinderungen sollen hier in ihrem jeweils ganz eigenen Tempo ihren Weg durchs und wieder ins Leben finden. Auftrag ist hier die Unterstützung der Menschen, die „Assistenz“, diesen Weg gehen zu können. Sprich: Es liegt im Sinne der Klient*innen, welche Leistungen sie in Anspruch nehmen wollen. Die Dienstleistungen orientieren sich an der fachpolitischen Grundposition der UN-Behindertenrechtskonvention. Diese steht für eine gesellschaftlich verankerte Ethik des wechselseitigen Respekts, der Achtung von Verschiedenheit und der solidarischen Hilfe – Selbstbestimmung schließt das Recht auf eine selbstgewählte Lebensführung und damit Extremfälle im gewissen Umfang ein.

Lehrkochküche

Die Lehrkochküche ist ein praxisnahes und alltagsbezogenes Angebot der „Tagesstruktur“, das soziale Teilhabe fördert und Klient*innen einen geschützten Lernort eröffnet. Durch die Verbindung von Mittagsversorgung, Anleitung und individueller Zielarbeit entsteht ein verlässlicher Rahmen, in dem Teilhabe, Entwicklung und Alltagshandeln konkret eingeübt werden können. Das schließt unter anderem das Verständnis von wiederkehrenden Abläufen ein, hilft bei der Entwicklung lebenspraktischer Kompetenzen, stärkt Rücksichtnahme und Konfliktfähigkeit, aber auch eine realistische Selbsteinschätzung.

Tagesstruktur

Unter dem Angebot „Tagesstruktur“ verstehen wir einen bewusst gestalteten, wiederkehrenden Ablauf von Aktivitäten und Angeboten, der sowohl grundlegende Alltagsfertigkeiten als auch soziale und kreative Elemente umfasst. Das Angebot dient nicht nur der Strukturierung des Tagesablaufs, sondern auch der Aktivierung, Teilhabe und Förderung persönlicher Kompetenzen. Damit schafft es Orientierung, Stabilität und Sicherheit im alltäglichen Leben. Faktoren, die für viele Klient*innen aufgrund krankheitsbedingter Einschränkungen in der Organisation der Selbstversorgung, Motivation oder emotionalen Regulation eine besondere Bedeutung haben.

Zuverdienstmöglichkeit

Bei diesem neuen Leistungsangebot handelt es sich um niedrigschwellige Beschäftigung und umfasst Tätigkeiten in der Industriemontage, in der Garten- und Landschaftspflege sowie unterstützende Hausmeistertätigkeiten. Diese erfolgen in Kombination aus Angeboten in den eigenen Räumlichkeiten und – wenn individuell passend – bei Kooperationsbetrieben. Die Tätigkeit umfasst fünf bis 15 Stunden pro Woche und ermöglicht es den Teilnehmenden, ein geringes Motivationsgeld zu erwerben. Dies kann als unterstützender Übergang in weiterführende Arbeits- und Beschäftigungsformen dienen.

Psychosoziale Assistenz

Auch die Psychosoziale Assistenz findet am Schölerberg eine neue Heimat. Von diesem Standort aus werden künftig Menschen im Stadtgebiet und angrenzenden Regionen in ihren eigenen Wohnungen begleitet und darin unterstützt, ihr Leben möglichst eigenverantwortlich gestalten zu können. Die Psychosoziale Assistenz ist also ein aufsuchendes Angebot, das sich an Menschen mit einer psychischen Erkrankung und/oder seelischen Behinderung richtet. Dabei ist es völlig egal, wie Klient*innen wohnen: allein, in der Familie, im Elternhaus oder in einer Wohngemeinschaft. Deren persönlichen Wünsche und Bedarfe werden erfasst, aber auch, welche sozialen Rollen sie in der Gemeinschaft einnehmen wollen (oder eben nicht!) und welche Ressourcen dazu erforderlich sind. 15 Mitarbeitende bilden hier das „Team Schölerberg“, weitere 12 Kolleg*innen sind als „Team Wachsbleiche“ ebenda zu finden.

Der AWO Bezirksverband Weser-Ems …

… bietet mit seinen über 4000 Mitarbeitenden zwischen Nordsee und Osnabrücker Land soziale Dienstleistungen in rund 80 Einrichtungen rund um Pflege, Kinderbetreuung, psychosoziale Teilhabe und Beratung an. Alle Infos: https://www.awo-ol.de/

Die Arbeiterwohlfahrt …

…gehört zu den sechs Spitzenverbänden der Freien Wohlfahrtspflege. Bundesweit wirken in ihr über 300.000 Mitglieder, mehr als 72.000 ehrenamtlich Engagierte und 242.000 hauptamtliche Mitarbeiter*innen, um in unserer Gesellschaft bei der Bewältigung sozialer Probleme und Aufgaben mitzuwirken und den demokratischen, sozialen Rechtsstaat zu verwirklichen.

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