Zu viel Konsum produziert körperliche, psychische und soziale Schäden
Alkohol verbindet, entspannt und gehört für viele selbstverständlich zum gesellschaftlichen Leben. Doch die Kehrseite bleibt häufig ausgeblendet. Über Sucht, Krankheiten und persönliche Schicksale wird meist erst gesprochen, wenn das Glas längst übergelaufen ist. Mit Karsten Meyer, Chefarzt des Osnabrücker Suchtkompetenzzentrums am Klinikum Osnabrück, sprechen wir über die körperlichen, psychischen und sozialen Schäden.
Ein Glas Wein zum Essen, ein Bier nach der Arbeit – Alkohol gehört für viele Menschen zum Alltag. Über die Risiken von Alkohol wird nach Einschätzung des Bundesdrogenbeauftragten Hendrik Streeck „oft zu spät, zu vorsichtig“ gesprochen oder erst, wenn der Konsum längst problematische Ausmaße angenommen hat. „Ich teile diese Meinung auf jeden Fall. Die Erkrankung ist weiterhin stigmatisiert und es ist immer schwierig, diese Thematik anzusprechen. Oft geschieht dies erst, wenn schon eindeutige Organschädigungen vorliegen“, findet auch Karsten Meyer.
Experten warnen seit Jahren, dass die Risiken des Konsums unterschätzt werden
Als Mediziner weiß er, dass Alkohol generell alle Organsysteme schädigt. „Auch schon ein geringer Konsum erhöht das Risiko für Herz- und Gefäßschäden, für Krebs insbesondere der oberen Verdauungsorgane, Fettleber und Übergewicht und Schäden im Gehirn. Und vom Suchtpotential einmal ganz abgesehen.“ Dabei sei es von Mensch zu Mensch verschieden, welche Organsysteme die „schwächsten Systeme“ sind. „Oftmals ist zunächst der Magen durch eine Magenschleimhautentzündung betroffen. Aber auch die Leber, die als „Entgiftungsstation“ im Körper an der Verarbeitung von Alkohol beteiligt ist, wird geschädigt.“ Schlimmstenfalls komme es zu einem Leberausfall, der letztlich zum Tode führe, warnt der Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie des
Suchtkompetenzzentrums. Das Suchtkompetenzzentrum vereint die Akutversorgung und Rehabilitation von Menschen mit Suchterkrankungen unter einem Dach. Es umfasst die Akut-Entgiftungsstation im Klinikum Osnabrück sowie die Fachklinik Möhringsburg, in der die Suchtrehabilitation durchgeführt wird.
Auseinandersetzung mit den gesundheitlichen Folgen beginnt oft zu spät
Regelmäßiger Alkoholkonsum bedeutet für ihn ein Sterben in drei Akten. Der erste spielt sich im Inneren ab: Emotionen werden gedämpft, die Verbindung zur eigenen Gefühlswelt schwindet. Es folgt das soziale Sterben – Freunde wenden sich ab, Beziehungen geraten ins Wanken oder zerbrechen. Der letzte Akt betrifft den Körper selbst. Über Jahre hinweg hinterlässt der Alkohol Spuren an lebenswichtigen Organen, bis deren Versagen schließlich tödliche Folgen haben kann.
Weniger Alkohol ist gut, kein Alkohol ist besser
Doch besteht das Risiko auch schon für den einen Drink pro Tag? „Generell gilt, dass Alkohol ein hochwirksames Zellgift ist, das an allen Organen im Körper schädlich wirkt. Egal, welche Menge man konsumiert. Jedoch gilt insgesamt auch: Die Dosis macht das Gift.“
Klare Studien, welche Trinkmengen bedenklich sind, gibt es jedoch nicht. „Im Jahr 2019 wurde angeraten, dass Frauen nicht mehr als 12 Gramm Alkohol pro Tag trinken sollten, also nicht mehr als ein kleines Glas Wein (0,125 Liter) am Tag. Über eine Woche verteilt sollte der Konsum bei zumindest zwei alkoholfreien Tagen 60 Gramm nicht übersteigen.“ Bei Männern wird von der doppelten Menge gesprochen.
Alkohol am besten komplett aus dem Leben verbannen?
„Tatsächlich empfiehlt die WHO den vollständigen Verzicht auf Alkohol. Dies ist sicherlich in unserer Gesellschaft kritisch zu diskutieren. Die Grenzwerte, bei denen man sich Gedanken machen sollte, sind die oben angegebenen.“ Meyer rät einen kurzen und einfachen Test im Internet abzurufen: den „AUDIT“-Test (alcohol-use-disorder-impairment-test). „Wenn man diesen ehrlich für sich selbst durchführt, kann man relativ schnell und in wenigen Fragen seine eigene Gefährdung durch Alkohol abschätzen“, so der Mediziner.
Bundesweit findet vom 13.-21. Juni 2026 die Aktionswoche Alkohol statt. Der Landkreis und die Stadt Osnabrück unterstützen mit unterschiedlichen Veranstaltungen und Institutionen diese Aktionsreihe. Im Rahmen dieser Aktionswoche wird in Kooperation mit OS-Radio 104,8 am 12. Juni um 10.15 Uhr eine Sendung ausgestrahlt, in der Karsten Meyer unter anderem als Experte zu Gast sein wird. Er informiert über aktuelle Erkenntnisse aus Prävention, Beratung und Behandlung sowie über die tägliche Arbeit mit Betroffenen und deren Angehörigen.











