Wie der „Spur“ künstlerisch auf die Fährte zu kommen ist
Bei sommerlichen Temperaturen eröffneten die Kunstschaffenden Alexandra Sonntag und Alexander Kapitanowski am Freitag, den 19. Juni 2026, ihre gemeinsame Ausstellung „Traces“ in den Räumen des Bundesverbandes Bildender Künstlerinnen und Künstler (BBK) Osnabrück.
Die Doppelausstellung, die noch bis zum 8. August 2026 für das Publikum geöffnet ist, vereint zwei unterschiedliche künstlerische Positionen, die über die formale Annäherung an den Begriff der Spur sowie das intuitive Arbeiten miteinander in den Dialog treten. Während Sonntag in ihren vielschichtigen Werken persönliche Erlebnisse und Tierdarstellungen verarbeitet, widmet sich Kapitanowski vorwiegend dynamischen, mythologischen Motiven und dem Element des Windes.
Die Herangehensweise beider Kunstschaffenden zeichnet sich durch eine ausgeprägte gestische Dynamik aus. Farbspuren auf den Leinwänden fungieren hierbei als visuelle Reflexionen von Erinnerungen und Wahrnehmungen. Trotz einer starken Tendenz zur Abstraktion bildet für beide Positionen die Gegenständlichkeit den unverzichtbaren Ausgangspunkt des kreativen Prozesses. Die Ausstellung lädt die Betrachtenden dazu ein, den individuellen Pfaden der Kunstschaffenden zu folgen, ohne dabei an starre, didaktische Vorgaben gebunden zu sein. Die visuelle Sprache der Werke setzt vielmehr auf die unmittelbare emotionale und raumbezogene Wirkung auf das Publikum.
Der Titel der Ausstellung, Traces (engl. Spuren), verweist auf eine doppelte Realität innerhalb der gezeigten Arbeiten. Einerseits sind die physischen Hinterlassenschaften des Malprozesses wie Pinselstriche und Stiftzeichnungen direkt auf den Bildoberflächen sichtbar. Andererseits stehen die Spuren metaphorisch für Fährten, welche die Betrachtenden durch eine sinnliche und ästhetische Erfahrung leiten sollen. Das bewusste Spiel mit vielschichtigen Farbebenen und ikonischen Elementen bricht dabei eine klassische Erwartungshaltung an die Kunst auf und eröffnet Freiräume für individuelle Interpretationen.
Das Interview: „Bilder sind nicht fest kodiert“
Frau Sonntag, Herr Kapitanowski, welchen Hintergrund hat der Name ihrer neuen Ausstellung?
Alexandra Sonntag (AS): Das hängt damit zusammen, dass wir beide bei der formalen Entwicklung eines Bildes eine sehr ähnliche Herangehensweise haben. Wir arbeiten beide intuitiv und gestisch mit Farbspuren, die Erinnerungen und Wahrnehmungen reflektieren oder in eine Form gießen. Auf der formalen Ebene sieht man Pinselstriche, Spuren von Stiften und zeichnerische Gesten – das sind die namensgebenden „Traces“.
Alexander Kapitanowski (AK): Die Spuren bedeuten für uns eine doppelte Realität. Sie sind Fährten, die das Publikum durch eine sinnliche Gewissheit führen. Die ästhetische Erfahrung ist hierbei ganz entscheidend für uns.
AS: Das kann ich so unterstreichen. Es geht um die ästhetische Erfahrung, aber auch darum, das Psychologische, Seelische und das eigene Welterleben im Bild nachzuvollziehen. Wir setzen das durch lockeres, freies und dynamisches Arbeiten um. Die Betrachtenden sehen diese Spuren, auch wenn sie unsere Gedanken natürlich nicht eins zu eins nachverfolgen können, da vieles chiffriert bleibt.
AK: Für mich selbst steht zudem das Thema Wind im Vordergrund. Wind als Atmen, als Luft – Tag und Nacht. Eines meiner Bilder trägt auch direkt diesen Titel. Ich arbeite sehr gerne palimpsestartig und nutze dieses Prinzip der Schichtung quasi als Interpretationswerkzeug für eine Art Collage-Interpretation. Man schichtet immer weiter darüber. Dahinter verbirgt sich oft ein ganz anderer Anfang, wie etwa eine zentrale Figur, auf der sich Europa balanciert.
Frau Sonntag, bei Ihnen spielt ein bestimmtes Tier eine besondere Rolle. Gibt es da einen Hintergrund?
AS: Jein. In meiner malerischen Entwicklung über die letzten 20 Jahre habe ich mich immer weiter von der reinen Gegenständlichkeit wegbewegt, Gewebe und Musterlayer übereinandergelegt. Dennoch ist das für mich nie völlig abstrakt; ohne eine gewisse Gegenständlichkeit als Anlass könnte ich kein Bild malen. Diesen Anlass suche ich in meinem biografischen Erleben, denn gestalterischer Ausdruck macht für mich nur Sinn, wenn er mich wirklich betrifft und bewegt.
Früher stand der Mensch im Fokus, heute hat sich stark zum Tier und zur Landschaft hin verschoben. Dabei geht es mir nicht um das Tier an sich, sondern um meine persönliche Verbindung und das seelische Empfinden dabei. Ich lebe privat mit Katzen und einem Hund zusammen, reite und habe Pflegepferde. Die Katze als unbeschwertes Geschöpf, das ohne Schwere oder Tragik durch meine Bilder hüpft, interessiert mich derzeit sehr. Das ist auch eine kleine Hommage an meine Lieblingskatze, die im November letzten Jahres verstorben ist. Diese Bindung brauche ich, auch wenn sie für den Betrachter nicht direkt auslesbar ist und viele meine Bilder fälschlicherweise für reine Abstraktionen halten.
Herr Kapitanowski, wie würden Sie den Besuchenden einer Führung Ihre Werke beschreiben?
AK: Am besten über die Motive. Fast überall in meinen Arbeiten finden sich tanzende Figuren in verschiedenen Variationen, beispielsweise als biblische oder mythologische Gestalten wie die tanzende Mänade. Manchmal tauchen auch Gesichter, Porträts, Katzen oder Schmetterlinge auf. Den Schmetterling nutze ich dabei als Motiv, um den Effekt des Windes darzustellen.
Gibt es bestimmte Spuren, die Sie beim Betrachtenden auslösen oder hinterlassen wollen?
AS: Nein, überhaupt nicht. Ich glaube nicht, dass Bilder eins zu eins zum Betrachter sprechen können oder das überhaupt sollten. Künstlerisches Agieren ist ein immens wichtiger Freiraum für das Individuum und die Gesellschaft. Ich möchte mit meinen Werken nichts Didaktisches oder Belehrendes vorgeben.
Zudem bedeutet das Malen für mich seit jeher Freiheit und ein wichtiges Gegengewicht zu den Anforderungen des Alltags. Ich lege es also gar nicht darauf an, entschlüsselbare Botschaften einzubetten. Ich gebe lediglich sehr persönliche, kleine Spuren mit – ob der Betrachter sie erkennt oder etwas völlig anderes darin sieht, spielt keine Rolle. Bilder haben eine intensive Raumwirkung und man baut fast eine körperliche Beziehung zu großen Formaten auf, aber diese Sprache ist nicht fest kodiert, sondern in beide Richtungen absolut frei. Wenn man diesen Zustand des Offenen halten kann, ist das ein glücklicher Zustand.
Alexander Kapitanowski: Ich denke da ganz frei. Für mich reicht das Wort Emotion vollkommen aus – als Affekt und emotionaler Zustand, ganz im Sinne von Nietzsche oder Spinoza. Die Emotion steht immer an erster Stelle, weit vor der verbalen Aussprache. Eine verbale Übersetzung eines Bildes sei immer ein viel zu riskantes Unterfangen.
Vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben und viel Erfolg.













