Mehr als ein Sommeraccessoire: Warum Fächer im Klinikum Osnabrück für Abkühlung sorgen

Warum das Osnabrücker Klinikum bunte Fächer verteilt

Wenn die Temperaturen in diesen Tagen über die 30-Grad-Marke klettern, verteilt das Osnabrücker Klinikum bunte Fächer. Warum das Modeaccessoire bei den Patienten auf der Geriatrie- und Palliativstation omnipräsent ist und wie ein bisschen Wedeln für Abkühlung sorgt, erklärt Chefärztin Dr. Anja Kwetkat.

Der Juni zeigt sich von seiner sommerlichen Seite und selbst in der norddeutschen Tiefebene klettern die Temperaturen auf über 30 Grad. Für viele eine willkommene Sommerstimmung. Für Patienten, die derzeit in einer Klinik liegen, jedoch eine besondere Belastung. Denn Klimaanlagen gehören in deutschen Krankenhäusern nicht zur üblichen Standardausstattung. „Wir haben uns gefragt, was wir bei Hitze für unsere Patienten tun können“, berichtet Anja Kwetkat, Chefärztin der Klinik für Geriatrie und Palliativmedizin am Klinikum Osnabrück.

Schnell rückte am Finkenhügel das Prinzip der Verdunstungskälte in den Fokus. Dabei musste jedoch auch der Hygieneaspekt berücksichtigt werden, denn in Krankenhäusern gelten klare Standards und Grenzwerte, die einzuhalten sind. „Es brauchte ein Gerät, das keinen zu starken Luftstrom erzeugt“, erklärt die Chefärztin. Zu kräftige Ventilatoren könnten sonst nicht nur unangenehme Luftverwirbelungen verursachen, sondern im ungünstigsten Fall auch Krankheitserreger zwischen verschiedenen Bereichen verbreiten.
Der Fächer, viel mehr als ein hippes Modeaccessoire.

Die Wahl fiel deshalb bewusst auf ein simples, analoges Hilfsmittel: den Fächer. Für das Team war schnell klar – er ist nicht nur ästhetischer als ein summender Handventilator, sondern auch erstaunlich effizient. Doch wie genau entsteht das kühle Lüftchen und sorgt es wirklich für Abkühlung? Kwetkat erläutert das physikalische Prinzip der Verdunstungskälte auf der Haut: „Bei Hitze beginnt der Körper zu schwitzen, es bildet sich ein Schweißfilm. Durch den Luftstrom des Fächers wird dieser Schweiß schneller verdunstet.“ Die Luft selbst sei zwar nicht kühler, betont die Medizinerin. Doch weil der Körper Wärme schneller abgeben kann, entsteht das subjektive Gefühl von Abkühlung.

Sowohl Kwetkat als auch die Pflegedienstleitung Annette Sechelmann verweisen zudem auf die überraschenden Nebeneffekte des einfachen Hilfsmittels. „Man kann einen Fächer den Patienten direkt in die Hand geben und sie haben sofort eine Idee, was sie damit anfangen können. Selbst bei kognitiven Einschränkungen funktioniert das.“ Auf der Station ist das Ergebnis deutlich sichtbar: Frauen und Männer greifen zum Fächer und beginnen, sich Luft zuzufächeln, teils mit erstaunlicher Ausdauer und sichtbarer Begeisterung. „Das wirkt ganz selbstverständlich, und die Patienten scheinen es wirklich zu genießen“, beobachtet Sechelmann.

Zunächst wurden einige Hundert weiße Faltfächer bestellt – gefertigt aus filigranen Bambusstäben, bedruckt mit dem azurblauen Logo des Osnabrücker Klinikums, und, um jede Verwechslungsgefahr auszuschließen, zusätzlich von Hand mit dem Namen des jeweiligen Patienten beschriftet. „An Tagen, an denen die Temperaturen über die 30-Grad-Marke steigen, werden wir die kleinen Hitze-Helfer weiterhin auf der Geriatrie- und Palliativstation verteilen“, bestätigt Assistenz-Ärztin Anne Kühhirt.


Richtiges Fächern will gelernt sein

Und wer möchte, erhält eine kleine Anweisung, wie der Fächer zu halten und wie korrekt zu fächern ist. Kwetkat selbst hat es sich in südlichen Ländern abgeschaut, macht es lachend vor. Gekonnt nimmt sie den Fächer in ihre rechte Hand, der Daumen umfasst dabei den Fächerkopf mit dem kleinen Dorn, an dem die Streben zusammenkommen. Sie öffnet ihn in einem 180-Grad-Winkel und hält ihn so, dass er eine parallele Linie bildet. „Und dann bitte nicht zu wild herumwedeln, sondern mit einer gewissen Anmut“, sagt sie.
Den Fächer hat man schon vor 5000 Jahren geschätzt. Heute hat er es geschafft elegant wie hip zu sein. Und auch Patienten am Klinikum brauchen heiße Tage nicht mehr ganz so zu fürchten und dürften sichtlich dankbar für jeden noch so kleinen Luftzug sein, den die bunte Papierfläche beim Schwingen erzeugt.


Besser Mineralwasser als Leitungswasser

Kwetkat rät zudem an heißen Tagen unbedingt auf ausreichend Flüssigkeitszufuhr zu achten und empfiehlt als Faustregel rund einen Liter mehr als üblich an sehr heißen Tagen – insgesamt also etwa 2,5 Liter pro Tag. Bei hohen Temperaturen verliere der Körper nicht nur Wasser, sondern auch wichtige Mineralstoffe über das Schwitzen. „In solchen Situationen kann Mineralwasser die bessere Wahl sein als Leitungswasser, weil es die verlorenen Elektrolyte direkt wieder zuführt“, ergänzt Kühhirt und gibt weitere Tipps, wie sich im Alltag Hitzeperioden besser bewältigen: leichte, gut verdauliche Kost entlaste den Organismus ebenso wie luftige Kleidung. Zudem rät die Assistenzärztin gezielt zu lüften – am besten in den frühen Morgen- und späten Abendstunden, wenn die Außenluft spürbar abgekühlt ist.

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