Stationen einer besonderen Flucht aus Nazi-Deutschland
„24. Juni 1936: nach Landwerk Neuendorf über Fürstenwalde / Spree, Kreis Lebus“, so lautet der Eintrag in der Einwohnermeldekartei der Stadt Osnabrück für Carl Meyer. Vor 90 Jahren bereitete sich der jüdische Osnabrücker auf seine Flucht nach Argentinien vor. Dazu musste er auf dem Landgut Neuendorf bei Fürstenwalde am Rande von Berlin eine Ausbildung zum Landwirt absolvieren. Doch wer war dieser Carl Meyer und was veranlasste ihn, seine Heimatstadt Osnabrück, ja sogar Deutschland, Europa, zu verlassen, um in Argentinien ein neues Leben zu beginnen?

Carl Meyer wird am 1. Mai 1896 in Badbergern-Grothe bei Quakenbrück als erstes von sechs Kindern des jüdischen Viehhändlers David Meyer und dessen Ehefrau Sophie geboren. Am Ersten Weltkrieg nahm er wie selbstverständlich teil, wird aber 1918 verwundet und in einem Berliner Lazarett behandelt. Immerhin wurde ihm das Eiserne Kreuz verliehen. In Hörde bei Dortmund absolviert er eine Ausbildung zum Kaufmann, bevor er 1920 nach Osnabrück zieht und dort 1921 Clara Hess heiratet, die Tochter eines angesehenen jüdischen Kaufmanns, in dessen Haus am Kamp das junge Paar zunächst wohnt. Carl Meyer arbeitet als kaufmännischer Angestellter bei der Feinkost- und Geflügelhandlung Julius Cantor, die in der Hasestraße ein Delikatessengeschäft betreibt und an der Atterstraße in Eversburg eine große Geflügelmastanlage.
Im März 1923 wird die Tochter Inge geboren. Carl Meyer ist derweil in seiner Freizeit begeisterter Fußballer und Mitglied im Osnabrücker Turnverein. Zusammen mit anderen Juden und demokratisch gesinnten Sportlern wird Carl Meyer auf Betreiben des antisemitisch eingestellten Vorsitzenden Fritz Frömbling Anfang 1924 aus dem OTV gedrängt. Im Mai 1924 ergreift Meyer die Initiative zur Gründung des Jüdischen Sportvereins, der ihn deshalb ein Jahr später zum Ehrenvorsitzenden ernennt. Nach der Geburt der zweiten Tochter Helga im September 1924 zieht Carl Meyer mit seiner Familie in eine städtische Wohnung an der Artilleriestraße in Eversburg. Seine Fußballbegeisterung lässt ihn auch hier nicht los, denn er beteiligt sich an der Gründung des dortigen Sportvereins Ballsport Eversburg. Da er wegen seiner Kriegsverletzung selbst nur eingeschränkt spielen kann, übernimmt er das Training und die Betreuung von Jugendmannschaften des Vereins, ist als Sportwart im Vorstand tätig und fungiert als Schiedsrichter.

In Deutschland nicht mehr erwünscht
Mit der Machtübergabe an die Nazis im Jahre 1933 ändert sich die Situation schlagartig und dramatisch, besonders für jüdische Menschen wie Carl Meyer. Dennoch dauerte es eine Weile, bis viele Juden merkten, dass Hitler kein vorübergehendes Phänomen war. Die bedrohliche Entwicklung im Osnabrücker Land und die zunehmende Hetze gegen Juden im gesamten deutschen Reich seit 1934 mit vielen Aktionen gegen die jüdische Bevölkerung und schließlich die sogenannten Nürnberger Gesetze, die die deutschen Jüdinnen und Juden unverhohlen spüren ließen, in Deutschland nicht mehr erwünscht zu sein, hinterließ Spuren.
Hinzu kam, dass die Stadt Osnabrück der Familie Carl Meyers die Wohnung in der Artilleriestraße gekündigt hatte, weil sie jüdisch war. Sie fanden im Haus des Kaufmanns Samson David in der Krahnstraße 1 direkt gegenüber dem Rathaus eine vorübergehende Unterkunft. Spätestens jetzt war die Entscheidung gefallen: wir müssen fliehen. Die Frage war: wohin? Palästina war zu unsicher. Die ständigen Auseinandersetzungen zwischen den dort ansässigen Arabern und den britischen Besatzern versprachen keine sichere Alternative. Die Wahl fiel auf Argentinien, dessen Hauptstadt Buenos Aires für ihr europäisches Flair bekannt war.
Alternative Argentinien
In Argentinien hatte die Jewish Colonization Association (JCA), eine von dem Philanthropen Baron Maurice de Hirsch bereits im 19. Jahrhundert gegründete Stiftung zur Aufnahme verfolgter jüdischer Familien aus Europa, riesige Flächen Land gekauft, das kultiviert werden musste. In der Provinz Entre Ríos („Zwischen den Flüssen“) an der Grenze zu Uruguay, etwa 300 Kilometer nördlich der Hauptstadt Buenos Aires, unterhielt die JCA mehrere Siedlungen. Bereits Ende 1935 waren zwanzig jüdische Familien aus Deutschland durch die JCA in ihrer Kolonie Avigdor angesiedelt worden. Dieses Ansiedlungsprogramm sollte erweitert werden: im Laufe des Jahres 1936 sollten weitere etwa 150 Familien in den JCA-Siedlungen eine neue Heimat finden.
Wegen der Vielzahl der Anträge für fast 2.700 Personen musste eine Vorauswahl getroffen werden. Zu diesen vorausgewählten Familien mit 1.048 Personen, die eine – vorläufige – Bestätigung erhalten hatten, gehörten im Bereich Weser-Ems auch die Carl Meyers aus Osnabrück und die Familie seiner Schwester Ida Voss aus Bramsche. Carl Meyer wurde als sogenannter Vorausfahrer ausgewählt, und musste an einer vierwöchigen landwirtschaftlichen Vorschulung im Landwerk Neuendorf bei Berlin teilnehmen.
Vorbereitungen für Argentinien
Die Reichsvertretung der Juden in Deutschland kümmerte sich um die Bewerberauswahl, die erforderlichen Anträge und die Bestätigung der landwirtschaftlichen Vorschulung, während der Hilfsverein der Juden die Verhandlungen mit den Konsulaten führte, die Visa beschaffte, die Auswanderungsformalitäten erledigte und die Beratung der JCA-Siedler in Transportfragen übernahm. Durch Beauftragte der JCA wurden die Bewerberfamilien über die JCA-Siedlungen informiert und persönlich auf ihre Eignung hin begutachtet und klassifiziert. Zugleich konnten Zweifelsfragen der Familien persönlich geklärt werden. Die JCA-Vertreter konnten sich zudem einen Eindruck von der Siedlungsbereitschaft und der Eignung dieser Familien verschaffen.
Das Landwerk Neuendorf bei Fürstenwalde
„Das Gut Neuendorf bei Fürstenwalde liegt in besonders schöner landschaftlicher Lage in der Nähe von Berlin …“ wurde die 1932 neu eingerichtete jüdische Arbeiterkolonie Landwerk Neuendorf in der Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege vorgestellt. Fürstenwalde liegt etwa fünfzig Kilometer südöstlich von Berlin. Die Stadt hatte in den 1930er Jahren etwa 25.000 Einwohner. Von dort bis nach Neuendorf waren es noch einmal fünf Kilometer.
Das Landwerk Neuendorf war eigentlich errichtet worden, um langjährige erwerbslose Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen wieder in geregelte Arbeit in der Landwirtschaft und verschiedenen handwerklichen Berufen zu bringen. Durch die drastische veränderte Situation in Nazi-Deutschland war die Auswanderung quasi über Nacht einziger Ausweg für einen nicht unwichtigen Teil des deutschen Judentums geworden mit Auswirkungen auch auf das Landwerk Neuendorf.
Im Vordergrund stand jetzt die konkrete, praxisbezogene berufliche und auch kulturelle Ausbildung, die sogenannte Hachschara jugendlicher Pioniere als Vorbereitung für ihr Leben in Palästina. In dem Ausbildungsgut „Jüdische Arbeitshilfe e. V. (Landwerk Neuendorf)“, wie es seit dem 1. April 1935 offiziell hieß, gab es zu diesem Zeitpunkt 150 Auszubildende. Wegen der wachsenden Zahl der zu einer Vorschulung für die Auswanderung nach Argentinien hierher entsandten Vorausfahrer wie Carl Meyer mussten sogar weitere Wohnbaracken errichtet werden.
Carl Meyer in Neuendorf
Carl Meyer hat im Juni 1936 den Zug von Osnabrück nach Berlin genommen, das sich zu dieser Zeit gerade auf die olympischen Sommerspiele vorbereitete, die im August stattfinden sollten. Von Berlin fuhr er vom damals Schlesischen Bahnhof aus mit der Eisenbahn über Köpenick und Erkner Richtung Frankfurt / Oder und stieg in Fürstenwalde / Spree aus. Die weiteren fünf Kilometer nach Neuendorf wird er bis zur Station Neuendorf-Buchholz mit der damals noch existierenden Oderbahn zurückgelegt haben. Von dort waren es zu Fuß dann nur noch wenige Minuten bis zum Gut.

Doch was bedeutete die „landwirtschaftliche Vorschulung“ für den gelernten Kaufmann Carl Meyer und was erwartete ihn dort? In einem Artikel der Jüdischen Rundschau vom 3. Juli 1936 über eine Besichtigung des „Ausbildungsgutes in Neuendorf“ heißt es:
„Ein kleiner Kreis von Hörern des Jüdischen Lehrhauses hatte am letzten Sonntag Gelegenheit, das Ausbildungsgut in Neuendorf zu besichtigen, wo über hundertfünfzig Menschen eine sehr gründliche landwirtschaftliche Ausbildung für Palästina erfahren und überdies die von der JCA für die Ansiedlung in Argentinien in Aussicht genommenen Siedler eine vierwöchige Probezeit durchzumachen haben, die für ihren weiteren Weg bestimmend ist.“
Vom Kaufmann zum Landwirt
Mit seinen 40 Jahren gehörte Carl Meyer zu den Älteren im Landwerk und damit klar zu einer Minderheit im Vergleich zu den vielen jungen Menschen, die auf die Ausreise nach Palästina vorbereitet werden sollten. Außerdem kannte sich Carl Meyer als kaufmännischer Angestellter im Büro der Wild- und Geflügelgroßhandlung Julius Cantor in Osnabrück mit den Besonderheiten der Landwirtschaft nur wenig oder kaum aus. Mit Wild und Geflügel hatte er dort nur „auf dem Papier“ zu tun gehabt. Für ihn und alle anderen galt es jetzt, sich mit der Viehhaltung zu befassen, Pferde zu reiten, Felder zu beackern, zu pflügen und zu säen und sich auch theoretisch mit den Grundkenntnissen der Milch- und Viehwirtschaft vertraut zu machen.
Wie viele jüdische Menschen in dieser Zeit, tauschte Carl Meyer den Schreibtisch mit schwerer körperlicher Arbeit auf dem Land, von Sonnenaufgang bis spät in den Abend. „So mancher, […], wird seine ursprünglich vielleicht etwas romantischen Vorstellungen von landwirtschaftlicher Arbeit revidiert haben; selbst wenn es ein Sonntag war, an dem im Wesentlichen die Arbeit auf dem Felde ruhte, konnte man doch erkennen, welche Energien der Mensch einsetzen muss, um diesen Anforderungen der Bodenbestellung gerecht zu werden“ heißt es in dem Arbeitsbericht des Zentralausschusses der Reichsvertretung der Juden weiter. „Die Arbeit dort ist sehr schwer und die Lebensbedingungen nicht so bequem, aber dort sind wir frei“, notierte auch der knapp 18jährige Horst Stenger aus Berlin in seinem Tagebuch. „Wir sind unter uns, keine Menschen zweiter Klasse. Dort sollen wir uns nicht entschuldigen, dass wir überhaupt leben.“
Ein Tag in Neuendorf
Der Arbeitstag in Neuendorf begann schon um halb 4 Uhr morgens mit dem Stalldienst. „Die Pferde werden getränkt, gefüttert und geputzt. Dann poltern Karren über den Hof, die den Mist zur Dungstätte bringen.“ Nach dem anschließenden Waschen und Frühstücken „[holt man sich] an der Gerätekammer […] seine Arbeitsgeräte, und auf geht’s zur Arbeit.“ Die Arbeit selbst orientierte sich an den wesentlichsten Teilen der landwirtschaftlichen Arbeitsspitzen: Frühjahrsbestellung, Ernte und Herbstbestellung.
Der Arbeitstag endete meist nicht vor halb sieben am Abend. Die wenige Freizeit verbrachte man mit dem Schreiben von Briefen oder Gesprächen über die aktuelle Lage und ging früh schlafen, damit sich der Körper erholen konnte für den kräftezehrenden folgenden Arbeitstag.
Mit einem Reklamefilm mit dem Titel „Schaffender Wille – Juden werden Handwerker und Bauern“, den die Reichsvertretung unter anderem im Landwerk Neuendorf drehen ließ, sollte verdeutlicht werden, dass, „wer Bauer oder Handwerker werden will“, wissen müsse, „daß eine nüchterne, harte Arbeit Tag für Tag zu bewältigen“ sei.
Zertifikat für Argentinien
Nach vier Wochen erhielt Carl Meyer, wie die meisten seiner Mitstreiter, das dringend benötigte Zertifikat für Argentinien. Jetzt konnte das Abenteuer der Auswanderung für ihn beginnen: als sogenannter Vorausfahrer für seine Familie. Fast ein Jahr lang musste er sich in einem fremden Land bewähren und seine im Schnelldurchlauf von vier Wochen erworbenen Kenntnisse nun in dem Land seiner Zukunft in der Praxis anwenden.
Die Ausbildung in Argentinien erfolgte teilweise in landwirtschaftlichen Schulen, teilweise bei dort ansässigen alten Siedlerfamilien. Ein Jahr der Ungewissheit lag vor ihm mit der Sorge um seine Familie, die er zunächst in Nazi-Deutschland zurücklassen musste, und die ihren Lebensunterhalt während dieser Zeit durch den Verkauf von Wertgegenständen bestreiten musste.
Doch zunächst kehrte Carl Meyer am 20. Juli 1936 zu seiner Familie in der Krahnstraße 1 / 2 in Osnabrück zurück. Gemeinsam wartete die Familie, bis die JCA die Einreiseformalitäten für Argentinien erledigt hatte. Im November war es dann endlich so weit: Carl Meyer erhielt die notwendigen Papiere für die Überfahrt nach Argentinien. Am 21. November 1936 ging er in Hamburg an Bord der MS Madrid.

Die Überfahrt dauerte mehrere Wochen. In Buenos Aires angekommen, musste Carl Meyer weiterreisen nach Basavilbaso in der Region Entre Rios, wo er in der Kolonie Lucienville sich in der Landwirtschaft bewähren musste. Das waren zehn harte Monate für ihn und für seine Familie, die er in Europa zurücklassen musste. Erst im September 1937 war es endlich so weit: seine Frau Clara und seine Kinder Inge und Helga folgten Carl Meyer zusammen mit der Familie seiner Schwester Ida Voss nach Argentinien. Für den jüdischen Osnabrücker und seine Angehörigen begann ein neues, anfangs entbehrungsreiches Leben fernab der Heimat. Einzelheiten dazu in dem Buch „Von Bramsche nach Buenos Aires. Auf den Spuren der jüdischen Familie Voss“, das im Verlag Hentrich & Hentrich erschienen ist. Das Landgut Neuendorf wurde wenig später von den Nazis zu einem Zwangsarbeiterlager umfunktioniert, wo kurzzeitig auch der bekannte Moderator Hans Rosenthal interniert war, bevor dieser in einer Gartenkolonie in Berlin Unterschlupf fand und bis Kriegsende dort versteckt werden konnte …














