Kallas Kolumne: Was für ein Spiel! Was für ein Kanzler! Was für ein Elend!

Was für ein Statement von Friedrich Merz auf seinem X-Account:
„Was für ein Spiel. Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch.“

Jetzt reden natürlich alle vom Rücktritt Nagelsmanns, der allerdings offenbar gar nicht daran denkt, auf fünf Millionen Euro jährlich zu verzichten. Klar, nach diesem WM-Debakel kann es eigentlich nur eine Konsequenz geben: sofortige Entlassung. Auch wenn DFB-Tranquilizer Rudi Völler mit peinlicher Nibelungentreue noch zu ihm hält.


Aber was ist eigentlich mit Merz?

Wenn schon Rücktrittsdebatte, dann bitte vollständig. Nagelsmann hat immerhin versucht, eine Mannschaft aufzustellen. Merz scheitert ja bereits daran, ein Kabinett so aufzustellen, als säßen dort nicht lauter Leute, die versehentlich in eine Pressekonferenz geraten sind, bei der es um ein völlig anderes Thema geht.

„Was für ein Spiel“, schrieb der Kanzler. Und man merkte sofort: Da spricht ein Mann, der gestern entweder sehr früh eingeschlafen ist oder irrtümlich in der ZDF-Mediathek die Zusammenfassung von 2014 geguckt hat. „Einsatz“, „Teamgeist“, „Land begeistert“ – das komplette Phrasenpaket aus dem Regierungsbingo.

Besonders schön natürlich: „Wir sind stolz auf euch.“ Dieses „Wir“. Dieses „stolz“. Dieser nationale Konfettiregen aus der Abteilung betreutes Saufen.

Ich frage mich ohnehin, wie man auf etwas stolz sein kann, zu dem man selbst ungefähr so viel beigetragen hat wie Friedrich Merz zur sozialen Gerechtigkeit. Ich bin ja nicht einmal auf den VfL stolz, aber ich kann mich unbändig über ihn freuen. Ich kann leiden, fluchen, jubeln und beim Elfmeterschießen wie damals gegen Union Berlin oder gegen den HSV porös werden und körperlich verfallen, um anschließend locker grinsend zu behaupten, ich hätte es selbstverständlich schon vorher gewusst.

Aber stolz? Ich bin nicht stolz, Deutscher zu sein. Ich hatte auf meine Geburt ungefähr so viel taktischen Einfluss wie Nagelsmann auf den vierten paraguayischen Elfmeter. Ich freue mich riesig, in Deutschland zu wohnen, selbst nach einer Bahnfahrt. Ich freue mich über Grundrechte, Springbrötchen, ARD und ZDF, die Pressefreiheit und erst recht über das Gesundheitssystem, das ich seit sechs Jahren erfolgreich einem Stresstest unterziehen darf.

Aber stolz auf Deutschland sein? Stolz auf eine Nationalmannschaft? Stolz auf elf Spieler, die ich weder trainiert noch bezahlt noch vor dem Spiel mit einer staatstragenden Ansprache per Handy in den Schlaf geredet habe?

Nein. Stolz setzt eigene Leistung voraus. Freude reicht völlig. Anteilnahme auch. Enttäuschung sowieso. Man darf sogar traurig sein, ohne gleich die Deutschlandfahne emotional zu bügeln.

Und heute legte Merz mit der Empathie einer Kreissäge nach: „Erfolge feiern wir gemeinsam. Und in der Niederlage stehen wir zusammen. Das macht uns stark. Wer den Adler auf der Brust trägt, hat unseren Rückhalt verdient und nicht unseren Spott.“

Da ist er wieder, der Kanzler der inneren Einkehr. Der Adler auf der Brust als Spott-Schutzweste. Kritik bitte nur noch nach vorheriger Anmeldung beim Bundesamt für nationale Rührung. Kein Spott? Spott und Satire sind in Deutschland kein Landesverrat, sondern mit die letzten funktionierenden Formen politischen Widerstands. Und wer den bekloppten Adler auf X als nationales Symbol für Rückhalt ausstopfen will, soll das machen, verdient aber Spott.

Eine weitere Erkenntnis bleibt nach den Regenbogen-Vorwürfen von Katar übrigens auch: Diese vermeintlich unpolitische Identitätspolitik der Ignoranz, dieses Wegducken, Tolerieren und Mitlächeln gegenüber dem Trump-Infantino-Verbrechersyndikat führt offenbar auch nicht in die nächste Runde. Wer Haltung für störendes Beiwerk hält, darf sich am Ende nicht wundern, wenn auf dem Platz auch keine mehr zu sehen ist.

Aber dieser reflexhafte Nationalstolz nach fremden Leistungen ist mir unheimlich. Erst recht, wenn er ausgerechnet von einem Kanzler kommt, dessen eigener Beitrag zur Begeisterung des Landes ungefähr darin besteht, dass man beim Fußball wenigstens mal 120 Minuten nicht an ihn denken musste.

Vielleicht ist genau das der eigentliche Teamgeist dieser WM gewesen: Millionen Menschen saßen vor dem Fernseher, sahen Deutschland ausscheiden und dachten für einen kurzen, friedlichen Moment nicht an Merz.

Darauf könnte man fast stolz sein. Aber eben nur fast.

spot_img
Juni 2026spot_img
6.9.2026spot_img
Juli/August 2026spot_img
Oktober 2023spot_img
Oktober 2025spot_img
6.9.2026spot_img
August 2024spot_img
Juni 2025spot_img
2015spot_img
November 2020spot_img
August 2024spot_img
erscheint Oktober 2026spot_img