Neue Schicksale führen bis nach Amerika
Seit fast zehn Jahren widmet sich der Historiker Dr. Željko Dragić der Erforschung des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers Oflag VI C in Osnabrück. Sein Ziel ist es, die Schicksale der jugoslawischen Offiziere zu dokumentieren und ihre Familien wieder mit ihrer eigenen Geschichte zu verbinden.
Die Forschung brachte bereits außergewöhnliche Ergebnisse hervor. Dragić konnte bislang 56 Nachkommen ehemaliger Kriegsgefangener in verschiedenen Ländern ausfindig machen. Darüber hinaus gelang ihm die Identifizierung von 649 jüdischen Offizieren der königlich-jugoslawischen Armee, die sich während des Zweiten Weltkriegs in deutscher Kriegsgefangenschaft befanden. Bislang war die historische Forschung von lediglich etwa 350 Personen ausgegangen.

„Hinter jedem Namen verbirgt sich ein menschliches Schicksal. Es geht nicht nur um Geschichte, sondern um Familien, deren Erinnerungen oft über Generationen weitergegeben wurden“, sagt Dragić.
Wege des Branislav Popadić
Besonders bewegend ist die Geschichte von Branislav Popadić. Der 1908 in Kragujevac geborene Offizier überlebte bereits als Kind die Balkankriege und den Ersten Weltkrieg. Nach dem deutschen Überfall auf Jugoslawien im April 1941 geriet er in deutsche Kriegsgefangenschaft und verbrachte vier Jahre im Offizierslager Oflag VI C in Osnabrück. Dort überlebte er Hunger, Krankheiten und den schweren Bombenangriff auf das Lager am 6. Dezember 1944, bei dem zahlreiche Gefangene ums Leben kamen.
Nach Kriegsende konnte Popadić als königlicher Offizier nicht mehr in das inzwischen kommunistische Jugoslawien zurückkehren. Er trat in die britische Sherwood Forest Security Brigade ein, lernte später in Hamburg seine spätere Ehefrau Lieselotte kennen und wanderte schließlich mit seiner Familie in die USA aus. Heute leben die Nachkommen in den Bundesstaaten New York, Indiana, Illinois und Wisconsin. Insgesamt konnte Dragić bereits vier Familien finden, deren Väter serbische Kriegsgefangene und deren Mütter Deutsche waren.
Was wurde aus Jovan Fišer?
Ein weiteres außergewöhnliches Kapitel seiner Forschung betrifft den jüdischen Offizier Jovan Fišer. Dessen Briefe aus der Kriegsgefangenschaft führten zu einer besonderen Begegnung mit seiner Enkelin, der heutigen israelischen Botschafterin in Serbien. Sie stellte dem Historiker originale Briefe, Fotografien und Dokumente aus dem Familienarchiv zur Verfügung und unterstrich damit die Bedeutung historischer Erinnerungsarbeit.
Auch in diesem Sommer reist Dr. Dragić erneut in die Vereinigten Staaten, um weitere Nachkommen ehemaliger Kriegsgefangener zu treffen. Die gesammelten Dokumente, Fotografien und persönlichen Erinnerungen bilden die Grundlage eines Buches, das auf dem serbischen und israelischen Buchmarkt erscheinen soll.
Ein wichtiger Meilenstein der Erinnerungsarbeit wurde zudem am 10. Juni erreicht: Auf dem Eversburger Friedhof in Osnabrück informiert inzwischen eine neue Gedenktafel über die dort bestatteten jugoslawischen Kriegsgefangenen. Auch an diesem Projekt wirkte Dr. Dragić mit.
Oflag VI C: Wer besitzt unentdeckte Briefe, Fotos und Dokumente?
Der Historiker hofft nun auf weitere Hinweise aus der Bevölkerung: „Ich bin überzeugt, dass es noch Menschen gibt, die sich an ehemalige Kriegsgefangene erinnern oder Briefe, Fotos und Dokumente ihrer Eltern oder Großeltern besitzen. Jede Erinnerung kann helfen, ein weiteres Kapitel dieser Geschichte zu bewahren.“
Wer Informationen über ehemalige Kriegsgefangene des Oflag VI C in Osnabrück besitzt oder selbst Nachkomme einer betroffenen Familie ist, kann sich gerne bei Dr. Željko Dragić melden.














