Wie Heiko Pohlmann Anti-AfD-Proteste in Demokratiefeindlichkeit umdeutet
Wenn ich dem Hasepost-Chef Heiko Pohlmann unbedingt eines zugutehalten möchte, dann dies: Auf seinem rastlosen Weg ins Möhrenfeld rechter Beschwörungstheorien produziert er immer wieder Überraschungen. Zuweilen macht der Oberhase sogar Quantensprünge, allerdings bevorzugt rückwärts, denn aktuell paart sich das Tempo rechter Hasenhaken mit Stilmitteln, die selbst ich als Igel niemals für möglich gehalten hätte.
Aber was genau hat Heiko Pohlmann nun wieder mit scharfer Analyse eigentlich erkannt? „In Deutschland werden wieder Journalisten durch die Straßen gejagt“, überschreibt der Hasepost-Chef seinen Kommentar, in dem er auf Geschehnisse im Zusammenhang mit den Demonstrationen von Zehntausenden gegen den AfD-Parteitag in Erfurt eingeht.
Was zum Teufel hat Pohlmann mit Ilex zu tun?
Wenn ich Pohlmanns KI-generiertes und eigens grell collagiertes Foto betrachte, klappt mir sofort die Kinnlade herunter. Anderen fallen die Schuppen von den Augen, mir stellen sich die Stacheln schmerzhaft nach innen. Es zeigt links die von ihm entlarvten „linken Gewalttäter“ – und rechts ausgerechnet den am 1. April 1933 von Osnabrücker Rechten durch die Straßen geprügelten sozialistischen Zeitungsredakteur Josef Burgdorf – unter dem Pseudonym Ilex.
Zu sehen sind neben Burgdorf Osnabrücks oberster Nazi-Schläger Erwin Kolkmeyer mitsamt braunen Mitläufern, die seinerzeit gemeinsam auf Burgdorf einprügeln durften. Ich frage mich allen Ernstes und fast schon besorgt: Welches journalistisches Gegenmittel muss Pohlmann konsumiert haben, um einen lebenslangen Kommentator gegen rechts zum Kronzeugen seiner eigenen Attacken gegen alles Linke zu machen? Warum wählt der Rechtsaußen-Pohlmann ausgerechnet Burgdorf, der jahrelang KZ-Häftling war, Leiter einer illegalen Widerstandsgruppe und viele Jahre sowohl in der SPD als auch in der KPD beheimatet? Warum präsentiert Pohlmann ausgerechnet Burgdorf, dem nie etwas mehr zuwider war als Kapitalismus, Faschismus, Nationalismus, Militarismus und sonstiges rechtes Gedankengut?
Als langjährigem Hasepost-Observationsigel bleibt mir einfach die Spucke weg, wenn ich die „Beweisführung“ des Hasepost-Chefs weiter zitiere. Originalton: „Natürlich war 1933 vieles anders (a watt, ehrlich jetzt?). (…) Trotzdem fühle ich mich erinnert. Und ich erlaube mir, Parallelen zu ziehen – gerade weil jene, die in Erfurt für ‚unsere Demokratie‘ auf die Straße gegangen sind und aus deren Mitte die Jagd auf die Journalisten von Apollo News erfolgte, selbst nicht müde werden zu mahnen, dass sich 1933 niemals wiederholen dürfe.“ Hä?
Hasepost-Erklärmethode: Wie findet die „Mitte“ zur Gewalt?
Nur zur nüchternen Klarstellung: Ein paar irregeleitete Gewaltfans stammen laut Pohlmann also „aus der Mitte“ jener Zehntausenden, die sich in Erfurt, fröhlich wie couragiert, gegen die demokratiefeindliche AfD und für Demokratie, Menschenwürde und Toleranz stark gemacht haben. Ich vermute, dass es nur wenige versierte Rechtskundige geben dürfte, die derartige Gleichsetzungen nicht als „üble Nachrede“, womöglich sogar als „Volksverhetzung“, bezeichnen würden. Als Igel nenne ich das Hasenlogik: Wenn am Rand der Demo ein Idiot zubeißt, erklärt Pohlmann gleich den gesamten demokratischen Protest zum Tollwutgebiet.
Noch hübscher wird die Hasenlogik übrigens, wenn man einen Blick auf die Facebook-Seite der Hasepost wirft. Dort wurden mittlerweile offenbar gleich sämtliche Kommentare gelöscht – nicht nur die kritischen, was im Hasenbau ja fast schon als natürliche Fellpflege durchginge, sondern auch die Beiträge der eigenen Klientel. Das ist dann die ganz große publizistische Freiheitsnummer: Erst „unsere Demokratie“ gegen angebliche linke Meinungskartelle verteidigen und anschließend unter dem eigenen Beitrag den Kommentarbereich so gründlich leerfegen, dass selbst AfD-Sympathisanten und Hasepost-Fans mit Deutschlandfähnchen und Wutemoji keinen Hufabdruck mehr hinterlassen. Oder plagte den Hasen gar das schlechte Gewissen? Hat der überhaupt eins? Offenbar nicht, man muss sich nur FB-Kommentare unter dem Aufruf vom 10.07. zur spontanen „Ukraine-Demonstration gegen russische Angriffe“ ansehen, wo neben den hofierten AfD-Fans, Russenbots und Fake-Accounts wie üblich ungehindert ihren Müll abladen können.
Historisches Nachhilfestündchen (kostenlos!)
Nur mal ganz kurz, extra für den offenkundigen Nicht-Historiker Heiko Pohlmann. Ich gewähre ihm eine kleine geschichtliche Rückbetrachtung: Als Chefagitator Josef Goebbels am 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast „Wollt ihr den totalen Krieg?“ kreischte, erfolgte aus dem Publikum von handverlesenen Nazis ein gleichgeschaltetes, fünfzehntausendfaches „Ja!“. Hier sprach in der Tat jemand „aus der Mitte“ gewaltbereiter Nazis. Hier gab es eine Einheit zwischen „Mitte“ und einzelnen Volksverhetzern. Verstanden, Hasepost?
Wer sich jetzt immer noch darüber freuen möchte, dass Heiko Pohlmann sich doch nur, was schön wäre, mit flammenden Worten für Demokratie begeistert, muss sich in Wahrheit nicht wundern, dass von flammenden Worten am Ende nichts als Asche verbleibt. Ich muss nur regelmäßig die Hasepost studieren, die sich immer mehr als AfD-Mitteilungsblatt zu gerieren scheint.
Oder kann sich irgendjemand daran erinnern, dass Pohlmann je in nennenswerter Weise den Widerstand der Linken gegen den Hitler-Faschismus gewürdigt hätte? Oder auch aktuell: Hat sich die Hasepost jemals glaubhaft von heutigen Demokratiezerstörern wie Trump, Vance, Erdogan, Le Pen, Orbán, Kaczyński, Meloni bis hin zu Weidel und Höcke distanziert? Hat sich Pohlmann jemals glaubhaft gegen Anschläge auf Flüchtlingsheime, Remigrationspläne, rechte Schlägertrupps, faschistisch begründete Morde oder wachsenden Rassismus ins Zeug gelegt? Und was wurde eigentlich aus seinem verheißungsvoll angekündigten Kommentar, wonach Elon Musk das ZDF in die Knie zwingen würde? Nichts als billiger Clickbait-Alarmismus und Hetze gegen seine verhassten Öfis. Zu dieser Muskmania im Mümmel-Medium habe ich mich als Igel bereits ausgiebig ausgelassen: Musk, Steinhöfel, NIUS, der Hase und ich.
Wie die Hasepost mit nur zwei Fingern das ZDF als links entlarvt
Stattdessen nutzt Welterklärer Heiko Pohlmann selbst Geschehnisse wie die von Erfurt dazu, auf vermeintlich linke Medien einzudreschen. In der Hasepost sind dabei natürlich auch die öffentlich-rechtlichen Sender – er nennt sie gern „Öfis“ – eingeschlossen. Ein besonders dubioser Originalton:
„‚Ein Fest der Demokratie‘ soll es gewesen sein – so jedenfalls hieß es in einer Anmoderation des ZDF zu den Demonstrationen gegen den AfD-Parteitag in Erfurt. Bei einem Sender, der in einer Werbekampagne damit kokettiert, dass Menschen sich zwei Finger vor das linke Auge halten – also sinnbildlich auf dem linken Auge blind sind.“
Abgesehen davon, dass Pohlmann es offenbar schrecklich findet, dass Zehntausende völlig friedlich – und ganz ohne Straßenblockade! – ihr facettenreiches „Nein“ zur AfD-Politik präsentiert und gelebt haben, ist eine Pohlmann-Bemerkung besonders skurril: Hinter Menschen, die durch das Verdecken ihres linken Auges für das Zweite werben, vermutet der Hasepost-Analytiker haarscharf eine Linkstendenz. Endlich Medienkritik auf dem Niveau des linksradikalen ZDF-Fernsehgartens.
Ich habe im Anflug von Langeweile einmal eine ausführliche Zählung gemacht: Die allermeisten der für „das Zweite“ Werbenden halten sich in Wahrheit mit zwei Fingern das rechte Auge zu. Logisch. Denn sie sind zumeist Rechtshänder. Soll ich jetzt etwa nach meiner umfangreichen Medienanalyse und nach Hasenlogik begeistert das ZDF als „rechtslastig“ entlarven? Kurzum: Pohlmanns „Beweisführung“ entpuppt sich als dermaßen lächerlich und falsch, dass ich so etwas eigentlich mit keiner weiteren Silbe aufgreifen sollte, zumal er selbst groteskerweise den Gegenbeweis geliefert hat: Musk hält sich, quod erat demonstrandum, auf dem wie üblich KI-generierten Bild das rechte Auge zu. Doof bleibt doof, rechts bleibt rechts und Hase bleibt Hase.
Gern vorgenommene Klarstellung
Abschließend nur eine Klarstellung, die eigentlich für mein Lesepublikum überflüssig ist, für Pohlmänner und -frauen mit reflexhaftem Rechtsdrall aber gern vorgenommen werden darf: Die auf Videos dokumentierten Angriffe auf drei rechte Journalisten am vergangenen Wochenende in Erfurt sind durch nichts zu rechtfertigen. Ich wiederhole: durch absolut nichts! Das schreibe ich sicherheitshalber gaaanz langsam, damit es auch im Hasenbau ankommt.
Natürlich befinde ich mich da in bester Gesellschaft. Hier der Originalton aus der dezidiert linken taz:
„Auf Videos, die in sozialen Medien geteilt werden, ist zu sehen, wie Reporter des rechten Portals Apollo News am Rande der Anti-AfD-Proteste von einer Gruppe von Demonstranten verfolgt werden. Erst werden sie bepöbelt, dann körperlich bedrängt – ein Bild zeigt schließlich, wie einem der Reporter gegen den Kopf getreten wird, bevor die Polizei einschreitet.“
Klarzustellen ist: All dies ist nicht nur inakzeptabel, sondern bildet das exakte Gegenteil eines Toleranzverständnisses, dem ich mich als Igel ebenso wie die gesamte OR-Redaktion verpflichtet fühle. Kurzum: Rechte attackiert man nicht mit Mitteln und Methoden, die in Deutschland seit über 100 Jahren sattsam von Rechten bekannt sind. Punkt. Danke für das Lesen dieser überflüssig zu formulierenden Selbstverständlichkeit.
Worüber ich mich einfach nur freue
Im Gegensatz zur Hasepost freue ich mich aber darüber, dass Zehntausende in Erfurt friedlich und ideenreich gegen die AfD protestiert haben. Denn diese Ansammlung von Rechtsradikalen und Faschisten ist aktuell die größte Gefahr für unsere Demokratie.
Wenn unter den Protestierenden in Erfurt ein halbes Dutzend verpeilter Idioten meinte, Gewalt gegen rechte Journalisten sei eine legitime Sache, verurteile ich dies in aller Schärfe. Natürlich. Gleichwohl bleiben die Erfurter Gewalttäter allenfalls eine kleine Promillezahl, die nichts mit dem Gesamtbild zu tun hat. Um einen Vergleich zu basteln, den selbst Pohlmann verstehen könnte, wenn er wollte:
Ich freue mich auch dann mit etwa 15.000 VfL-Fans über einen Sieg, falls drei oder vier Vollpfosten Beulen in den gegnerischen Mannschaftsbus treten oder gar auf andere Fans einprügeln. Wobei diese drei oder vier keineswegs „aus der Mitte“ des Publikums kommen würden. Entscheidend ist: Es bleiben 15.000 Zuschauer abzüglich vier Vollpfosten, also 14.996 VfL-Fans im Stadion, die sich für den VfL freuen wie ich, auch wenn ich auf Höhe der Grasnarbe kaum etwas mitbekomme.
Übrigens: Prozentual gibt es auf dem Münchner Oktoberfest weit mehr Gewalt als in Erfurt, und dennoch wird jährlich unverdrossen weiter „O’zapft is!“ gegrölt. Isso.












