Journel Orphée: eine Urlaubserkenntnis im Vorbeigehen

Vom Leben eines französischen Resistance-Kämpfers

Das Ferienhaus, das wir für 14 Tage gemietet haben, liegt in Allenay, einem winzigen Örtchen im Département Somme, an der Rue Journel Orphée. Ich bin sonst, wie ich mir einbilde, recht firm in der Geschichte des französischen Widerstands; Straßennamen wie “Place du Maréchal de Lattre de Tassigny” oder “Avenue du Maréchal Leclerc” stellen mich nicht vor größere Herausforderungen. Aber Journel Orphée?

Eine kurze Suche im Internet ergab zunächst, dass es sich um einen früheren Bürgermeister des Örtchens handelt, und dass man heutzutage den Namen umdreht: Vorname Orphée, Nachname Journel, geboren 6. August 1896.

Unter den zahlreichen Erwähnungen Journels im Netz scheint die Seite deportes-politiques-auschwitz.fr/2011/07/journel-orphee-aristophane-bias/ die gründlichste Auskunft zu geben. Journel war Metallarbeiter, manche Quellen sagen Dreher, später Besitzer einer kleinen Dreherei in einer Nachbarstadt, in der auch einer seiner Brüder mitarbeitete. Bevor er in jene Stadt umzog, war er von 1926 bis 1933 Bürgermeister in Allenay, und zwar kommunistischer. Bürgermeister sind in Frankreich besonders geachtete Leute, sodass man annehmen kann, dass der Gewerkschaftsvorsitzende Journel eine großartige Persönlichkeit war. Dieser Hintergrund war es, der sein grausames und tragisches Ende besiegelte.

Nachdem im ersten Weltkrieg bereits sein älterer Bruder Argus ums Leben gekommen war, wurde auch Orphée eingezogen. Nach seiner Rückkehr aus der Armee heiratete er 1919. Seine Familie umfasste insgesamt neun Kinder, von denen die faschistischen Besatzer den 1928 geborenen Guy am 27. Juni 1944 verschwinden ließen. Seine Leiche wurde im Jahr darauf aufgefunden.

Zu dem Zeitpunkt lebte sein Vater Orphée bereits nicht mehr. Er war am 23. 10. 1941 als Geisel verhaftet worden, da die faschistische Wehrmacht versuchte durch Geiselerschießungen zu verhindern, dass die Résistance Überfälle auf sie verübte. Journel wurde dann mit dem berüchtigten convoi des 45 000 am 6. Juli 1942 nach Auschwitz verschleppt, wo er am 8. Juli ankam und am 13. ermordet wurde. Sein Konvoi war der erste, der aus Repressionsgründen zusammengestellt wurde. Nur 11 Prozent der Verschleppten überlebten.


Wo ist der Zusammenhang mit der Erinnerungskultur Osnabrücks?

Zunächst: Ich empfinde es immer als großes, unverdientes Geschenk, dass man beispielsweise am 14. Juli das Feuerwerk zusammen mit Franzosen und Französinnen ansehen kann, ohne dass einem irgendwelche Vorwürfe gemacht werden. Im Gegenteil, es scheint mir immer, dass Deutsche sehr willkommen sind.

Der stärkste direkte Zusammenhang liegt jedoch im Jahr 1942 im bereits erwähnten convoi des 45 000 von Compiègne nach Auschwitz. Das war der einzige große Transport aus Frankreich, der fast ausschließlich aus politischen Gefangenen (darunter weit über 1.000 französische Kommunisten und Widerstandskämpfer) bestand.

Fast zeitgleich, im Laufe des Jahres 1942, änderte die Gestapo auch im Reich ihre Praxis: Politische Häftlinge wurden nun nicht mehr “nur” in deutsche KZ wie Buchenwald verbracht, sondern im Zuge der “Vernichtung durch Arbeit” und zur Abschreckung vermehrt direkt nach Auschwitz transportiert. Die Häftlinge aus Osnabrück und Frankreich trafen dort also im selben Zeitraum auf dieselbe brutale Realität.

Hier sind einige Aufnahmen von Plaketten und einem Kriegerdenkmal, die unter anderen an Journel erinnern. (Es existiert ein Bild von Journel, bei seiner Ankunft in Auschwitz aufgenommen, das aber nicht gemeinfrei ist. Man kann es unter der oben angegebenen Webadresse finden.)

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